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08.07.2021

Corona: Wie sich die Lage entwickeln könnte

„Jeder trägt Verantwortung“

Das Coronavirus mutiert weiter. Knapp zwei Drittel der Neuinfektionen gehen inzwischen auf die Delta-Variante zurück. Diese gilt als wesentlich ansteckender. Was das für die bevorstehende Ferien- und Reisezeit und die Herbstmonate bedeutet, erklärt Professor Dr. Dieter Schilling, Ärztlicher Direktor am Theresienkrankenhaus und Diako Mannheim.

Professor Dr. Dieter Schilling, Ärztlicher Direktor am Theresienkrankenhaus und Diako Mannheim
Professor Dr. Dieter Schilling, Ärztlicher Direktor am Theresienkrankenhaus und Diako Mannheim

Delta, Eta, Kappa, Lambda – Virusvarianten, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als besorgniserregend oder „unter Beobachtung“ einstuft, tragen einen Buchstaben des griechischen Alphabets. Inzwischen sind es bereits elf. Werden die insgesamt 24 Buchstaben ausreichen?

Wir werden nicht alle das griechische Alphabet beherrschen müssen, um für den Smalltalk über Corona gewappnet zu sein. Klar ist, dieses Virus wird immer weiter mutieren, aber ich bin guter Hoffnung, dass diese Varianten und die Bezeichnungen uns irgendwann nicht mehr interessieren, weil wir durch das Impfen und Nachjustieren des Impfstoffes so weit gekommen sind, dass wir wie beim Grippevirus die Situation beherrschen können. Alle Varianten, die bisher entstanden sind, sind immer virulenter, das ist die Überlebensstrategie des Virus. Aber sie alle sind zu einer Zeit entstanden, als die Population noch nicht geimpft war. Ich denke, das wird sich einspielen und die gefährlichen Varianten werden nicht mehr in der Häufigkeit auftreten, wie wir das noch vor zwei, drei Monaten befürchtet haben.

Im Umkehrschluss bedeutet das, dass sich das Virus nicht so weiterentwickelt, wenn die Impfquote ausreichend hoch ist?

Das ist die Hoffnung und bei Influenza funktioniert das auch – zumindest dort, wo wir eine ordentliche Impfrate und eine Herdenimmunität hinbekommen. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg und daher wird uns Corona wahrscheinlich wieder intensiver im Herbst begleiten.

Rechnen Sie also mit einer ähnlichen Situation wie im letzten Jahr, als nach einem recht entspannten Sommer die Entwicklung der Infektionen wieder nach oben ging?

Ja, es besteht eine gewisse Gefahr, wenn wir es nicht schaffen, die Menschen zu motivieren, sich impfen zu lassen. Wir haben aktuell ausreichend Impfstoff, aber wir sehen, dass viele ihre Impftermine verstreichen lassen oder absagen. Ich habe die Sorge, dass die Disziplin in dem gemeinschaftlichen Agieren gegen die Pandemie nachlässt. Wenn wir jetzt so weiter impfen würden, wie wir losgelegt haben – knapp 39 Prozent sind zweimal geimpft, 56,5 Prozent einmal -, dann haben wir eine gute Chance. Wir müssen die Zweifler überzeugen.

Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass die Menschen zweifeln?

Ich denke, das sind vielfach irrationale Ängste – um die eigene Gesundheit, vor möglichen Langzeitwirkungen. Manch einer mag misstrauisch sein, weil die Entwicklung der Impfstoffe so schnell ging, und denken: „Das kann doch nicht mit rechten Dingen zugegangen sein.“ Auch wir Ärzte können ja nicht sagen, wie die Langzeitwirkungen sind und dennoch ist die Impfbereitschaft in unserem Berufsstand am höchsten.

Hin- und hergerissen sind derzeit auch viele Eltern. Kinder ab 12 Jahren können geimpft werden, die Ständige Impfkommission empfiehlt es derzeit aber nur im Zusammenhang mit Vorerkrankungen. Was würden Sie Eltern raten?

In der Gruppe der 12- bis 17-Jährigen müssen 100.000 geimpft werden, um einen potenziellen Todesfall zu vermeiden. Bei den Erwachsenen ist der Einsatz des Impfstoffes deutlich effizienter. Daher würde ich der Empfehlung der Ständigen Impfkommission folgen: Impfung für Kinder mit bestimmten Vorerkrankungen sowie für diejenigen, die im Umfeld von sehr gefährdeten Erwachsenen leben. Für ein Kind mit Trisomie beispielsweise ist das Risiko durch das Coronavirus höher als für einen älteren Diabetiker. Es gibt zwar auch Stimmen, die sagen, ohne die Impfung der Kinder würden wir keine Herdenimmunität erlangen, aber wenn die Impfquote unter den Erwachsenen hoch ist, wird sich das Virus nicht mehr so ausbreiten.

Nun soll doch gerade die hochansteckende Delta-Variante Kinder und Jugendliche verstärkt treffen ...

