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12.10.2015

Raus aus der Schmerzfalle

Haben Sie es auch im Rücken? Oder am Knie? Dann sind Sie in guter Gesellschaft. Für mehr als eine Million Deutsche sind Schmerzen zu einem ständigen Begleiter geworden. Chronische Schmerzkarrieren können mit einer individuellen Therapie, die sehr unterschiedliche Ansätze vereint, beendet werden.

Dr. Bernd Schlei, Leitender Oberarzt in der Schmerztherapie. im Gespräch mit Melanie Gruna
Leider gibt es in puncto Schmerztherapie noch eine deutliche Unterversorgung in Deutschland. - Dr. Bernd Schlei
 

Oh, da kommt was …“ – wenn Melanie Gruna heute spürt, dass wieder ein Schmerzschub naht, ist sie vorbereitet und bleibt gelassen. Die 38-jährige Paderbornerin hat gelernt, mit ihren Kopfschmerzen und dem unangenehmen Kribbeln in ihren Beinen umzugehen. Gegen das Pochen im Kopf helfen ihr oft schon auf die Schläfen geträufeltes Pfefferminzöl und entspannende Musik, gegen das Kribbeln gezielte Übungen oder ein kleines Gerät, das die Nerven in den Beinen stimuliert.

All das hat Melanie Gruna bei ihrem stationären Aufenthalt in der Schmerztherapie im Brüderkrankenhaus St. Josef gelernt. Während der zwei Wochen wurde sie dort nicht nur medikamentös neu eingestellt, sondern hat dank der interdisziplinären Zusammenarbeit mehrerer Experten viele maßgeschneiderte schulmedizinische, naturheilkundliche und alternative Therapieangebote – etwa Akupunktur und Behandlung mit ätherischen Ölen – nutzen können. Sie brachten endlich die ersehnte Linderung. „Ich war vorher schon mal fünf Wochen in Reha – die 14 Tage hier haben mir viel mehr gebracht“, freut sie sich.

Erste Station: Schmerzambulanz

Hinter Gruna liegt eine halbe Odyssee, als sie nach drei Jahren voller Schmerzen und einem Arztwechsel in die Schmerzambulanz im Brüderkrankenhaus überwiesen wird. Die zweifache Mutter leidet seit Jahren unter einer Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem fälschlicherweise auch gegen gesunde, körpereigene Zellen kämpft. „Ich stelle mir die Krankheit wie Pac Man vor“, sagt die junge Frau – jene Spielfigur, die alles auffrisst, was ihr in den Weg kommt. Durch eine neurologische Schädigung hat sie zudem häufig Schmerzen in Füßen und Waden sowie chronische Spannungskopfschmerzen. Nach dem Termin in der Schmerzambulanz mit ausführlichen Vorgesprächen mit einem Arzt und einer Psychologin wird ihr ein stationärer Aufenthalt empfohlen.

„Wir sind für viele unserer Patienten oft der letzte Strohhalm“, weiß Dr. Bernd Schlei, Leitender Oberarzt in der Schmerztherapie in St. Josef. Viele haben zuvor einen Facharzt nach dem anderen aufgesucht – immer in der Hoffnung, nun endlich Hilfe zu bekommen. „Häufig haben die Patienten schon resigniert.“ Denn anders als bei einem akuten Schmerz, der sich schnell beheben lasse, sei beim chronischen Schmerz oft keine Ursachenbeseitigung möglich. „Chronische Schmerzen finden jeden Tag in gleicher Intensität statt – alles dreht sich für die Patienten nur noch um den Schmerz“, beschreibt Dr. Schlei den Teufelskreis. „Sie konzentrieren sich darauf, er wird zum Mittelpunkt im Leben.“ Die Folge: Rückzug von alltäglichen Aktivitäten, von der Arbeit, von Freunden und Freizeitaktivitäten.

