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01.06.2021

Kitas in Zeiten von Corona

Wie geht es Kindern in der Pandemie?

Der Alltag hat sich während Corona verändert, das ist auch in den Kindergärten zu spüren. Welche Auswirkungen die Maßnahmen auf Kinder haben, berichtet Schwester Sabine Wagner, Leiterin der Kindertagesstätte Marienkäfer am Marienhof Koblenz.

Archivbild von Sr. Sabine Wagner.
Archivbild von Sr. Sabine Wagner.

Wie haben die Kinder die erste Zeit im Lockdown wahrgenommen?

Die ersten Tage und Wochen, in der keiner wusste wohin uns die Pandemie führen wird, waren ein großer Einbruch für die Kinder. Am 16. März 2021 wurden offiziell alle Kitas geschlossen. Da aber die Kita Marienkäfer eine Betriebskita ist, die zu einem Krankenhaus gehört, hatten wir immer eine Notgruppe für die Kinder offen. Diese Notbetreuung unterlag strengen Vorgaben, so waren in der Anfangszeit nur sehr wenige Kinder in der Einrichtung, für die die fast leere Kita ungewohnt und irritierend war. Der von heute auf morgen total veränderte Alltag, die Ungewissheit, Sorgen und Ängste der Erwachsenen haben sich auf die Kinder übertragen. Auch sie entwickelten mitunter Ängste, waren verunsichert und wussten nicht was passiert.

Wie ging es weiter?

Auf Anordnung der Landesregierung richteten wir fünf Settings ein - kleine konstante Betreuungsgruppen, die sich nicht miteinander vermischen durften. Die Zuordnung der Kinder orientierte sich an den Dienstzeiten der Eltern im Katholischen Klinikum Koblenz ∙ Montabaur. Da auch der Krankenhausbetrieb auf das Notwendigste heruntergefahren wurde, bedeutete das für die Kinder, dass manche wie gewohnt fünf Tage in die Kita kommen durften, andere dagegen nur vier, drei oder zwei Tage.

In den Settings wurden Kinder von ihren Freunden getrennt: Sie durften sich nicht besuchen und nicht mehr miteinander spielen, selbst wenn sie sich aus der Ferne im Flur oder auf dem Spielplatz sahen. Für Kinder nicht verständlich: Vorher durfte man überall hin, plötzlich war alles eingeschränkt. Wie im privaten Leben wurden auch die Kontakte in der Kita bewusst reduziert. Manche Kinder schlussfolgerten daraus: „Wenn ich in die Kita gehe oder mit anderen Kindern spiele, werde ich krank oder stecke meine Mama, meinen Papa oder meine Großeltern an und dann werden diese auch krank.“ Der erste Lockdown ging an keinem Kind spurlos vorbei, ob es nun zu Hause war oder in die Kita gehen durfte.

Wie sind Sie diesen Ängsten begegnet?

Mit besonderer Aufmerksamkeit und hoher Achtsamkeit hörten die Erzieherinnen den Kindern zu und nahmen dabei ihre Äußerungen sehr ernst. Jede Frage eines Kindes ist berechtigt. Corona und die Pandemie werden offen angesprochen und kindgerecht vermittelt. Kindern, die über längere Zeit zuhause waren, schickten wir per Mail immer mal wieder einen Gruß aus der Kita oder riefen sie an. Wir wollten ihnen vermitteln, dass wir da sind, an sie denken und uns freuen wenn sie wieder kommen.

Haben sich die Kinder gefreut, wenn sie wieder kommen durften oder kam es in der Folge zu herzzerreißenden Abschieden vor der Tür?

Ja, die Kinder haben sich sehr gefreut wieder in die Kita zu kommen und mit anderen spielen zu dürfen. Die Rückkehr der Krippenkinder, vor der wir die größte Sorge hatten, wurde mit den Eltern genau besprochen und geplant. Wir waren erstaunt, wie unproblematisch es auch hier bei den meisten Kindern verlief.

Archivbild
Archivbild

Wie ist die Situation heute?

Seit August 2020 sind wir im „Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen“ und alle Kinder dürfen wieder kommen. Die Kita ist in drei Bereiche unterteilt, denen die Kinder und die Erzieherinnen fest zugeordnet sind. Gemeinsame Räume, wie beispielsweise der Spielflur, der Turnraum oder das Außengelände dürfen nur zeitversetzt von den Betreuungsgruppen genutzt werden. Die Betreuungsgruppen sollen sich nach wie vor nicht durchmischen, aber die Kinder sind wieder mit ihren Freunden in „ihren“ Gruppen zusammen, haben mehr Kinder als Spielpartner zur Verfügung und sind bei „ihren“ Erzieherinnen. Für die Kinder ist das jetzt soweit in Ordnung, auch wenn es immer noch pandemiebedingte Einschränkungen und Vorgaben gibt.

Ist die Maske ein Problem für die Kinder?

Anfangs war die Maske für alle ungewohnt. Unterdessen ist sie für die größeren Kinder kein Problem mehr. Sie kennen das mittlerweile aus dem Alltag – überall, wo man hinkommt, tragen die Leute Maske. Nicht so bei den kleineren Krippenkindern: Kleinkinder reagieren viel auf Gestik und Mimik. Die Interaktion mit dem Kind, sowie die gesamte Sprachförderung werden durch die Maske erheblich erschwert. Auch die Sichtschilde sind unpraktisch und bergen bei der körperlichen Nähe die die Kleinen benötigen, eher eine Verletzungsgefahr als dass sie einen Schutz darstellen.

