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19.06.2019

Die Dankbarkeit jeden Tag spüren

Anne Kotulla leitet den Ambulanten Pflegedienst Brüder Mobil der Barmherzigen Brüder Saffig. In Koblenz und zukünftig auch in Saffig und Umgebung sorgen sie und ihr Team dafür, dass viele Menschen, die Pflege und Betreuung brauchen, weiterhin zu Hause wohnen können. Eine von ihnen ist die 94-jährige Anneliese Steinbeck.

 

Welche darf es heute sein?“, fragt Anne Kotulla, während sie zwei Wolljacken hochhält. Auf dem Bett sitzend zeigt Anneliese Steinbeck auf die linke: „Diese, bitte!“ Behutsam zieht Anne Kotulla ihr die Jacke an. Die 94-Jährige kann sich nicht mehr bücken und nicht mehr ohne Hilfe anziehen. Sie hat Arthrose, Probleme mit der Wirbelsäule sowie künstliche Hüfte und Kniegelenke – „aber mein Kopf ist noch klar“, ist ihr wichtig zu betonen. Trotz dieser Einschränkungen lebt die Rentnerin allein in einer Wohnung. Möglich machen das Anne Kotulla und ihre Mitarbeitenden des Ambulanten Pflegedienstes, die ihr täglich beim Waschen und Anziehen helfen. Sie entlasten damit Tochter und Schwiegersohn von Anneliese Steinbeck, die sich sonst um die 94-Jährige kümmern. 

„Wir sorgen dafür, dass viele Menschen, die pflegebedürftig sind, weiter zu Hause leben können und nicht in ein Seniorenheim müssen“, erklärt Anne Kotulla. Die 39-Jährige leitet seit elf Jahren den Ambulanten Pflegedienst am Marienhof des Katholischen Klinikums Koblenz · Montabaur. Die 16 Pfleger und Pflegerinnen versorgen rund 80 Patienten in Koblenz: Sie helfen bei Körperpflege, Ernährung und der Gestaltung des Alltags, kümmern sich um Medikamenteneinnahme, Verbandswechsel oder Injektionen und beraten bei allen Fragen rund um die Pflege. Zukünftig werden die Mitarbeitenden sich auch um Pflegebedürftige in den Landkreisen Mayen-Koblenz und Ahrweiler im hauswirtschaftlichen Bereich kümmern und diese betreuen – als Ambulanter Pflegedienst Brüder Mobil der Barmherzigen Brüder Saffig.

Etwas anderes als Pflege kam für Anne Kotulla nie infrage: Erst arbeitete sie als Krankenschwester, dann wechselte sie in den ambulanten Dienst.
Etwas anderes als Pflege kam für Anne Kotulla nie infrage: Erst arbeitete sie als Krankenschwester, dann wechselte sie in den ambulanten Dienst.

Familientradition

Sich um Menschen kümmern, wollte Anne Kotulla schon von klein auf. „Mein Vater ist OP-Pfleger. Da bin ich schon früh mit dem Beruf in Kontakt gekommen und wollte das auch machen“, erzählt sie. Aus ihrer Familie kenne sie es, dass man füreinander da sei und sich gerade um die Älteren sorge. Nach der Schule machte sie deshalb eine Ausbildung zur Krankenschwester am Marienhof und arbeitete mehrere Jahre auf Station.

Nach mehr als zehn Jahren im Krankenhaus wechselte sie dann zum Ambulanten Pflegedienst, der auf dem Gelände des Marienhofes seinen Sitz hat. Von dort aus fahren die Mitarbeiter morgens und abends zu den Patienten nach Hause. Der intensive Kontakt zu den Menschen mache den Reiz der Arbeit aus, erzählt Kotulla, und er war einer der Gründe, dass sie wechselte. „Anders als im Krankenhaus pflegen wir Patienten über Jahre, die persönliche Beziehung ist sehr eng“, erklärt die Mutter von zwei Töchtern.

Pflegedienste werden wichtiger

2007 baute sie den neu entstehenden Pflegedienst mit auf. „Ein Jahr später habe ich schon die Leitung übernommen“, erzählt sie mit einem Lachen. Ihre sympathische und zupackende Art kommt bei den Patienten sowie bei Mitarbeitenden gut an. Kontinuierlich wächst der Ambulante Pflegedienst, der zukünftig noch deutlich mehr Menschen versorgen wird. 

