Zur Unternehmensseite
Dr. Peter-Felix Ruelius21.06.2021

Was hält unsere Gesellschaft zusammen?

Was bleibt nach Corona? Wir haben erlebt, dass Menschen in der Pflege, in medizinischen Berufen, an der Kasse und in vielen anderen Dienstleistungsbereichen unsere Gesellschaft am laufen halten. Der Applaus ist längst verklungen und viele der als Held*innen Gefeierten können auf den Beifall gut verzichten. Denn: Es geht um die Anerkennung und den Stellenwert, die bestimmte Berufe haben und verdienen. Bevor wir wieder in die Vor-Corona-Welt zurück gleiten, lohnt es, sich ein paar Gedanken über das Thema zu machen, findet Dr. Peter-Felix Ruelius, Leiter des Zentralbereichs Christliche Unternehmenskultur und Ethik in der BBT-Gruppe.

Wenn sich der Rauch verzieht, sieht man wieder etwas klarer. Was wir im vergangenen Jahr erlebt haben, war eine bislang ungekannte Erschütterung, eine Explosion. Und über alles hat sich eine Rauchwolke aus Panik, Sorge und Ratlosigkeit gelegt. Alles wurde kräftig durcheinandergewirbelt. Die Arbeitswelt, die Wirtschaft, das Gesundheitswesen, ebenso wie Bildung und Kultur. Wenn man optimistisch ist, kann man davon ausgehen, dass sich der Qualm jetzt allmählich verzieht. Kommt jetzt wieder unsere alte Welt zum Vorschein?

Wer bekommt eine neue Welt?

Für viele ja, für viele nein. Schon bald nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 waren einige euphorisch: „The New Normal“ war das Schlagwort. Der Lockdown: Ein Schub für die Digitalisierung der Arbeitswelt. Neu war tatsächlich für eine ganze Reihe von Arbeitsverhältnissen das Arbeiten im Remote-Modus. Am heimischen Schreibtisch oder Küchentisch, Couchtisch oder Gartentisch, zügig mit allem ausgestattet, was es so braucht im mobilen Arbeiten. Das Headset gehört mittlerweile auf den Schreibtisch wie früher das Telefon. Und eine Flut von Erfahrungen, Klagen, Tipps und Tricks rund um das Homeoffice füllt die Zeitungen. Nur: Wer schreibt da über das Homeoffice aus dem Homeoffice? Die, die schon immer geschrieben haben. „Wissensarbeiter“ nennt sie die Arbeitsforschung. Im Gegensatz zu den Handarbeitern? Schon etwas diskriminierend, oder? Arbeitet der Schreiner ohne Wissen? Der Bäcker oder die Friseurin? Hoffentlich nicht. Und die Krankenpflegerin auch nicht. Gott sei Dank!

Am Ende des Tages stehen die Wissensarbeiter dann kurz auf von ihrem Schreibtisch, strecken sich, gehen auf den Balkon und klatschen für die Pfleger*innen, die Verkäufer*innen im Einzelhandel, die Paketfahrer und die Fernfahrer – die allesamt dafür sorgen, dass der Laden läuft. Klatschen für die neuen Helden. Und dann geht der Wissensarbeiter oder die Wissensarbeiterin noch einmal an den Schreibtisch und checkt die letzten Mails des Tages. Passt doch alles. Dass die Beklatschten das nur für einen kurzen Zeitraum als wirkliche Anerkennung wahrnehmen würden, war zu erwarten.

Das Alte mit erschwerten Bedingungen – auch etwas Neues?

New Normal? Für die anderen ist es das Neue im Alten: Im Supermarkt an der Kasse den ganzen Tag mit Maske arbeiten. Oder Kurzarbeit, weil für den Koch im Restaurant die Küche kalt bleibt oder für die Friseurin der Laden dicht ist. New Normal: Im Altenheim den ganzen Tag mit Schutzausrüstung Menschen versorgen. Ob es kalt ist oder warm. Und im Krankenhaus kommt auch noch Angst dazu: Wie kommen wir damit zurecht, wenn Menschen sterben? Wenn junge und alte Menschen einfach keine Luft mehr bekommen? Was ist, wenn ich mich hier infiziere – und meiner Familie das Virus nach Hause bringe? Neu war es schon. Aber nicht gut. Da half auch kein Applaus. Was als Geste der Wertschätzung gemeint war, hatte den Anschein einer Worthülse.

Welche Berufe brauchen mehr Wertschätzung?

