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Geburt

Wo aus Paaren Eltern werden

Neun Monate mit Sehnsucht erwartet und dann ist es endlich da. Der Moment, das eigene Kind zum ersten Mal im Arm zu halten, ist für Eltern etwas Unbeschreibliches. Wie gut, wenn die kleine Familie dann mit Ruhe und aller Zeit der Welt die ersten Stunden und Tage genießen kann. Ein Tag auf der Geburtsstation.

 
 

Joshua schreit sich die Seele aus dem kleinen Leib. Papa Christian Kinz hält das in ein Handtuch gewickelte Bündel etwas ratlos im Arm. Wie nur kann er das Neugeborene beruhigen? „Geben Sie ihm mal den kleinen Finger in den Mund“, schlägt Schwester Helga Densing vor. Und tatsächlich, nach wenigen Augenblicken beruhigt sich der Säugling. „Ein Zeichen, dass er keinen Hunger hat – er möchte nur saugen“, erklärt die 57-Jährige einfühlsam. Frischgebackene Eltern anzuleiten, wie sie die Bedürfnisse ihres Kindes erkennen und eine enge Bindung aufbauen können, ist der Leiterin der Wöchnerinnenstation im St. Elisabeth, einem Haus des Bonner Gemeinschaftskrankenhauses, eine Herzensangelegenheit. „Unser Job ist es, aus einem Paar Eltern zu machen.“

Geburtsklinik mit Tradition

Für Christian Kinz und seine Frau Susanna war die Stillberatung ein entscheidender
Grund, die katholische Klinik für die Entbindung auszuwählen. „Für meine Frau gab es zudem einen emotionalen Hintergrund – hier wurde 1960 auch ihr Vater geboren.“ Das „Eli“, wie das in der Bonner Südstadt gelegene Krankenhaus liebevoll von der Bevölkerung genannt wird, hat als Geburtsklinik eine 110-jährige Tradition. Dabei ist das familiäre Haus immer mit der Zeit gegangen.

Urvertrauen tanken

Neben der Stillförderung wird viel Wert auf den Aufbau einer guten Eltern-Kind-
Bindung gelegt, das sogenannte Bonding wie es in der Fachsprache heißt. Sofort
nach der Geburt bekommt die frischgebackene Mama im Kreißsaal das Neugeborene in den Arm gelegt. „Nackte Haut auf nackter Haut“, erläutert Schwester Helga. So tanke das Neugeborene schon mit den ersten Atemzügen Urvertrauen. Und beim gleich danach folgenden Stillen bekommt es die mit Antikörpern angereicherte, wertvolle Vormilch. Die erste halbe Stunde gehört ganz den jungen Eltern. In aller Ruhe sollen sie nach der anstrengenden Geburt ihr neues Glück genießen. „Erst nach dem Stillen werden Mutter und Kind versorgt“, erklärt die erfahrene Kinderkrankenschwester, die seit 35 Jahren im „Eli“ arbeitet. „Die Routinen passen sich Mutter und Kind an – und nicht umgekehrt.“ Frühestens zwei Stunden nach der Geburt wird die junge Familie auf die Wöchnerinnenstation verlegt.

Mehr als Nahrung

Stillzeit ist Kuschelzeit

Viele Mütter möchten heute ihr Kind in den ersten vier bis sechs Monaten stillen und wissen, dass sie ihm damit die bestmögliche Nahrung geben. Die Muttermilch schützt das Kind vor Krankheiten, denn sie versorgt es mit Immun- und Abwehrstoffen der Mutter. Zu 88 Prozent besteht Muttermilch aus Wasser, daneben enthält sie Proteine, Fette, Kohlenhydrate, Mineralstoffe, Vitamine und Eisen. Die Milch in den ersten Tagen nach der Geburt enthält mehr Abwehrstoffe und ist deshalb besonders wichtig für einen gesunden Start ins Leben. Stillzeit ist natürlich auch Kuschelzeit voll inniger Zuwendung, Nähe und Wärme.

In der ersten Oktoberwoche bekommt Stillen wieder besondere Aufmerksamkeit: Mit der Weltstillwoche begehen alljährlich alle das Stillen fördernden Organisationen, zu denen auch UNICEF und die WHO gehören, eine gemeinsame Kampagne – und das in mehr als 120 Ländern.

Mutter und Kind im Vordergrund

Trotz 600 bis 700 Geburten im Jahrgeben wir den Eltern und Kindern diese wichtige Zeit“, sagt Dr. Joachim Roos,Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe. „Dafür haben wir tolle, motivierte Mitarbeiter“, freut sich der 50-Jährige. Und das spüren auch die Eltern. 2009 und 2012 erhielt die Klinik von der Weltgesundheitsorganisation WHO und UNICEF, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, sogar die Auszeichnung Babyfreundliches Krankenhaus. Mit dem Zertifikat wurde die langjährige Arbeit zum Wohl der Mutter-Kind-Bindung gewürdigt.

