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08.04.2020

Das ganze Gesicht

Ein Lächeln wirkt ohne Maske anders als mit Maske.
Unter einer Schutzmaske kann man den Gesichtsausdruck des Gegenübers nur erahnen.

Das Lächeln der Mona Lisa - seit Jahrhunderten ist das Gemälde von Leonardo da Vinci eines der wertvollsten und am meisten bewunderten Bilder der Welt. Das Lächeln dieser Frau, geheimnisvoll und berührend, ist ein Anziehungspunkt für Millionen. Irgendwann im März tauchte ein Bild im Internet auf, da war die Mona Lisa mit Mund-Nase-Schutz zu sehen. Nur die Augen waren noch zu erkennen. Und auf einmal hat das Gesicht fast sein ganzes Geheimnis verloren. Das Lächeln der Mona Lisa - nichts Besonderes mehr.

Die Schutzmaske oder der Mund-Nase-Schutz: Das wird uns noch lange als Symbol dieser Zeit in Erinnerung bleiben. Erst recht, wenn nun auch immer mehr Menschen in ihrem Alltag, außerhalb von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, damit aus dem Haus gehen. Beim Einkaufen dieser Tage war ich erstaunt, wie viele sich offensichtlich von so einem Gesichtsschutz Sicherheit versprechen. Ich merke, wie sehr ein Gesichtsausdruck vom ganzen Gesicht abhängt. Der Gesichtsausdruck einer Kassiererin, wenn ich ihr wünsche, dass sie gesund bleibt - ich kann ihn nur erahnen, wenn sie eine Maske trägt.

Und so sehne ich mich danach, dass ich endlich wieder viele vollständige Gesichter sehen kann. Ich freue mich darauf, bald wieder in lachende, lächelnde, angestrengte, zufriedene, besorgte, traurige und frohe Gesichter sehen zu können, weil ich gelernt habe, sie zu lesen und zu verstehen. Mimik braucht das ganze Gesicht.

Manche der alten Darstellungen Gottes zeigen ein Auge innerhalb eines Dreiecks. Ältere Menschen haben noch in Erinnerung, dass das früher mit dem Spruch erklärt wurde, dass dies "ein Auge ist, das alles sieht …". Mir hat diese Darstellung nie gefallen. Und jetzt befremdet sie mich noch mehr. Wenn in der Bibel von Gottes Angesicht die Rede ist, dann stelle ich mir ein liebevolles Gesicht vor, das mir begegnet und das ich verstehen kann. Und wenn in der Bibel die Frage an Gott auftaucht: "Wie lange verbirgst Du Dein Angesicht vor mir?", dann ist damit ja auch gemeint, dass es für einen glaubenden Menschen in Sorge und Trauer auch wieder eine lebendige Erfahrung der Zuwendung Gottes geben muss. "Lass Dein Angesicht über uns leuchten" - die Bitte aus dem Buch der Psalmen wird derzeit für mich auch menschlich greifbar.

Hoffentlich bald wird der Gesichtsschutz verschwunden sein. Wir werden einander wieder nicht nur in die Augen sehen können, sondern in das ganze Gesicht. Und vielleicht erst vorsichtig, dann aber mit immer mehr Vertrauen, können wir wieder aufeinander zugehen und auch für jeden sichtbar, ohne Maske, die Distanz überwinden. Weil wir einander nicht mehr als Bedrohung wahrnehmen, sondern ganz einfach als Mitmenschen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Dr. Peter-Felix Ruelius

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