Wie ist eigentlich meine eigene Landkarte, was wichtige und was unwichtige Berufe sind? Egal ob in der alten der der „neuen“ Berufswelt? Welche Berufe brauchen mehr Wertschätzung? Im Frühjahr erschien ein Buch des britischen Journalisten David Goodhart: „Kopf, Hand, Herz. Das neue Ringen um Status: Warum Handwerks- und Pflegeberufe mehr Gewicht brauchen“. Besser konnte das Timing nicht sein. Vielleicht ist es an der Zeit, die Welt der Berufe etwas neu zu sortieren. Kommt eine bessere Berufswelt zum Vorschein?

Wenn die Berufswahl zu Statusverlust führt

Goodharts These: Wir haben in unseren westlichen Gesellschaften entschieden zu viele Kopfarbeiter, also Menschen mit Hochschulabschlüssen, und zu wenige Menschen, die das machen, was eine Gesellschaft zusammenhält. Der vergleichsweise schlechte Ruf von „normalen“ Ausbildungsberufen habe in eine Spaltung der Gesellschaft hineingeführt, die man nur heilen könne, wenn man die Welt der Berufe neu denke. Man braucht natürlich, so Goodhart, auf jeden Fall Menschen, die wichtige Denk- und Forschungsleistungen vollbringen. Aber für die anderen darf die Berufswahl nicht mit Statusverlust verbunden sein. Statusverlust heißt: zu wenig Einfluss, zu wenig Einkommen, zu wenig Gestaltung und Mitsprache. Was ist überhaupt Anerkennung, was ist Status?

Spurensuche: Die erste Spur führt zu dem jungen Creator und Influencer Younes Zarou. Mit seinen 22 Jahren ist er Deutschlands berühmtester TikToker. Er bringt es mittlerweile auf 31 Millionen Follower seiner kurzen unterhaltsamen Videos. Follower und Likes sind die Währung für Anerkennung in der Social Media-Welt. Wer in dieser Welt anerkannt wird, kann irgendwann auch davon leben. Bringt das schon Anerkennung und Status in dem Sinn, wie Goodhart es meint? Ist gesellschaftlicher Einfluss damit verbunden? Oder ist diese Art der Anerkennung eine Eintagsfliege? Wird „Influencer“ ein neues Berufsbild?

Auch Peter Friedhofens Berufe waren systemrelevant

Die zweite Spur geht zu Peter Friedhofen. Der Gründer der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf hatte in seinem Leben ungefähr drei Berufe: Schornsteinfeger war der erste. Ein offiziell anerkannter Handwerksberuf mit behördlichem Auftrag. Systemrelevant. Der zweite: Ordensmann – auch anerkannt, aber damals kritisch beäugt: Wie kann ein Laie, ein Handwerker, sich anmaßen, einen Orden zu gründen? Und das kirchliche Wohlwollen hat nicht unbedingt zur Freiheit von finanziellen Nöten gesorgt. Der dritte Beruf: Krankenpfleger. In keinem ging es Friedhofen um seinen gesellschaftlichen Status, sondern darum, seiner eigenen Lebensspur zu folgen. Sein Statusgewinn? Die eigene Lebensbilanz stimmte: Er ist dem gefolgt, was ihm sein innerer Kompass anzeigte.

Noch eine Spur: Alle zwei Jahre veröffentlicht die Gesellschaft für Konsumforschung den Vertrauensindex der Berufe. Welche Berufe halten Menschen für vertrauenswürdig? Ganz oben stehen regelmäßig – wenig überraschend: Feuerwehrleute, Sanitäter, Gesundheits-und Krankenpfleger, Ärzte sowie Lok-, U-Bahn-, Bus- und Straßenbahnführer. Aber auch die klassischen Handwerker stehen unter den Top Ten. Am unteren Ende der Skala: Journalisten, Profisportler, Werbefachleute, Versicherungsvertreter und Politiker. Wenn Vertrauen der Gradmesser für die Bedeutung von Berufen ist, dann könnten wir uns ja glücklich schätzen: Wir vertrauen genau den Berufen, die auch der britische Journalist für wichtig hält. Auf einmal sind die Berufe mit Hand und Herz ganz oben auf der Skala, die Berufe von Wissensarbeitern gelten weniger.

Zählt Status mehr?

