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03.07.2018

„Die Patientenversorgung darf nicht auf dem Spiel stehen“

Andreas Westerfellhaus

„Pflege ist das wichtigste gesundheitspolitische Thema in diesem Jahrzehnt“, sagte Andreas Westerfellhaus, als er Mitte April in sein Amt als Pflegebeauftragter der Bundesregierung eingeführt wurde. Wie seine Strategien angesichts des Pflegenotstands mit mehreren Zehntausend unbesetzter Stellen in der Kranken- und Altenpflege aussehen, sagte er „Leben!“ im Interview.

Herr Westerfellhaus, wo manch einer mit 61 Jahren an den wohlverdienten Ruhestand denkt, haben Sie einen Job angenommen, an den kaum erfüllbare Erwartungen gestellt werden: Pflegekräfte finden und zwar möglichst viele. Was reizt Sie an Ihrem neuen Amt?

Zum ersten Mal ist ein Vertreter der Profession Pflege für dieses Amt angefragt worden und das habe ich als deutliches Signal vernommen: Die Expertise der Vertreter des Berufes wird endlich wahrgenommen. Da kann man nicht nein sagen! Und ob die Erwartungen zu erfüllen sind – das werden wir sehen. Ich würde nicht für etwas antreten, was unmöglich ist. 

36.000 Stellen sind laut Zahlen der Bundesagentur für Arbeit in der Kranken- und Altenpflege derzeit unbesetzt. Der Pflegereport der Bertelsmann Stiftung prognostiziert bis 2030 sogar 500.000 fehlende Stellen. Wie wollen Sie dieses Problem in den Griff bekommen?
Wir müssen uns endlich von diesen Zahlengerüsten lösen. Wir brauchen in allen Sektoren sehr viel mehr professionell Pflegende – das ist unbestritten. Und das ist nicht allein mit 8.000, 80.000 oder 200.000 neuen Pflegekräften zu beantworten. Für ein Gesundheitswesen von morgen müssen wir die Prozesse, die Abläufe und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Berufen und Bereichen angehen. Es geht um eine sichere qualifizierte Patientenversorgung und dafür müssen wir in neuen Strukturen denken. 

Wie könnten diese aussehen?
Ich spreche hier die Autonomie der Berufsausübung der Pflegenden im Zusammenspiel mit anderen Berufsgruppen wie den Ärzten an: Wer kann was wo in geeigneter Form an Leistung erbringen? Wenn wir zu einem gestaffelten Leistungssystem in den ambulanten wie den stationären Sektoren im Zusammenwirken verschiedener Professionen kommen, dann werden wir auch zu ganz anderen Lösungen gelangen. Es darf nicht um Ideologien von Berufsgruppen gehen. Das ist eine schwierige Aufgabe, die wir sicherlich in drei Jahren nicht erledigt haben. 

Ein längeres Projekt also. Wie kann es denn möglichst schnell zu ersten Verbesserungen für Patienten und Pflegebedürftige kommen?
Diese Negativspirale, dass Pflegekräfte aufgrund schlechter Rahmenbedingungen in Teilzeit oder ganz aus dem Beruf gehen, muss endlich gestoppt werden, weil wir wirklich jeden dringend brauchen, sonst steht die ambulante und stationäre Versorgung auf dem Spiel. Kurzfristig werden wir attraktive Anreize setzen müssen – zum Beispiel finanzielle –, um diejenigen, die sich von dem Beruf bereits verabschiedet haben, wieder zurückzugewinnen. Aber das wird nur fruchten, wenn wir gleichzeitig lang- oder mittelfristige Signale setzen, wie sich die Rahmenbedingungen dauerhaft verbessern können.

Sprechen Sie damit auch Träger von Einrichtungen an, die Gehälter zu erhöhen?
Naja, ich kenne die reflexartige Reaktion der Träger, die dann entgegnen: Ja, machen wir natürlich gerne solange die Kostenträger uns diese Kosten erstatten. Auf der anderen Seite wird derzeit in einer personellen Notsituation viel Geld für das Abwerben von Pflegenden und Leasingkräfte ausgegeben, was die Unternehmen viel, viel teurer kommt als festangestellte Mitarbeiter. 

