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24.09.2020

Kampf gegen die Zeit

Je schneller ein Schlaganfall behandelt wird, desto höher sind die Chancen, dass Patienten überleben beziehungsweise keine bleibenden Schäden behalten. Seit 2016 gibt es daher im Diakonissenkrankenhaus eine spezialisierte Schlaganfall-Station. Auf der sogenannten Stroke Unit kümmert sich ein eingespieltes Team aus Ärzten, Pflegern und Therapeuten intensiv um die Patienten.

Die Augen geschlossen und hoch konzentriert sitzt Friedrich Gutheim in seinem Zimmer im Diakonissenkrankenhaus Mannheim. „Was ist das?“, fragt ihn die Ergotherapeutin, während sie ihm eine kleine Holzfigur in die rechte Hand legt. Sie hält seinen Daumen und Zeigefinger und hilft ihm, diese zu bewegen. „Das ist eine Kugel, würde ich vermuten“, sagt der 74-Jährige mit einem Zögern in der Stimme. Er macht die Augen auf und ruft: „Ach, Mensch! Es ist doch der Stab.“ Seine rechte Hand kann er nicht richtig bewegen, auch das Gefühl in den Fingerspitzen fehlt ihm noch. 

Es sind die einzigen noch erkennbaren Folgen davon, dass er vor rund anderthalb Wochen einen Schlaganfall hatte. Die Durchblutungsstörung im Gehirn führte nicht nur zu der Lähmung des rechten Arms, sondern nahm ihm auch die Fähigkeit zu sprechen. „Ich konnte mich gar nicht mehr artikulieren. Es kamen nur Laute aus meinem Mund“, erinnert er sich. Wer sich heute mit dem gebildeten und eloquenten Rentner, der früher als Versicherungsvertreter arbeitete, unterhält, kann sich das kaum vorstellen. Dass der Schlaganfall so glimpflich verlief und sich der Zustand Friedrich Gutheims innerhalb weniger Tage stark verbessert hat, hat vor allem einen Grund: Er wurde schnell in das Diakonissenkrankenhaus gebracht und dort umgehend behandelt.

Teamarbeit

Seit 2016 verfügt das Diako Mannheim über eine spezialisierte Schlaganfall- Station, die sogenannte Stroke Unit. Dort arbeitet ein Team aus Ärzten, Pflegekräften, Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten und Sozialarbeitern eng zusammen und kümmert sich ausschließlich um Patienten in den ersten Tagen nach einem Schlaganfall. Ziel ist es, schnell die adäquate Therapie einzuleiten und mit frühzeitigen Mobilisierungsmaßnahmen die Folgen zu minimieren.

Der Schlaganfall ist eine akute Durchblutungsstörung des Gehirns. „In 85 Prozent der Fälle passiert das durch den Verschluss eines Gefäßes, sodass das dahinterliegende Areal nicht mehr mit Blut versorgt wird. In zehn bis 15 Prozent ist eine Hirnblutung die Ursache“, erklärt der Chefarzt der Neurologie, Privatdozent Dr. Joachim Wolf. In beiden Fällen kommt es durch die Mangeldurchblutung der dahinterliegenden Hirnareale zu einer Minderversorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen. Das kann fatale Folgen haben: Laut der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe ist es die dritthäufigste Todesursache und der häufigste Grund für im Erwachsenenalter erworbene Behinderungen. Rund zwei Drittel der Patienten sind danach auf Hilfe von Angehörigen oder Pflegekräften angewiesen. Der Stiftung zufolge erleiden in Deutschland etwa 270.000 Menschen jährlich einen Schlaganfall.

Typische Symptome sind plötzlich auftretende halbseitige Lähmungen, Taubheitsgefühl in Arm oder Bein, ein einseitig herabhängender Mundwinkel sowie Seh- und Sprachstörungen. Symptome, die auch Friedrich Gutheim bei sich an einem Samstagmorgen bemerkt. „Erst habe ich gespürt, dass mein rechter Arm taub wird. Dann wurde die Zunge schwer. Meine ganze Seite funktionierte nicht mehr“, erinnert er sich. Mit Mühe schleppt er sich ins Wohnzimmer, wo sein Handy liegt, und wählt die Nummer eines Freundes. Doch sprechen kann er nicht, nur unartikulierte Laute von sich geben

Zeit ist entscheidend

Sein Bekannter sieht die Nummer im Display und kann die Laute richtig deuten – wahrscheinlich auch, weil er seine Frau vor einiger Zeit durch einen Schlaganfall verloren hat. „Er fragte: ‚Soll ich kommen?‘ Ein ‚Ja‘ habe ich gerade noch herausgebracht“, erzählt der Rentner. Der Freund fährt zu ihm – irgendwie schafft es Gutheim, die Tür zu öffnen – und ruft den Notarzt. Ein Rettungswagen bringt den 74-Jährigen in das gut 20 Kilometer entfernte Diakonissenkrankenhaus, wo er von einem Arzt in Empfang genommen wird. „Ich habe Riesenglück gehabt“, sagt er rückblickend.

„Bei der Behandlung eines Schlaganfalls ist Zeit der kritische Faktor. Je früher wir es schaffen, ein verschlossenes Blutgefäß wieder zu eröffnen, desto weniger Gehirnareal geht verloren“, erklärt der Chefarzt der Neurologie. Wenn Patienten in einem bestimmten Zeitfenster kommen und andere Voraussetzungen erfüllt sind, kann eine systemische Thrombolyse, auch Lyse-Therapie genannt, durchgeführt werden. „Mit den Medikamenten schaffen wir es, ein Blutgerinnsel aufzulösen und damit die Durchblutung im Gehirn wiederherzustellen“, sagt Dr. Wolf. Bei größeren Gefäßverschlüssen kann zusätzlich eine mechanische Thrombektomie vorgenommen werden, bei der das Gerinnsel mithilfe eines Katheters entfernt wird. „Das geht allerdings nur innerhalb der ersten Stunden. Deshalb ist es so extrem wichtig, dass Patienten schnell in die Klinik kommen“, so der Chefarzt weiter.

