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15.01.2021

Alles zu den neuen Impfstoffen

Der Nutzen überwiegt das Risiko

Seit wenigen Wochen wird in Deutschland mit dem Impfstoff von Pfizer und Biontech geimpft. Der zweite Impfstoff der Firma Moderna wurde jetzt ebenfalls in Europa zugelassen. Dr. Jochen Selbach, Chefarzt Medizinische Klinik 3 des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim, beantwortet im Interview die wichtigsten Fragen rund um die Impfstoffe.

Wie wirken die beiden Impfstoffe, die in Deutschland zugelassen sind?

Bei den beiden neuen Impfstoffen handelt es sich um sogenannte „mRNA-Impfstoffe“. Das heißt, sie enthalten nicht ein abgeschwächtes Virus als Transportfahrzeug, wie bei den meisten bisherigen Impfstoffen. Sondern die mRNA-Impfstoffe enthalten nur die Bauanleitung für einen kleinen Bestandteil, den Stachel (spike), des Covid-19-Erregers. Dieser Bauplan des Stachels gelangt durch die Impfung in den Körper. Die menschlichen Zellen erkennen, dass dieser Bauplan für den menschlichen Körper ein falscher ist. Dies regt das Immunsystem zur Bildung von Abwehrstoffen, also Antikörpern an. Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen, zum Beispiel das abgeschwächte Virus selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff nur die genetische Teil-Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet.

Ist das Verfahren komplett neu und was ist das Besondere an diesen beiden Impfstoffen?

Komplett neu ist das Verfahren nicht. Der Impfstoff ist zwar der erste mRNA-Impfstoff, der zugelassen wurde, aber daran geforscht wird bereits seit 30 Jahren. Es gab auch schon mRNA-Impfstoffe, die in klinischen Studien am Menschen getestet wurden, zum Beispiel einen Tollwut-Impfstoff des Tübinger Unternehmens Curevac.

Dr. Jochen Selbach
Dr. Jochen Selbach

Wurden die Impfstoffe ausreichend getestet?

Die Pharmahersteller bezogen von vorneherein mehr Menschen in die klinischen Prüfungen des Impfstoffes ein, als sonst üblich. In der entscheidenden dritten Phase vor der Zulassung wurden, laut Klaus Cichutek, Leiter des Paul-Ehrlich-Instituts, das unter anderem für die Prüfung der Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist, mehr als 20.000 Menschen getestet, normalerweise sind es rund 3.000.

Die Entwicklung des neuen Impfstoffs ging so erfreulich schnell, weil sich die Wissenschaftler auf Forschungen stützen konnten, die im Zusammenhang mit dem ersten SARS-Virus und MERS-Virus standen. Beschleunigt hat das Verfahren auch die Zusammenarbeit von Forschern weltweit und die Kombination sonst getrennt stattfindender klinischer Prüfungen.

Inzwischen laufen die Impfungen in vielen Ländern: In den USA wurden knapp 7 Millionen Menschen geimpft. In Israel knapp 2 Millionen, in Deutschland bisher mehr als eine halbe Million Menschen. (Stand: 11. Januar).

Welche Nebenwirkungen sind bisher aufgetreten?

Aufgrund der großen Menge an Probanden konnten bereits viele Nebenwirkungen herausgefiltert werden. Bei einem Teil der geimpften Menschen wurden Müdigkeit, Kopf- und Gelenkschmerzen sowie Rötungen an der Einstichstelle festgestellt. Nebenwirkungen also, die uns von anderen Impfstoffen bereits bekannt sind und die auf die Wirkung hinweisen. Sie zeigen uns, dass die Impfung tatsächlich das Immunsystem in Schwung bringt. Die Wahrscheinlichkeit des Auftretens bislang unerkannter schwerer Nebenwirkungen ist als sehr gering einzuschätzen. Mittlerweile sind mehrere Millionen Menschen geimpft worden, ohne dass es zu einer signifikanten Anzahl relevanter Nebenwirkungen gekommen ist.

Kann mRNA in die DNA eindringen und die Erbinformation verändern?

Nein, denn die Wirkung des Impfstoffes erreicht zwar die Zelle, jedoch nicht den Zellkern in dem die DNA unser unser eigener genetischer Bauplan, das Genom - gespeichert ist. In der Zelle kann die mRNA an keinem anderen Punkt andocken als den Ribosomen, den Protein-Fabriken unserer Zellen.

Wird durch den Impfstoff eine hundertprozentige Immunisierung erreicht?

Bis heute ist bekannt, dass ein deutlich höherer Immunisierungsgrad als zum Beispiel bei der Grippeschutzimpfung erzielt wird. Er liegt im Bereich von weit über 90 Prozent. Das ist sehr gut.

Hat es Auswirkungen auf den Impfstoff, wenn das Virus mutiert?

Wenn ein Virus mutiert, heißt dies nicht automatisch, dass es die Wirksamkeit des Impfstoffs beeinflusst. Das Paul-Ehrlich-Institut schreibt dazu auf seiner Seite: „Nach aktuellem Stand der Wissenschaft ist davon auszugehen, dass die bisher beobachteten Virusmutationen keine Auswirkungen auf die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe haben.“ Zudem hat der mRNA-Impfstoff den Vorteil, dass er schnell an mögliche Mutationen angepasst werden kann.

Laut einer Studie von Pfizer und der University of Texas soll der BioNTech-Impfstoff auch gegen die Coronavirus-Mutation schützen, die in Großbritannien grassiert. Sie gilt als besonders ansteckend. Das Vakzin sei auch gegen 15 weitere Varianten wirksam, erklärten die Forscher.

Lassen Sie sich impfen?

Ich habe mich bereits im ZIZ in Rot am See impfen lassen. Denn die Impfung schützt mich mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit vor einer Covid-19 Erkrankung. Ich habe bei den Patienten im Caritas-Krankenhaus mit eigenen Augen gesehen, dass die Krankheit auch bei jüngeren Menschen lebensbedrohlich sein kann. Daher empfehle ich die Impfung nachdrücklich auch meinen Kindern. Wir alle, die im Gesundheitssystem tätig sind, tragen eine besondere Verantwortung, die sich auch im Impfschutzgesetz niederschlägt. Denn ein krankheitsbedingter Ausfall gefährdet die Versorgung unserer Patientinnen und Patienten.

Der Nutzen, den wir alle durch die Impfung gegen Corona für uns selbst und für alle anderen ziehen können, überwiegt bei weitem das Risiko eine relevante unerwünschte Wirkung durch die Impfung zu erleben.

Das Interview führte Ute Emig-Lange.

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