„Ich bin auch privat gehandicapt“

So war es auch bei Melanie Gruna. „Man kann nicht mehr so wie vorher“, erinnert sich die Schmerzpatientin. „In der einen Stunde spiele ich noch mit meinem Sohn auf der Wiese Fußball, eine Stunde später geht gar nichts mehr, und ich muss mich hinlegen“, schildert sie die Folgen ihrer Erkrankung. „Ich bin auch privat gehandicapt und überlege drei Mal, ob ich zu einer Feier gehe, weil die Schmerzen wiederkommen können.“ Ihre Umschulung im Bereich Lagerlogistik musste sie abbrechen, jetzt kümmert sie sich ausschließlich um den Haushalt und ihre beiden 7- und 18-jährigen Kinder. Aber dank des Klinikaufenthaltes weiß sie sich nun zu helfen, wenn die Schmerzen kommen.

Denn von den Spezialisten hat sie auch wichtige Informationen zu ihrer Erkrankung bekommen. Etwa, dass ihre Schmerzen im Bein auf eine Überaktivität im Nerv zurückzuführen sind, der damit versucht, sich zu reparieren. Auch die Klinikpsychologin gab ihr wertvolle Tipps. „Ich bin nie zur Ruhe gekommen – wenn ich mir selbst Stress mache und aufgeregt bin, wird es schlimmer“, weiß Melanie Gruna. So kommt es dann häufig zu den Spannungskopfschmerzen.

Lernen, den Schmerz zu beherrschen

Solche Kopfschmerzen zählten zu den häufigsten Schmerzarten und seien oft auf psychische Belastungen zurückzuführen, erklärt Neurologin Tatjana Richter, die zum Team der sogenannten multimodalen Schmerztherapie gehört. „Innere Anspannung schlägt auf die Halsmuskulatur.“ Die Fachärztin behandelte Gruna unter anderem mit Akupunktur. Mehrmals während des stationären Aufenthaltes setzte sie die feinen Nadeln an sensible Punkte an. Auch Entspannungstechniken können das Auftreten von Schmerzen abfedern. Außerdem gelte es, die „Spielregeln“ umzudrehen, erklärt die Fachärztin: „Nicht der Schmerz beherrscht den Patienten, sondern der Patient soll lernen, die Schmerzen zu beherrschen“, so die Medizinerin.

Melanie Gruna hat besonders das sogenannte Tens-Gerät geholfen, ein Stromimpulsgeber, der an schmerzende Körperregionen angeschlossen werden kann. Mehrmals täglich wurde sie bei ihrem Klinikaufenthalt damit verkabelt und je nach Schmerzlage mit unterschiedlich starken Stromimpulsen stimuliert. „Danach habe ich immer ein besseres Gefühl in den Beinen“, freut sich die Patientin. Denn durch die Impulse wird das Gehirn vom Schmerz abgelenkt, „das Kribbeln übertönt sozusagen den Schmerz“, erklärt Dr. Schlei den Wirkmechanismus. Deshalb nutzt die Paderbornerin das Gerät nun auch zu Hause.

„Jetzt weiß ich, wie ich mich ablenken kann“

Dort kann sie auch mit ihrer Autoimmunerkrankung, die schubweise auftritt und verbunden ist mit einem großen Ruhe- und Schlafbedürfnis, besser umgehen. „Ich kann meine Zeit besser einteilen und weiß nun, wie ich trotz Schmerzen noch was erledigen kann.“ Körper- und Entspannungsübungen, die sie im Brüderkrankenhaus gelernt hat, baut sie in ihren Alltag ein. „Bei der Hausarbeit kann ich entspannende Musik hören, und beim Bügeln wippe ich mit den Füßen“, berichtet sie Dr. Schlei wenige Wochen später beim Kontrollbesuch. „Früher ist der Schmerz einfach gekommen, ich habe ihn richtig gehasst“, erinnert sich Gruna. „Jetzt weiß ich, wie ich mich ablenken kann. Und ich kann Schmerzen viel besser ertragen.“

Dr. Bernd Schlei wünscht sich, dass mehr Patienten wie Melanie Gruna geholfen wird. „Leider gibt es in puncto Schmerztherapie noch eine deutliche Unterversorgung in Deutschland“, bedauert der Oberarzt. Um eine Chronifizierung zu vermeiden, sei es wichtig, spätestens nach sechs Monaten einen auf Schmerztherapie spezialisierten Arzt aufzusuchen.

