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10.03.20263

Hellwach statt todmüde:
Was tun gegen Schlafstörungen?

Schätzungsweise jede zehnte Frau und rund 30 Prozent aller Männer leiden an einer sogenannten Schlafapnoe. Doch auch andere Faktoren und Erkrankungen können die Nachtruhe verhageln mit der Folge, dass für viele Menschen die Bewältigung des Alltags zum ermüdenden Kampf wird. Dr. med. Christian Kaes, Chefarzt der Abteilung fürInnere Medizin IV/ Pneumologie im Brüderkrankenhaus Trier, erklärt, was jede und jeder für die eigene Schlafhygiene leisten kann und weshalb gerade übergewichtige Schlafapnoe-Patienten in einem Teufelskreis stecken. Der Mediziner warnt davor, sich mit Schlafstörungen dauerhaft zu arrangieren und rät, deren Ursachen in jedem Falle abklären zu lassen.

Schlaf

Herr Dr. Kaes, als Chefarzt der Pneumologie des Brüderkrankenhauses und Somnologe zählt die Diagnose und Behandlung von Schlafstörungen wie der Schlafapnoe zu Ihren täglichen medizinischen Aufgaben. Zugleich sagen Sie, dass wir selbst sehr viel tun können, um besser zu schlafen.

Dr. med. Christian Kaes: In der Tat gibt es sehr viele Maßnahmen zur Verbesserung der eigenen Schlafhygiene, die sich sofort umsetzen lassen. Manche sind auch recht einfach und ja auch durchaus bekannt.

Das Bett ist zum Schlafen da!

Können Sie konkrete Beispiele nennen?

Dr. Kaes: Nehmen wir die sogenannten Umgebungsfaktoren, also das, was ich vor allem in meinem Schlafzimmer beachten sollte. So sollte dieses richtig dunkel und gut belüftet sein. Die Raumtemperatur sollte 16 bis 18 Grad nicht überschreiten und das Handy oder andere Geräte mit Bildschirmen draußen bleiben. Ein Fernseher gehört auf keinen Fall ins Schlafzimmer, das Bett ist zum Schlafen da!

Was kann ich außerdem tun, damit ich nachts nicht um den Schlaf gebracht werde?

Dr. Kaes: Man sollte sich frühzeitig auf den Schlaf einstellen. Das heißt: Lassen Sie den Tag ruhig ausklingen und verzichten Sie auf sportliche Aktivitäten vor dem zu Bett gehen. Ein Spaziergang ist ok, aber sich abends noch im Fitnessstudio verausgaben oder eine Runde joggen gehen, davon rate ich ab. Gewisse Rituale helfen auch, und natürlich sollte man vor dem Schlafen nichts mehr schweres Essen oder trinken.

Also kein Feierabendbier mehr?

Dr. Kaes: Viele kennen das: Ein paar Bier am Abend führen meist dazu, dass man in der Nacht deutlich stärker schnarcht. Das liegt daran, dass Alkohol muskelentspannend wirkt. Gegen ein Glas Wein oder Bier spricht nichts, aber der Abstand zum Schlafen gehen sollte schon ein paar Stunden betragen, damit der Alkohol zumindest zu einem Teil wieder abgebaut werden kann.

Deutliche Warnzeichen für eine Schlafapnoe 

Die Menschen, die zu Ihnen ins kürzlich erneut von der Deutschen Gesellschaft für Schlafmedizin und Schlafforschung rezertifizierte Schlaflabor kommen, haben Probleme, denen mit solchen Maßnahmen nicht mehr beizukommen ist. Zum Beispiel, weil ein Verdacht auf Schlafapnoe vorliegt. Welche Symptome deuten darauf hin, dass ich an einer solchen leiden könnte?

Dr. Kaes: Meist kommt der erste Hinweis von den Bettnachbarn, welche Ohrenzeugen des Schnarchens mit nächtlichen Atemaussetzern werden. Wenn Ihr Schlaf nicht mehr erholsam ist, Sie sich morgens fühlen, als hätten Sie die Nacht durchgemacht, unter Tagesmüdigkeit und Konzentrationsstörungen leiden und einen sogenannten imperativen Schlafdrang verspüren, dem sie auch mit sechs Tassen Kaffee oder einer Runde um den Block nicht mehr Herr werden, sind das schon ziemlich deutliche Warnzeichen.

Aber manche der Symptome sind auch diffus und könnten auf andere Krankheitsbilder hindeuten, zum Beispiel Depressionen oder schlicht Frühjahrsmüdigkeit.

Dr. Kaes: Das stimmt, aber treten die eben von mir genannten Symptome in Kombination auf, sollten der Betroffene das in jedem Fall abklären lassen. Wichtig ist zunächst, immer auch an die Möglichkeit einer Schlafapnoe zu denken!

Patienten stecken in einem Teufelskreislauf 

Welches sind denn typische Risikofaktoren für eine Schlafapnoe?

