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20.03.2019

Faustgrosses Kraftpaket

Läuft der „Motor des Lebens“ nicht mehr rund, liegt womöglich eine koronare Herzkrankheit, kurz KHK, vor. Zwar sinken Neuerkrankungsrate und Sterblichkeit seit Jahren, doch führen Herz-Kreislauf-Erkrankungen die Liste der häufigsten Todesursachen weiter an. Bis zu Komplikationen wie einem potenziell tödlichen Infarkt muss es jedoch nicht kommen.

                                                                                                         Illustration: istockphoto

Man kann das Herz eines Menschen erobern oder es an jemanden verlieren, etwas nicht übers Herz bringen oder sich ein Herz fassen. Manche Zeitgenossen haben kein Herz, andere ein großes, noch dazu am richtigen Fleck, aagt der Volksmund. Das Herz habe für ihn immer „auch eine emotionale Dimension“, sagt Professor Dr. Nikos Werner, seit April 2019 Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin III/Kardiologie im Krankenhaus der Barmherzigen
Brüder Trier.

Zwischen 60 und 80 Mal in der Minute schlägt das Herz, rund 300 Liter Blut pumpt es binnen einer Stunde durch den menschlichen Körper – vorausgesetzt, das faustgroße und nur rund 350 Gramm leichte Hohlorgan kann seine
Schwerstarbeit ungehindert verrichten. Hierfür muss das Blut in den Herzkranzgefäßen freie Bahn haben.

Doch bei jedem zehnten Mann und etwa sieben Prozent aller Frauen verengen sich infolge einer Gefäßverkalkung
– medizinisch Arteriosklerose – im Laufe ihres Lebens diese Koronararterien. In den Gefäßen bilden sich dann Hindernisse, Straßenbarrikaden gleich behindern sie den Fluss des Blutes oder verbauen ihm gar komplett den Weg. Der Herzmuskel bekommt zu wenig Sauerstoff und es treten Beschwerden bis hin zu dauerhaften Schädigungen des Organs auf. Druck oder Schmerzen in der Brust bilden die wichtigsten Symptome. Schlimmstenfalls führt die koronare Herzkrankheit (KHK) zum Herzinfarkt, zu Rhythmusstörungen und letztlich zur Herzschwäche und damit häufig lebensbedrohlichen Komplikationen.

Leitungen des Herzens

Bis nichts mehr fließt

Will Professor Werner veranschaulichen, was bei einer Arteriosklerose vonstattengeht, wählt er ein Bild aus  dem häuslichen Alltag: „Das ist wie bei einem Wasserrohr, in dem sich über Jahre hinweg immer mehr Ablagerungen festsetzen und verhärten können – bis dann irgendwann der Abfluss dicht ist und nichts mehr hindurchfließt“, erläutert der Kardiologe. Doch wie bei Spüle, Dusche oder Waschbecken hat der Mensch bei seinen Herzkranzgefäßen einen gewissen Einfluss darauf, ob sich Verkalkungen bilden und festsetzen, die über kurz oder lang die Arterien verstopfen können. Mit einer ausgewogenen Ernährung und ausreichend Bewegung lässt sich einer Arteriosklerose entgegenwirken.

Gleichwohl treten Gefäßverkalkungen in nicht wenigen Familien auch gehäuft auf. „Warum sich bei manchen Menschen ‚Plaques‘ bilden, wie die Ablagerungen medizinisch genannt werden, bei anderen hingegen nicht, können wir mit letzter Gewissheit nicht sagen“, erläutert Professor Werner und ergänzt: „Was wir aber wissen, ist, dass es bei manchen Menschen eine erbliche Begünstigung für eine Arteriosklerose gibt.“ Daraus nun zu folgern, für die Betroffenen sei die Entwicklung einer koronaren Herzkrankheit quasi unabwendbar und ein gesunder Lebenswandel vergebliche Liebesmüh, wäre indes gefährlich, warnt der Kardiologe.