Die Berufe der Kranken- und vor allem der Altenpflege haben kein besonders gutes Image. Was muss passieren, dass sie wieder aufgewertet werden?
Wir haben ein gutes Image! Im Ranking der vertrauenswürdigen Berufe stehen Pflegende seit vielen Jahren nach den Feuerwehrleuten an zweiter Stelle. Die Pflegenden selber kritisieren möglicherweise vielmehr dieses fehlende Image als es von außen zugeschrieben wird. Das heißt aber nicht, dass sich die Rahmenbedingungen nicht ändern müssten. Nach wie vor entscheiden sich viele junge Menschen für einen Pflegeberuf. Häufig werden sie allerdings schon während der Ausbildung ernüchtert, weil sie die Aufgaben, für die sie vorbereitet werden, nicht ausführen können oder weil sie merken, dass der Personalmangel schon während der Ausbildung durchschlägt. Das ist Lernzeit und keine Arbeitszeit. Junge Menschen müssen die Begleitung bekommen, die notwendig ist, um den Beruf anschließend verantwortungsvoll auszuüben. 

Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA), Ingo Kramer, hat gewarnt, Auszubildende würden durch die geplante Neuregelung des Pflegeberufegesetzes und den damit einhergehenden Anforderungen eines Studiums „Medizin light“ „abgeschreckt“ und „überfordert“. 

Eine Pflegeausbildung, ganz gleich, ob generalistisch, herkömmlich oder akademisch, ist kein „Medizin light“. Pflege ist Pflege und keine Medizin und Pflegende wollen keine Mediziner werden. Professionelle Pflege erfordert professionelle Kompetenzen und diese muss man erwerben. In den letzten beiden Jahrzehnten haben sich die Anforderungen in der Anwendung von pflegerischen Leistungen, von evaluierten, wissenschaftlichen Erkenntnissen, der Verwendung neuer Techniken, dem Hinzukommen der Digitalisierung und der Telematik massiv verändert. All dem müssen die Berufstätigen gerecht werden. Ich höre immer noch in vielen Einrichtungen, dass hochqualifizierte Pflegekräfte nach wie vor mit bürokratischen Aufgaben und hauswirtschaftlichen Tätigkeiten überlastet werden. Für die Zukunft brauchen wir ein gesamtes Bildungskonzept für pflegerische Leistungen: von der Pflegeassistenz über die generalistische Ausbildung, über Fort- und Weiterbildung bis zu akademischen Bildungsangeboten – dann wird ein Schuh draus. Nur die dreijährige generalistische Ausbildung in den Blick zu nehmen, ist auf Dauer viel zu kurz gedacht. 

Das Stichwort Digitalisierung möchte ich gerne aufgreifen. Schließlich gibt es im Gesundheits- und Pflegemarkt schon erste Einsatzgebiete. Inwiefern sind Assistenzsysteme ein Ausweg aus dem Dilemma der mangelnden Pflegekräfte?
Wenn es darum geht, mit digitalen Lösungen Menschen Unterstützung zu bieten, damit sie sich zum Beispiel im eigenen Zuhause sicher fühlen, ist das sinnvoll. Digitale Lösungen sind aber immer nur im Zusammenspiel mit qualifizierten pflegerischen Leistungen von professionellen Pflegekräften zu sehen und niemals als Ersatz. 

Bleiben wir bei der Altenpflege: Etwa 70 Prozent der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt und gut die Hälfte von ihnen durch Angehörige – das entspricht einerseits dem Wunsch vieler Menschen, ist aber auch eine finanzielle Frage. Viele haben schlichtweg Angst, sich die eigene Pflegebedürftigkeit nicht leisten zu können. Was können Sie ihnen entgegnen?
Ein Sozialstaat, der zu Recht von seinen Bürgerinnen und Bürgern ein Leben lang erwartet, in die Solidargemeinschaft einzuzahlen, muss auch Antworten liefern. Ich weiß, dass diese Angst, pflegerische Leistungen stünden nicht zur Verfügung, existiert. Das müssen wir sehr ernst nehmen.

