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18.12.2018

Mit allen Sinnen

Ob ätherische Öle, Handmassagen oder Hundebesuch – die Pflegerinnen und Betreuerinnen der Seniorenzentren St. Josef in Münstermaifeld und Maria vom Siege in Plaidt lassen sich viel einfallen, um das Wohlbefinden der Bewohner zu steigern 

 
 

"Da bist du ja wieder!“, ruft Josefine Becker begeistert, als sie die schwarze Labrador-Hündin Laica sieht. Die 85-Jährige beugt sich – so gut es eben noch geht – herunter, hält sich mit einer Hand am Rollator fest und krault den Kopf der Hündin, die gerade vor ihr Sitz gemacht hat. Gemeinsam mit einer Betreuerin gehen sie im Garten des Seniorenzentrums St. Josef in Münstermaifeld spazieren. „Ich freue mich immer, wenn uns Laica besucht“, erzählt die Rentnerin und auch davon, dass sie früher selbst einen Hund hatte. Nur der verflixte Name will ihr einfach nicht einfallen. 

Auch mit verhältnismäßig einfachen Mitteln wie einer Ölmassage kann bei den Senioren viel erreicht werden.
Auch mit verhältnismäßig einfachen Mitteln wie einer Ölmassage kann bei den Senioren viel erreicht werden.

In den beiden Seniorenzentren St. Josef in Münstermaifeld und Maria vom Siege in Plaidt ist der regelmäßige Tierbesuch eins von mehreren Angeboten, die Pflegerinnen und Betreuerinnen zusammen entwickelt haben. In einem stimmen alle überein: Sie kommen ohne Medikamente aus und sprechen mit einfachen Mitteln wie Massagen, aromatischen Waschungen oder eben der Beschäftigung mit Tieren die unterschiedlichen Sinne der Bewohner an. Denn mit Worten können sich viele der Senioren, die in unterschiedlicher Ausprägung an Demenz erkrankt sind, kaum noch verständigen. Die Mitarbeiter setzen bei Waschungen und Massagen auf natürliche Stoffe wie ätherische Öle. Sie helfen den Einsatz von Schmerz- und Beruhigungsmitteln zu reduzieren. 

„Mit unseren unterstützendenden Angeboten wollen wir die Erinnerung unserer Bewohner aktivieren und ihr Körpergefühl verbessern. Unser Hauptziel ist es, das Wohlbefinden der Menschen, die bei uns wohnen, zu steigern“, sagt Christiane Krebs, Leiterin der beiden Seniorenzentren. Die Angebote seien aber keine Therapien und könnten eine notwendige medizinische Behandlung auch nicht ersetzen. „Doch auch mit verhältnismäßig einfachen Mitteln erreichen wir viel“, fügt sie hinzu. Während Tiere oder Musik schon länger in der Betreuung eingesetzt werden, sind andere Angebote eher neu. „Seit drei, vier Jahren experimentieren wir viel mit Aromen, Düften und Massagen. Die Wellness-Welle hat also auch unsere Seniorenzentren erreicht“, erzählt die Heimleiterin mit einem Lachen.

Ätherische Öle und ihre Wirkung

Lavendel statt Schlafmittel

In einer Wohngruppe für Demenzerkrankte in Münstermaifeld arbeitet Pflegerin Elke Weinand viel mit Aromen. So mischt sie ätherische Öle für Waschungen, Massagen oder als natürliches Beruhigungsmittel. Demenziell erkrankte Menschen leiden häufig unter Schlafstörungen, weil sie das Zeitgefühl verloren haben und einen umgekehrten Tag-Nacht-Rhythmus haben. „Manche Bewohner sind unruhig und laufen die ganze Nacht umher“, erzählt die Pflegerin. Anstatt Beruhigungsmittel zu verabreichen, tröpfeln die Pflegerinnen Lavendelöl auf ein Tuch zum Einschlafen oder verabreichen Honig mit einer Mischung aus essbaren Ölen. „Vor allem Lavendel wirkt zur Beruhigung sehr gut“, sagt Weinand. „Gerade bei demenziell erkrankten Menschen setzen wir so weniger Psychopharmaka als früher ein“, erklärt Heimleiterin Krebs.

Doch auch natürliche Mittel verlangen eine sorgfältige Vorbereitung. Alle Pflegerinnen und Betreuerinnen, die sich um die unterstützenden Angebote kümmern, haben eine Fortbildung besucht und bilden sich regelmäßig weiter. Bewohner, die die Aromapflege in Anspruch nehmen, müssen vorher einen Allergietest machen, damit unerwünschte Reaktionen auf die ätherischen Öle ausgeschlossen werden können. Die Angebote werden individuell auf jeden abgestimmt. „Regelmäßig überprüfen wir die Angebote: Was hat gewirkt und was eher nicht?“, erklärt die Heimleiterin.

