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10.12.2021

Eine neue Chance

Morgens aufstehen, zur Arbeit gehen und abends Freizeit beim Sport oder zusammen mit Freunden verbringen: Für die meisten Menschen ist das Alltag. Nicht aber für Michael Klasek und viele andere Klienten im Regionalen Betreuungszentrum der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof. Sie kämpfen mit schweren psychischen Krankheiten und kennen oft keinen geregelten Tagesablauf mehr. Ein professionelles Team steht ihnen deshalb rund um die Uhr zur Seite und erarbeitet mit ihnen neue Perspektiven für die Zukunft.

Der Bildschirm zeigt 5.30 Uhr an, als Michael Klasek sein Handy in die Hand nimmt, um den Weckton auszustellen. Noch etwas verschlafen steht er auf, knipst per Fernbedienung das Licht in der selbstgebauten Lampe an und schlüpft in T-Shirt und Hose. Dann verschwindet er kurz im Badezimmer, das sich in einem abgetrennten Bereich des Raumes befindet. Wenige Minuten später verlässt der 20-Jährige sein Zimmer und geht den Gang hinunter zum Treppenhaus. Rechts und links befinden sich weitere Türen. Dahinter ist es noch ruhig. Die meisten Klienten des Regionalen Betreuungszentrums (RBZ) der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof in Bitburg schlafen noch.

Leitet das RBZ in Bitburg: Franziska Müngersdorff
Leitet das RBZ in Bitburg: Franziska Müngersdorff

Das RBZ leben ist für viele ein Zufluchtsort, an dem sie in einem geschützten Umfeld wieder zurück ins Leben finden können. „Zu uns kommen Menschen mit schwerwiegenden psychischen Erkrankungen. Viele von ihnen befinden sich seit Jahren in tiefen Krisen und sind in anderen Einrichtungen bereits gescheitert“, erklärt die Leiterin Franziska Müngersdorff. Um ihnen dabei zu helfen, mit ihrer Krankheit besser umzugehen und wieder selbstständiger am Alltag teilzunehmen, wurde 2019 das RBZ im Herzen von Bitburg geschaffen. Das moderne Gebäude ist nur wenige Gehminuten von der Fußgängerzone in der belebten Innenstadt entfernt. „Hier können wir Menschen mit herausfordernden Krankheiten intensiv betreuen und ihnen wieder eine Perspektive aufzeigen“, so Müngersdorff.

Letzter Ausweg RBZ

Den Glauben daran, dass er im Leben noch eine neue Chance bekommt, hatte Michael Klasek schon verloren. Als er im September 2019 ins RBZ kam, ging es ihm, wie er selbst sagt „richtig dreckig“. In Bitburg endete für ihn eine Abwärtsspirale: „Ich kam schon im Alter von acht Monaten in eine Pflegefamilie und später in ein Jugendheim. Als ich 18 wurde, musste ich das Heim verlassen. Damals wusste ich nicht, wo ich hingehen sollte, und endete auf der Straße“, erinnert er sich. Der junge Mann stand vor dem Nichts und fiel in ein tiefes emotionales Loch, aus dem er sich nicht mehr selbst befreien konnte. „Ich geriet an die falschen Leute und kam am Ende sogar in die Justizvollzugsanstalt. Das war eine sehr schwere Zeit.“ Weil Michael, wie ihn alle im Betreuungszentrum nur nennen, keinen Ausweg aus seiner Situation mehr fand, bekam er nach der Entlassung aus der Justizvollzugsanstalt einen gesetzlichen Betreuer zur Seite gestellt. Sein Einzug ins RBZ war eine weitere Auflage.