Die Sache hat nur einen Haken: Die meisten der vertrauenswürdigen Berufe haben Nachwuchssorgen. Es ist wie bei Bio-Produkten im Supermarkt. In Umfragen findet sie jeder toll. Gekauft werden sie viel weniger. „Einstellungs-Verhaltens-Diskrepanz“ nennt man das. Bei Berufen könnte es ähnlich sein. Jeder findet es unglaublich wichtig, dass es gute Feuerwehrleute, Handwerker und Krankenpfleger*innen gibt, aber wenn es um die eigene Berufswahl oder die der Kinder geht, dann verspricht man sich von einer akademischen Laufbahn etwas mehr. Lieber doch einen Beruf, der nicht so vertrauenswürdig erscheint, aber mehr Status, Einfluss und Einkommen verspricht.

Und meine persönliche Spur: Ich bin aufgewachsen in einer Familie, die beruflich ganz schön vielfältig war: Mein Vater war Buchdrucker, meine Mutter Ärztin. Mein Patenonkel war Pfarrer, meine Lieblingstante Krankenschwester. Und meine Oma musste ihren Beruf mit dem Tag ihrer Hochzeit aufgeben. Haben mich als Kind Status und Anerkennung von Berufen interessiert? Nicht die Bohne. Ich fand die berufliche Welt meines Vaters ebenso spannend wie die meiner Mutter. Klar, irgendwann wusste ich, dass meine Mutter mehr zum Familieneinkommen beiträgt, aber das hat meine persönliche Wertschätzung nie entscheidend beeinflusst. In meiner Schulklasse saßen alle bunt gemischt, ohne dass die Berufe der Eltern eine Rolle gespielt hätten. Soziale Differenzierung habe ich erst später erlebt. An der Uni wurde die Umgebung schon weniger vielfältig.

Was zum Image beitragen kann

Ganz schön facettenreich. Es ist ein großes gesellschaftliches Rad, das hier zu drehen ist und das über die einfache Frage hinausreicht, welche Berufe mehr anerkannt werden sollten. Wenn Berufe mit Herz und Hand auch an gesellschaftlichem Einfluss und Anerkennung wieder zunehmen sollen, dann gehört auch dazu, dass sie so bezahlt sind, dass man davon gut leben kann, dass sie Weiterentwicklungsmöglichkeiten bieten; dann steigt ihr Image und damit auch die wirksame Anerkennung. Dafür tun viele schon vieles, die Politik scheint auch aufgewacht zu sein. Doch das ist ein langer Weg. Am Ende müsste es so aussehen, dass Eltern nicht mehr zusammenzucken, wenn ihr Sohn mit einem guten Abitur sagt: Ich möchte Krankenpfleger werden. Dann wüssten wir, dass die Weichen richtig gestellt wurden.

Die eigene Haltung zeigt Wirkung

An einer ganz anderen Stelle kann jeder anfangen. Viele Pflegekräfte, auch Ärztinnen und Ärzte oder Sanitäter*innen beklagen ebenso wie Verkäufer*innen dass sie sie sich immer häufiger einer aggressiven und herablassenden Art ihrer „Kunden“ gegenübersehen. Anerkennung fängt genau da an. Herablassung gegenüber Menschen, die für mich wichtig sind, ist widersinnig. In jeder Begegnung habe ich die Möglichkeit zu Respekt. Daraus entsteht noch keine Berufspolitik. Aber es wächst das Gefühl, dass wir in den unterschiedlichsten Zusammenhängen aufeinander angewiesen sind. Uralt ist diese Einsicht, biblisch-uralt. Der Apostel Paulus schreibt sie den Christen von Korinth in ihr Stammbuch. Da gab es offensichtlich in der Gemeinde eine Reihe von Leuten, die sich für etwas Besseres hielten. Schuss damit, sagt Paulus. Ihr seid alle Glieder an einem Leib und alle sind aufeinander angewiesen. Haltungen sind nicht wirkungslos. Sie sind ein Baustein, damit Kopf, Hand und Herz in der richtigen Balance auch die Berufswelt bestimmen.

0Noch keine Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar zu dieser Seite
Antwort auf:  Direkt auf das Thema antworten
4921 + 6

Diese Website verwendet Cookies.
Diese Webseite nutzt externe Komponenten, wie z.B. Karten, Videos oder Analysewerkzeuge, welche alle dazu genutzt werden können, Daten über Ihr Nutzungsverhalten zu sammeln. Personenbezogene Daten werden von uns nicht erhoben und bedürfen, wie z. B. bei der Nutzung von Kontaktformularen, Ihrer expliziten Zustimmung. Weitere Informationen zu den von uns verwendeten Diensten und zum Widerruf finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen. Ihre Einwilligung dazu ist freiwillig und für die Nutzung der Webseite nicht notwendig.