Nicht nur in der Koblenzer Region, sondern in ganz Deutschland werden ambulante Pflegedienste immer wichtiger, das zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Von den bundesweit rund 3,4 Millionen Menschen, die Ende 2017 pflegebedürftig waren, lebten mehr als drei Viertel zu Hause. Ambulante Pflege entlastet die Angehörigen oder übernimmt die Versorgung bei Patienten, die ansonsten keine Hilfe bekommen. Rund 14.000 Dienste betreuten zum Jahresende 2017 mehr als 830.000 Menschen in Deutschland – Tendenz stark steigend. Dass die Nachfrage nach ambulanter Pflege zunimmt, erlebt auch Leiterin Anne Kotulla: „Wir bemerken einen Trend, dass Menschen auch im hohen Alter zu Hause wohnen bleiben.“ Denn die Menschen in Deutschland leben nicht nur länger, sie bleiben auch dank des medizinischen Fortschritts länger fit. „Solange es eben geht, wollen sie in ihrer vertrauten Umgebung leben“, erklärt sie. Erschwert wird dieser Wunsch, wenn keine Angehörigen in der Nähe wohnen – wenn beispielsweise die Kinder für den Job weggezogen sind. Dann können Pflegedienste ein Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Ort der Erinnerung

Bei Anneliese Steinbeck ist das nicht der Fall. Ihre Tochter, auch Rentnerin, und ihr Schwiegersohn wohnen nebenan und kümmern sich um die 94-Jährige. Sie selbst wohnt in einer Wohnung unweit des Moselufers. „In dem Haus ist schon meine Mutter aufgewachsen“, erzählt die 94-Jährige. Sie hat hier die meiste Zeit ihres Lebens gewohnt. Das spiegelt sich im Wohnzimmer wider, in dem nun das spezielle Pflegebett steht. An einer Wand hängen ein Stammbaum der Familie, der weit bis ins vorletzte Jahrhundert zurückreicht, sowie eine Vielzahl von Bildern. Auf Schwarz-Weiß-Fotografien sind Großfamilien in strenger Sonntagstracht sowie sie selbst als fröhliche junge Frau zu sehen. Andere Bilder zeigen die Hochzeit ihrer Enkelin und die Urenkelinnen. „Das sind Theresa und Franziska“, sagt sie mit dem sichtlichen Stolz einer Urgroßmutter. 

Auf der angrenzenden Terrasse, von der die Mosel zu sehen ist, geht sie täglich mehrere Runden mit dem Rollator. „Mein Sportprogramm“, erklärt sie mit einem Lächeln. Wegen einer schweren Embolie war sie vor ein paar Jahren lange im Krankenhaus. „Danach war ich richtig platt und konnte nicht mehr aufstehen. Aber ich habe mich aufgerappelt und jeden Tag laufen geübt“, erzählt die 94-Jährige, die Pflegestufe II hat. Mit der Unterstützung des Ambulanten Pflegedienstes ist sie sehr zufrieden: „Ich bin glücklich hier zu Hause. Und ich werde gut versorgt.“

Enger Kontakt

„Das ist wahrscheinlich das Schönste an unserem Beruf: In der täglichen Arbeit spüren wir die Dankbarkeit der Patienten“ – Anne Kotulla

Denn nur mit ihrer Hilfe können viele Menschen noch wie gewünscht leben. Als Leiterin – sie führt den Pflegedienst zusammen mit einer Kollegin – kümmert sie sich nur in Einzelfällen um die tägliche Pflege, diese wird von den Mitarbeitenden übernommen. Dennoch hat sie weiterhin viel Kontakt zu Patienten. So führt sie Aufnahmegespräche und berät Betroffene und Angehörige zu allen möglichen Fragen. Dazu gehört auch die gesetzlich vorgeschriebene Beratung, die jeder mit einer Pflegestufe einmal im halben Jahr erhält. „Wir schauen gemeinsam, wie die Pflegesituation verbessert werden kann. Und ich gebe Tipps, beispielsweise zu Hilfsmitteln wie Rollatoren“, erzählt sie. „Der Kontakt zu den Patienten ist mir ganz wichtig“, fügt sie hinzu. 

Anne Kotulla beschäftigt sich zudem mit der Frage, wie die Pflege in Zukunft aussehen könnte. Von der Digitalisierung erhofft sie sich weniger Aufwand bei der Dokumentation. Ein erster Schritt ist getan: Seit wenigen Wochen setzt der Pflegedienst mobile Datenerfassungsgeräte ein. Auf speziell ausgestatteten Smartphones können die Mitarbeitenden alle relevanten Informationen zur Pflege der Patienten einsehen sowie Fahrten und ihre erbrachte Leistung sofort eintragen – davor musste alles handschriftlich auf Zetteln vermerkt werden. „Nach einer Einarbeitungsphase versprechen wir uns davon eine deutliche Zeitersparnis“, erklärt sie. Denn bei zehn bis 15 Patienten, die eine Pflegekraft pro Tag versorgt, ist Zeit ein knappes Gut. Die Pfleger und Pflegerinnen würden sich über mehr Zeit für den einzelnen Patienten freuen. Dann wäre mehr Raum für Gespräche, eine Handmassage, oder um in Ruhe mit Anneliese Steinbeck die Wolljacke für den Tag auszuwählen.

Wie kann die Situation der Patienten noch verbessert werden? Darüber tauscht
sich Anne Kotulla regelmäßig mit ihrem Team aus.
Wie kann die Situation der Patienten noch verbessert werden? Darüber tauscht
sich Anne Kotulla regelmäßig mit ihrem Team aus.

Text: Joris Hielscher | Fotos: André Loessel

 
 

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