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20.03.2020

Mobil mit künstlichen Gelenken

Schmerzen beim Gehen, Bewegen oder sogar im Sitzen - fortgeschrittene Arthrose kann das Leben von Betroffenen stark beeinträchtigen. Wenn konservative Methoden keinen Erfolg haben, bleibt als letzter Ausweg ein künstliches Gelenk. Das Brüderkrankenhaus in Paderborn hat sich auf das Einsetzen von Gelenkprothesen spezialisiert.

Mit Schwung steigt Albert Hedergott von seinem Fahrrad, einem Tourenrad, dem man ansieht, dass es schon viel herumgekommen ist. Schnellen Schrittes durchquert der groß gewachsene 64-Jährige die Empfangshalle, läuft an den Fahrstühlen vorbei und nimmt stattdessen die Treppe. Im ersten Stock geht er zur orthopädischen Station. Dieser Weg war für Albert Hedergott früher eine Herausforderung, erzählt er. "Ich hatte starke Schmerzen beim normalen Gehen, beim Treppensteigen oder beim Autofahren, wenn ich länger sitzen musste." Sogar wenn er sich nachts im Bett umdrehte, merkte er es im Rücken. Grund für die starken Schmerzen war eine Arthrose an beiden Hüftgelenken. Der 64-Jährige, der in der Kreisverwaltung in Paderborn arbeitet, hat sich daher zwei künstliche Hüftgelenke einsetzen lassen. Operiert hat ihn Professor Dr. Norbert Lindner, Chefarzt der Orthopädie. Sein Team verfügt über viel Erfahrung beim Einsetzen künstlicher Gelenke, sogenannter Endoprothesen. Gemeint sind Implantate, die natürliche Körperstrukturen ersetzen und in der Regel dauerhaft im Körper bleiben. Die orthopädische Klinik am Brüderkrankenhaus ist als Endoprothetikzentrum der Maximalversorgung mit dem höchsten Gütesiegel ausgezeichnet worden, die Qualität der Behandlung wird regelmäßig von unabhängigen Prüfern kontrolliert.

Hüftgelenkoperationen am häufigsten

"Wir führen im Brüderkrankenhaus jährlich rund 700 Kunstgelenkoperationen durch. Dazu gehören auch Schulter- und Knieendoprothesen, die Hüftoperationen machen jedoch den größten Anteil aus", erklärt Professor Lindner. 

Auch deutschlandweit gehören Hüft- und Knieoperationen zu den häufigsten Operationen überhaupt. Laut dem Statistischen Bundesamt haben 2018 knapp 240.000 Patienten in Deutschland eine Endoprothese am Hüftgelenk und rund 190.000 eine Kniegelenkprothese erhalten. 

In den meisten Fällen wird dann ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt, wenn Patienten an einer weit fortgeschrittenen Hüftarthrose leiden. Mit dem Begriff Arthrose wird allgemein der Verschleißprozess von Gelenken bezeichnet. Dabei wird die schützende Knorpelschicht durch Abnutzung dünner. Im Hüftgelenk, das das Becken mit dem Oberschenkel verbindet, liegt die Knorpelschicht zwischen Oberschenkelkopf und Beckenpfanne. Wenn der Knorpel verschleißt, steigt die Belastung der Knochen und mit der Zeit lässt die Beweglichkeit des Gelenks nach. In der Regel verläuft die Erkrankung schleichend über mehrere Monate oder sogar Jahre, erste Anzeichen sind oft Schmerzen im Hüft- und Lendenbereich bei Bewegung.

Zunächst „konservative“ Behandlung

Einen ähnlichen Krankheitsverlauf erlebte auch Albert Hedergott. "Es begann vor rund sieben Jahren. Ich hatte Schmerzen im Hüft- und Lendenwirbelbereich, wenn ich längere Strecken gelaufen bin", erinnert sich der 64-Jährige. Die Schmerzen seien, so erzählt er, mit der Zeit immer schlimmer geworden und hätten in den gesamten Rückenbereich ausgestrahlt. 

Albert Hedergott suchte daher ärztliche Hilfe. Sogenannte "konservative" Behandlungsmethoden sollten helfen: Er machte gymnastische Übungen und ging zur Physiotherapie. Als das nicht half, führte Professor Lindner bei dem Patienten eine Hüftgelenksarthroskopie durch, bei der der Knorpel geglättet wurde. Durch den Eingriff sollte das Fortschreiten der Arthrose verzögert werden. Da auch das nicht den erwünschten Erfolg brachte, bekam Albert Hedergott  Schmerzmittel mit entzündungshemmender Funktion verschrieben. 

"Es war frustrierend. Die Schmerzen nahmen immer mehr zu, sodass ich nicht mehr wandern, nicht mehr joggen konnte. Und zum Schluss fiel mir im Alltagsleben selbst das Gehen sehr schwer - was wirklich meine Lebensqualität eingeschränkt hat", erinnert er sich. Ihm ist anzumerken, dass es eine schwere Zeit für ihn war. Denn der Paderborner ist viel unterwegs und bewegt sich gerne - so spielte er etwa jahrelang Fußball bei einem örtlichen Verein.

Eingeschränkte Lebensqualität

"Eine Gelenkerkrankung wird immer erst konservativ behandelt. Erst wenn die konservative Behandlung keine schmerzfreie Mobilität erlaubt, können wir über die Möglichkeit einer Operation beraten", erklärt Chefarzt Lindner. Nach reiflicher Überlegung entschied sich Albert Hedergott vor rund zweieinhalb Jahren für eine OP, bei der ihm auf der rechten Seite ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt wurde. "Mit einem künstlichen Hüftgelenk wollten wir ihm eine dauerhafte Lösung bieten. Unser Ziel ist es generell, mithilfe der OP möglichst schonend die Lebensqualität und die Mobilität wiederherzustellen", sagt Professor Lindner.