Enge Überwachung

Bei Friedrich Gutheim konnten die Ärzte im Diakonissenkrankenhaus die Lyse-Therapie anwenden – mit Erfolg. „Infolge des Schlaganfalls litt Herr Gutheim an einer Aphasie, einer starken Sprachstörung. Dank der Therapie konnte das Sprachvermögen wieder vollständig hergestellt werden“, erklärt der behandelnde Oberarzt Dr. Michael Martins dos Santos, der sich in der neurologischen Abteilung vornehmlich um die Stroke Unit kümmert.

Unabhängig davon, ob eine Lyse- Therapie möglich ist, werden die neu aufgenommenen Patienten eng überwacht. „Denn innerhalb der ersten drei Tage ist die Gefahr am größten, dass es zu einem erneuten Schlaganfall kommt“, sagt der Chefarzt. Vier extra ausgestattete Betten mit Monitoren, die Vitalwerte wie Blutdruck, Sauerstoffsättigung und Atemfrequenz kontrollieren, stehen auf der Stroke Unit dafür zur Verfügung.

Auch die Schluckfähigkeit kann betroffen sein. Stellt die Logopädin eine Schluckstörung fest, wird richtiges Schlucken trainiert. Bei den Übungen kann sich der Patient über den Spiegel selbst kontrollieren.
Auch die Schluckfähigkeit kann betroffen sein. Stellt die Logopädin eine Schluckstörung fest, wird richtiges Schlucken trainiert. Bei den Übungen kann sich der Patient über den Spiegel selbst kontrollieren.

Frühe Mobilisierung

In der Akutphase, die in der Regel drei bis vier Tage dauert, beginnen auch schon frühe Mobilisierungs- und Rehabilitationsmaßnahmen. „Ab Tag eins, spätestens 24 Stunden nach der Aufnahme, besuchen unsere Therapeuten den Patienten“, sagt Dr. dos Santos. So verschaffen sich Logopäden einen Überblick, ob der Patient Sprechstörungen hat und ob die Schluckfähigkeit betroffen ist. Das ist besonders wichtig, denn eine Schluckstörung birgt ein großes Komplikationsrisiko. Wenn sie unentdeckt bleibt und Patienten Nahrung aspirieren, also diese in die Lunge statt in die Speiseröhre gelangt, können sie eine Lungenentzündung entwickeln.

Physiotherapeuten üben mit Patienten Grundbewegungen wie Sitzen, Stehen oder Gehen neu ein. Und Ergotherapeuten kümmern sich beispielsweise um Kraft und Beweglichkeit in den Händen. „Das Gehirn als plastisches Organ kann verloren gegangene Funktionen wieder erlernen beziehungsweise neue Verbindungen knüpfen. Dieses Neuverknüpfen gelingt umso besser, je schneller Sprechtraining, Physio- und Ergotherapie beginnen“, sagt Dr. Wolf.

Jeden Tag besser

Zusätzlich ist die Station als sogenannte Comprehensive Stroke Unit ausgezeichnet. Während bei einer normalen Schlaganfallstation die Patienten nach der Akutphase auf eine andere Station kommen, bleiben sie im Diakonissenkrankenhaus so lange auf der Stroke Unit, bis sie in die Reha kommen. Pflege-, Therapeuten und Ärzteteam bleiben gleich. „Wir kennen die Patienten, und wichtige Informationen, die wir gesammelt haben, müssen nicht übergeben werden. Zudem haben wir auch nach der Akutphase weiter eine hohe Therapiedichte“, erklärt der Oberarzt die Vorteile. Zu diesem Zweck verfügt die Station über vier weitere Betten.

Auch Friedrich Gutheim hat täglich Therapien – einschließlich Samstag und Sonntag. Jeweils eine halbe Stunde üben eine Logopädin, eine Ergo- und eine Physiotherapeutin mit ihm. „Ich merke, wie es jeden Tag ein bisschen besser wird“, erzählt er. Laufen kann er wieder gut, und auch den rechten Arm kann er bewegen. Nur die Hand möchte noch nicht so, wie er es will. Doch er gibt nicht auf und trainiert weiter. Lächelnd sagt er zu der Ergotherapeutin: „Probieren wir es noch einmal.“

Spezialisierung auf ältere Schlaganfall-Patienten

Mit zunehmendem Alter nimmt die Wahrscheinlichkeit eines Schlaganfalls deutlich zu. Die Stroke Unit arbeitet daher mit der Akutgeriatrie und der geriatrischen Rehabilitationsklinik im Haus eng zusammen. So werden ältere Patienten mit internistischen Problemen, wie schwer einstellbarem hohen Blutdruck oder schwer einstellbarer Diabetes, vom Team der Akutgeriatrie behandelt. Sie helfen ihnen, in eine körperliche Verfassung zu kommen, die eine Reha möglich macht, was eine Unterbringung im Pflegeheim verhindern soll. Ältere Schlaganfall-Patienten, die nicht schwerst pflegebedürftig sind, können direkt in die geriatrische Rehabilitationsklinik aufgenommen werden.

Text: Joris Hielscher

Fotos: André Loessel

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