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26.01.2021

Mutationen des Coronavirus

„Die Mutation darf nicht auf Menschen treffen“

Seit Weihnachten wird in Deutschland über Mutationen des Coronavirus in England, Südafrika und Brasilien gesprochen. Bisher wurden diese nur vereinzelt bei deutschen Patienten nachgewiesen. Diese Woche ist das Thema greifbarer: 2.000 Berliner befinden sich in Quarantäne nachdem es zu einem Ausbruch des mutierten Virus im Vivantes Humboldt-Klinikum kam. Was es mit den Mutationen auf sich hat, wie es dazu kommt und was sie für uns ganz konkret bedeuten, erklärt Professor Dr. Dieter Schilling, Ärztlicher Direktor im Theresienkrankenhaus Mannheim und Diako Mannheim, der für das Labor im Diako verantwortlich ist.

Prof. Dr. Dieter Schilling
Prof. Dr. Dieter Schilling

Dass Viren mutieren, ist nichts Neues und nichts Besonderes – warum in diesem Fall?

Die Mutationen aus England und Südafrika sind ansteckender als das bekannte Coronavirus. Ein Ausbruch könnte dazu führen, dass wir statt 15.000 Neuinfektionen am Tag plötzlich 35.000 oder 45.000 Neuinfektionen haben, weil ein Erkrankter mehr Menschen ansteckt als bisher. Selbst wenn das Virus durch die Mutation nicht aggressiver geworden ist und mehr schwere Krankheitsverläufe verursacht, werden wir mit diesen Zahlen Probleme bekommen, weil unter den Neuinfektionen auch eine gewisse Prozentzahl an Menschen mit schwerem Verlauf ist. Vor Weihnachten sind die Intensivstationen mit einer Zahl um die 30.000 Neuinfektionen bereits an ihre Grenzen gestoßen, da musste man in Mannheim schon nach einem Intensivbett suchen – nicht, weil es keine Betten mehr gab, sondern weil schlichtweg das Personal gefehlt hat. Die Mutation des Coronavirus könnte uns sehr schnell wieder an diese Grenze bringen und darüber hinaus, sodass wir die Versorgung der Patienten nicht mehr gewährleisten können. Davor hat zurzeit jeder Angst, der Verantwortung trägt.

Es hat sehr lange gedauert, bis in der Öffentlichkeit das erste Mal über Mutationen gesprochen wurde. Ist das Virus vorher nicht mutiert?

Das Coronavirus ist jetzt ein Jahr alt. Damit ist es für ein Virus im Grunde genommen noch ein Kindergartenkind. Ein neues Virus verbreitet sich zunächst einfach nur, erst wenn es merkt, dass es sich nicht mehr ungebremst weiter verbreiten kann, fängt es an zu mutieren. Lockdown, Impfung und Genesene Patienten mit Antikörpern gefallen dem Virus überhaupt nicht, weil es weniger Angriffsfläche hat. Mit jeder Übertragung von Mensch zu Mensch ändert sich das Virus in winzigen Details. Die meisten Änderungen werden sofort wieder verworfen, nur einige wenige werden behalten und werden mit der Zeit zu einer Mutation.

Wann haben Sie das erste Mal von den Mutationen gehört?

Im Dezember habe ich davon in einer Fachzeitschrift gelesen.

Was waren Ihre ersten Gedanken?

Ich habe zu den Krankheitsverläufen recherchiert und war froh darüber, dass sie nicht schwerer verlaufen. Da habe ich mich wieder entspannt. Ich habe keine Angst vor dem mutierten Virus, aber ich habe Sorge, dass die Einsicht in der Bevölkerung, die Corona-müde ist und sich nach Freiheit sehnt, deutlich nachlässt. Es geht mir ja nicht anders – ich würde auch gerne mal wieder ins Theater gehen. Mehr als 50 Prozent der Deutschen sind, einer Umfrage zufolge, unzufrieden mit den beschlossenen Maßnahmen, während ich sie in vielen Bereichen gerechtfertigt finde.

Warum haben wir in Deutschland erst so spät von den Mutationen erfahren?

Wir hatten in Deutschland eigentlich keine Chance, eine der Mutationen zu erkennen, weil in unseren Laboren keine Analyse des Genoms, also des Erbgutes des Virus, erfolgt. Wir hätten die Mutation erst dann gemerkt, wenn die Zahl der Neuinfektionen unerklärlicherweise durch die Decke geschossen wäre.

Warum wird bei uns erst jetzt die Gensequenz des Virus analysiert?

Wir haben zunächst die Kapazitäten der Labore zur Durchführung der PCR-Tests – mit dem eine Infektion mit dem Coronavirus nachgewiesen werden kann – aufgestockt und uns darauf konzentriert. In Deutschland haben wir nur wenige Spezial-Labore, die sequenzieren, die meisten sind auf die Diagnostik spezialisiert. Lediglich England und Dänemark sequenzieren großflächig aus ihrer Forschungstradition heraus. Bei ihnen ist es üblich, die räumliche und zeitliche Bewegung von Erregern zu analysieren. Während es beispielsweise in Deutschland üblich ist, den Erreger an sich zu untersuchen.

Wird jetzt auch verstärkt das Genom getestet?

