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Umzug ins Seniorenheim

Drei Kinder, ein eigenes Geschäft – langweilig wurde es Rita Birster nie. Mit 93 Jahren hat sie sich bewusst entschieden, ins Seniorenheim der Barmherzigen Brüdern Rilchingen zu ziehen. Der Schritt ist ihr leicht gefallen. Nicht nur, weil er gut überlegt war.

 
 

Der Nachmittag hat gerade erst begonnen, aber die Sonne steht schon tief über dem Saartal. Doch sie scheint hell genug, um das Zimmer auszuleuchten, in dem Rita Birster seit ein paar Wochen wohnt. 

Aufrecht sitzt die 93-Jährige an einem kleinen Holztisch vor der Fensterfront zum Balkon, vor ihr stehen zwei Stücke Streuselkuchen – eins für sie, eins für ihren Gast. Von hinten dringen die Sonnenstrahlen durch ihr sorgfältig gelegtes Haar. Darunter blicken keck zwei wache Augen. Ihr Mund zeigt ein verschmitztes Lächeln.

Rita Birster ist froh, sich für die Barmherzigen Brüder Rilchingen entschieden zu haben.
Rita Birster ist froh, sich für die Barmherzigen Brüder Rilchingen entschieden zu haben.

Zwei Institutionen

Wenn Rita Birster aus ihrem Leben erzählt, erlebt man eine Reise durch die deutsche Zeitgeschichte. 1925 geboren, hat sie fast ihr gesamtes Leben in Kleinblittersdorf an der Oberen Saar verbracht, die hier die Grenze zu Frankreich markiert. Als die Försterstochter aufwuchs, hieß die Gegend noch „Saargebiet“ und wurde seit Ende des Ersten Weltkriegs 1918 vom Völkerbund verwaltet. Die Barmherzigen Brüder aus Trier hatten sich erst wenige Jahre zuvor im Ortsteil Rilchingen niedergelassen, betrieben seit 1917 das Kurhaus an der Heilquelle und ein Kinderheim. 

Einige von ihnen kamen die Familie Birster in der nahen Gehlbacher Mühle besuchen, die damals als Forsthaus diente. „Die Brüder kamen zu Weihnachten und auch, als mein Bruder geboren wurde“, erzählt die alte Dame. „Man kann sagen, wir waren Freunde.“ 

Sie spricht anerkennend und respektvoll von den Ordensbrüdern, aber nicht ehrfürchtig, sondern auf Augenhöhe – vielleicht weil sie selbst so etwas wie eine Institution ist in Kleinblittersdorf: 70 Jahre lang hat sie in ihrem Tabak- und Zeitschriftenladen im Ortskern Kunden bedient – zunächst an der Seite ihres Mannes Paul und, seit dessen Tod vor 20 Jahren, mit ihrem jüngsten Sohn Bertram: „Die Stammkunden fragen jedes Mal nach meiner Mutter und lassen ganz herzliche Grüße ausrichten“, berichtet der 61-Jährige. „Bis letzten Sommer hat sie ja noch stundenweise im Laden gestanden.“ 

Eine gereifte Entscheidung

Doch Mitte 2017 stürzte sie in ihrer Wohnung über dem Ladenlokal – einmal, ein weiteres Mal. „Nach dem letzten Sturz lag sie fast eine Stunde dort, bis wir es bemerkten“, berichtet ihr Sohn. Im Krankenhaus in Saarbrücken sagte man ihr, sie habe Glück gehabt: starke Prellungen, aber keine Knochenbrüche. Dennoch sei es Zeit, sich von der Wohnung mit den steilen Treppen zu verabschieden, berichtet Rita Birster sachlich: „Und da habe ich gesagt, sie sollen mich gleich zu den Barmherzigen Brüdern nach Rilchingen entlassen.“ 

„Das war eine große Erleichterung für uns alle“, gesteht Bertram Birster. Die Familie habe sich schließlich Sorgen um die Zukunft seiner Mutter gemacht – auch wenn es um ihre Gesundheit allgemein durchaus gut bestellt sei: „Es war ihre Entscheidung, und sie hatte, wie wir dann erfuhren, bereits ein halbes Jahr darüber nachgedacht.“ Rita Birster bestätigt das: „Den Entschluss hatte ich längst getroffen, nach dem letzten Sturz war es dann eben so weit.“ 

Das Wirtschaftswunder kommt

Den geliebten Laden hinter sich zu lassen, war dennoch ein tiefer Einschnitt. Ihr Ehemann Paul Birster hatte ihn als Entschädigung erhalten, nachdem er 1946 bei einem Minenunfall sein Augenlicht verloren hatte: „Mein Mann war damals sehr unglücklich“, erzählt Rita Birster. „Und meine Mutter schimpfte, dass man dem armen Mann auch noch ein eigenes Geschäft aufhalste.“ 