Viele, die zu uns ins RBZ kommen, sind gerade zu Beginn sehr negativ eingestellt. Mir ist es wichtig, dass sie ihre Stärken erkennen und diese nutzen. Dazu gehört auch, sich intensiv mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen und zu verstehen, woher das eigene Verhalten kommt.
Paula Wirz, Psychologin

„Viele unserer Klienten haben in ihrer Vergangenheit mit Drogenproblemen zu kämpfen gehabt, leiden unter Psychosen oder Aggressionen gegen sich selbst bis hin zu Suizidversuchen“, sagt Paula Wirz. Die Psychologin steht den Menschen in der Einrichtung zur Seite und unterstützt die Betreuer. Mindestens einmal in der Woche können die Klienten mit ihr über ihre Sorgen sprechen und dabei auch sich selbst besser kennen und verstehen lernen. „Ich versuche immer, das Positive hervorzubringen. Denn viele, die zu uns ins RBZ kommen, sind gerade zu Beginn sehr negativ eingestellt. Mir ist es wichtig, dass sie ihre Stärken erkennen und diese nutzen. Dazu gehört auch, sich intensiv mit seiner Krankheit auseinanderzusetzen und zu verstehen, woher das eigene Verhalten kommt.“

Neuer Alltag

„Anfangs war das eine große Umstellung. Ich musste mich erst einmal an die neuen Umstände gewöhnen und daran, wieder einen festen Tagesablauf zu haben“, erzählt Michael Klasek. Damals habe er sich auch den Betreuern gegenüber nicht immer fair verhalten, hatte Probleme, seine Emotionen zu kontrollieren. „Ich habe es jedem hier wirklich nicht leicht gemacht. Aber alle waren immer freundlich und hilfsbereit, das hat mir geholfen“, sagt er auf dem Weg zur Eingangstür. Dabei kommt er am rund um die Uhr besetzen Dienstzimmer der Betreuer vorbei, grüßt freundlich und hält einen Chip an das Lesegerät neben der Tür. Ein leises Klickgeräusch ertönt und er tritt ins Freie.

Das ist im RBZ keine Selbstverständlichkeit. Obwohl es, anders als in ähnlichen Einrichtungen, keinen geschlossenen Bereich gibt und alle Klienten in zwei Wohngruppen zusammenleben, dürfen einige das Haus nicht oder nur unter bestimmten Voraussetzungen verlassen – Grund dafür ist meist ein gesetzlicher Unterbringungsbeschluss. „Gerade zu Beginn ihrer Zeit bei uns sind einige Klienten sehr aufgewühlt und müssen erst langsam lernen, wieder Verantwortung zu übernehmen. Ihre Bezugsbetreuer unterstützen sie dabei und legen mit ihnen auch klare Regeln fest“, sagt Franziska Müngersdorff. Der außergewöhnlich hohe Betreuungsschlüssel ist wichtiger Bestanteil des Konzepts im RBZ: Jeder Klient bekommt einen Betreuer zur Seite gestellt, der ihr oder ihm während des Aufenthalts als Bezugsperson beisteht. Gemeinsam werden dann Ziele festgelegt. „Dazu gehören auch Treffen mit der Familie und Freunden oder Ausflüge, wenn es der Unterbringungsbeschluss zulässt. Die Teilhabe am sozialen Leben und später, wie in Michaels Fall, auch am Arbeitsleben ist immer unser Ziel“, betont die Einrichtungsleiterin.

Erste Schritte in den Beruf

„Inzwischen arbeite ich in den St. Bernhards-Werkstätten auf dem Schönfelderhof. Aktuell bin ich im Bereich Garten- und Landschaftsbau eingesetzt. Das macht mir zwar schon großen Spaß, ich möchte aber auch noch den Beruf des Lageristen kennenlernen“, sagt Michael Klasek und schwingt sich auf sein Fahrrad. Unter der Woche fährt er jeden Tag 20 Kilometer mit dem Rad nach Zemmer zu den Werkstätten, die ebenfalls zu den Barmherzigen Brüdern Schönfelderhof gehören. Hier werden Menschen mit psychischen Erkrankungen behutsam auf das Arbeitsleben vorbereitet, können bei Praktika unterschiedliche Berufsbilder kennenlernen und auch eine Ausbildung absolvieren. Schon kurz nach seinem Einzug ins RBZ hat der 20-Jährige in der Einrichtung die ersten Schritte in Richtung Berufstätigkeit unternommen. Dazu steht den Klienten ein vollausgestatteter Werkraum zur Verfügung. Jeden Tag organisieren die Betreuer dort andere Aktivitäten – von handwerklichen Tätigkeiten über Gartenarbeit bis zum Kochen für die gesamte Gruppe.

