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19.06.2019

Früh handeln

Das Darmzentrum des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier hat sich auf die Behandlung von Darmkrebs spezialisiert, der zu den häufigsten Tumorerkrankungen in Deutschland gehört. Dank modernster Technik und neuer Verfahren sind die Heilungschancen deutlich gestiegen. Die Experten können sogar Vorstufen des Darmkrebses entdecken und entfernen. Sie handeln, bevor der Krebs überhaupt entsteht.

 

Faszinierend ist der Darm ohne Frage. Jeden Tag verarbeitet er drei Kilogramm Lebensmittel und Getränke und versorgt den Körper mit Energie und Nährstoffen. Ein Geflecht von mehr als 100 Millionen Nervenzellen sorgt dafür, dass der Nahrungsbrei verdaut und transportiert wird. Noch viel mehr Bakterien, nämlich mehr als 100 Billionen, beheimatet der Darm, nirgendwo sonst findet sich eine so hohe Bakteriendichte. Zudem ist er das größte Organ im menschlichen Körper: Seine Länge beträgt acht Meter, seine Oberfläche – würde man sie ausbreiten – ergäbe eine Fläche von rund 300 Quadratmetern, so groß wie ein Tennisplatz. Doch diese große Fläche birgt auch die Gefahr für schwere Krankheiten. 

So betrifft jede achte Krebserkrankung in Deutschland den Darm, das zeigen aktuelle Zahlen der Felix Burda Stiftung. 170 Menschen erkranken hierzulande täglich am sogenannten kolorektalen Karzinom, also an Dickdarm- und Mastdarmkrebs. Damit ist er derzeit bei Frauen die zweithäufigste und bei Männern die dritthäufigste Tumorneuerkrankung. Nach Prognosen sind knapp 60.000 Menschen im vergangenen Jahr neu an Darmkrebs erkrankt. 71 Menschen sterben pro Tag an dieser Krebserkrankung. 

Zusammenspiel von Innerer Medizin und Chirurgie: Oberarzt Dr. Bernd Bretz (li.) und Oberarzt Dr. Christoph Schuh leiten das Darmzentrum.
Zusammenspiel von Innerer Medizin und Chirurgie: Oberarzt Dr. Bernd Bretz (li.) und Oberarzt Dr. Christoph Schuh leiten das Darmzentrum.

Aussicht auf Heilung

Auf den ersten Blick sind das deprimierende Zahlen. Doch Professor Dr. Christian Kölbel, Chefarzt der Abteilung für Innere Medizin I/Gastroenterologie im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier, macht Hoffnung: „Wenn Darmkrebs früh erkannt wird, haben die Patienten mittlerweile eine Heilungschance von über 90 Prozent.“ Denn die Therapiemöglichkeiten haben in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht. 

Das ist auch ein Verdienst des Darmzentrums am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier, das vor elf Jahren gegründet worden und Teil des zertifizierten Onkologischen Zentrums ist. In dem Zentrum arbeiten hoch spezialisierte Experten wie Internisten, Gastroenterologen, Chirurgen, Onkologen oder Psychologen eng zusammen. Nur sehr erfahrene Ärzte mit vielen Jahren Berufserfahrung führen Diagnose und Behandlung durch. Das Zentrum verfügt zudem über modernste Diagnosemöglichkeiten wie hochauflösende Endoskopietechnik zur Darmspiegelung. Und die Ärzte haben neue Behandlungstechniken entwickelt, die eine rasche Genesung der Patienten zum Ziel haben. Seit zehn Jahren ist das Darmzentrum entsprechend der hohen Anforderungen der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert. 

Christian Kölbel erklärt, was die Besonderheiten bei der Diagnose sind: „Der Darm ist ein komplexes Organ, und viele Symptome bei Darmerkrankungen sind sehr unspezifisch. Unsere Aufgabe ist es, aus diesen unspezifischen Symptomen eine komplexe Diagnose zu stellen.“ Das gleiche manchmal einer Detektivarbeit, so Kölbel. Das wichtigste Instrument ist dabei das Endoskop, das bei der Darmspiegelung genutzt wird. 

Kamera gibt Sicht frei

Ein Endoskop besteht aus einem dünnen, sehr biegsamen Schlauch, an dessen Spitze hochauflösende Kameras und eine Lichtquelle angebracht sind. Es wird über den After in den Darm geschoben, der Patient erhält eine leichte Narkose und verspürt keine Schmerzen. Im Vergleich zu früheren Geräten biete die moderne Generation viele Vorteile, erklärt der Chefarzt: „Heute verfügen wir über moderne Geräte, die den Darm gut ausleuchten und mikroskopische Bilder liefern.“ Und er fügt begeistert hinzu: „Wir können am Darm endoskopisch und therapeutisch tätig werden, wie das vor 20, 30 Jahren überhaupt nicht vorstellbar war.“ 

Dank digitaler Technik können Mediziner nun in einer Darmspiegelung rund 90 Prozent der Oberfläche des Dickdarms unter die Lupe nehmen und Karzinome identifizieren. „Aber nicht nur den Krebs, sondern auch sogenannte Polypen kann ich entdecken“, sagt Kölbel. Polypen sind Veränderungen in der Darmschleimhaut und treten als Wucherungen an der Darmwand auf. Sie sind Vorstufen eines möglichen Krebsgeschwürs. 

