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12.10.2020

Wenn Freunde zu Patienten werden

Die Covid-19-Pandemie hat unseren Alltag weiter fest im Griff. Nach den Sommerferien
infizierten sich wieder mehr Menschen. Dr. Andreas Zaruchas erlebt all das am
Brüderkrankenhaus St. Josef in Paderborn hautnah mit. Er leitet dort die Pneumologie,
in seinen Verantwortungsbereich fällt die Behandlung von Covid-19-Patienten. Außerdem
war er von Beginn an Mitglied des Corona-Krisenstabes des Krankenhauses und
im regionalen Krisenstab der Stadt Paderborn. Im Interview erzählt er, wie er persönlich
die zurückliegenden Monate erlebt hat, wie das Brüderkrankenhaus sich in der Pandemie
aufgestellt hat und wie man sich für eine zweite Welle wappnen kann.

Herr Dr. Zaruchas, das Coronavirus bestimmt seit März unseren Alltag. Was genau macht es so gefährlich?

Ich halte das Virus für deutlich gefährlicher als die normale Grippe. Es ist ansteckender und macht viel kränker. Man kann es am ehesten mit der Spanischen Grippe vergleichen, die vor rund 100 Jahren weltweit Millionen Todesopfer gefordert hat. Denn es greift nicht nur die Lunge an, sondern kann auch das Gefäßsystem, das Herz, das zentrale Nervensystem und die Nieren befallen. Das macht es zu einer sehr komplexen Erkrankung.

Als im Sommer die Fallzahlen zurückgingen, glaubten einige schon, das Virus sei besiegt. Doch nach den Ferien gab es wieder mehr Infizierte. Was denken Sie: Wie lange werden wir in dieser „neuen Normalität“ noch leben?

Mindestens bis es einen Impfstoff gibt. Das Virus ist weiter existent, und es ist hochansteckend.

Viele Experten haben vorausgesagt, dass es im Herbst eine zweite Welle geben wird. Für wie wahrscheinlich halten Sie das?

Im Herbst sind wir generell deutlich anfälliger für Atemwegsinfektionen. Die Schleimhäute trocknen schneller aus, das Immunsystem ist empfindlicher. Gleichzeitig bevorzugt das Coronavirus offenbar kühlere Temperaturen. Von daher sind die Bedingungen für eine zweite Welle dann auf jeden Fall da.

Wie können wir uns darauf vorbereiten und gibt es Erkenntnisse aus der ersten Welle, die wir mitnehmen können?

Wir kennen das Virus inzwischen viel besser und können deshalb gezielter darauf reagieren. Wir wissen, dass die Übertragung hauptsächlich über die Atemluft erfolgt. Und genau da müssen die Schutzmaßnahmen ansetzen.

Wie wichtig ist es in dem Zusammenhang, dass weiterhin viel getestet wird?

Es ist wichtig, dass weiter viel und intensiv getestet wird, vor allem in bekannten Hotspots. Wir müssen wissen, wie präsent das Virus ist.

Haben Sie sich auch im Brüderkrankenhaus St. Josef bereits auf eine mögliche zweite Welle vorbereitet?

Ja. Wir haben ausreichend Vorräte an Schutzausrüstung, ausreichend Testkapazitäten, Organisationspläne für steigende Patientenzahlen, das Personal ist geschult. Alle wissen jetzt Bescheid, die Strukturen sind geschaffen. Wir sehen uns deshalb gut auf eine zweite Welle vorbereitet.

Helfen Ihnen die Erfahrungen aus dem Frühjahr auch bei der Behandlung der Patienten?

Zu Beginn der Pandemie wurden Patienten sehr früh künstlich beatmet. Damit kann man der Lunge auch Schaden zufügen. Wir wissen heute, dass das in vielen Fällen gar nicht nötig ist. Oft können wir sie mit einer intensiven Sauerstofftherapie ebenso gut behandeln. Dabei bekommen die Patienten reinen Sauerstoff über eine Nasensonde statt, wie bei der künstlichen Beatmung, über einen Schlauch in der Luftröhre.

