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01.04.2019

Alexa, was fehlt mir?

Sind Sie auch smart? Eine kurze Aufforderung an Alexa und das Licht im Wohnzimmer leuchtet. Oder stellen Sie allmorgendlich die Frage: „Okay, Google, wie wird das Wetter?“ Künstliche Intelligenz macht uns das Leben ein Stück bequemer. Auch im Gesundheitswesen ist die digitale Transformation längst angekommen. Ein Kommentar von Dr. Albert-Peter Rethmann.

Dr. Albert-Peter Rethmann

Alexa, die Sprachassistentin von Amazon, begleitet schon heute viele Nutzer widerspruchslos durch den Alltag: „Alexa, spiel die Bundesliga“ oder „Alexa, stell den Wecker auf sieben Uhr“ – der Sprachdienst des smarten Lautsprechers Amazon Echo setzt all das direkt um. Aktiviert man noch mehr Skills, also zusätzliche Fähigkeiten aus dem Amazon Skill Store, kann Alexa auch die Beleuchtung zu Hause steuern, eine Pizza oder ein Taxi ordern. Was früher Apps waren, sind heutzutage Skills.

Sprachsteuerung ist ein ernst zu nehmender Trend

Der Absatz von Geräten mit digitalen Sprachassistenten wie Amazon Echo oder Google Home hat sich von 2016 zu 2017 auf rund 25 Millionen verkaufte Geräte vervierfacht (Quelle: statista). Der weltweite Umsatz von digitalen Sprachassistenten lag 2017 bei 689 Millionen US-Dollar. Besonders Jüngere sind attraktive Zielgruppen. Und so entwickeln auch immer mehr Unternehmen eigene Sprachanwendungen für Alexa und Co. Längst haben Versicherungen das Potenzial entdeckt, und auch einige gesetzliche Krankenkassen bieten Alexa Health Skills: Damit das Entspannen oder Einschlafen gelingt, der Impfschutz vor einer Reise stimmt, alle passenden Informationen und Tipps für jede Schwangerschaftswoche parat sind oder wie das Gedächtnis demenziell erkrankter Angehöriger aktiviert werden kann.

Datenmengen liefern Diagnosen

Gehen wir noch einen Schritt weiter: „Alexa,ich habe Kopf- und Gliederschmerzen, meine Nase läuft und der Hals kratzt. Was fehlt mir?“ Dies ist zwar konstruiert, aber wahrscheinlich nur eine Frage der Zeit und der notwendigen Vernetzung. „Hallo, ich bin Ada. Ich kann dir helfen, wenn du dich nicht wohlfühlst“, verspricht eine gleichnamige App, die nach eigenen Angaben„erstklassiges medizinisches Wissen und Künstliche Intelligenz vereint“. Systeme wie die IBM Watson Health Cloud ermöglichen bereits heute schon die Zusammenführung von Datenmengen und Studienergebnissen mit Lernalgorithmen. So können sie aus Vergleichsfällen vor allem bei seltenen Erkrankungen mit viel höherer Treffsicherheit Diagnosen stellen, als sie ein Arzt mit seiner Berufserfahrung in angemessener Zeit erreichen könnte. Auch therapeutische Entscheidungen sind durch diese Form der Datenauswertung möglich. Selbst in der Psychotherapie sind Bots entwickelt, die aus einem Set von Fragen und den Antwortendes Patienten sinnvolle Interventionen mit signifikantem Erfolg geben können.

Patienten werden selbstbewusster

Bei all diesen und ähnlichen Anwendungen geht es natürlich zuerst um Fragen der Datensicherheit: Hat der Patient die Hoheit über seine hochsensiblen Informationen? Diese Entwicklungen bringen jedoch noch viele weitere Dimensionen mit sich: Das Arzt-Patienten-Verhältnis verändert sich durch Künstliche Intelligenz. Kann ein Arzt die Quellen, die ein Patient verwendet,angemessen bewerten und ihm erläutern,warum er zu einer anderen Diagnose kommt als beispielsweise Alexa oder Ada? Patienten werden selbstbewusster als heute Ärzten gegenübertreten.

