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22.09.2020

Zeit für ein Umdenken

Ein Frühjahr der Helden erlebten wir. Die Kassiererin, die Erzieherin in der Notbetreuung, der Logistiker im Lebensmittelhandel und viele andere sorgten dafür, dass das öffentliche Leben während des Lockdown nicht zusammenbrach. Wer im Gesundheitswesen arbeitete, kämpfte um das Leben der Infizierten oder sorgte für Schutzausrüstung, Medikamente und andere dringend notwendige Materialien. Was bleibt? Viele der Helden sind ernüchtert und enttäuscht. Hatte die Corona-Krise doch das Zeug dazu, Grundlegendes zu verändern. Einige Mitarbeitende aus den Einrichtungen der BBT-Gruppe schildern ihre Sicht.

Katharina Fischer, Gesundheits- und Krankenpflegerin im Theresienkrankenhaus Mannheim
Katharina Fischer, Gesundheits- und Krankenpflegerin im Theresienkrankenhaus Mannheim

Applaus! Die Corona-Krise ist noch nicht überstanden und der Beifall schon verhallt. Vor wenigen Monaten noch wurde das Pflegepersonal von Politikern und Bürgern angefeuert. Wir galten als Alltagshelden und bekamen von allen Seiten Zuspruch, sogar ein Pflegebonus wurde groß angekündigt. Die Wertschätzung und Dankbarkeit, welche wir in dieser Zeit für unseren Beruf erfahren durften, tat gut. Für die Leistung des Pflegepersonals zu klatschen war schön, doch viel wichtiger war uns, nach der Krise nicht in Vergessenheit zu geraten. Doch was davon ist geblieben? – Kein Applaus und bisher auch kein Pflegebonus sowie kein zusätzliches Personal. Wir würden uns wünschen, dass die kurzzeitige Wertschätzung auch auf Dauer ihre Wirkung entfaltet.

Privatdozent Dr. Tim Piepho, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier.
Privatdozent Dr. Tim Piepho, Chefarzt der Anästhesie und Intensivmedizin im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier.

Wir müssen uns immer wieder klarmachen, dass Covid-19 nicht die letzte Pandemie gewesen sein wird. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es andere, eventuell noch infektiösere Erreger geben wird oder vergleichbare Erkrankungen. Hierfür müssen wir uns langfristig vorbereiten und aufstellen. Was in dieser Krise noch einmal deutlich wurde: Wir brauchen Ressourcen in der Medizin! Wir hatten in Deutschland bislang deshalb eine deutlich geringere Sterblichkeit als in vielen anderen Ländern, weil wir vergleichsweise hohe Kapazitäten an Intensivbetten haben. Und das zeigt, dass wir bei allem Kostendruck, bei jedem Verständnis für Einsparungen immer darauf achten müssen, dass solche Kapazitäten vorgehalten werden. Denn wie bereits gesagt – es wird zu vergleichbaren Situationen kommen.

Sunja Baschizada, seit sieben Jahren Gesundheits- und Krankenpflegerin im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn, arbeitete auf der Isolierstation.
Sunja Baschizada, seit sieben Jahren Gesundheits- und Krankenpflegerin im Brüderkrankenhaus St. Josef Paderborn, arbeitete auf der Isolierstation.

Seit Mitte März hat sich der Krankenhausalltag maßgeblich verändert. Ungewissheit und Unsicherheit standen zu Beginn der Pandemie vor und während des Dienstes auf der Tagesordnung. Von heute auf morgen musste eine den Umständen entsprechend angepasste Arbeitsroutine gemeinschaftlich entwickelt werden. Der Umgang mit der aufwendigen Schutzkleidung bei dieser speziellen Erkrankung nimmt mehr Zeit in Anspruch. Neben der Sorge um den ausreichenden persönlichen Schutz führen die sprunghafte tägliche Patientenfluktuation sowie die anhaltend wechselnden Vorgaben zu Abläufen und Hygienestandards zu einem unvorhersehbaren Arbeitsaufkommen. Erleichtert wurde dies durch ein Team, das durch die Krise gestärkt zusammengewachsen ist. Sicherheit bekamen wir aus der steten Möglichkeit der Rücksprache mit dem Hygieneteam. Unser Anspruch ist weiterhin, den Patienten während der Isolation ein Umfeld für eine angenehme Genesung zu schaffen oder auch einen würdigen Abschied. Dies ist verstärkt nötig aufgrund der strengen Besuchsrichtlinien und der Ängste der Angehörigen vor Ansteckung. Wünschenswert wäre eine anhaltende Honorierung und ein zukünftig angemessener Umgang für diesen in unserer Gesellschaft unabdingbaren Beruf, denn wir werden auch weiterhin an jedem neuen Tag an vorderster Front unser Bestes geben! Applaus für uns!

Raphael Gerlach arbeitet als stellvertretende pflegerische Leitung auf der Intensivstation Z2 im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim.
Raphael Gerlach arbeitet als stellvertretende pflegerische Leitung auf der Intensivstation Z2 im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim.