„Die Menschen, die zu uns kommen, kennen oft keinerlei Tagesstruktur“, sagt Michaela Ney, stellvertretende Einrichtungsleiterin. Deshalb stellen die Bezugsbetreuer mit jedem Klienten einen individuellen Plan auf, was wann zu erledigen ist. Zusätzlich werden in einer wöchentlichen Klientenrunde Gruppendienste verteilt wie Kochen, Blumengießen oder den Müll rausbringen. „Darüber hinaus machen wir unterschiedliche tagesstrukturierende Angebote. Kürzlich haben wir zum Beispiel einen eigenen Fitnessraum eingerichtet. Und auch die Arbeitstherapie gehört dazu“, ergänzt Ney.

Sich selbst kennenlernen

Bei insgesamt 16 Bewohnern mit herausfordernden Krankheitsbildern funktioniert das alles nicht immer reibungslos. „Es gibt hier auch explosive Tage, die von Wut, Anspannung und Aggression geprägt sind“, sagt Paula Wirz. Zum Konzept der Einrichtung gehört jedoch, dass die Betreuungspersonen den Betroffenen auch in solchen Ausnahmesituationen stets respektvoll begegnen und niemand fixiert oder medikamentös ruhiggestellt wird. Ein Deeskalationstrainer unterstützt Betroffene dabei, ihre Emotionen besser zu kontrollieren. „Hier ist kein Tag wie der andere, und das kann herausfordernd sein. Umso schöner ist es zu sehen, wie die Klienten sich im Laufe der Zeit zum Positiven entwickeln, Selbstkontrolle lernen und Motivation entwickeln“, berichtet die Psychologin.

Perspektiven bieten – Interview mit Wolfgang Michaely, Fachleiter Psychiatrische Dienste

„Wir bieten langfristige Perspektiven“

Wolfgang Michaely ist als Fachleiter der Psychiatrischen Dienste für alle Einrichtungen unter dem Dach der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof verantwortlich. Ihm liegt es besonders am Herzen, den Menschen in unterschiedlichen Lebenssituationen individuelle Betreuungsangebote zu machen und ihnen langfristige Perspektiven zu bieten. Für ihn ist das Regionale Betreuungszentrum (RBZ) in Bitburg ein wichtiger Baustein dieses umfassenden Konzepts.

Wolfgang Michaely
Wolfgang Michaely

Herr Michaely, das RBZ hat sich in kurzer Zeit zu einer zentralen Anlaufstelle für Menschen in der Versorgungsregion um Bitburg entwickelt, die an anderer Stelle bereits gescheitert sind. Wie unterscheidet sich das Angebot von anderen Einrichtungen?

Das RBZ und das Konzept dahinter sind das Ergebnis einer intensiven Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen der Menschen in unserer Region. Chefärzte aus ganz Rheinland-Pfalz haben in einer Expertenkommission daran mitgewirkt, und auch die Kommunen waren in Arbeitskreisen vertreten. Unser Ziel war und ist es, ein hochkomplexes Betreuungsangebot für Menschen zu schaffen, die sich in immer wiederkehrenden Krisensituationen befinden. Mit diesem Angebot wollen wir die Lücke die Lücke in der Versorgungslandschaft schließen. Dabei übernehmen wir als Träger die Verantwortung.

Das Ziel ist es, die Klienten während ihres Aufenthalts so zu stärken, dass sie wieder in ein selbstständigeres Leben zurückkehren können. Welche Anforderungen stellt das an die Einrichtung?

Die wichtigsten Eckpfeiler unserer Arbeit sind die hohe Fachlichkeit und die zur Verfügung stehenden Kapazitäten. Das ermöglicht den Bezugsbetreuern, sehr intensiv mit den Klienten zu arbeiten – in der Regel im 1:1-Verhältnis. Außerdem ist unser Angebot zeitlich begrenzt. Die Menschen können und sollen ihre Zeit in der Einrichtung der Eingliederungshilfe nutzen, um für sich eine Perspektive und Lebensentwürfe zu entwickeln. Deshalb haben wir uns bewusst für einen Standort mitten im Stadtzentrum entschieden, um ihnen die Möglichkeit im öffentlichen Raum sicherzustellen.

Das Thema Teilhabe ist auch Kern der Arbeit der Betreuer vor Ort. Vor welchen Herausforderungen stehen sie dabei?