Die Gene spielen mit

Grösse des Herzens

Auch Professor Dr. Ivar Friedrich, Chefarzt der Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie, sagt: „Wenn die Gene eine Arteriosklerose begünstigen, der Patient aber viele Risikofaktoren vermeidet, wird er mit einiger Wahrscheinlichkeit in seinem Leben dennoch eine KHK entwickeln. Allerdings wird diese dann mit ziemlicher Sicherheit deutlich später im Leben auftreten.“ Anders gesagt: Normalgewichtige Nichtraucher mit genetisch ungünstiger Veranlagung, die sich sportlich betätigen und ihren Blutdruck im grünen Bereich halten, laufen weniger Gefahr, schon früh eine KHK zu entwickeln, als bewegungsresistente und hypertonische Menschen mit Übergewicht, selbst wenn bei diesen die Erkrankung in der Familie nicht gehäuft auftrat. Professor Werner stellt deshalb klar: „Menschen mit nicht beeinflussbaren Risikofaktoren sollten umso stärker darauf achten, beinflussbare Faktoren wie Rauchen, Übergewicht und Bewegungsmangel zu steuern.“

Neben den Genen zählt das Alter zu den unvermeidbaren Risikofaktoren. So belegen Zahlen des Robert Koch- Instituts: Während die Prävalenz für eine KHK in der Altersgruppe unter 45 Jahren deutlich unter einem Prozent liegt, droht bei jedem vierten Mann jenseits der 75 eine Erkrankung; ältere Frauen sind nicht ganz so häufig betroffen, doch auch bei ihnen nimmt das Risiko mit fortschreitendem Alter spürbar zu. Auch der Deutsche Herzbericht 2018 stellt fest, dass heute deutlich mehr Menschen wegen Erkrankungen des Herzens stationär behandelt werden als noch vor wenigen Jahren. „Eine Trendwende ist in der älter werdenden deutschen Bevölkerung nicht zu erwarten“, heißt es weiter.

Darauf sollten Sie bei Frauenherzen achten

Lange galt der Herzinfarkt als „Managerkrankheit“ und Männerleiden. Tatsächlich führen Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch bei Frauen die Liste der Todesursachen an. Besonders tückisch: Herzinfarkte werden bei Frauen oft später entdeckt und behandelt. Spüren sie beispielsweise starke Brustschmerzen, die in Arme, Schultern und Hals ausstrahlen, bringen Frauen diese Beschwerden eher mit ihrer Brust oder den Wechseljahren in Verbindung. Bisweilen treten auch völlig andere Symptome auf als bei Männern, etwa Schmerzen im Oberbauch, extreme Übelkeit, Erbrechen oder Atemnot – Frauen deuten diese Anzeichen oft zunächst als Folge einer Magenverstimmung, sollten diese Symptome aber auch daraufhin abklären lassen, ob ein Infarkt vorliegen könnte.
Ein weiterer Unterschied: Während bei Männern eine koronare Herzkrankheit schon in mittleren Lebensjahren auftreten kann, sucht die KHK Frauen meist erst im Alter von 60 und mehr Jahren heim. Experten erklären dies damit, dass diese bis zum Einsetzen der Wechseljahre hormonell bedingt besser geschützt seien als Männer. Nach der Menopause gleiche sich das Risiko zwischen den Geschlechtern an.

Verliebt sein beeinflusst den Herzschlag
 
 
 

Blockade mit fatalen Folgen

Vegetarier haben geringeres Infarktrisiko

Allerdings kann eine koronare Herzerkrankung auch schon Menschen in der Mitte ihres Lebens treffen, etwa in Form eines Herzinfarkts. Tritt dieser auf, wird ein Teil des Herzens kaum mehr durchblutet und das Muskelgewebe nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt. Der Verkehr kommt zum Erliegen, mit fatalen Folgen für das gesamte Netz: Die Blockade in einem Gefäß strahlt in etliche Abzweigungen aus, das sauerstoffreiche Blut erreicht nicht mehr seinen Zielort. Es kommt zu dem, was man auf Straßen einen „Verkehrskollaps“ nennen würde; mit dem Unterschied, dass man bei einem Stau auf der Autobahn abwarten kann, bis sich das Ganze wieder auflöst. Beim Gefäßverschluss jedoch muss unverzüglich gehandelt und die Straße geräumt oder durch eine Umleitung ersetzt werden.

