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12.07.2014

Alltag auf der Palliativstation

Im September 2013 jedoch denkt Carla Rinner ans Sterben. Von den Onkologen am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim auf die Palliativ-Station der Klinik überwiesen, trifft sie Dr. Elisabeth Trost. Die Ärztliche Leiterin der Palliativeinheit nimmt sich Zeit, merkt, wie deprimiert die Patientin ist. Als Kosmetikerin hatte sie immer viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres gelegt, und so empfiehlt ihr die Ärztin einen Schminkkurs, den die Einrichtung für Krebspatientinnen anbietet. Bei der Erinnerung daran lächelt Carla Rinner wieder. „Es gab tolle Produkte“, erzählt sie, „und schöne Täschchen.“

Tagesablauf auf der Station

 

Die Arbeit auf der Palliativstation sei eine Herausforderung, betont Dr. Trost – alle Patienten leben hier mit der Diagnose „unheilbar“. „Dann gilt es zu erklären, dass es unterschiedliche Arten der Hoffnung gibt“, betont die Ärztin. „Es gibt die Hoffnung auf schmerzfreie Zeit, auf eine gute Zeit mit der Familie, darauf, Dinge zu regeln – und manchmal auch die Hoffnung auf ein gutes Sterben.“ Diese Hoffnung zu bestärken, sieht sie als ihre zentrale Aufgabe. 

Schöne Erinnerungen und lustige Anekdoten sind an der Tagesordnung, sagt Dr. Trost: „Wir lachen viel auf Palliativ.“ Die Ärzte nennen es „Freuden-Anamnese“, wenn ihnen die Patienten von den guten Dingen aus ihrem Leben erzählen. Nicht nur Carla Rinner hat auf diese Weise neue Hoffnung geschöpft. Immer mal wieder feiert jemand auf der Station seinen Geburtstag, sogar eine Hochzeit hat es schon gegeben. An diese festlichen Anlässe erinnern rote Schmetterlinge auf den Fenstern und hellgrüne Blumenaufsteller auf dem großen Tisch, der neben Mahlzeiten auch für die wöchentliche Teambesprechung genutzt wird. 

Auch der Klinikalltag wird den Patienten so angenehm wie möglich gemacht: Es gibt eine kleine Küche mit Mikrowelle und Smoothie-Maker, in der gemütlichen Sofa-Sitzecke liegen Zeitschriften bereit. Die drei Patientenzimmer sind groß genug, dass ein Angehöriger mitübernachten kann. Pflegerin Ida Oechsner lacht, wenn sie von ihrer Arbeit erzählt: „Wir haben die Patienten auch schon im Winter in ihren Betten nach draußen geschoben und ihnen Schnellbälle auf die Betten gelegt. Es ist wichtig, dass man mal rauskommt und nicht immer im Zimmer liegt.“ Sogar Haustiere sind gern gesehene Gäste auf der Station.

„Sie haben mir eine Zukunft geschenkt“, hat jemand in das Gästebuch der Station geschrieben. Viele Patienten sind dankbar, wenn sie medikamentös gut eingestellt sind und – wie Carla Rinner – wieder nach Hause gehen. Auch Angehörige bedanken sich: „Mut ist eine seltsame Kraft“, steht auf einer Seite, auf einer anderen: „Der ,Wunderstation‘ herzlichen Dank“.

Umgekehrt nehmen auch die Fachleute aus dem Umgang mit den Patienten etwas mit. Psychoonkologin Michaela Köll zum Beispiel ist beeindruckt von Carla Rinners Lebenswillen. „Als ich sie kennengelernt habe, war es medizinisch sehr schlecht um sie bestellt“, erinnert sich die Therapeutin, die Krebspatienten und deren Angehörige psychologisch begleitet. „Doch sie hat immer ausgestrahlt, dass sie einfach leben will.“ Eine schmerzlindernde Bestrahlung, Krankengymnastik und viele Gespräche halfen der krebskranken Frau, ihre Welt wieder zurückzuerobern. Köll betont, wie wichtig dafür die vermeintlichen kleinen Dinge des Alltags sein können. „Für Frau Rinner war zum Beispiel das Basteln ganz elementar.“ Anderen hilft Musik oder das Malen weiter – auch beides Therapieansätze auf der Palliativeinheit.