Auf jeden Fall. Der Gesundheitsminister stellt Mittel bereit für die Sequenzierung, wobei noch nicht völlig klar ist, in welchem Ausmaß sequenziert werden soll. Außerdem gibt es seit Kurzem einen PCR-Test eines kleinen Berliner Unternehmens, der die Mutationen aus England und Südafrika erkennt. Damit werden positive Befunde nun stichprobenartig überprüft. So wollen wir einen Überblick erhalten, ob die Mutation in Deutschland verbreitet ist oder nicht. Allein hier in Mannheim führen wir 6.000 PCR-Tests jede Woche durch. Da kann man sich schon ein gutes Bild machen.

Ergibt sich daraus ein großer Mehraufwand für die Labore?

Zum Glück nicht, der neue PCR-Test wird auf die positiv getesteten Proben noch einmal angewendet. Das ist kein großer Aufwand .Die Sequenzierung ist natürlich dagegen schon ein Mehraufwand.

Werden auch diejenigen mit erfasst, die einen Antigen-Schnelltest gemacht haben?

Fällt ein Schnelltest positiv aus, wird das Ergebnis noch einmal mit einem PCR-Test überprüft.

Wie unterscheiden sich die Mutationen aus England, Südafrika und Brasilien von der bisher bekannten Variante?

Ein Antikörper und das Antigen, also das Virus, funktionieren nach dem Schloss-Schlüssel-Prinzip: Wenn man einen Schlüssel nachmachen lässt, wird die tausendste Kopie nicht mehr so gut passen wie der Originalschlüssel. Beim Feilen sind sehr kleine Veränderungen aufgetreten, die zwar etwas ruckeln, der Schlüssel öffnet das Schloss aber trotzdem. So muss man sich das auch bei den Mutationen vorstellen: Kleinste Eiweißbausteine sind anders und können dadurch besser an den menschlichen ACE-Rezeptoren andocken.

Haben die Mutationen Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf?

Nein, bisher ist nichts Derartiges beschrieben. Allerdings sollte man bedenken, dass es als Konsequenz der besseren Übertragbarkeit wahrscheinlich zu einem starken Anstieg der Erkrankungen kommt und damit einhergehend auch zu einer höheren Zahl an schweren und tödlichen Verläufen.

In englischen Medien wird darüber berichtet, dass das mutierte Virus für Personen unter 20 Jahren ansteckender sein soll.

Ich denke nicht, dass es ansteckender für eine bestimmte Personengruppe ist. Wahrscheinlich sind Personen unter 20 Jahren häufiger unterwegs und haben sich dort gegenseitig angesteckt. Die erhobenen Daten spiegeln diese Aussage auch nicht wider.

Wenn man sich nun mal im Vergleich dazu die Zahl der Neuinfektionen in Deutschland zu Beginn der zweiten Welle anschaut, waren es auch fast nur junge Menschen, die sich angesteckt hatten. Das hatte ja auch nichts mit einer Mutation zu tun, sondern war darauf zurückzuführen, dass sie sich vermehrt getroffen haben.

Können sich Menschen, die bereits am Coronavirus erkrankt waren, mit den Mutationen neu anstecken?

Weltweit gibt es nur drei oder vier bekannte Fälle bei denen sich ein Mensch ein zweites Mal angesteckt hat. Es scheint nicht unmöglich zu sein, in der Regel haben die Patienten jedoch eine relative stabile Immunität von sechs bis acht Monaten. Danach kann man sich zwar theoretisch wieder anstecken, aber das ist bisher eine sehr seltene Reaktion.

Letzte Woche ist im Schwarzwald ein Patient nach einer Zweitinfektion gestorben. Kann das nun öfter passieren?

Nein, das sind Einzelfälle. Da sollte man sich eher fragen, was mit dem Immunsystem der Patienten nicht stimmt, die sich ein zweites Mal infizieren.

Wie weit verbreitet ist das Virus bereits in Deutschland?

Das kann man heute noch nicht sagen, dafür müssen erst einmal die speziellen PCR-Tests und Gen-Sequenzierungen flächendeckend analysiert werden. Bisher sind nur wenige Fälle in Deutschland bekannt.

Wirken die beiden zugelassenen Impfstoffe auch bei den neuen Varianten des Virus?

Die Wirksamkeit bei der englischen und südafrikanischen Variante des Coronavirus ist zwar etwas reduziert, aber sie wirkt auf jeden Fall.

Generell müssen wir aber abwarten wie mutationsfreudig das Virus bleibt. Bei der Impfung gegen das Influenzavirus muss der Impfstoff jedes Jahr angepasst werden an die am häufigsten auftretenden Varianten des Virus. Das wäre auch bei der Impfung gegen das Coronavirus denkbar. Das Anpassen des Impfstoffes wäre nicht aufwendig, weil wir den Basis-Impfstoff bereits haben.

Was bedeutet die Mutation des Virus für uns ganz konkret?

Trotz der sinkenden Zahlen warnen uns die Mutationen davor, zu schnell wieder ins normale Leben zurückzukehren und den Lockdown zu beenden. Wenn wir zu früh lockern und es zu einem Ausbruch mit dem mutierten Virus kommt, dann sind wir schneller in der dritten Welle als wir uns das vorstellen können. Wir müssen dafür sorgen, dass die Mutation nicht auf Menschen trifft – deswegen müssen wir bei den Einschränkungen bleiben!

Das Interview führte Julia Gröber-Knapp.

(Stand 25. Januar 2021)

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