Wie ist das bei Kleinkindern, die neu in die Krippe kommen?

Die Eingewöhnung bei Kleinkindern hat sich erheblich verändert. Die Kinder, die in den letzten 14 Monaten geboren wurden, kennen kein Leben vor Corona. Aufgrund der allgemeinen Kontaktreduzierung haben sie keine oder nur sehr wenige Kontakte zu anderen Erwachsenen und Kindern gehabt, auch innerfamiliär. Diese Kinder kennen oft nur ihre Eltern und zwar ohne Maske. Plötzlich sind sie bei einer fremden Person, die sie nicht richtig sehen können und die durch eine Maske mit ihnen spricht. Dementsprechend schwer fällt es ihnen, eine Beziehung aufzubauen. Die Erzieherinnen müssen sehr intensiv daran arbeiten, das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. 

Was man nicht vergessen darf: Auch für die Eltern ist das eine schwere Situation. Sie übergeben ihr Kind an eine Person, die auch sie noch nie ohne Maske gesehen haben. Geduld und Ausdauer ist von allen Beteiligten bei der Eingewöhnung gefordert.

Welche weiteren Veränderungen konnten Sie an den Kindern beobachten?

Alle Freizeiteinrichtungen sind geschlossen worden: Schwimmen oder Aktivitäten im Sportverein waren nicht mehr möglich, Tierparks, Zoos und selbst die öffentlichen Spielplätze wurden im ersten Lockdown geschlossen. Dadurch wurden den Kindern viele Bewegungsmöglichkeiten genommen. In Folge dessen sind die Kinder unruhiger geworden. Wir versuchen dem Bewegungsdrang so gut es geht in der Kita Raum zu geben und gehen unter anderem viel nach draußen.

Zu beobachten ist auch ein Unterschied im Regelverhalten der Kinder. Zuhause, wo oft nur ein oder zwei Kinder sind, lassen die Eltern eher mal was durchgehen, das ist verständlich. Aber in einer Gemeinschaftseinrichtung in der Viele sind ist das nicht möglich. Wir haben klare Regeln, die die Kinder eigentlich schon kannten, und die wir jetzt neu einüben müssen. Zum Beispiel aufräumen, bevor ich ein neues Spiel anfange oder andere ausreden lassen, bevor ich etwas sagen kann.

Ganz deutlich merken wir die Auswirkung der Kontaktbeschränkungen am Wortschatz der Kinder, insbesondere bei denen, die mehrsprachig aufwachsen. Da sie weniger mit anderen deutsch gesprochen haben, hat sich der Wortschatz nicht in dem Maße erweitert, wie er es sonst tut. Eine Sprache lernt man durch das aktive Hören und Sprechen und die Fähigkeit sich auszudrücken durch den Austausch untereinander.

In die Kindergartenzeit fallen ja gewöhnlich auch viele Feste. Wie fangen Sie das auf?

Bis auf das große gemeinsame Sommerfest der Kita werden alle Feste mit den Kindern gefeiert. Zwar dürfen wir die Feste nicht gruppenübergreifend feiern, aber die Erzieherinnen machen es trotzdem schön und festlich, entsprechend dem Alter der Kinder die sie in der Gruppe betreuen. Selbstverständlich wurden im vergangen Jahr auch die angehenden Schulkinder mit einem eigenen Gottesdienst, mit Grillen und einer Nachtwanderung gebührend von der Kita verabschiedet. Zwar durften ihre Eltern bei der Feier leider nicht dabei sein, dennoch hatten die Kinder sehr viel Freude und sind alle glücklich nach hause gegangen.

In Ihrer Kita sind nur Kinder von berufstätigen Eltern, wie gehen diese mit der Doppelbelastung um?

Meiner Meinung nach gehören Familien zu den Gruppen in der Gesellschaft, die mit die größte Belastung in der Pandemie zu tragen haben. Neben dem wichtigen Dienst im Krankenhaus und den Herausforderungen, die durch die Pandemie dort zusätzlich zu bewältigen sind, wollen die Eltern selbstverständlich auch gut für ihre Kinder da sein. Gleichzeitig ist der Betreuungsaufwand während der Pandemie für die eigenen Kinder gewachsen, weil die Kita-Betreuung eingeschränkt und Schulen geschlossen oder im Wechselunterricht sind. Betreuungsunterstützung durch Großeltern oder Freunde sind durch die Kontaktbegrenzungen und Lockdown weggefallen. Ausgleichende Freizeitaktivitäten waren für die Familie nicht möglich. Berufstätige Eltern leben in einem ständigen Spagat. Es gelingt nicht auf allen Ebenen 100% da zu sein, wenn dann die Geduld mit den Kindern kleiner wird, ist das gut nachvollziehbar, aber nicht für die Kinder. Die Familien sind am Limit! Es wird Zeit, dass die Pandemie endet.

Vielen Dank für das Gespräch. 

Das Gespräch führte Julia Gröber-Knapp.

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