Warum hat es mich getroffen? in ein Wozu umwanden

 

Kunst und Musik führen zum Innersten

Kunsttherapie muss zum Patienten passen

 

Das alte Hobby war aber gleichzeitig ein Problem: Wenn die Kraft fehlt, die Häkelnadeln festzuhalten, dann sorgen sie eher für Frust als für Freude. Doch je belastbarer die Patientin durch die Therapie langsam wieder wurde, desto mehr Zeit räumte sie der Handarbeit ein: erst fünf, dann zehn Minuten am Tag. Inzwischen, zurück zu Hause, häkelt sie wieder viel. Zwei wollene Wellensittiche baumeln von der Decke ihres Wohnzimmers, in der Vitrine sitzen plüschige Hasen. Auf einem Eckregal stehen große und kleine Pandafiguren aus Ton neben dem Bild einer zierlichen Tänzerin – die China-Ecke der Rinners. Für die farbenfrohe Einrichtung ist ihr Mann zuständig, Carla Rinner arbeitet ihm gerne zu: „Gerade mache ich einen Wichtel“, verrät sie, ohne den Blick von ihren Wollknäulen abzuwenden.

Wenn ein Tief angerollt kam, hat sie sich früher oft schlafen gelegt, berichtet sie. „Im Schlaf geht es mit zwar besser, aber danach kommt die Flut an Sorgen mit voller Wucht zurück.“ Beim Häkeln dagegen sind ihre Gedanken fokussiert; sie freut sich, wie gut ihre Finger wieder mitmachen. Auch sonst ist sie kreativ: Für ihre Tochter Jessica schreibt sie zum Beispiel eine Geschichte. Das Schreiben hilft beim Verarbeiten ihrer Erfahrungen oder bringt sie auf ganz andere Gedanken. 

Hobbys und Familie geben Halt

„Gott nahe zu sein, ist mein Glück“, das Zitat aus einem biblischen Psalm steht auf der Kerze, die sie zum Schreiben oft anzündet. Carla Rinner sitzt im Esszimmer, der Kuli wandert in ruhigen Linien über die Seiten der Kladde mit der „Diddl“-Maus auf dem Cover. Wirklichkeit und Fantasie sind in ihrer Erzählung verwoben. Sie hält harmonische Erlebnisse mit ihrer Familie fest, aber auch schwierige Momente verarbeitet sie.

Verträumt wird sie, wenn sie mit ihrem Markus in Fotoalben blättert – alten und aktuellen. Die beiden haben sich kennengelernt, als Carla Rinner in den Ferien in Österreich war. „Er ist also ein Urlaubsmitbringsel“, sagt sie und lacht verschmitzt. Das Hochzeitsalbum sehen sie sich besonders häufig an. Er war 22, sie 24 Jahre alt. Bei einem Foto bleibt sein Blick hängen: „Ganz toll“, sagt er leise, beinahe flüsternd. Dasselbe Bild steht in klein auf der Anrichte, in einem herzförmigen Rahmen. Es zeigt die junge Carla Rinner, die an ihrem Hochzeitstag in die Ferne blickt, mit Blumen, hoffnungsvoll, lächelnd.

 

Blumen liebt sie immer noch, auch wenn sie bei der Gartenarbeit zur Zeit häufig etwas fallen lässt. Sie leidet an tauben Fingern, eine Folge der Chemotherapie, die auch gesunde Teile des Körpers angreift. Dennoch arbeitet sie gern in ihren Beeten in dem quadratischen Gärtchen hinter dem Haus. Das Gras ist gestutzt, die Erde frisch umgegraben. „Ich mache alles in meinem Tempo“, betont Carla Rinner. Einmal pro Woche geht sie zur ambulanten Chemo ins Caritas-Krankenhaus und zur Physiotherapie um die Ecke. Das Training hilft ihrer Rückenmuskulatur, die unter der Bestrahlung leidet.

Carla Rinner probiert ihre Perücken an
Carla Rinner probiert ihre Perücken an.
Carla Rinner probiert ihre Perücken an.
 