Wer haftet?

Es gibt auch rechtliche Fragestellungen: Die Verantwortung für Diagnosen und für therapeutische Entscheidungen trifft ein Arzt aus seiner fachlichen Kompetenz. Nach dem Arzthaftungsrecht ist er verantwortlich für Aufklärung, fachgerechte Behandlung und Dokumentation. Es muss geklärt werden, wer für einen Behandlungsfehler haftet, der entstanden ist, weil der Arzt einer „digitalen Diagnose“ gefolgt ist – oder eben auch nicht.

Zugang für alle

Digitalisierung stellt außerdem die Frage nach Gerechtigkeit. Bisher sind bestimmte Systeme noch sehr kostenintensiv – und sie werden nicht allen Menschen zur Verfügung Verfügung stehen. Die Gefahr einer hochtechnisierten digitalen Luxus-Medizin, die neben einer „Alltagsmedizin“ steht, ist nicht von der Hand zu weisen. Es muss sichergestellt werden, dass der Zugang zu hochtechnologischen und innovativen medizinischen Optionen allen offen steht.

Digitale Unterstützung im Alltag

Die digitale Entwicklung ermöglicht auch eine Bandbreite an Unterstützungsleistungen, die es Menschen erlauben, im Alter oder mit chronischen Erkrankungen solange wie möglich zu Hause zu leben. Der Hausnotruf war in der einfachsten Form ein Vorläufer. Von Tele-Sprechstunden, Überwachungssystemen mit Bewegungsmeldern, die etwa einen Sturz an die Angehörigen oder gleich an den Rettungsdienst melden, ist die Palette an Ambient Assisted Living-Systemen schon heute sehr groß. Gerade bei Formen der Überwachung muss das Thema der Selbstbestimmung bedacht werden.

Zeit für Zuwendung nutzen

Durch solche Lösungen verändert sich das Bild unserer Gesellschaft. Wer sich das finanziell leisten kann, lebt womöglich länger als bisher in den eigenen vier Wänden. Kommen noch Sprachassistenten wie Alexa ins Spiel, käme man womöglich ohne jegliche menschliche Kontakte zurecht. Die Vision von Wohnsiedlungen, in denen einzelne ältere Menschen isoliert in ihren Appartements digital voll versorgt und unterstützt leben, ist sicher übertrieben, sollte uns jedoch zu einer Diskussion anregen: Wie wollen wir im Alter leben und wie wichtig ist uns der Wert einer sorgenden Gesellschaft?

Eine soziale Frage

Nicht nur für jeden Einzelnen, auch für Träger von Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen und für die Gesundheitspolitik ist die entscheidende ethische Herausforderung, digitale Transformationsprozesse so zu gestalten, dass sie „menschlich“ bleiben. In der Vergangenheit wurden technische Innovationen vielfach mit dem Versprechen eingeführt, dass dadurch Arbeit abgenommen werde und zum Beispiel Pflegepersonen und Ärzte mehr Zeit für die persönliche Zuwendung hätten. In der Praxis hat das oftmals schlicht zu einer Verringerung der Personalschlüssel geführt. Wenn es jedoch in Zukunft gelingt, frei werdende Zeit- und Personalressourcen für mehr Fürsorge und Kommunikation zu nutzen, dann kann die Digitalisierung im ambulanten und stationären Bereich das Gesundheitssystem menschlich erhalten und jedem Einzelnen die Angst nehmen, in einer vollständig technisierten Umwelt zu altern, krank zu sein und zu sterben. Das ist ein soziale Frage, keine digitale.

Zur Person:

Dr. Albert-Peter Rethmann ist als Geschäftsführer der BBT-Gruppe für die Bereiche christliche Unternehmenskultur und Unternehmenskommunikation zuständig sowie Sprecher der Geschäftsführung.

 
 
 
 

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