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16.02.2021

„So etwas möchte ich nie wieder erleben“

Der 44-jährige Christoph Kaub wollte im März vergangenen Jahres einfach nur Spaß haben und ein wenig Wintersport machen als er in den Skiurlaub nach Ischgl/Tirol fuhr. Die Berichte über das Coronavirus nahm er zwar wahr, aber es erschien ihm noch sehr weit weg. Selbst als er befürchtete, sich angesteckt zu haben, hatte er keine Bedenken, denn eine Infektion mit dem Coronavirus ist nur für ältere Menschen gefährlich – so dachte er wenigstens. Dass es aber auch für junge und gesunde Menschen gefährlich sein kann, musste er am eigenen Leib erfahren – fast fünf Monate hatte er mit den Folgen zu kämpfen.

Christoph Kaub, Anfang März 2020

Samstag (07.03) bis Freitag (13.03.2020), Ischgl/Tirol

Anfang März 2020 fuhr ich in den Urlaub nach Ischgl in Tirol. Zu Beginn des Urlaubs war Corona noch ziemlich weit weg. In den Medien wurde zwar über die Lage in Südtirol berichtet, Österreich war zu dem Zeitpunkt aber noch nicht offiziell als Risikogebiet eingestuft. Im Laufe der Urlaubswoche eskalierte das Thema jedoch immer weiter. Mittwochs stand fest, dass ab Samstag ganz Tirol den Skibetrieb für den Rest der Saison einstellen wird. Freitags sollte der letzte Tag sein, an dem Skifahren noch möglich, war und auch wir wollten die Heimreise antreten. An diesem Tag erreichte das Corona-Geschehen den Höhepunkt. Mittags informierte uns unsere Vermieterin, dass das ganze Tal ab dem Nachmittag polizeilich abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt werden soll und eine Ausreise nur noch mit einer Bescheinigung des Vermieters möglich wird, die sie selbst aber noch nicht vorliegen hatte. Sie gab uns den Tipp, so schnell wie möglich zu versuchen, das Tal zu verlassen. Das taten wir in höchster Eile und hatten 45 Minuten später die Abfahrt gemeistert, das Gepäck zusammengepackt und das Auto beladen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich wie in jedem Skiurlaub einen leichten Husten und ging nicht von einer Ansteckung aus. Für den Fall einer Ansteckung hatte ich keine Befürchtungen vor Corona und nahm an, dass das kein Problem für mich sein würde. Nach den Medienberichten war Corona gefährlich für ältere Personen und solche mit Vorerkrankungen.

Samstag (14.03.) bis Sonntag (15.03), Rhens/Deutschland

Aufgrund der sich zuspitzenden Lage in Ischgl hatte ich mit meiner Frau besprochen, dass ich mich bei der Ankunft zuhause erst einmal im Keller in eine selbstgewählte Quarantäne begebe. Sie hatte das Zimmer in der Zwischenzeit gemütlich für mich hergerichtet. Obwohl ich nicht an einen schweren Verlauf bei jungen und gesunden Menschen dachte, wollte ich doch niemanden anstecken. Samstags ließ ich mich auf das Coronavirus testen, um Klarheit zu schaffen, ob eine Infektion vorlag oder nicht.

Das Ergebnis kam direkt am Sonntagabend. Die Polizei kontaktierte mich und teilte mir mit, dass mein Testergebnis positiv sei und ich mich nun in Quarantäne begeben müsse. Zudem wurden Informationen zu den Kontaktdaten der Mitreisenden angefragt. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits stärkeren Husten, war aber sonst noch topfit. Daher war mein erster Gedanke, nun die nächsten Tage auf der Arbeit zu organisieren, die Mitreisenden zu informieren und die notwendigen Daten für das Gesundheitsamt aufzubereiten. Angst um meine eigene Gesundheit hatte ich keine.

Meine Familie, Freunde und Kollegen waren auch noch sehr unaufgeregt, schließlich war das Thema damals noch so weit weg. Man kannte niemanden mit einer Infektion. Ich habe mir deswegen mehr Gedanken über die Organisation des Home-Office aus der Quarantäne heraus gemacht, als über meine Gesundheit.

Montag (16.03) bis Mittwoch (18.03.)

Montags ging plötzlich alles sehr schnell. Morgens besprach ich noch mit meinen Mitarbeitenden und Kollegen das weitere Vorgehen und mittags hatte ich schon hohes Fieber. Von da an konnte ich mich gar nicht mehr auf den Beinen halten. Den Dienstag verbrachte ich komplett im Bett und konnte nichts mehr essen. Da die Praxis meines Hausarztes zu diesem Zeitpunkt aufgrund einer Corona-Quarantäne ebenfalls geschlossen war, nahm meine Frau Kontakt zu einem benachbarten Arzt auf, um dessen Rat einzuholen. Der Mittwoch verging im Fieberschlaf.