Das Virus hatte schon sehr früh im Februar Paderborn erreicht, erinnert sich Dr. Andreas Zaruchas. Die Probe des ersten Verdachtsfalles ging mit dem Taxi direkt in die Charité nach Berlin zu Professor Christian Drosten.
Das Virus hatte schon sehr früh im Februar Paderborn erreicht, erinnert sich Dr. Andreas Zaruchas. Die Probe des ersten Verdachtsfalles ging mit dem Taxi direkt in die Charité nach Berlin zu Professor Christian Drosten.

Wenn Sie sich zurückerinnern: Was haben Sie gedacht, als Sie zum ersten Mal von dem neuen Coronavirus gehört haben?

Zum ersten Mal vom Coronavirus habe ich an einem Abend im Januar 2020 gehört. In der Tagesschau war damals die Rede von einem neuen Virus in China. Damals schien das noch weit weg. Aber ich hatte trotzdem schon ein mulmiges Gefühl. Ich hatte nämlich gleich die Befürchtung, dass sich das Virus weltweit ausbreiten könnte. Wir hatten diese Erfahrung bereits mit anderen Virusepidemien gemacht, zum Beispiel mit der Schweinegrippe im Jahr 2009/2010. Die hat uns schon sehr stark getroffen. Mir war deshalb klar, dass in einer globalisierten Welt Viruserkrankungen immer das Potenzial haben, sich weltweit auszubreiten.

Damit haben Sie recht behalten. Doch gerade zu Beginn der Pandemie war nur wenig über das Virus bekannt. Wie haben Sie diese Ungewissheit erlebt?

Am Anfang war die Situation zunächst völlig unklar. Wir hatten irgendetwas, von dem keiner genau wusste, was es macht, wie gefährlich es ist oder wie es behandelt wird. Als ich dann die ersten Bilder aus Wuhan mit den drastischen Maßnahmen, die die chinesischen Behörden getroffen haben, um diese Epidemie einzudämmen, gesehen habe, als uns die ersten Bilder von Toten erreicht haben, da war mir sehr schnell klar, dass es sich dabei nicht nur um eine einfache Grippe handelt. Da rollte etwas Größeres auf uns zu.

Was genau das sein würde, ließ sich damals nur erahnen. Gab es denn einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, wie ernst die Lage ist?

Die Ansprache von Kanzlerin Angela Merkel, in der sie von der größten Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg sprach, hat uns alle hier im Krankenhaus sehr beeindruckt und auch Angst gemacht. Wir haben uns damals gefühlt wie Soldaten im Schützengraben, die auf das Trommelfeuer warten.

Wissen Sie noch, wann Sie selbst daserste Mal direkt mit dem Virus zu tun hatten?

Das war lange davor. Im Februar hier im Brüderkrankenhaus, noch vor der Heinsberg-Epidemie. Damals ist ein junger Mann mit grippeähnlichen Symptomen in die Notaufnahme gekommen. Er gab an, kurz vorher in China gewesen zu sein, ausgerechnet in der Nachbarprovinz von Wuhan. Da gingen direkt unsere Alarmglocken an. Wir haben den Mann dann sofort isoliert und den ersten Corona-Test überhaupt in Paderborn durchgeführt. Das war damals noch ein enormer Aufwand. Wir haben die Probe mit dem Taxi direkt in die Charité nach Berlin zu Professor Drosten geschickt. Zum Glück war sie negativ. Unser erster bestätigter Corona-Fall im Brüderkrankenhaus war ein älterer Mann aus einer Senioreneinrichtung. Wir haben ihn getestet und sofort auf unsere Infektionsstation verlegt. Er war dort der erste Patient. Uns war dann klar: Das Virus ist in Paderborn angekommen.

Gab es dann das befürchtete „Trommelfeuer“?