Im RBZ unterstützen wir die Klienten in den Bereichen soziale Teilhabe und Teilhabe am Arbeitsmarkt. Wenn die Menschen zu uns kommen, haben sie oft Schwierigkeiten, stabile Beziehungen aufzubauen, viele haben darüber hinaus Motivationsprobleme. Wir helfen ihnen dabei mit tagesstrukturierenden Angeboten wie gemeinsamen Aktivitäten in der Gruppe oder der Arbeitstherapie. Denn ein geregelter Tagesablauf ist eine wichtige Voraussetzung für ein eigenständiges Leben.

Sie haben schon angesprochen, dass langfristige Beziehungen von zentraler Bedeutung sind. Was bedeutet das für die Zeit nach dem Aufenthalt im RBZ?

Durch das Netzwerk der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof, bestehend aus 14 Einrichtungen mit Unterstützungsangeboten in den Bereichen Soziale Teilhabe, Wohnen, Tagesstruktur, Beratung und Teilhabe am Arbeitsleben an acht Standorten, bieten wir den Menschen auch über ihren Aufenthalt im RBZ hinaus Perspektiven. Je nach individuellem Unterstützungsbedarf stehen dafür zum Beispiel unterschiedliche Wohnformen und Arbeitsangebote in unseren Werkstätten zur Verfügung. Wir verstehen uns daher ganz klar als verlässlicher und langfristiger Partner auf Augenhöhe.

Das Ziel im Blick

So war es auch bei Michael Klasek, der inzwischen von seiner Arbeit in der Werkstatt zurückgekehrt ist und sich zu einigen anderen Klienten auf die Terrasse vor dem offenen Koch- und Essbereich gesellt hat. „Ich habe meine Zeit gebraucht. Aber zum Glück habe ich einen Betreuer, der sich immer für mich eingesetzt hat“, sagt er. Weil es ihm inzwischen deutlich besser geht, wird er schon bald das RBZ verlassen und ein Apartment auf dem Schönfelderhof beziehen. Dass er seine Abende in der Einrichtung verbringt, ist schon jetzt seltener geworden: „Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Pflegeeltern und verbringe die Wochenenden oft bei ihnen in Frankfurt. Den Kontakt zu meinem alten Freundeskreis habe ich zwar abgebrochen, weil ich gemerkt habe, dass mir das nicht gutgetan hat. Dafür habe ich aber neue Freunde gefunden.“

Das ist nicht selbstverständlich, wie Michaela Ney hervorhebt. Häufig breche der Kontakt zu Freunden und Familie in Krisensituationen, die einen Unterbringungsbeschluss zur Folge haben, ab. „Das versuchen wir zu verhindern, indem wir die Klienten ermutigen, ihre sozialen Bindungen zu stärken. Dazu gehört auch, Familienbesuche zu begleiten“, sagt sie. Im besten Fall entwickle sich das Verhältnis dabei so positiv wie bei Michael Klasek. Denn: „Der Aufenthalt im RBZ ist auf maximal fünf Jahre begrenzt. In dieser Zeit sollen unsere Klienten sich auch auf das Leben danach vorbereiten“, sagt sie. Das kann zum Beispiel in einer anderen Einrichtung der Barmherzigen Brüder Schönfelderhof sein, wie im Fall von Michael.

„Anfang 2022 werde ich umziehen, darauf freue ich mich schon sehr“, erzählt der junge Mann, der sich schon früh von den anderen auf der Terrasse verabschiedet hat, auf dem Weg zurück in sein Zimmer. Dieses Mal begegnen ihm unterwegs immer wieder andere Bewohner, die er freundlich grüßt. Aus vielen Zimmern ertönt Musik und in der Küche duftet es noch nach dem Curry, dass einige Klienten mittags aus frischen Zutaten zubereitet haben. Michael Klasek geht zielstrebig auf seine Tür zu, hält den Chip ans Schloss und drückt sie auf. „Nach so einem langen Tag bin ich immer geschafft. Und morgen muss ich wieder früh raus“, sagt er und lässt sich auf sein Bett fallen.


Text: Lena Reichmann   Fotos: André Loessel

 
 

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