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23.03.2021 (aktualisiert am 24.03.2021)

Oster-Lockdown: „Es ist 5 nach 12!“

Dieser Artikel gibt den Stand vom 23.03.21 wieder. Der harte Lockdown, nachdem auch Gründonnerstag und Karsamstag als "Ruhetage" vorgesehen waren, ist von Kanzlerin Angela Merkel inzwischen wieder aufgehoben worden.

Das zweite Osterfest im Lockdown. Alle Hoffnungen auf den Kurztrip über die Feiertage oder zumindest den Latte im Straßencafé sind nun zunichte. Die Zahl der Neuinfektionen steigt und so gilt über Ostern #WirBleibenZuHause. Dr. Armin Kuhlencord, Krankenhaushygieniker und Leitender Laborarzt des B+V und LADR Laborzentrums in Paderborn, erklärt, warum diese Maßnahmen nun notwendig sind.

Dr. Armin Kuhlencord ist Leitender Laborarzt des B+V und LADR Laborzentrums in Paderborn.
Dr. Armin Kuhlencord ist Leitender Laborarzt des B+V und LADR Laborzentrums in Paderborn.

Dr. Kuhlencord, die jüngsten Bund-Länder-Beschlüsse sind für viele Menschen ein herber Rückschlag. Hat die britische Mutation des Corona-Virus das Pandemie-Geschehen in Deutschland nun schon so sehr im Griff, dass dieser harte Lockdown nun unausweichlich ist?

Aus meiner Sicht ist es leider schon 5 nach 12, diese Maßnahmen hätten schon viel früher einsetzen müssen. Die englische Variante ist um circa 40 Prozent ansteckender und leider auch noch zugleich um etwa 50 Prozent gefährlicher. Das bedeutet, dass mehr Personen infiziert und auch mehr Personen an der Infektion erkranken und im schlimmsten Fall auch versterben werden.

Reichen denn fünf Tage strikte Kontaktbeschränkungen aus, um die Situation zu verbessern?

Eine geringe Abnahme der Neuinfektionen werden wir möglicherweise bei Beachtung der Maßnahmen nach Ostern feststellen können; jedoch nur, wenn es nicht zu Familientreffen und nicht zu Ansammlungen besonders in geschlossenen Räumen kommt.

Inzwischen gibt es auch PCR-Tests, die die britische oder südafrikanische Mutation direkt anzeigen – dauern die Auswertungen nicht zu lange, wenn die Mutanten doch auch ansteckender sind?

Zuerst wird ein PCR-Testsystem eingesetzt, mit welchem wir nahezu alle Virus-Varianten nachweisen können, so dass alle infizierten Personen zeitnah unter Quarantäne gestellt bzw. in den Kliniken bei negativem Virusnachweis auch aus der Isolierung genommen werden können. Erst wenn dieses Testsystem eine höhere Viruszahl nachweist, werden weiterführende Ansätze für den gezielten Nachweis unter anderem der englischen Variante durchgeführt. Sollte sich die englische Variante nicht bestätigen, werden circa 5 Prozent der Nachweise weiter mittels Sequenzierung feintypisiert, um auch weitere ganz neue Varianten erkennen zu können und die Wirksamkeit der Impfungen, die zu erwartende Infektiosität und Erkrankungsschwere abschätzen zu können.

Eine Studie aus Großbritannien zeigte nun, dass auch eine Herdenimmunität nicht ohne weitere Maßnahmen wie AHA+L – also Abstand, Hygienemaßnahmen und Maske plus Lüften – auskommt, um weitere Todesfälle zu verhindern. Bietet uns das Impfen doch nicht den erhofften Schutz?

Dieses ist gerade eine Frage, die viele Wissenschaftler beschäftigt. Zum einem führt eine hohe Impfrate in der Bevölkerung zu niedrigen Infektionsraten, also wenigen Virusträgern, in denen dann neue Varianten entstehen können. Auf der anderen Seite ist der Selektionsdruck auf die Viren größer, da sie immer weniger neue empfängliche Wirte finden. Die Evolution trägt jedoch dazu bei, dass durch die äußeren Einflüsse dann neue Varianten entstehen, die von unserem Immunsystem möglicherweise nicht erkannt werden. Aber ich bin ein Optimist: Ähnlich zur jährlichen Grippeimpfung wird man den Impfstoff dann so anpassen, dass er dann auch vor den neuen Varianten schützen wird. Umso wichtiger ist es, dass sichere Impfstoffe in sehr großen Mengen schnell produziert werden können und die Infrastruktur so aufgebaut wird, dass sehr schnell große Anteile der Bevölkerung geimpft werden können. Dazu benötigt man aus meiner Sicht mehr als nur die bestehenden Impfzentren.

Diese dritte Welle wird nicht wohl die letzte gewesen sein, oder?

Dieses befürchte ich leider auch. Aber eventuell wird es eine andere Strategie geben müssen, um Infektionen möglichst unwahrscheinlich zu machen. FFP2-Masken stellen einen sehr sicheren Schutz dar und zusammen mit einer guten Durchlüftung sinkt das Risiko, dass man infiziert wird, gegen null. Und FFP2-Masken schützen uns nicht nur vor Corona-Viren, sondern auch vor Feinstäuben und anderen durch die Luft übertragenen Infektionserregern.

Das Hin und Her zwischen hartem Lockdown und Lockerungen wirkt inzwischen konzeptlos. Welche Maßnahmen sehen Sie, damit die Lage sich nachhaltig zum Positiven verändert?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich gebe Ihnen Recht, dass die Landesfürsten zur Zeit kein gutes Bild abgeben und deren unterschiedliche Einschätzungen und Vorstellungen zum Bild der Konzeptlosigkeit beitragen, insbesondere, wenn die getroffenen Maßnahmen für die Bevölkerung nicht nachvollziehbar sind: So sind zum Beispiel Blumenläden uneingeschränkt geöffnet, Elektrofachgeschäfte jedoch nur nach Terminabsprache. Golfplätze sind die Nordrhein-Westfalen geschlossen, in fast allen anderen Bundesländern aber mit Vorgaben geöffnet. Das verstehen die Menschen nicht. Wir müssen sehen, dass wir einen r-Wert deutlich unter 1 und wieder eine 7-Tage-Inzidenz von unter 10 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner erreichen und behalten. Sollte dieses zutreffen, kann man sich sehr entspannt verhalten, da dann nur ein sehr geringes Infektionsrisiko besteht. Wichtige Maßnahmen dabei sind:

  • Aufklärung über Infektionswege und Schutzmaßnahmen
  • Aufklärung über den großen Nutzen einer hohen Durchimpfungsrate in der Bevölkerung
  • Förderung des Verantwortungsbewusstseins jedes Einzelnen
  • Erklärung der zu treffenden Maßnahmen

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Judith Hens.

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