Trotzdem eröffnete das frisch verheiratete Paar 1949 den Laden und lernte schnell, ihn zu führen. Dass Paul Birster blind war, hinderte ihn nicht daran, zielsicher die Produkte aus dem Regal zu greifen und Geld zu zählen. „Und anfangs hatten wir ja noch zwei Währungen!“, erinnert seine Witwe. Denn das Saarland, wie es inzwischen hieß, war damals französisch besetzt, und der Franc war offizielle Währung. Die Reichsmark und ab 1948 die D-Mark fungierten daneben als inoffizielle Zahlungsmittel, bis das Saarland 1959 wirtschaftlich in die Bundesrepublik Deutschland eingegliedert wurde. 

Die staatliche Entschädigung erwies sich als wahrer Segen, wie die 93-Jährige erzählt: „Der Laden hat meinen Mann so glücklich gemacht!“ Und auch wirtschaftlich lief es gut. Schon zu französischen Zeiten machte sich das Wirtschaftswunder auch im Saarland bemerkbar. 1954 bauten die Birsters das Wohn- und Geschäftshaus, in dem Sohn Bertram mit seiner Frau noch heute lebt und arbeitet. Einen gewissen Anteil daran hatten auch die Barmherzigen Brüder: „Wir haben ihnen den Tabak für die Kurgäste geliefert, besonders für die Bergleute“, erinnert sich Rita Birster. 

Glücksfall

Auch wenn seit 2005 keine Brüder mehr in Rilchingen leben, die christlichen Werte prägen nach wie vor das Profil der Einrichtung für Senioren und Menschen mit Beeinträchtigungen. „Es freut uns, wenn Bewohner so viel mit den Barmherzigen Brüdern verbinden wie Frau Birster“, sagt Alfred Klopries, Hausoberer und Heimleiter. Es gebe viele Gründe, aus denen sich Menschen für das Seniorenzentrum in Rilchingen entschieden, weiß der Theologe. Aktuell entsteht ein neues Haus auf dem weitläufigen Gelände, um den Senioren einen noch besseren Service bieten zu können. Der Einzugsbereich, sagt Klopries, reiche bis ins 35 Kilometer entfernte Völklingen. Dass er Rita Birster sofort einen Platz anbieten konnte, sei ein Glücksfall gewesen. 
Von ihrem Balkon aus blickt Rita Birster direkt in die Gartenanlage. Dahinter sieht man die Saar und am anderen Ufer die ländlichen Ausläufer des französischen Saargemünd. „Hier ist man richtig in der Natur“, schwärmt die Försterstochter. „Wenn der Frühling kommt und Ostern, dann kann ich wieder länger spazieren gehen. Das wird schön.“ 

Neues Zuhause gefunden

Schon jetzt blickt sie gern aus dem Fenster, beobachtet die Singvögel, die auf ihren Balkon kommen: „Das Vogelhäuschen, das hat mein Sohn gleich in der ersten Woche angebracht“, sagt sie stolz.

Hier ist man richtig in der Natur. Wenn der Frühling kommt und Ostern, dann kann ich wieder länger spazieren gehen. Das wird schön. – Rita Birster

Ansonsten lese sie gern und schreibe Briefe an Verwandte und Freunde. „Und hier ist ja auch ganz schön Programm!“ Den Kuchen auf dem Tisch hat sie an diesem Morgen selbst mitgebacken und danach: „Sport nennen sie das, wenn wir so unsere Glieder schütteln“, schmunzelt sie. Aber Spaß mache das schon, und schließlich will sie ja auch bald wieder besser zu Fuß sein. 

Ihre Entscheidung, ins Seniorenzentrum der Barmherzigen Brüder Rilchingen einzuziehen, habe sie keine Sekunde bereut. Ihre Mitbewohner, sagt sie, habe sie zwar noch nicht so intensiv kennengelernt. Aber da sei sie guter Dinge. „Ach“, winkt sie ab, „mit denen werde ich mich schon verstehen.“ Mit dem Personal scherzt sie jedenfalls jetzt schon herum. Und was vielleicht noch wichtiger ist: „Die verstehen es wirklich, mit alten Leuten umzugehen. Und es gibt hier ja welche, die es wirklich schwer haben.“ 

Sich selbst zählt sie nicht dazu – obschon es nicht immer ganz leicht gewesen sei, 93 Jahre alt zu werden. „Aber wissen Sie: Ich hatte in meinem Leben eigentlich nie Langeweile, ich hatte meinen Mann, drei Kinder, das Geschäft, und ich hatte immer gute Laune“, sagt sie, „und: Ich liebe das Leben.“ 

Text: Jan D. Walter | Fotos: André Loessel

 
 
 
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