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11.12.2019

Es geht jeden an

Judith Hens

Der Klimawandel ist längst zu einer Klimakrise geworden. Wer sich noch fragen sollte, was geht mich das alles an, wird nun vielleicht hellhörig: Auch Ärzte warnen vor den Folgen der weltweiten Erwärmung. Das Thema ist im Gesundheitswesen angekommen.

„Der Klimawandel ist die größte Bedrohung für unsere Gesundheit im 21. Jahrhundert, ein medizinischer Notfall für die Erde – wir müssen schnellstens handeln“, zogen die Experten des World Health Summit, des Weltgesundheitsgipfels, der Ende Oktober in Berlin tagte, Bilanz. Die Folgen des Klimawandels werden nun vielleicht greifbarer und auch begreifbar für alle, die dem Thema bislang wenig Bedeutung beimaßen. Wenn das Eis an den Polen schmilzt, der Meeresspiegel steigt, ist, wer in der Mitte Deutschlands lebt, (noch) nicht in Gefahr. Extreme Wetterlagen nehmen zu, Landwirte beklagen Ernteausfälle, dennoch braucht bislang niemand etwas von seinem Speiseplan zu streichen. Der weltweite CO2-Ausstoß muss verringert, die Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf deutlich unter zwei, möglichst auf 1,5 Grad begrenzt werden, so das Ziel des Pariser UN-Klimaabkommens von 2015. Die Botschaft hat jeder inzwischen verinnerlicht – dennoch: Das Ganze
bleibt irgendwie immer noch abstrakt.

Mehr Krankheiten durch Klimawandel

Das könnte sich schnell ändern. „Temperaturanstieg, Hitzewellen, Dürren, Überschwemmungen – all das hat verheerende Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen. Konkret bedeutet das: mehr Infektionskrankheiten,
mehr Herz-Kreislauf-Erkrankungen, mehr Allergien“, warnte Professor Dr. Detlev Ganten, Präsident des World Health Summit, anlässlich des Treffens.

Ein Beispiel: Im vergangenen Sommer ist erstmals in Deutschland eine Infektion mit dem West-Nil-Virus bekannt geworden und ein Patient an einer Gehirnentzündung erkrankt. Diese Viren stammen ursprünglich aus Afrika und sind durch Zugvögel und Stechmücken in nördlichere Regionen gelangt. „Offenbar haben die durch den Klimawandel bedingten ungewöhnlich warmen Sommer der letzten beiden Jahre dazu beigetragen, dass sich West-Nil-Viren nördlich der Alpen etabliert haben“, so das Bernhard-Nocht- Institut für Tropenmedizin, das den Virus
nachgewiesen hatte. Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Professor Dr. Lothar H. Wieler, rechnet damit, dass in den kommenden Sommern weitere West-Nil-Virus- Infektionen auftreten werden.

Von Tropenkrankheiten bis Luftverschmutzung

Forscher prognostizieren generell die weitere Ausbreitung von tropischen Krankheiten wie dem Dengue-Fieber oder der Cholera. Auch die Luftverschmutzung in den Städten, die sich durch die Hitze verstärkt, bringt gesundheitliche Beschwerden mit sich. 2016 verursachte die Luftverschmutzung insgesamt weltweit bis zu sieben Millionen Todesfälle, allein in Deutschland starben speziell durch die Feinstaubbelastung mehr als 44.800 Menschen frühzeitig.

Der Klimawandel als eine globale Entwicklung zeigt nicht nur an anderen Orten der Erde Folgen, sondern bedroht ganz konkret die Gesundheit jedes Menschen. Deutlich machte das auch der globale Jahresbericht 2019 des internationalen Klima- Forschungsprojektes The Lancet Countdown zu den gesundheitlichen Auswirkungen des
Klimawandels. Diese Analyse beruht auf den Erkenntnissen von rund 120 Experten von verschiedenen Institutionen, darunter auch die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Weltbank und viele Universitäten.

Bis zum Ende des Jahrhunderts sind demnach, wenn sich nichts ändert, jährlich mehrere zusätzliche Hitzewellen zu erwarten, insbesondere in Süddeutschland. Dies bringe Hitzestress und hohe bodennahe Ozonkonzentrationen mit sich, die schwerwiegende gesundheitliche Folgen hätten wie Hitzschlag, Herzinfarkt und akutes Nierenversagen
aufgrund von Flüssigkeitsmangel. Besonders gefährlich ist dies für ältere Menschen, kleine Kinder und chronisch
Kranke. Allein in Deutschland starben im Jahr 2015 6.100 Menschen infolge der Hitze. Zudem haben Temperaturanstieg und Hitzewellen Einfluss auf die Arbeitskapazität verschiedener Bevölkerungsgruppen.
2018 gingen weltweit 133,6 Milliarden potenzielle Arbeitsstunden verloren, lautet die Bilanz der Wissenschaftler. 

„Der gesamte Gesundheitsbereich muss sich auf die Veränderungen einstellen und dem Klimawandel entgegenwirken.“

Vorbereitet sein

„Der gesamte Gesundheitsbereich muss sich auf die Veränderungen einstellen und dem Klimawandel entgegenwirken", forderte der Präsident der Bundesärztekammer, Dr. Klaus Reinhardt, vor dem Hintergrund der Ergebnisse von The Lancet Countdown. Konkret bedeute das: Krankenhäuser, Reha- und Senioreneinrichtungen
müssen auf solch extreme Ereignisse vorbereitet sein und reagieren können – dafür muss die Politik laut Reinhardt
die notwendigen Rahmenbedingungen schaffen. Ebenso sei die Entwicklung und Verabschiedung eines nationalen Hitzeplans erforderlich. Doch auch dem medizinischen und pflegerischen Personal müssen die Auswirkungen des Klimawandels für die Gesundheit präsent sein, um zum Beispiel die Dosierung von Medikamenten für Herz-Kreislauf-Erkrankungen anpassen oder um Patienten aufklären zu können. „Schließlich müssen wir die Forschung zu den Auswirkungen der Klimaerwärmung auf die Gesundheit des Einzelnen sowie auf die globale Gesundheit intensivieren“, so der Präsident der Bundesärztekammer, und er kündigte zugleich an, beim Ärztetag 2020 einen Schwerpunkt auf dieses Thema zu legen.

Gesundheit für kommende Generationen

Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten, das mag wie eine Binsenweisheit klingen, bringt es aber auf den Punkt: Wenn die Menschheit nicht sofort handele, so Nick Watts, Geschäftsführender Direktor des Lancet Countdown, wären die schon erzielten Fortschritte bei der Lebenserwartung in Gefahr – und der Klimawandel würde die Gesundheit der ganzen kommenden Generation bestimmen. In jeder Phase des Lebens vom Säugling bis zum Greis sind die Folgen des Temperaturanstiegs für die Gesundheit spürbar – und zwar heute schon.

Es ist gut, dass sich nun auch Vertreter der Gesundheitsberufe zu Wort melden. Denn ihre Aufgabe besteht nicht nur darin heilen, sondern auch die Gesundheit zu schützen und auf Gefahren hinzuweisen. An zentralen Stellen – ob im direkten Kontakt zu Patienten, organisiert in Verbänden und Kammern in Richtung Politik oder auch als Wissenschaftler – haben sie die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen, Veränderungen anzustoßen und einzufordern.
Der Patient Erde ist in Not und braucht dringend Hilfe – je mehr Gruppen in der Gesellschaft sich für eine Wende stark machen, umso besser. Denn es geht um kein geringeres Gut als unsere Gesundheit.

 
 

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