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26.05.2021

Das Virus erschwert die soziale Teilhabe

Einsam - mit und ohne Lockdown

Rückzug in die eigenen vier Wände. Wenig oder keinen Kontakt zu anderen Personen. Soziale Isolation. Was sich wie eine Empfehlung bei einer diagnostizierten Corona-Erkrankung liest, ist für viele Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen Alltag. Chronisch psychisch kranke Menschen haben oftmals weniger soziale Kontakte. Hinzu kommt, aufgrund häufig fehlender finanzieller Möglichkeiten, dass Angebote im Freizeit- und Kulturbereich selten wahrgenommen werden können.

Eine Situation, die umso problematischer wird, je mehr der pandemiebedingte Lockdown offene und kostenfreie Orte der Begegnung im wahrsten Sinne des Wortes verschließt. Birgit Engels, Leiterin der Gemeindepsychiatrischen Angebote an den Standorten Mayen und Adenau, hat mit ihrem Team die Situation in den vergangenen Monaten durchlebt und weiß, was es nun aufzuarbeiten gibt. „Insbesondere bei den Angeboten in den Tagesstätten erlebten wir in den vergangenen Monaten massive Einschränkungen“, berichtet die Diplom-Pädagogin, die mit ihren Mitarbeitenden die Gemeindepsychiatrischen Betreuungszentren (GPBZ) in Mayen und Adenau betreibt. „Unsere Tagesstätten für psychisch kranke Menschen sind in ihrer Konzeption als Gruppenangebot angelegt. Dies in Zeiten einer Pandemie aufrechtzuerhalten, war und ist weiterhin eine große Herausforderung. Es bedarf hierfür eines besonderen Hygienekonzepts, abgestimmt mit den Gesundheitsämtern der beiden Landkreise.“

Ausflüge, gemeinsam kochen: Viele Aktivitäten mussten ausfallen

Personenobergrenzen bei der Nutzung von Räumlichkeiten. Einbahnstraßenregelungen. Abstand- und Hygieneregeln. FFP-2-Masken. Tägliche Temperaturmessung. Wöchentliche PoC-Schnelltests. Die Liste der Maßnahmen, um überhaupt den Betrieb der Tagesstätten zu gewährleisten, ist lang. Die Koordination personal- und zeitaufwendig. Dennoch mussten auf die wirklich gruppendynamischen Bestandteile der Tagesstätten, die für das Gemeinschaftsgefühl essentiell sind, verzichtet werden: „Ein fester Teil unseres Angebots ist normalerweise das gemeinsame Planen, Einkaufen und Kochen des Mittagessens. Wenn das trotz der besonderen Hygienemaßnahmen nicht möglich ist, dann geht schon ein stückweit etwas verloren“, bedauert Birgit Engels. „Zudem konnten keine Ausflüge stattfinden, da zum einen die Personenobergrenze in unserem kleinen Bus einen Gruppenausflug nicht zuließ und zum anderen die meisten Ausflugziele wie Kegelbahnen, Ausstellungen oder Tierparks geschlossen waren.“

Birgit Engels leitet die Gemeindepsychiatrischen Angebote in Mayen und Adenau.
Birgit Engels leitet die Gemeindepsychiatrischen Angebote in Mayen und Adenau.

Gefragt nach den psychischen Auswirkungen für die in den GPBZ betreuten Menschen, wird Birgit Engels zunächst nachdenklich. Dann erzählt sie von einem kürzlich geführten Gespräch mit einem ihrer Klienten: „Herr W. sagte mir, dass der Lockdown für ihn keinen großen Unterschied mache, er habe keinen großen Freundeskreis, mit dem er sich treffen könne; ebenso wenig habe er ausreichend Geld, am Wochenende im Lokal essen oder ins Kino zu gehen. Zudem sei er auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen und könne ‚nicht einfach mal so wegfahren‘. Wenn er nicht in die Tagestätte komme, sei er es ohnehin gewohnt, alleine zu Hause zu sein. Einerseits freute es mich zu hören, dass Herr W. sich nicht eingeschränkt fühlte und somit durch die Pandemie nicht zusätzlich psychisch belastet zu sein schien, andererseits war dies aber auch eine ziemlich erschütternde Tatsache, über die ich auch in meinem sozialen Umfeld viel diskutiert habe.“ 