Welche Perspektiven gibt es?
Die Angebote müssen weiter verbessert werden. Dabei geht es um mehr Transparenz in der Aufklärung des gesamten Themas Pflege, aber auch um Prävention, Rehabilitationsmaßnahmen und ein flächendeckendes kompetentes Netz an professionell Pflegenden im Netzwerk einer gesamten Versorgungskette – übrigens auch im Zusammenspiel mit Angehörigen. Sie sind als größter ambulanter Pflegedienst Deutschlands ja bereit, die Leistungen zu erbringen, aber dann brauchen sie die Unterstützung professionell Pflegegender und andere Möglichkeiten der Entlastung wie Prävention und Rehabilitation. Und wenn sie solche Maßnahmen in Anspruch nehmen, und sich dazu entscheiden, den zu pflegenden Angehörigen in eine Kurzzeitpflege zu geben, dann müssen sie sich auch darauf verlassen können, dass diese hochqualifiziert ist. 

Sie kommen aus der Praxis, haben Krankenpflege gelernt und jahrelang in der Ausbildung gearbeitet. Würden Sie sich heute für den Beruf noch einmal entscheiden?
Ja, selbstverständlich! Ich habe wie die meisten von uns damals eine klassische Krankenpflegeausbildung gemacht und erst im Laufe der Jahre gemerkt, welche Facetten dieser Beruf bietet. Je nach meinen jeweiligen Neigungen und Interessen bin ich mal rechts und mal links abgebogen, um neue Impulse zu bekommen. Man kann seine Bereiche finden und eine ganze Menge erreichen in der Pflege – was ich in einem anderen Beruf sehr vermissen würde.

Was konkret würden Sie vermissen?
Der Einsatz für und die Kommunikation mit Menschen war für mich immer ein ganz besonders wichtiger Aspekt. Und heute bin ich in einer beruflichen Situation, in der ich versuchen kann - mit allem Respekt vor der Aufgabe - in meiner Kompetenz, die aus der Profession Pflege kommt und politisch geachtet wird, einen Beitrag für eine sichere Versorgung dieser Gesellschaft zu leisten. Na, wenn das nix is! Das ist eine sehr erfüllende Aufgabe zumindest in der Perspektive. Inwieweit da zu den Ergebnissen kommt, die ich mir wünsche, das bleibt abzuwarten. Aber ich bin ziemlich abgehärtet, was das angeht. Ich war immerhin acht Jahre Präsident des Deutschen Pflegerates und da sind die Bäume auch nicht in den Himmel gewachsen.

Herr Westerfellhaus, was wollen Sie bis Jahresende bereits an Verbesserungen für die Menschen in der Pflege, aber auch für Patienten und Pflegebedürftige erreicht haben?
Dass professionell Pflegende, Patienten, Angehörige und Bewohner das erste Mal wieder sagen: Wir merken tatsächlich, dass etwas passiert. Die Maßnahmen, die eingeleitet wurden, zeigen Wirkung und es steht spürbar Zeit für die Pflege in allen Sektoren und in allen Alterssituationen zur Verfügung. 

Und ganz persönlich gefragt: Wie sollen Sie einmal in 20 Jahren umsorgt und gepflegt werden?
Die Vision ist, in 20 Jahren nicht pflegebedürftig zu sein, sondern möglichst lange gesund zu sein. Und wenn das nicht so ist – naja, dass ich in der Gesellschaft von Menschen bin, die mir Einsamkeit ersparen und jederzeit ermöglichen, die Leistung, die die Profession Pflege erbringt, auch genießen zu können.
Herr Westerfellhaus, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Judith Hens.

Zur Person:

Andreas Westerfellhaus hat sich von 2009 bis 2017 als Präsident des Deutschen Pflegerats dafür eingesetzt, dass Pflege eine stärkere Stimme in Politik und Gesellschaft bekommt. Nach zwei Amtszeiten gab der gelernte Krankenpfleger aus Rheda-Wiedenbrück dieses Amt turnusgemäß ab. Neben diesem Ehrenamt war er Geschäftsführer der Zentralen Akademie für Berufe im Gesundheitswesen in Gütersloh. Seit dem 16. April ist er der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung.

 
 
 
 

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