Krebs im Keim ersticken

„Zu Darmkrebs wird viel geforscht. Daher wissen wir, dass sich mehr als 90 Prozent des Darmkrebses aus Vorstufen entwickeln“, erklärt Professor Dr. Detlef Ockert, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Im Umkehrschluss bedeutet das: Wenn Ärzte in der Darmspiegelung Polypen entdecken und im gleichen Schritt entfernen, lässt sich der Krebs quasi im Keim ersticken. „Die Darmspiegelung ist die beste Vorsorge bezüglich des Dickdarmkrebses“, betont Kölbel. 

Die meisten Polypen lassen sich direkt während der Darmspiegelung entfernen, mit einer Schleife, die am Endoskop befestigt ist. Bei größeren Polypen setzen Mediziner die sogenannte endoskopische Vollwandresektion ein. In einer zweiten Darmspiegelung – der Patient wird vorher über das Verfahren informiert – stanzt der behandelnde Arzt mit dem Endoskop den Polypen aus der Darmwand heraus und verschließt diese mittels eines Metallclips wieder ohne eine Operation. Die endoskopische Vollwandresektion gilt als eine der wichtigsten Neuerungen der vergangenen Jahre. 

Rendezvous am Darm

„Doch gelegentlich finden wir Polypen, die sehr groß sind und endoskopisch nicht mehr oder nur mit großem Risiko entfernt werden können“, erzählt Internist Kölbel. Bei solchen Vorstufen zieht der behandelnde Internist einen Kollegen aus der Chirurgie zurate, gemeinsam erörtern sie dann das weitere Vorgehen. Eine Möglichkeit ist das Rendezvous- Verfahren, bei dem sie im OP zusammenarbeiten. Dabei kommt der Internist mit dem Endoskop über den Darm, der Chirurg kommt durch die Bauchdecke mit dem Laparoskop, mit der sogenannten Schlüsselloch-Technik. Der Chirurg kann dann den Darm, der verwachsen ist, so drehen, dass der Internist mit dem Endoskop den Polypen abtragen kann. Wenn das nicht möglich ist, entfernt der Chirurg den Polypen, unterstützt dabei von dem Internisten. „Wir können so Polypen, die eine gewisse Größe überschritten haben, auf schonende Art entfernen, für die man sonst einen großen chirurgischen Eingriff gebraucht hätte“, sagt Chirurgie-Chefarzt Ockert. Das Rendezvous- Verfahren haben die Experten des Darmzentrums mithilfe neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse selbst entwickelt.

Im Rendezvous-Verfahren muss der Chirurg vielleicht drei kleine Schnitte in der Bauchdecke machen anstatt eines großen, erklärt Ockert. Dieses Schlüsselloch-Verfahren hat zahlreiche Vorteile, denn die kleinen Zugänge bedeuten eine sehr viel geringere Belastung des Körpers. „Die Patienten kommen schneller wieder auf die Beine und haben weniger Schmerzen“, so Ockert. „Minimalinvasive Verfahren haben in den vergangenen Jahren die Chirurgie revolutioniert.“ Das gelte auch bei der Behandlung von Darmerkrankungen. 

Prof. Dr. Detlef Ockert, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie.
Prof. Dr. Detlef Ockert, Chefarzt der Abteilung für Allgemein-, Viszeral- und Gefäßchirurgie.

Ganzheitlich behandeln

Durch die gesetzliche Vorsorgeuntersuchung konnten seit 2002 130.000 Todesfälle und 270.000 Neuerkrankungen verhindert werden. – Felix Burda Stiftung

Wie in dem Rendezvous-Verfahren arbeiten auch sonst Experten verschiedener Fachrichtungen zusammen. Das gilt umso mehr, wenn bei einem Patienten Darmkrebs diagnostiziert wird. „Um eine individuelle Therapie zu entwerfen, brauche ich alle, die an der Behandlung mitwirken könnten, an einem Tisch“, betont der Chefarzt. Diesem Zweck dient die wöchentliche interdisziplinäre Tumorkonferenz des Onkologischen Zentrums, in der Spezialisten mehrerer Fachabteilungen jeden einzelnen Patienten besprechen und gemeinsam den weiteren Therapiepfad festlegen. Auch eine psychologische oder seelsorgerische Begleitung zählen zum Behandlungsangebot. „Ein Krebspatient muss erst einmal lernen, mit der Diagnose zu leben“, erklärt Dr. Birgit Albs, Leiterin des Fachpsychologischen Zentrums im Brüderkrankenhaus. Das ganzheitliche Spektrum des Darmzentrums umfasst darüber hinaus die Physiotherapie und Ernährungsberatung.

Diese Vielzahl von Maßnahmen zeigt Wirkung. „Die Therapieentwicklung hat sich in den vergangenen Jahren enorm ausgebildet: in der Vorsorge, in der Chirurgie, in der Onkologie. Dadurch haben wir die Überlebenschancen von Patienten um mindestens zehn bis 15 Prozent steigern können“, erklärt der Chefarzt der Chirurgie. Und sein Kollege Kölbel fügt hinzu: „Darmkrebs kann dann geheilt werden, wenn er früh erkannt wird. Deshalb sollte wirklich jeder ab einem gewissen Alter unbedingt zur Vorsorge gehen.“ Auch die beiden Professoren lassen regelmäßig eine Darmspiegelung machen. 

Dr. rer. nat. Birgit Albs ist Leiterin des Fachpsychologischen Zentrums im Brüderkrankenhaus. Als Psychoonkologin geht sie speziell auf die Bedürfnisse von Krebspatienten ein.
Dr. rer. nat. Birgit Albs ist Leiterin des Fachpsychologischen Zentrums im Brüderkrankenhaus. Als Psychoonkologin geht sie speziell auf die Bedürfnisse von Krebspatienten ein.

Text: Joris Hielscher | Fotos: André Loessel

 
 

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