Es kamen dann in rascher Folge immer mehr Patienten. Darunter auch welche, die schwer erkrankt waren und auf die Intensivstation mussten. Das war eine große Herausforderung für den Krankenhausbetrieb. Auch in meinem privaten Umfeld gab es dann den ersten Fall. Ein guter Bekannter von mir wurde auf einmal mein Patient und musste auf der Intensivstation behandelt werden. Inzwischen hat er sich zum Glück erholt.

Sie sprachen es schon an: Das Virus hat auch das Krankenhaus vor eine schwierige Aufgabe gestellt. Wie haben Sie sich damals gerüstet?

Wir haben rasch einen Krisenstab gebildet und direkt mit der Arbeit begonnen: Wir haben Schutzausrüstung besorgt, Infektionseinheiten eingerichtet, auf der Intensivstation zusätzliche Betten geschaffen, unsere Beatmungskapazitäten verdoppelt, Personal geschult und die Notaufnahme aufgerüstet. Das war sehr viel in sehr kurzer Zeit. Auch für die Patientinnen und Patienten und für die Besucher haben wir schon sehr früh Schutzmaßnahmen getroffen. Kontakte wurden erfasst, Besuchseinschränkungen ausgesprochen und eine Maskenpflicht für alle eingeführt.

"Wir müssen verhindern, dass uns eine mögliche zweite Corona-Welle zusammen mit der Grippewelle erreicht." - Dr. Andreas Zaruchas, Chefarzt
"Wir müssen verhindern, dass uns eine mögliche zweite Corona-Welle zusammen mit der Grippewelle erreicht." - Dr. Andreas Zaruchas, Chefarzt

In der „heißen Phase“ im März und April stieg dann die Zahl der Infizierten täglich rasant. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?

Das waren Zwölf- bis 14-Stunden-Tage. Wir machten täglich neue Erfahrungen, die Ereignisse haben sich teilweise überschlagen. Es handelte sich um ein noch komplett unbekanntes Virus. Keiner wusste, wie es zu behandeln war, und es gab keine offiziellen Empfehlungen. Da konnten wir nur mit Schwarmintelligenz
und gebündelter Expertise gegenhalten.

Hatten Sie Angst, dass die Fallzahlen hier genauso schnell steigen könnten, wie zum Beispiel in einigen norditalienischen Regionen, und dass die medizinische Versorgung dadurch gefährdet sein könnte?

Sehr große Angst sogar. Dort ist das Gesundheitssystem zum Teil komplett zusammengebrochen. Es herrschten zum Teil lazarettähnliche Zustände, die eher an Krieg erinnerten. Uns war klar: Wir müssen jetzt ganz schnell und an ganz vielen Fronten gleichzeitig handeln, um solche Zustände hier in Paderborn zu verhindern.

Das ist Ihnen zum Glück gelungen. Was, glauben Sie, war dabei das Entscheidende?

Wir konnten uns vorbereiten, und wir haben uns vorbereitet. Außerdem haben wir ein sehr gut ausgestattetes Gesundheitssystem: Es gibt in Deutschland deutlich mehr Krankenhausbetten, mehr Intensivplätze und auch mehr Beatmungskapazitäten als zum Beispiel in besonders schwer betroffenen Staaten wie Italien. Das Entscheidende war meiner Meinung nach aber, dass die Bevölkerung vom Sinn der getroffenen Maßnahmen überzeugt war und mitgezogen hat.

Und gerade im Hinblick auf einemögliche zweite Welle werden wiralle wohl noch einen langen Atemund viel Disziplin benötigen. Haben Sie noch Ratschläge, wie man sich voreiner Infektion schützen kann, abgesehenvon den allgemein bekannten?

Entscheidend ist ein intaktes Immunsystem. Was kann ich dafür tun? Vor allem viel Bewegung an der frischen Luft! Auch Vitamin D kann vor Atemwegserkrankungen schützen. Wichtig ist zudem die Grippeschutzimpfung, denn wir müssen verhindern, dass uns eine mögliche zweite Corona-Welle zusammen mit der Grippewelle erreicht.


Text: Lena Reichmann | Fotos: André Loessel

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