Das Risiko ist nun höher als in den ersten Phasen der Pandemie. Daher ist es nun so wichtig, die Hygiene- und Abstands-Regeln einzuhalten. Aber noch einmal: Das Richtige ist nun, dass die Erwachsenen sich impfen lassen und das ist auch unsere Pflicht für die Allgemeinheit. Für mich ist das eine Frage der Solidarität.

Sommerzeit ist Reisezeit. Seit dem 1. Juli ist die generelle Reisewarnung der Bundesregierung aufgehoben. Was wird das für die Entwicklung der Infektionszahlen bedeuten?

Die Reise-Rückkehrer haben im letzten Jahr die Infektionszahlen wieder ansteigen lassen und damit rechne ich auch in diesem Jahr, weil die Impfung noch nicht ausreichend fortgeschritten ist. Wer reist, sollte das mit Verantwortung tun, die Vorschriften beachten und sich regelmäßig testen lassen – auch wenn das nicht an der Landesgrenze vorgeschrieben und wenn man nicht vollständig geimpft ist. Ich persönlich würde nicht in ein Hochinzidenz- oder Virusvarianten-Gebiet reisen.

Auf was sollten Urlauber konkret achten?

In geschlossenen Räumen empfehle ich grundsätzlich das Tragen einer Maske und generell die Abstands- und Hygieneregeln einzuhalten. Auch häufiges Testen ist wichtig. Es gibt eine Studie, die zeigt, dass der Rückgang der letzten Infektionswelle im Mai weniger mit dem Impfen zu tun hatte als vielmehr mit dem häufigeren Testen – dadurch konnten auch verlässlich die Infizierten entdeckt werden, die keine typischen Symptome hatten. Wer nicht vollständig geimpft ist, kann auch einen Selbsttest in den Urlaub mitnehmen.

Wer vollständig geimpft ist, kann also auf Nummer sicher gehen?

Ein vollständiger Impfschutz bietet Sicherheit – auch bei der Delta-Variante. 

Die Ständige Impfkommission empfiehlt nun generell allen, die eine Erstimpfung mit Astrazeneca hatten, eine Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff. Was bedeutet das für diejenigen, die zweimal mit einem Vakzine geimpft wurden?

Sie sind gut geschützt, auch gegen die Virusvarianten. Wir müssen uns doch immer wieder das Ziel der Impfung klarmachen: Es geht darum, schwere und tödliche Verläufe sowie stationäre Klinikaufenthalte zu verhindern und das gelingt auch durch eine Impfung mit den Vakzinen. Was man jetzt erkennt: Die verschiedenen Ansätze der Immunisierung bringen einen extrem guten Booster-Effekt für die Antikörper. Aber die Antikörper-Messung ist nicht der einzige Faktor in der Immunisierung; auch die Aktivierung der T-Zellen und der Gedächtniszellen spielt eine wichtige Rolle für die Abwehr. Wir wissen ja nach wie vor nicht, mit welchen Antikörper-Titern wir den wirksamsten Impfschutz haben.

Die Sieben-Tage-Inzidenz ist sehr niedrig, sodass immer weiter gelockert wird, wie etwa im Veranstaltungsbereich. Reicht der Verweis auf die drei Gs, also getestet, genesen, geimpft, um vieles wieder zu lockern?

Mit Hygiene-, Abstandsregeln und Kontrolle wieder zu mehr Normalität zu kommen, ist ein guter Weg. Ich freue mich über alles, was jetzt wieder möglich ist, wie der Kinobesuch zum Beispiel. Für den Außenbereich sehe ich gar kein Problem und in geschlossen Räumen eben mit Maske und mit Distanz. Die Maske werden wir dieses und im nächsten Jahr nicht abgeben.

Wenn 25.000 Menschen im Stadion sitzen, beschleicht einen dennoch ein ungutes Gefühl.

Nach der langen Zeit ist das verständlich. Diejenigen, die vollständig geimpft sind, sind sicher. Die anderen müssen sich testen oder eben impfen lassen. Wir haben zurzeit wie gesagt genügend Impfstoff, es gibt Termine – sodass jeder die Möglichkeit hat, an diesen Events geschützt teilzunehmen.

Blicken wir nochmal auf den Herbst. Rechnen Sie mit einer vierten Welle?

Ob eine Welle kommt, hängt von der Disziplin, von der Sorgfalt und der Impfrate ab. So sollte jeder, der nicht geimpft ist, sich testen lassen, wenn er aus dem Urlaub zurückkommt. Die Eigenverantwortung spielt eine große Rolle. Wer noch nicht geimpft ist, sollte das nochmal überdenken. Wenn wir uns daran gewöhnen, in geschlossenen Räumen, im Nahverkehr, die Maske zu tragen, dann werden wir weniger mit Corona und auch weniger mit Influenza zu tun haben. Eine komplette Normalität wird es noch nicht so schnell geben, aber jetzt ist schon vieles wieder möglich: Restaurantbesuche, wir können ins Theater, ins Kino und vieles mehr – das sollten wir uns nicht verbauen. Dafür trägt jeder die Verantwortung.

Das Gespräch führte Judith Hens.

(Stand: 07.07.2021)

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