Katholisches Klinikum Koblenz ∙ Montabaur, Marienhof
Katholisches Klinikum Koblenz ∙ Montabaur, Marienhof

Donnerstag (19.03.), Katholisches Klinikum Koblenz ∙ Montabaur, Marienhof

Donnerstags stellte mich meine Frau vor die Wahl, entweder mit dem Notarzt oder mit ihr zum Krankenhaus zu fahren. Ihr Ziel war die Corona-Ambulanz am Marienhof des Katholischen Klinikums Koblenz ∙ Montabaur. Ich nahm ein fiebersenkendes Medikament, um für die Fahrt aus dem Bett zu kommen. Dadurch fühlte ich mich kurzzeitig wieder so fit, dass ich beschloss, selbst zu fahren, um meine Frau nicht anzustecken.

Mit einer stationären Aufnahme habe ich überhaupt nicht gerechnet. Ich ging davon aus, dass ich ein Mittel gegen das Fieber erhalte und danach wieder selbst nach Hause fahre. Ich hatte auch nur eine Zahnbürste für den Fall eingesteckt, dass die Untersuchungen doch eine Übernachtung erfordern würden. Unter Atemnot litt ich nicht, dementsprechend habe ich nicht erwartet, dass SARS-CoV-2 schon meine Lunge befallen hatte.

Als es nach dem ersten Röntgen der Lunge hieß, ich müsse über Nacht auf der Isolierstation bleiben, um am folgenden Freitag eine CT-Aufnahme der Lunge zu machen, war ich aber noch nicht nervös. Unruhig wurde ich erst, als ich den Weg zum CT im Rollstuhl gefahren wurde, da die Sauerstoffsättigung im Blut bereits sehr gering war.

Der Ernst der Lage wurde mir bewusst, als mir nach dem CT mitgeteilt wurde, dass ich nun auf die Intensivstation verlegt werde, um besser überwacht und im Notfall auch schnellstens intubiert und künstlich beatmet zu werden. Jetzt machte ich mir keine Gedanken mehr über die Fahrt nach Hause, sondern fragte mich, ob ich das Krankenhaus überhaupt wieder lebend verlasse. Als ich auf der Intensivstation an die ganzen Geräte angeschlossen wurde, fühlte ich mich wie in einem schlechten Traum, ohne Möglichkeit aufzuwachen.

Für meine Frau war diese Situation sehr belastend, insbesondere, da ihr auch keiner sagen konnte, wie sich der weitere Verlauf prognostizieren lässt. Zu der Zeit gab es noch zu wenige Erkenntnisse. Die Pflegerinnen und Pfleger haben die Situation mit ihrer herzlichen Betreuung und aufbauenden Worten etwas aufgefangen. Meine Frau konnte jederzeit anrufen und sich nach meinem Zustand erkundigen.

Vier Tage lang wurde Christoph Kaub über eine Atemmaske beatmet.

Freitag (20.03.) bis Montag (23.03.)

Vier Tage lang wurde ich auf der Intensivstation rund um die Uhr überwacht und über eine Atemmaske beatmet. Intubiert und ins künstliche Koma wurde ich glücklicherweise nicht verlegt. Dr. Jutta Kappes, Chefärztin der Pneumologie am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur, hat mich von Anfang an bestens betreut und über das weitere Vorgehen informiert. Auch, dass sie bei mir von den Standard-Behandlungsempfehlungen abweichen wird, da diese in meinem Fall bereits eine Intubation mit künstlichem Koma vorgesehen hätte. Um damit verbundenen negativen Auswirkungen zu vermeiden, erhielt ich eine zu diesem Zeitpunkt neue Therapie und wurde über eine Maske beatmet.

„Wir haben früh einen sehr guten Weg gefunden“

Auszug aus einem Interview mit Dr. Jutta Kappes

Dr. Jutta Kappes,  Chefärztin der Pneumologie am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur. (Archivbild)
Dr. Jutta Kappes, Chefärztin der Pneumologie am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur. (Archivbild)

Im März gingen wir davon aus, dass unter der sogenannten invasiven Beatmungstherapie bei Covid-19 nur rund zehn bis 20 Prozent der Patienten überleben. Wir sind bewusst einen anderen Weg gegangen und haben statt der initial empfohlenen frühen Intubation Atemtherapietechniken und nichtinvasive Beatmungsmethoden genutzt.

Wir haben Atemtherapietechniken und nicht invasive Beatmungsmethoden genutzt, die in dieser Intensität in Italien oder den USA beispielsweise nicht genutzt wurden. Alle beteiligten Ärzte und auch ich sind mehrfach am Tag zu den Patienten gegangen, um den klinischen Zustand zu kontrollieren. Unsere Pflegekräfte haben sogar rund um die Uhr alle zwei Stunden die Atemfrequenz, die Temperatur und die Sauerstoffsättigung im Blut gemessen. Hat sich ein Wert, insbesondere die Atemfrequenz, verändert, haben wir sofort die Atemtherapie intensiviert, oft auch eine CPAP-Therapie eingeleitet, eine maschinelle Unterstützung der Atmung – auch wenn der Patient noch stabil war und die Veränderung nicht gespürt hatte. Somit konnten wir meiner Meinung nach bei alten Menschen und Risikogruppen mit schweren Begleiterkrankungen einen komplizierten Krankheitsverlauf oder auch die Notwendigkeit der invasiven Beatmung vermeiden. All dies geschah immer unter vollständiger Schutzkleidung, was eine zusätzliche Belastung für alle Beteiligten war.

