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28.04.2021

Ramadan im Krankenhaus

„Ich denke einfach nicht an Essen und Trinken“

Menschen muslimischen Glaubens feiern derzeit den Fastenmonat Ramadan, in dieser Zeit essen und trinken sie von Morgengrauen bis Sonnenuntergang nichts – und das 30 Tage lang. Wir haben bei Senad Hadziselimovic, Facharzt für Innere Medizin im Diako Mannheim, nachgefragt, wie er den Ramadan in seinem stressigen Arbeitsalltag erlebt.

Senad Hadziselimovic

Wie lässt sich das Fasten in den Alltag integrieren?

Man isst und trinkt den Tag über nichts und die Gebetszeiten ändern sich leicht, das ist im Alltag gewöhnlich kein Problem. Viele wissen gar nicht wie alltagsfreundlich der Islam ist.

In welcher Schicht arbeitet es sich am besten während des Ramadans?

Seit 28 Jahren bin ich im Gesundheitswesen tätig: zunächst als Krankenpfleger, dann 20 Jahre als Arzt. In all diesen Jahren habe ich während des Ramadan in allen Schichten gearbeitet. Für mich sind daher alle Schichten während des Ramadan in Ordnung. Die Nachtschicht ist für viele Muslime und Muslimas gut, weil man sie mit Essen beginnt und beendet, also fast wie normal. Danach kann man tagsüber schlafen und Gebete in aller Ruhe ausführen.

Wie hält man den Tag ohne Essen und Trinken aus?

Ich glaube, das ist eine Frage des Willens. Wenn Sie ohne Grund beschließen, einen Tag lang nichts zu essen oder zu trinken, werden Sie spätestens mittags sagen: „Ich muss jetzt etwas essen.“ Wenn Sie es allerdings aus einer Pflicht heraus tun oder mit einem konkreten Ziel, werden Sie es sogar mit Freude und Überzeugung machen. Darüber hinaus bedeutet Fasten nicht nur auf Essen und Trinken zu verzichten, sondern auch sich in seinem Gesamtverhalten ins Positive zu verbessern (keine üble Rede, keine Streitigkeiten, Geduld zu üben, mehr über Gott nachzudenken …)

Was ist der Ramadan?

Ramadan heißt der Monat, in dem gläubige Muslime fasten. In dieser Zeit essen und trinken sie von Morgengrauen bis Sonnenuntergang nichts und das 30 Tage lang. Begangen wird er im 9. Monat des islamischen Kalenders – in diesem Jahr vom 13. April bis 12. Mai. Lediglich zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen darf gegessen und getrunken werden. Deswegen trifft sich in Nicht-Corona-Jahren die ganze Familie nach Einbruch der Dunkelheit, um gemeinsam zu essen. In der Zeit des Fastens beten Muslime besonders viel, um Gott nah zu sein und sich zu besinnen. Hunger und Durst sollen ihnen bewusst machen, dass es nicht selbstverständlich ist, genug zu essen und zu trinken zu haben. Der Ramadan endet mit dem „Zuckerfest“, bei dem sehr viele Leckereien auf den Tisch kommen.

Fällt es Ihnen wirklich so leicht?

Ich bin jeden Tag vier- bis fünfmal in der Cafeteria und trinke gerne Kaffee, sobald der Ramadan beginnt, denke ich nicht mehr daran – mit Erfolg. Dieses Jahr hatte ich das erste Mal leichte Kopfschmerzen zu Beginn. Ansonsten bin ich gegen Nachmittag manchmal müder als sonst und der Mund wird irgendwann trocken, das lässt sich aushalten. Das liegt daran, dass die Nächte kürzer sind. Wahrscheinlich fällt es nicht jedem so leicht: Jeder Muslim und jede Muslima ist anders und jeder Körper ist anders. Außerdem sind unsere Tätigkeiten nicht gleich.

