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07.05.2020

Alles eine Frage der richtigen Mengen

Not macht bekanntlich erfinderisch. Und so musste auch Anne Ignatius in den vergangenen Wochen schauen, wo sie genügend Masken, Desinfektionsmittel und andere Schutzmaterialien und Arzneimittel ordern kann. Sie hat die Geschäftsleitung von "paderlog", dem Zentrum für Krankenhauslogistik und Klinische Pharmazie in Paderborn, inne und muss für viele tausend Menschen medizinisches Material und Schutzausrüstung sicherstellen. 

Anne Ignatius, Geschäftsleitung und Chefapothekerin von „paderlog“, ist für weitere Infektionswellen gewappnet.
Anne Ignatius, Geschäftsleitung und Chefapothekerin von „paderlog“, ist für weitere Infektionswellen gewappnet.

Dass sie es einmal mit windigen Geschäftemachern zu tun haben würde, hätte sich Anne Ignatius vor einigen Wochen noch gar nicht vorstellen können. Doch die Corona-Pandemie hat alles verändert - auch auf dem Weltmarkt für medizinische Schutzausrüstung und Arzneimittel. 50 LKW-Ladungen mit FFP2-Masken - entweder komplett oder gar nicht - solche Angebote bekam Anne Ignatius auf den Tisch. Diese zählen zu den Profi-Masken für den medizinischen Bereich, mit denen sich auch die Träger selbst vor einer Ansteckung mit Sars-CoV-2 schützen können. Für eine kleinere Klinik wäre das ein aussichtsloses Geschäft. "Da ist es schon von Vorteil, dass wir große Mengen bestellen und ganz anders agieren können", erzählt Anne Ignatius, die seit Oktober 2019 die Geschäftsleitung von "paderlog" inne hat. Das Zentrum für Krankenhauslogistik beliefert 21 Kliniken, fünf Altenheime und sechs Rettungsdienste in Ostwestfalen-Lippe und darüber hinaus mit Arzneimitteln, Medizinprodukten und weiteren Artikeln. 

Es gibt viele auf dem Markt, die sich bereichern wollen.

"Wir versorgen etwa 4.500 Patientenbetten", erzählt sie, "daran hängen schätzungsweise 10.000 Mediziner und Pflegekräfte". Für sie mussten auch jetzt Schutzmaterialien geliefert werden. Allein im Monat März gingen 300.000 normale Schutzmasken raus, das ist fast fünfmal soviel wie ein normales Monatskontingent. Inzwischen ist es durchaus gängig, im Voraus für die Ware zu zahlen. Bei exorbitant gestiegenen Stückpreisen können da mal schnell 2 Millionen Euro auf der Rechnung stehen. "Es gibt gerade viele auf dem Markt, die sich in der aktuellen Lage bereichern wollen", berichtet Anne Ignatius von ihren Erfahrungen. Als sie 2,6 Millionen Schutzmasken angeboten bekam, recherchierte sie genau. Ihr Kollege wollte die Ware vorab prüfen und entdeckte dabei, dass zwei Zwischenhändler an dem Deal mitverdienen wollten. So konnte das Geschäft direkt mit dem Importeur abgewickelt und dabei viel Geld eingespart werden.    

Lea Brune und Sandra Mettenmeier (v. li.) füllen den 10.000. Liter Desinfektionsmittel ab - das „paderlog“ war kurzerhand selbst in die Produktion eingestiegen. Zuvor hatte die Bundesstelle für Chemikalien Anfang März für einen begrenzten Zeitraum allen Apotheken genehmigt, isopropanolhaltige Desinfektionsmittel herzustellen.
Lea Brune und Sandra Mettenmeier (v. li.) füllen den 10.000. Liter Desinfektionsmittel ab - das „paderlog“ war kurzerhand selbst in die Produktion eingestiegen. Zuvor hatte die Bundesstelle für Chemikalien Anfang März für einen begrenzten Zeitraum allen Apotheken genehmigt, isopropanolhaltige Desinfektionsmittel herzustellen.

Schon im Januar wurde es eng

Als in Deutschland für viele Corona noch in weiter Ferne lag, merkte das Team des "paderlog" bereits die Vorboten: "Seit Anfang Januar mussten wir schon anfangen, um Material zu kämpfen. Es kommen ja nicht nur Masken und Kittel aus China. Das Land ist schließlich der wichtigste Rohstofflieferant für Arzneimittel", sagt Ignatius. Allein in der durch Corona so stark betroffenen Provinz Hubei sind die Hersteller von Wirkstoffen für mehr als 100 verschiedene Arzneimittel ansässig. Generell spielt sich fast die komplette Produktion von Medikamenten größtenteils in Asien, Indien und Osteuropa ab - lediglich die Endfertigung wird teilweise noch in Westeuropa erledigt.          

Lieferengpässe sind ein großes Thema

Und so kam es auch zu großen Lieferengpässen bei Propofol, dem weltweit am häufigsten eingesetzten Narkosemittel, das auch schon vor Corona nicht unbegrenzt zur Verfügung stand. Es wird aktuell bei der Beatmung von COVID 19-Patienten auf den Intensivstationen eingesetzt. "Wenn eine Uniklinik beispielsweise nur zwei Patienten mit Propofol behandelt, ist nach zehn Tagen das Lager leergefegt", so Ignatius, die auch Chefapothekerin des "paderlog" ist. Eine Lehre zieht sie aus der Corona-Zeit: "Lieferengpässe sind ein großes Thema, das muss zukünftig mehr bedacht werden, ein günstiger Preis allein darf nicht für ein Produkt im Vordergrund stehen." Es wäre gut, wenn die Industrie wieder mehr an ihren Auftrag, die Versorgung von Menschen mit notwendigen Medikamenten, dächte und nicht nur an den finanziellen Gewinn.        

Eine ständige Gratwanderung

Ihre größte Sorge gilt den Patienten wie auch dem pflegerischen und medizinischen Personal: Ihnen die jeweils notwendigen Materialien und Medikamente zur Verfügung zu stellen, ist ihr oberstes Ziel. Wie werden sich die politischen Entscheidungen bezüglich der Lockerungen der Kontaktverbote auf die Infektionszahlen auswirken und damit auf den Bedarf an notwendiger Ausrüstung? Im Moment seien die Anfragen rückläufig, viele Krankenhäuser seien derzeit noch gut versorgt, da der Betrieb in den vergangenen Wochen runtergefahren wurde. "Es ist ein stetiges Abwägen zwischen zu viel und zu wenig", meint Ignatius. "Zu Anfang habe ich mir große Gedanken gemacht, ob wir ausreichend Material zur Verfügung haben, aktuell frage ich mich: Haben wir zu viel auf Lager? Es bleibt eine ständige Gratwanderung." 

Trotz allem: Mit ihrem Team ist sie gut vorbereitet, um den "Hebel jederzeit wieder umlegen" zu können. Die 80 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben im Zweischichtbetrieb gearbeitet. "Sehr große Unterstützung bekamen wir aus dem Brüderkrankenhaus St. Josef", erzählt sie dankbar. Etwa 30 Kolleginnen und Kollegen haben zusätzlich in der Logistik unterstützt und auch bei der Herstellung von Desinfektionsmittel. "Wenn die zweite Welle kommt, sind wir gut gewappnet."     

Text: Judith Hens

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