Dienstag (24.03.) bis Freitag (03.04.)

Nach vier Tagen auf der Intensivstation konnte ich wieder auf die Isolierstation zurückverlegt werden. Mein Immunsystem war sehr angegriffen, deswegen breitete sich zusätzlich zu der Covid-Lungenentzündung noch eine bakterielle Lungenentzündung aus. Weitere elf Tage auf der Isolierstation waren nötig.

Auf der Intensivstation sowie auf der anschließenden Isolierstation war ich alleine. Da ich selbst infektiös und somit eine Ansteckungsgefahr war, kamen Pflegekräfte und Ärzte immer in voller Schutzkleidung ins Zimmer. Ich konnte nur die Augen durch die Schutzbrillen sehen. Diese Einsamkeit war das Schlimmste. Geholfen haben die Videotelefonate mit meiner Familie. Auch wenn ich selbst aufgrund von Luftnot nicht viel sprechen konnte, hat mir das geholfen und mich durch diese Zeit gebracht. Die Pflegekräfte trugen das Übrige dazu bei, um mich aufzumuntern und zu unterstützen. Auf beiden Stationen wurde ich absolut herzlich behandelt und es wurde alles für mich getan. Das war im Nachhinein eine tolle Erfahrung.

4. bis 17. April, Rhens

Nach dem zweiwöchigen Krankenhausaufenthalt stand erst mal wieder eine 14-tägige heimische Quarantäne im Kellergeschoss an. Die meiste Zeit verbrachte ich mit Schlafen. Als Folge der Covid-Lungenentzündung in Verbindung mit einer bakteriellen Lungenentzündung war meine Lunge ziemlich mitgenommen. Ich musste einen Sauerstoffgenerator zu Hause nutzen, um genug Luft zu bekommen. Aber ich war froh, wieder zu Hause zu sein und meine Familie zumindest durch die Tür auf Abstand wieder zu sehen und mit ihnen zu sprechen.

18. bis 29. April, Katholisches Klinikum Koblenz ∙ Montabaur, Marienhof

Am ersten Tag nach Ablauf der Quarantäne stieg das Fieber wieder und ich fühlte ein Stechen in der Brust. Zurück im Marienhof stellte sich heraus, dass die Infektion die Lunge so stark geschädigt hatte, dass Bakterien in den Zwischenraum zwischen Rippen und Lunge eindringen konnten. Diese hatten sich derart vermehrt, dass der rechte Lungenflügel zum Teil kollabierte. Es wurde eine Drainage gelegt und ich bekam Infusionen. Einerseits war ich sehr enttäuscht wieder auf dem Marienhof zu sein, weil ich Angst hatte, dass der Wahnsinn nie ein Ende hat, auf der anderen Seite war ich wirklich froh wieder dort zu sein, weil ich wirklich unerträgliche Schmerzen hatte. Zum Glück konnte ich die zehn Tage auf der normalen Station ohne Isolation verbringen.

12. Mai bis 2. Juni, Hufeland-Klinik in Bad Ems

In der anschließenden Reha war meine körperliche Leistung zu Beginn noch sehr eingeschränkt. Fußmärsche oder Treppensteigen führten schnell an meine Belastungsgrenze. Die drei Wochen nutze ich vor allem für sportliche Betätigung und konnte am Ende wieder einigermaßen am normalen Leben teilnehmen.

In der Reha traf ich zwei Männer, die ebenfalls eine Corona-Infektion durchlebt hatten. Die beiden waren etwas jünger als ich und waren, im Gegensatz zu mir, mittels Intubation künstlich beatmet worden. Sie spürten deutlich mehr negative Auswirkungen als ich.

15. Juni 2020, Rhens

Nach insgesamt drei Monaten Krankenhaus, Quarantäne und Reha nahm ich endlich meine Arbeit im Home-Office wieder auf. In den drei Wochen bis zum Sommerurlaub spürte ich jedoch noch deutlich die Folgen meiner Erkrankung. Fast täglich erlebte ich intensive untertägige Erschöpfungsphasen, sodass ich manches Mal tagsüber im Sitzen einschlief.

4. bis 26. Juli 2020

Heute spürt Christoph Kaub keine negativen Auswirkungen mehr.

Es folgten drei Wochen Sommerurlaub, die ich wieder intensiv mit Sport und körperlicher Betätigung im heimischen Garten verbrachte. Erst im Anschluss an den Urlaub, 4,5 Monate nach der Corona-Infektion, fühlte ich mich wieder so leistungsfähig wie zuvor. Geblieben sind ansonsten glücklicherweise nur einige graue Haare mehr als zuvor.

Februar 2021

Heute geht es mir wieder bestens. Die sportliche Betätigung, die ich in der Reha anfing, habe ich weitergemacht. Ich fahre seitdem viel Fahrrad und habe mir zuhause ein Sportzimmer eingerichtet. Negative Auswirkungen verspüre ich keine mehr.

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