Wohltuende Momente für die Senioren bringen auch die Waschungen mit duftenden Essenzen.
Wohltuende Momente für die Senioren bringen auch die Waschungen mit duftenden Essenzen.

Zeit für die Bewohner

Ein Geruch von Italien und Mittelmeer – es riecht nach Zitrone, Orange und Lavendel – erfüllt den Raum, und Regina Benske entspannt sich merklich. Sie lässt den Blick schweifen und schließt immer wieder die Augen, während die Betreuerin ausgiebig Hände und Unterarme wäscht und dann massiert. Vor Kurzem war die 82-Jährige auf die Hand gefallen. „Das tut gut. Jetzt schmerzt es nicht mehr“, freut sich die Rentnerin. „Wir haben gute Erfahrungen mit Schmerzölen gemacht. Viele Bewohner sagen uns, dass die Öle helfen“, erzählt Pflegerin Diana Uenzen. Auch bei kleineren Beschwerden wie Erkältungen oder Übelkeit werden diese eingesetzt. Ein positiver Nebeneffekt: Die Haut der Bewohner wird durch die speziellen Waschungen und Massagen merklich besser.

Dabei hat die Aromapflege neben der Wirkung der Öle noch eine ganz andere Komponente. „Bei der Handmassage merkt der Bewohner, da nimmt sich jemand Zeit für mich“, sagt Uenzen. Die Berührung und die Zuwendung tun dem Menschen gut. Das sei besonders für schwer erkrankte und demenziell veränderte Bewohner wichtig. „Sie können sich häufig mit Sprache nicht mehr verständigen, und ich erreiche sie allein mit Worten nicht“, erzählt Pflegerin Elke Weinand. Deshalb sprechen die Pflegerinnen und Betreuerinnen diese Bewohner über andere Sinne an. „Düfte erinnern oft an etwas und können starke Gefühle auslösen“, sagt Weinand, „und Berührungen können beruhigen.“ Studien zeigen insbesondere für essenzielle Öle aus der Melisse und des Lavendels positive Auswirkungen auf das Verhalten und die psychischen Auffälligkeiten demenzkranker Patienten. Eine wissenschaftliche Arbeit attestiert Massageanwendungen sowie Berührungen eine positive Wirkung bei Symptomen wie Angst, Unruhe und Depression.

Ätherische Öle im Alltag

Bei Erkältung: 50 ml Sesamöl, drei Tropfen Zitrone, 10 Tropfen Lavendel, zwei Tropfen Thymian und fünf Tropfen Cajeput gut verrühren. Die Mischung auf der Brust verreiben oder in ein Tuch geben und den Wickel auf die Brust legen.

Bei Unruhe oder Schlaflosigkeit: Einen Tropfen Olivenöl und zwei Tropfen Lavendelöl auf ein Tuch träufeln, anwärmen und auf die Brust legen. Das beruhigt.

Gegen Übelkeit: Ein bis zwei Tropfen Pfefferminzöl in Mineralwasser geben. Das Wasser muss mit Kohlensäure versetzt sein, damit sich das Öl verteilt. Das erfrischende Getränk hilft bei Übelkeit.

"Das sind keine Allheilmittel, aber wir merken, dass wir die Lebensqualität unserer Bewohner damit verbessern können“, erklärt Leiterin Christiane Krebs. Wichtig sei dabei, dass die Angebote in den Alltag integriert werden könnten und gut umsetzbar seien. „Warum nicht beim Waschen auch noch andere Sinne ansprechen?“, sagt Krebs.
Einmal die Woche bringt Betreuerin Resi Jung Hündin Laica und Kater Bobby mit ins Seniorenzentrum, jeweils in andere Wohngruppen. In Gruppenräumen spielen die Bewohner mit den beiden Tieren und streicheln sie. Während ein Bewohner den Kater krault, erzählt er begeistert: „Mein Kater heißt Erwin.“ Er spricht offensichtlich von einer Katze zu Hause. Doch er ist schon länger im Seniorenzentrum, die Beschäftigung mit den Tieren lässt ihn an längst vergangene Zeiten denken. „Wie heißt es so schön: Tiere und Kinder erreichen die Menschen“, sagt Pflegerin Elke Weinand. Betreuerin Resi Jung bringt Hund und Katze auch ans Bett derjenigen, die nicht mehr aufstehen können. „Selbst Menschen, die unter schwerer Demenz leiden und nicht mehr ansprechbar sind, reagieren. Wenn sie die Tiere neben sich spüren, streicheln sie sie“, beschreibt die Betreuerin diesen Gänsehaut-Moment. 

Text: Joris Hielscher | Fotos: André Loessel, Shutterstock.com

 
 

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