Damit es erst gar nicht zu einem derart gefährlichen Notfall kommt, sollten Patienten frühzeitig abklären lassen, ob bei ihnen eine KHK vorliegt. In Stresssituationen sowie während körperlicher Anstrengungen auftretende Symptome wie Luftnot, Kurzatmigkeit, Schmerzen in der Brust oder hinter dem Brustbein sowie auch kalter Schweiß sind Warnzeichen, die mal stärker oder schwächer auftreten. Auf die leichte Schulter sollte man sie nicht nehmen, sondern seinen Hausarzt aufsuchen. Dieser wird gegebenenfalls eine weitere Abklärung durch einen Kardiologen veranlassen.

Patienten profitieren von Zusammenarbeit

Zwar sterben hierzulande immer weniger Menschen an Herz-Kreislauf- Erkrankungen und immer mehr Betroffenen kann dank des medizinischen Fortschritts geholfen werden, doch bilden Komplikationen infolge einer KHK nach wie vor mit Abstand die häufigste Todesursache – noch vor Tumorerkrankungen. Dabei muss es zu Komplikationen wie einem potenziell tödlichen Infarkt nicht kommen, betonen die Verantwortlichen des Herzzentrums im Brüderkrankenhaus Trier unisono. Patienten profitieren hier von einem professionellen Dreiklang, sind doch bei der Therapie einer KHK und deren Folgen oftmals Kardiologen, Herzchirurgen und Rhythmologen gleichermaßen gefordert, erläutert Privatdozent Dr. habil. Frederik Voss, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin III/Rhythmologie.

Beispiel Herzinfarkt: Um den Weg wieder frei zu bekommen und das Blut ungehindert fließen zu lassen, kommen interventionelle Verfahren zum Einsatz, allen voran das Dehnen des Gefäßes mittels eines über einen winzigen Katheter in die Koronararterie eingeführten Ballons, der für einen kurzen Moment aufgeblasen wird. „Wir sind hier mit richtig großem Druck von um die 12 bar am Werk“, erklärt Professor Werner. Zum Vergleich: Ein Autoreifen kommt mit 2,5 bar aus. Nachdem mithilfe des Ballons die gefährlichen Ablagerungen an die Innenwände des Gefäßes gedrückt wurden, setzt der Kardiologe einen Stent ein. Diese Gefäßstütze aus Kobalt-Chrom oder Platin- chrom sorgt dafür, dass sich die Arterie an der behandelten Stelle nicht wieder verengen kann 

Musik wirkt auf unser Herz

Höhere Lebenserwartung

Ballondilatation und Stent kommen indes nur dann zum Zuge, wenn lediglich ein Gefäß verengt oder verschlossen ist. Sind zwei oder gar drei Koronararterien betroffen, sind die Herzchirurgen gefordert. „Bei sehr komplexen Koronarveränderungen führt das Legen von Bypässen deutlich seltener zu Komplikationen“, begründet Professor Friedrich. Dass sich die meisten Patienten – vor die Wahl minimalinvasiver Katheter- Eingriff oder OP am offenen Herzen gestellt – für Ersteres entscheiden würden, ist ihm bewusst. Doch zeigten Studien, dass bei mehreren verengten Gefäßen ein herzchirurgischer Eingriff die Lebenserwartung der betroffenen Patienten deutlich verlängert und damit Therapie der ersten Wahl ist.

Zudem hätten sich aufgrund von Fortschritten in OP-Technik, Narkoseverfahren und postoperativer Intensivmedizin die Risiken deutlich senken lassen, fährt Professor Friedrich fort: „Wir sind heute in der Lage, auch sehr alte Patienten zu behandeln. Das war uns vor zehn Jahren so noch nicht möglich.“ Dafür, dass es nicht nur möglich ist, sondern immer häufiger auch nötig sein wird, Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter zu operieren, spricht eine weitere Tendenz, die dem Deutschen Herzbericht zu entnehmen ist: Jede zweite der fast 102.000 Herzoperationen, die 2017 bundesweit durchgeführt wurden, erfolgten bei Patienten im Alter von 70 und mehr Jahren.“