Auf den ersten Blick hat sich ihr Zustand im letzten Jahr nicht verschlechtert. Nur eine geschwollene Stelle unter ihrem linken Auge, ein so genanntes Lidödem, zeugt von der Krankheit. Wenn Carla Rinner ausgeht, trägt sie Halstücher mit Blumenmuster: Sie verdecken die ehemals so geschwollene Stelle an ihrem Hals, die nur langsam abheilt. Zu Hause dagegen geht sie oft mit Glatze. „Ich hab nun mal im Moment keine Haare, und es muss ja auch mal Luft an den Kopf“, erklärt sie. Draußen umhüllt Carla Rinner ihren Kopf mal mit Perücken, mal mit einem bunten Seidentuch. Eine Bekannte hat sie bereits mit wechselnden Perücken verwirrt, als sie sich an zwei aufeinanderfolgenden Tagen in der Innenstadt getroffen haben. „Die denkt sicher, ich geh ständig zum Frisör“, sagt sie und lacht übermütig.

Das Haus der Familie Rinner in den engen Gassen von Bad Mergentheim wirkt von außen ganz schmal. Drinnen ist es geräumig und mit viel Liebe zum Detail eingerichtet. Eine glitzernde Eidechse kriecht über die orangefarbene Wand des Esszimmers; Carla Rinner nennt es ihr „Afrikazimmer“: Im dunkelbraunen Einbauschrank stehen Figuren von Giraffen und Zebras. Im Regal steht eine goldene Oscar-Figur – „für die beste Mama“. Jessica und Benjamin hängen an ihrer Mutter, auch wenn der 17-jährige Sohn über die Krankheit nicht gerne spricht. Allerdings hat er ein paar enge Freunde, mit denen er über den Tod und seine Sorgen reden kann. „Das hilft mir“, räumt er ein. Manchmal betet er auch. Das kleine silberne Kreuz, das ihm seine Mutter zu Weihnachten geschenkt hat, trägt er täglich. Es ist ein Zeichen ihrer Verbundenheit, aber auch eine Art Talisman.

 

„Ich bin froh, dass ich weiß, wo ich zum Sterben einmal hingehen kann"

Jedes Erlebnis mit den Kindern ist für Carla Rinner auch ein kleiner Sieg gegen den Krebs. Jessicas Abiball haben sie bereits gemeinsam erlebt, den Abschluss von Benjamins Ausbildung wünscht sich die Familie als nächstes gemeinsames Etappenziel. Im Alltag planen sie nicht mehr lange voraus. Carla Rinner freut sich aufs Wochenende; Markus kocht Spaghetti, weil sie italienisches Essen liebt. „Ich bin dankbar für jeden Tag, an dem ich ohne Schmerzen aufwache“, sagt sie. Die Palliativstation „am Caritas“ ist von ihrer Wohnung zu Fuß erreichbar: „Ich bin froh, dass ich weiß, wo ich zum Sterben einmal hingehen kann – auch wenn ich hoffe, dass es bis dahin noch lange dauert.“

Dem Leben mehr Tage geben

 

Das Telefon klingelt. Tochter Jessica ist dran, sie kommt heute Abend später. Nachdem Familienvater Markus aufgelegt hat, läuft er schnell zurück ins Wohnzimmer: Jessica hat ihm ein Küsschen für die Mutter mit auf den Weg gegeben. Er trägt den Gruß symbolisch in beiden Händen zu seiner Frau aufs Sofa, küsst sie liebevoll auf die Wange. Hinter ihnen hängt ein Poster der Skyline von San Francisco an der Wand, einem Ort, an dem das Paar noch nie war. Carla Rinner blickt von der Häkelarbeit auf. „Da würden wir gern mal hinfahren“, sagt sie. Und sie lächelt wieder.

Der Augenblick wird wichtiger

 

Wir trauern um Carla Rinner, die am 27. Juli 2016 kurz vor ihrem 51. Geburtstag verstorben ist. 

Sie wollte, dass ihre Geschichte anderen Menschen Mut macht und Hoffnung gibt. 

  • Den Tagen mehr Leben geben

    Den Tagen mehr Leben geben

    Ein Lächeln huscht über Carla Rinners Gesicht. Wie sie ihre Lebensqualität einschätze, hat ihre Therapeutin sie gerade gefragt. Auf einer Skala von 1 bis 10: 1 ist sehr gut, 10 sehr schlecht. Die Brustkrebspatientin überlegt nicht lange: „Irgendwas zwischen 1 und 2“, sagt sie mit ihrer sanften, etwas brüchigen Stimme. Psychoonkologin Michaela Köll lächelt, streicht kurz über das Knie ihrer Patientin. „Ihren Lebenswillen habe ich von Anfang an gespürt“, sagt sie.   

     
 
 
 
 
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