Bei Christel Fritsch sollte es mehr als doppelt so lange dauern, bis sie endlich wieder ohne Schmerzen stehen und liegen konnte. Über ein Jahr litt sie „an unerträglichen Schmerzen“. Bei der 73-Jährigen begann das Martyrium am 13. April 2014. An diesem Tag bekam sie ein neues Kniegelenk. „Als ich aus der Narkose aufgewacht bin, hatte ich schwere Schmerzen im Gesäß.“ In den folgenden Monaten erhielt die Seniorin „alle  möglichen  Diagnosen“  und  versuchte ihren atypischen Schmerz loszuwerden, nichts half. Schließlich wird bei ihr im Januar 2015 ein Bandscheibenvorfall diagnostiziert.

Besserung nach stationärer Schmerztherapie

Ihre Leidenszeit endet, als sie sich Mitte Mai einer zehntägigen stationären Schmerztherapie im St.-Marien-Hospital Marsberg unterzieht. „Wir haben wenig Zeit, über den Schmerz nachzudenken“, erklärt die Schmerzpatientin. Bis auf die Mahlzeiten ist der Kliniktag eng getaktet: körperliche Bewegung, gruppenpsychologisches Gespräch, Entspannungsübungen, Aromatherapie, Krankengymnastik oder Bewegungsbad und medizinisch-technisches Training „in der Muckibude“ stehen auf dem Programm, wie Christel Fritsch vorrechnet. „Mit dem Ergebnis bin ich sehr zufrieden. Ich hatte zwei Ziele: mit Schmerz umgehen lernen und Medikamente abbauen – beides ist gelungen“, freut sich die Seniorin am Ende ihres Aufenthaltes.

Daran, dass sich Christel Fritsch wieder bewegen  kann,  hat  auch Physiotherapeutin Gerlinde Fischer einen Anteil. Das Hauptproblem von Patienten mit chronischen Schmerzen sei ihre Unbeweglichkeit. „Aus Angst vor Schmerzen hören sie auf, sich zu bewegen, weil sie kein Zutrauen mehr in ihre Bewegung haben“, erklärt sie. Ziel sei es, durch Schonhaltung verhärtete Muskeln zu lockern und andere zu stärken. Die Physiotherapeutin setzt dabei – anders als bei passiven entspannenden Methoden wie Wärme und Massage – auf aktive und nachhaltige Mitarbeit des Patienten, etwa am Pezziball oder mit dem Theraband.

Jeden Tag trainieren

Auch Christel Fritsch  konnte  sie so ermutigen, wieder mehr  Vertrauen in ihren Körper zu bekommen und aktiver zu werden. Bis zur Entlassung bekam sie von der Bewegungsexpertin ein maßgeschneidertes Programm, mit dem sie jetzt auch zu Hause weitertrainieren kann. Es sei gar nicht „die Masse an Übungen“, die für den Erfolg sorgten, erläutert Gerlinde Fischer. Viel entscheidender  sei  „Effektivität  und Dauer – lieber drei Übungen regelmäßig und mehrmals am Tag als einmal 30 Minuten trainieren“. So lassen sich die Übungen auch leichter in den Alltag nach dem Klinikaufenthalt integrieren.

Christel Fritsch ist realistisch. „Ich muss weiter an mir arbeiten“, sagt die Seniorin. „Mit dem Schmerz zu leben, muss man in gewisser Weise lernen.“ Ihr positives Fazit nach den zehn Tagen in Marsberg: „Ich fühle mich befreit.“ Sie sei wieder in der Lage, sich „selbstständig und ohne großen Schmerz“ um ihren Haushalt und ihren Alltag zu kümmern. „Mir geht es jeden Tag ein Stückchen besser“, sagt sie und lächelt zufrieden.

TEXT: ANGELIKA PRAUSS | FOTOS: HARALD OPPITZ

Dr. Bernd Schlei praktiziert mittlerweile nicht mehr im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn. Das Leistungsspektrum besteht jedoch weiterhin. Gerne behandeln Sie nun Dr. Indira Ruch und Oliver Kramer im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn sowie Dr. Martin Leisin im St.-Marien-Hospital Marsberg.
 
 
 
 

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