Katzen sind gut für das Herz

Fehlimpulse lösen Kammerflimmern aus

Auch das Risiko von Herzrhythmusstörungen steigt mit dem Alter und insbesondere infolge von Komplikationen bei
koronaren Herzerkrankungen, berichtet Dr. Voss und veranschaulicht: „Wenn sich infolge eines Infarkts Narben im Herzen bilden, verwandelt sich die Oberfläche des Gewebes in eine Art Spinnennetz mit vielen Abzweigungen. Das kann dazu führen, dass die elektrischen Impulse fehlgeleitet werden“, erklärt der Chefarzt das Entstehen einer Ventrikulären Tachykardie (VT). Von einem „Kurzschlusseffekt“ spricht Dr. Voss.

Soll heißen: Der Funke, sprich der elektrische Impuls springt nicht mehr richtig über, es kommt zu einer Art  Kreisverkehr mit der Folge, dass sich die Pulsfrequenz immer weiter hochschaukelt. Bis zu 200 Mal in der Minute schlägt der Hohlmuskel nun, doch während ein beschleunigter Herzschlag auch schon mal Ausdruck freudiger Erregung sein kann, ist das Leben des Patienten jetzt akut in Gefahr. „Das ist ein absoluter Notfall“, macht Dr. Voss deutlich, denn diese sogenannte Erregungsleitungsstörung kann in ein lebensbedrohliches Kammerflimmern kippen.

Neuer Taktgeber

Ist das Herz erst einmal außer Takt, versuchen er und sein Team der Rhythmologie mithilfe einer Ablation, also der Verödung der kritischen und für die Kurzschlussreaktion verantwortlichen Bereiche, den fehlgeleiteten Impulsen den Weg abzuschneiden. Bei vielen der Betroffenen wird zudem ein Defibrillator implantiert, der im Falle einer erneuten Ventrikulären Tachykardie die Akutbehandlung übernimmt. Mehr als 700 Patienten des Brüderkrankenhauses profitieren hierbei von den Möglichkeiten der Telemedizin: Quasi im Schlaf werden die Daten des Gerätes regelmäßig ausgelesen und über das Internet von zu Hause ins Krankenhaus übermittelt. Kam es zu Auffälligkeiten oder Funktionsstörungen, geht automatisch eine Art Eilmeldung an den Arzt, und der Patient wird telefonisch konsultiert oder gegebenenfalls auch zur ambulanten Überprüfung einbestellt.

Bis zu 3,5 Milliarden Mal schlägt der zentrale Muskel des Menschen im Laufe seines Lebens, „mit der Menge an Blut, die das Herz währenddessen durch den Körper pumpt, ließe sich leicht ein Tanker füllen“, verdeutlicht Dr. Voss die Dimensionen. „Wenn das Herz denken könnte, stünde es still“, heißt es im Buch der Unruhe des portugiesischen Dichters Fernando Pessoa. Niemand muss dem Herzen sagen, dass es schlagen soll – selbst im Schlaf schlägt es unentwegt.

Die fließende Bewegung ist das Sinnbild des Lebens, und das Herz befindet sich als Motor genau in dessen Mitte.

Auf sein Herz hören sollte man jedoch allemal, und auf den Rat von Spezialisten wie Professor Friedrich. Der appelliert an seine Patienten, nach erfolgreicher Behandlung das Leben wieder beherzt in die Hand zu nehmen und neue Herausforderungen anzugehen: „Mehr Bewegung, gesünder essen und eine positive Perspektive für sich entwickeln!“ Stillstand bedeutet den Tod, weiß der Herzchirurg und sagt: „Die fließende Bewegung ist das Sinnbild des Lebens, und das Herz befindet sich als Motor genau in dessen Mitte.“

Prof. Dr. Nikos Werner

Professor Dr. Nikos Werner
Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin III/Kardiologie,
Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

Prof. Dr. Ivar Friedrich

Professor Dr. Ivar Friedrich
Chefarzt der Abteilung für Herz- und Thoraxchirurgie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

PD Dr. habil Frederik Voss

PD Dr. habil. Frederik Voss Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin III/Rhythmologie, Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier

 

Text und Fotos: Marcus Stölb

Illustrationen: istockphoto

 
 
 
 

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