Vom Stillen hatten wir keine Ahnung – und unser Kind auch nicht.

Bonding mit Papa

Auch das Ehepaar Kinz fühlt sich gut aufgehoben. Weil bei Susanna die Wehen kaum einsetzten und das Kind sehr groß war, kam Joshua per Kaiserschnitt auf die Welt. Der Vater war mit im OP, und seine Frau konnte durch eine Periduralanästhesie bei Bewusstsein bleiben. Während Susanna nach dem Eingriff versorgt wurde, übernahm der junge Vater im OP das Bonding. „Das Baby lag lange auf meinem Oberkörper – eine tolle Erfahrung.“

Auch die Unterstützung bei den ersten Stillversuchen wissen die frischgebackenen Eltern zu schätzen: „Vom Stillen hatten wir keine Ahnung – und unser Kind auch nicht“, sagt der junge Vater schmunzelnd. „Hier kann man jederzeit klingeln – es ist mindestens eine Hebamme oder eine Stillberaterin da“, freut sich der 33-Jährige. Mutter und Kind werden im Rahmen der integrativen Wochenbettpflege als eine Einheit betrachtet und durch eine Krankenschwester oder Kinderkrankenschwester betreut. Der Rhythmus von Eltern und Kind steht im Vordergrund, kein durchgetakteter Stationsablauf.

Geburten sind nicht planbar

Hinter den Kulissen bedeutet eine Geburtsstation eine logistische Herausforderung.
Schließlich kann man Geburten nicht planen. „Vergangenes Wochenende hatten wir zehn Geburten – und dann gibt es auch mal zwei Tage ohne eine einzige Geburt“, erklärt Chefarzt Roos. Zu seinem Team gehören vier Oberärzte, neun Assistenzärzte und acht Hebammen, die gemeinsam mit den Pflegekräften rund um die Uhr im Drei-Schicht-Betrieb zur Verfügung stehen – gerade für kleinere Häuser ein wirtschaftliches Risiko: „Von den Krankenkassen gibt es nicht viel Geld für eine Geburt, aber wir müssen viel Personal vorhalten.“ Das bestätigt auch ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags: Demnach stehen die meisten Kliniken unter erheblichem Kostendruck und 60 Prozent der Entbindungsstationen arbeiten trotz aller Sparmaßnahmen nicht kostendeckend. Deshalb würden Geburtshilfeabteilungen zunehmend geschlossen, erläutert Roos. So ist die Zahl der Krankenhäuser mit Entbindungsabteilungen nach einer Studie der Deutschen Krankenhausgesellschaft seit 2004 von 952 auf 709 zurückgegangen.

Mehr als Standard

Im Bonner Haus St. Elisabeth ist man indes froh, den werdenden Eltern eine behagliche Atmosphäre bieten zu können. Sicher ein Alleinstellungsmerkmal dürfte die kleine, mit Hortensien, Geranien und Lavendel bepflanzte Terrasse sein. Sie grenzt direkt an den in Sonnengelb und Orangetönen gestrichenen Kreißsaal an.
„Man ist schon froh, wenn man bei einer Geburt, die auch mal zwölf Stunden dauern mag, zwischendurch den Fuß nach draußen setzen kann“, sagt Roos, dessen Frau vor dreieinhalb Jahren selbst hier entbunden hat. Auch das Kreißbett mit Massagefunktion und der Aufenthaltsraum mit Frühstücks- und Abendbüffet für junge Eltern sind mehr als Standard.

Ergreifende Momente

„Das mit der Terrasse ist natürlich super“, findet die angehende Mutter Silke Hartlich, als ihr der Chefarzt den Kreißsaal zeigt. Die 32-Jährige hat sich zuvor schon ein Krankenhaus angesehen, das pro Jahr rund 3.000 Geburten verzeichnet. „Ich möchte eher in einem kleinen Krankenhaus entbinden.“

Etwa bei Hebamme Anja Liebetrau. Die 38-Jährige schätzt die heimelige Atmosphäre und das gute Team, wenn sie werdenden Eltern beisteht. Nicht selten sei das ein hartes Stück Arbeit. Manchmal komme sie sich vor wie ein Trainer: „Ich
muss pushen und motivieren, wenn die Mutter vor Schmerzen nicht mehr kann.“
Wenn dann aber das Kind auf die Welt kommt, dann sei das „immer ein ganz besonderer Moment, bei dem ich oft auch sehr ergriffen bin“.

In zwei Tagen wird Joshua mit seinen Eltern das Krankenhaus verlassen.
Chefarzt Roos gibt den jungen Eltern noch augenzwinkernd einen Tipp mit auf den
Weg. „Teilen Sie sich die Nächte – man gewöhnt sich an alles“.

Text: Angelika Prauss | Fotos: Harald Oppitz

 
 
 
 
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