Psychisch kranke Menschen erleben „Dauerlockdown“

Wer Birgit Engels zuhört, der merkt wie sehr die Begleitung von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung auf den persönlichen Kontakt, das vertrauensvolle Gespräch und auch auf gruppendynamische Prozesse angewiesen ist. Und was es eben bedeutet, wenn beispielsweise weder persönliche finanzielle Mittel oder Mobilität gegeben sind. „Teilhabe kann nur im Zusammenwirken von unterschiedlichsten Facetten gelingen. Die Pandemie führt uns dies nochmal in anderer Form vor Augen.“ Für viele Bürgerinnen und Bürger sei es wohlmöglich das erste Mal im Leben zu wirklichen Einschränkungen gekommen. Einschränkungen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen in einer Art „Dauerlockdown“ erleben würden.

Begegnungen im KIS 

Die Kontakt- und Informationsstellen, kurz als „KIS“ bezeichnete Begegnungsstätten, sollen genau diese persönliche Isolation aufbrechen. Vertrauen in Form eines Angebots, dem „offenen Treff“, niederschwellig aufbauen. Konzeptionell bieten die KIS eine erste Anlaufstelle für Menschen die ansonsten vielleicht keine oder nur wenige soziale Kontakte pflegen. Doch auch auf diese Art von Begegnungsräumen muss in der Pandemie verzichtet werden erklärt Birgit Engels: „Unsere offenen Treffs, die durch Fachpersonal begleitet werden, sind in der Regel stark frequentiert. Sie sind ein fester Anlauf- und Treffpunkt sowohl von Menschen mit als auch ohne Beeinträchtigung aus Mayen und Adenau. Zwischen 15 und 20 Personen nutzen allwöchentlich dieses niedrigschwellige Angebot an den Standorten. Hier können sie sich durch eine Fachkraft zum Beispiel über sozialpsychiatrische Leistungen kostenfrei informieren und beraten lassen. Zudem zielt das Angebot auf den Austausch und die unverbindliche Kontaktaufnahme zu anderen Personen innerhalb und außerhalb des sozialpsychiatrischen Kontexts. Leider konnte der Offene Treff mit seinem bewusst niedrigschwelligen Zugang seit über einem Jahr nicht mehr stattfinden.“

Die Teams aus Mayen und Andernach setzen nun alles daran, durch die erfolgten Impfungen wieder in ruhigeres Fahrwasser zu kommen: „Wir sind glücklich, dass für unsere Klienten und Mitarbeitenden ein Impfangebot erfolgen konnte. Aktuell überarbeiten wir darüber hinaus unser Hygienekonzept für die Zeit nach der zweiten Impfung und hoffen, in Abstimmung mit dem Gesundheitsamt, die Lockerungen über einen langen Zeitraum beibehalten zu können. Sicherlich wird es für alle Beteiligten ein Highlight sein, wenn wir wieder gemeinsam kochen oder grillen können. Manchmal sind es eben die alltäglichen, vermeintlich kleinen Dinge, die man vermisst und neu zu schätzen lernt. Sicherlich auch, weil sie vor der Pandemie so selbstverständlich waren“, ist sich Birgit Engels sicher.

Kontakt: 

Das GPBZ Adenau steht für Informations- und Beratungsangebote rund um das Thema psychische Erkrankung zur Verfügung; telefonisch unter 02691/ 939755-0 oder per Mail: gpbz-adenau@bb-saffig.de

GPBZ Adenau, Hauptstraße 26, 53518 Adenau

Diese Angebote gibt es auch im GPBZ Mayen, Siegfriedstraße 6, 56727 Mayen, Tel.: 02651/70340, Mail: gpbz-mayen@bb-saffig.de

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