Der Hunger hat einen bestimmten Zweck: Wenn wir in unserer Wohlstandsgesellschaft Hunger haben und ihn nicht direkt stillen, denken wir an die Menschen, die jeden Tag Hunger leiden. Das lässt mich demütig werden. Zusätzlich ist das Fasten gesund für Körper und Seele und stärkt auch das Durchhaltevermögen.

Der Ramadan verschiebt sich jedes Jahr um zehn Tage. In den vergangen Jahren fand er meist in den heißen Sommermonaten statt, fällt es da nicht noch schwerer, wenn man nichts trinken darf?

Eine allgemeine Regel im Islam ist: Mach es dir leichter und nicht schwerer. Muslime dürfen laut Koran kein Schweinefleisch essen, wenn sie sich allerdings in einer Notlage befinden, dürfen sie es. Das gilt auch beim Fasten: Wenn ich mich selbst oder jemand anderen durch das Fasten in Gefahr bringe, dann kann ich das Fasten aussetzen. Bevor also einem Chirurgen aus Wassermangel die Hände anfangen zu zittern, sollte er etwas trinken.

Gelten die Ausnahmen auch für Kranke?

Kranke und alte Menschen sowie Kinder, Schwangere und Reisende sind generell vom Fasten ausgenommen. Auch eine menstruierende Frau muss das Fasten aussetzen. Die Tage, an denen nicht gefastet wird, sollten bis zum nächsten Ramadan nachgeholt werden. Chronisch Kranke, die überhaupt nicht fasten können, sollten als Ausgleich für jeden nicht gefasteten Tag einer Person eine Mahlzeit spenden, die nichts zu essen hat.

Gewöhnlich findet das abendliche Fastenbrechen im großen Familienkreis statt. Wie feiern Sie zurzeit?

Traditionsgemäß feiern wir abends ein großes Fest, zu dem man sich im Familienkreis abwechselnd einlädt – jeder ist mal dran. Zusätzlich gibt es drei bis vier große Feste, bei denen sich die ganze Gemeinde trifft. Wie schon 2020 geht auch derzeit nichts davon: Jeder bleibt zuhause und feiert es im kleinen Familienkreis. Ich esse jeden Abend mit meiner Frau und meinen beiden Kindern. Trotzdem ist es etwas besonderes, weil wir das Mahl zelebrieren. Wenn ich sonst nach einem anstrengenden Dienst nach Hause komme, esse ich manchmal alleine.

Was essen Sie am liebsten nach Sonnenuntergang?

Eine Lieblingsspeise habe ich nicht, ich liebe alles was meine Frau kocht. Meist ist es eine Suppe als Vorspeise, ein Hauptgericht und ein Dessert. Danach trinken wir gemeinsam Kaffee und beten anschließend. Laut Tradition sollte man das Fastenbrechen mit einer Dattel und Wasser beginnen.

Wann dürfen Sie essen?

Zwischen Sonnenuntergang und Morgengrauen. Wir essen abends gegen 20.30 Uhr warm und frühstücken ca. gegen 4 Uhr.

Können Sie Ihre Gebetszeiten während der Arbeit einhalten?

Das ist kein Problem, denn es sind mehrere kleine Gebete über den Tag verteilt, sodass man insgesamt auf eine Stunde kommt. Morgens sind es zweimal zwei Minuten. Auf der Arbeit gehe ich dann vier Minuten in unseren Gebetsraum und gehe danach weiter. Um mir einen Kaffee zu holen, würde ich die gleiche Zeit brauchen. Wenn ich morgens zuhause bin, kann ich diese Zeiten freiwillig verlängern, vier Minuten sind Pflicht, alles darüber hinaus ist freiwillig. So gibt es kleine Einheiten über den Tag verteilt, die leicht in den Alltag integriert werden können. Am längsten ist das Nachgebet mit 15 Minuten, welches im Ramadan freiwillig auf 45 Minuten ausgedehnt werden kann. Das würde man dann vor der Nachtschicht zuhause machen.

Vielen Dank für das Gespräch und Ramadan Mubarak (Froher Ramadan).

Das Gespräch führte Julia Gröber-Knapp.

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