Insgesamt hatten wir deutlich mehr Beatmungspatienten als zu Normalzeiten – das war eine hohe Belastung für alle im Team. Aber es hat sich ein toller Zusammenhalt im Team entwickelt. Es gab niemanden in der Pflege, der nicht versucht hätte, alles möglich zu machen. Keiner hat sein Team oder die Patienten im Stich gelassen. Dennoch: Dass wir eine so große Anstrengung brauchten, um Personal in kurzer Zeit anzulernen und Material zu besorgen, ist auch eine Folge der jahrelangen Sparpolitik im Gesundheitswesen. Das hat zu einer Unterbesetzung in der Pflege geführt, wir müssen in kürzerer Zeit immer mehr schwerkranke Patienten versorgen. Daher muss sich langfristig die Situation in der Pflege verbessern, Applaus auf dem Balkon genügt nicht. Ich fürchte, dass sonst einige den Beruf enttäuscht aufgeben. Pflege ist ein toller Beruf, er muss attraktiver werden, damit sich wieder mehr junge Menschen dafür entscheiden.

Marion Stein, Krankenschwester und Leiterin des Patienten-Informationszentrums (PIZ) am Brüderkrankenhaus Trier.
Marion Stein, Krankenschwester und Leiterin des Patienten-Informationszentrums
(PIZ) am Brüderkrankenhaus Trier.

Die bedrohlichen Ausblicke zu Beginn der Pandemie haben Ängste wachgerufen und Bereitschaft zu Veränderungen gefordert. Mir persönlich haben der ständige Informationsfluss, die effektive Vorbereitung und die übergreifende Teamarbeit im Corona- Gemeinschaftskrankenhaus geholfen, mich gut einzufinden. Schließlich war ich wieder Lernende und froh, dass die Hauptverantwortung bei den gestandenen Kolleginnen und Kollegen lag, die ich als sehr professionell erlebt habe. Das gilt auch für die urologische Station, in der ich eingesetzt war, weil dort wiederum Mitarbeitende anderweitig gebraucht wurden. Für mich steht fest: Pflege kann Krisenmodus. Das darf aber nicht aufgrund von Leistungsdichte und schlechten Arbeitsbedingungen der Normalfall sein. Dafür brauchen wir keinen einmaligen Bonus, sondern nachhaltige Verbesserungen.

Harald Döppler, stellvertretender Stationsleiter, organisierte die Pflege auf einer der Covid-19-Stationen im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim.
Harald Döppler, stellvertretender Stationsleiter, organisierte die Pflege auf einer der Covid-19-Stationen im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim.

Corona hat bei uns in der Pflege Spuren hinterlassen. Am Anfang war alles neu, keiner hatte Erfahrung mit der Erkrankung und wir haben jeden Tag neu praktikable Lösungen für den Umgang mit den infektiösen Patienten gesucht. Die täglichen Besprechungen mit den Stationsleitungen der anderen Isolierstationen und der Hygienefachkraft sowie der für Hygiene zuständigen Laborärztin haben sehr geholfen. Natürlich war da auch die Angst, sich anzustecken und vor allem die Sorge, man könnte die Familie zu Hause gefährden. Die verschiedenen Spenden von Privatleuten und Firmen, denen es oft selbst nicht so gut ging, waren ein schönes Zeichen der Anerkennung. Umso größer ist nun die Enttäuschung, dass Zusagen der Politik nicht eingehalten werden. Die Altenpflege bekommt einen Pflegebonus. Aber wir waren täglich an der Front und haben uns und unsere Familien in Gefahr gebracht, dafür bekommen wir eigentlich nichts. Aus der enttäuschten Hoffnung, eine Anerkennung für unsere Leistung zu bekommen, erwuchs einiges an Frustration. Auch die neuerliche Diskussion über Bonuszahlungen ist an zu viele Bedingungen geknüpft, als dass sie als echte Anerkennung gelten könnte. Die Krankenpflege hätte kollektiv eine faire Behandlung verdient. Für die Pflege wünsche ich mir vor allem mehr Entlastung von Bürokratie, etwa durch eine digitalisierte Patientenakte oder durch den Einsatz von Hilfskräften für nicht pflegerische Tätigkeiten. Damit wir wieder Zeit für unsere eigentliche Arbeit, die Pflege der Patienten haben.

Pflege und Mediziner machen mobil

Gerade in den Wochen nach der ersten Corona-Phase erhoben Pflegekräfte ihre Stimme und machten sich für bessere Rahmenbedingungen in ihrem Beruf stark. Die Kampagne #PflegeNachCorona wurde im Mai durch den Deutschen Berufsverband für Pflegeberufe ins Leben gerufen, um Pflegefachpersonen eine Plattform für ihre Forderungen an die Politik zu bieten. Auf der Petitionsplattform change.org haben bereits mehrere Hunderttausend einen gemeinsamen Aufruf von Pflegefachkräften an Jens Spahn unterzeichnet. Der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, schlug ebenfalls kürzlich Alarm: „Wenn es jetzt nicht ein klares Signal gibt, dass sich etwas ändert an Tarifen und Löhnen sowie an den Arbeitsbedingungen, können wir nach der Pandemie in die Situation kommen, dass wir nicht über zusätzliche Auszubildende sprechen, sondern über eine weitere Abwanderung von Personal. Das wäre fatal.“

Auch Assistenzärzte der Medizinervereinigung Hartmannbund haben infolge der Corona-Pandemie zu einer gesellschaftlichen Debatte über das deutsche Gesundheitssystem aufgerufen. Die Bewältigung der Pandemie habe lange bestehende Fehlentwicklungen sowie unausgeschöpfte Potenziale des Gesundheitswesens aufgezeigt, erklärte Hartmannbund-Vorstandsmitglied und Vertreter der Assistenzärzte des Verbandes, Theo Uden. Bei einer Grundsatzdebatte müssen nach Ansicht der jungen Ärzte vor allem Stimmen der beteiligten Berufsgruppen aus Pflege, Ärzteschaft und weitere Akteure des Gesundheitswesens gehört werden.

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