Vorbereitung der OP

Operationen, bei denen ein verschlissenes Gelenk durch ein künstliches ersetzt wird, werden im Brüderkrankenhaus ausführlich vorbereitet, erzählt der Chefarzt. Mehrere Tage vorher kommen die Patienten ins Krankenhaus, wo sie geröntgt und über den Eingriff und die Betäubung informiert werden. Anhand dieser digitalisierten Röntgenaufnahmen plant der operierende Arzt mithilfe einer speziellen Software den Eingriff - ähnlich wie ein Architekt den Bau eines Gebäudes. "Wir wissen so im Voraus, welche Größe die Gelenkpfanne, die Gelenkkugel und der Schaft haben müssen", erklärt der Chefarzt. 

In der Operation wird zunächst der Hüftkopf des Oberschenkelknochens entfernt. Anschließend wird die Hüftpfanne ausgefräst, um verschlissenes Material zu entfernen und eine glatte Fläche für die künstliche Gelenkpfanne zu schaffen. Ein Teil des Oberschenkels wird entfernt, der Schaft wird in den Knochen eingesetzt und befestigt. Danach wird die künstliche Gelenkkugel auf den Schaft aufgesteckt und mit der neuen Pfanne zusammengeführt. Der Eingriff dauert meist nur eine Dreiviertelstunde und kann sogar mit lokaler Betäubung durchgeführt werden.

Möglichst kleine Schnitte

Professor Lindner und sein Team haben sich auf das sogenannte minimalinvasive Operationsverfahren spezialisiert, das auch unter dem Begriff Schlüssellochverfahren bekannt ist. Das bedeutet, dass der Operateur nur einen möglichst kleinen Hautschnitt macht. "Dadurch können wir nicht nur die Haut, sondern auch die darunter liegenden Muskeln schonen. Die Muskeln werden gedehnt, sie werden nicht abgelöst und nicht geschädigt", so Professor Lindner weiter. Außerdem würden so wichtige Strukturen wie Gelenkkapseln erhalten, und es werde blutarm operiert. 

Der Vorteil des minimalinvasiven Operationsverfahrens ist, dass keine Muskelverletzungen heilen müssen und dass der Körper insgesamt durch den Eingriff weniger belastet wird. Professor Lindner, der seit mehr als 25 Jahren operiert, zeigt sich begeistert: "Diese Entwicklung zur minimalinvasiven Operationsmethode ist ein Meilenstein in der Hüftchirurgie, weil die Patienten kaum noch Nebenwirkungen erwarten müssen. Es freut mich unglaublich, zu sehen, wie schnell ein Patient geheilt ist."

„Es freut mich zu sehen, wie schnell die Patienten wieder auf den Beinen sind durch die neue haut- und muskelschonende Technik“, sagt Prof. Lindner.
„Es freut mich zu sehen, wie schnell die Patienten wieder auf den Beinen sind durch die neue haut- und muskelschonende Technik“, sagt Prof. Lindner.

Schnell auf den Beinen

Einen schnellen Heilungsverlauf erlebte auch Albert Hedergott. "Schon am nächsten Tag konnte ich mit der Unterstützung einer Krankenschwester aufstehen und mich mit Gehhilfen bewegen", erinnert er sich. Nach rund einer Woche im Krankenhaus absolvierte er eine dreiwöchige Reha, in der er Bewegungen trainierte und Muskeln aufbaute. Danach war er fast schmerzfrei. Doch nach einigen Monaten kam der Schmerz wieder und er begann - da nun nur eine Seite schmerzte - schief zu laufen. Er entschied sich rund zwei Jahre nach der Operation, auch auf der linken Seite ein künstliches Hüftgelenk einsetzen zu lassen. "Bei der zweiten OP im Oktober lief es noch besser. Schon am zweiten oder dritten Tag fühlte ich mich sehr gut und konnte mit den Gehstützen über die Flure und im Treppenhaus laufen", erzählt er. 

Zurück im Leben

"Das Einsetzen einer künstlichen Hüfte gehört laut Weltgesundheitsorganisation zu den erfolgreichsten durchzuführenden Operationen, was das Kosten- Nutzen-Verhältnis für den Patienten angeht", erklärt Professor Lindner. Studien zufolge sind etwa 90 Prozent der Patienten langfristig mit ihrem künstlichen Hüftgelenk zufrieden. In der Regel gehen die Schmerzen deutlich zurück, und die Beweglichkeit verbessert sich. 

Nach dem zweiten Eingriff hat Albert Hedergott keine Schmerzen mehr. "Ich kann längere Strecken gehen, schwimmen und Shoppingtouren machen", begeistert sich der 64-Jährige. Joggen oder Fußballspielen seien zwar noch nicht möglich, aber er mache Übungen zum Muskelaufbau. "Das Wichtigste ist, ich kann mich im alltäglichen Leben frei bewegen", erzählt er zum Abschluss. Er geht zu seinem Fahrrad und schwingt sich auf den Sattel. 

Heute, ein halbes Jahr nach der OP, ist Albert Hedergott wieder fit unterwegs.
Heute, ein halbes Jahr nach der OP, ist Albert Hedergott wieder fit unterwegs.

Text: Joris Hielscher | Fotos: André Loessel

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