Dr. Kaes: Starkes Übergewicht liegt bei sehr vielen unserer Patienten vor. Aber eine Schlafapnoe kann auch ausgelöst werden durch verschiedene Muskelrelaxanzien, also Medikamente, die zur Entspannung von Muskulatur eingesetzt werden, etwa bei der Behandlung von Schmerzen unterschiedlicher Art wie etwa im Rücken. Auch weitere zentral wirksame Präparate, beispielsweise Antidepressiva oder Opiate, können eine Schlafapnoe begünstigen.

Kann eine solche denn auch wieder ohne Therapie verschwinden oder muss eine Schlafapnoe in jedem Falle behandelt werden?

Dr. Kaes: Wenn sich an den soeben genannten Faktoren nichts ändert, nicht! Grundsätzlich kann eine deutliche Gewichtsreduktion natürlich helfen, die Schlafapnoe zu bekämpfen, und vielleicht verschwindet sie sogar ganz; und für einen Abbau von Übergewicht spricht ja auch mit Blick auf andere Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herz vieles. Aber leider stecken die meisten Schlafapnoe-Patienten in einer Art Teufelskreislauf und sind oft gar nicht in der Lage, abzunehmen.

Warum können sie nicht abnehmen?

Dr. Kaes: Viele der Betroffenen sind tagsüber so müde, dass sie zu wirklich sportlichen Aktivitäten gar nicht in der Lage sind. Und nachts sorgen die sich wiederholenden abrupten, wenn auch sehr kurzen Wachphasen im Schlaf dafür, dass die Patienten richtig Stress haben. Die infolge dieses Stresses ausgeschütteten Hormone wiederum verhindern, dass man abnimmt. Einen Teufelskreislauf haben wir auch bei jenen Patienten, die aufgrund der Einnahme bestimmter Medikamente eine Schlafapnoe entwickeln. Setze ich jedoch, um nur ein Beispiel zu nennen, die Präparate gegen Rückenschmerzen ab, wird der Schlaf durch die Schmerzen gestört und haben die Patienten Ein- und Durchschlafstörungen. Es wäre also nichts gewonnen. Deshalb macht es in jedem Fall Sinn, zu therapieren.

Alternativen zur CPAP-Maskentherapie 

Was bei einer Schlafapnoe in aller Regel bedeutet, dass an einer CPAP-Maskentherapie kein Weg vorbeiführt.

Dr. Kaes: Diese Systeme führen zu 99 Prozent zu einer deutlichen Besserung, aber ein Drittel aller Patienten toleriert diese Masken nicht. Soll heißen: Diese werden als solche als so störend und belastend empfunden, dass sie den Träger um den Schlaf bringen. Dann können eventuell sogenannte Unterkiefer-Protusionsschienen helfen, die der Zahnarzt anfertigt. Und bei ganz wenigen Patienten bedarf es einer Operation, die wir allerdings hier in Trier nicht durchführen. Da schicke ich meine Patienten meist ins Universitätsklinikum Mannheim.

Mithilfe von Smartwatches überprüfen viele Menschen heute ihre Schlafqualität. Wie aussagekräftig sind solche Systeme?

Dr. Kaes: Die sind durchaus gut und können schon aussagekräftige Hinweise auf die Qualität unseres Schlafes geben. Aber das Problem ist, dass man diese Informationen einordnen muss. Die meisten Menschen wissen beispielsweise nicht, wie viele und wie lange Tiefschlafphasen in ihrem Alter normal sind, um nur ein Beispiel zu nennen. Also Smartwatches können Anhaltspunkte liefern, aber eine Diagnose kann nur die Ärztin oder der Arzt stellen.

Dran gewöhnen ist keine Option 

Das Schlaflabor des Brüderkrankenhauses hat eine lange Warteliste von bis zu einem Jahr. Sind wirklich so viele Menschen betroffen?

Dr. Kaes: Zunächst einmal versuchen wir in wirklich schwerwiegenden und dringenden Fällen den Betroffenen möglichst schnell zu helfen. Wenn jemand beispielsweise Kraftfahrer ist und ein Sekundenschlaf entsprechend fatale Auswirkungen haben könnte, muss ihm schnellstmöglich geholfen werden. Und ja, wir sprechen hier nicht von einer kleinen Gruppe, im Gegenteil: Rund 10 Prozent aller Frauen und bis zu 30 Prozent der Männer sind von einer Schlafapnoe betroffen und entsprechend in ihrer Lebensqualität eingeschränkt.

Haben Sie denn den Eindruck, dass das Bewusstsein für die Bedeutung guten Schlafs in den vergangenen Jahren gestiegen ist?

Dr. Kaes: Ja, durchaus. Das Tückische bei Schlafproblemen ist, dass es sich meist um einen schleichenden Prozess handelt mit der Folge, dass sich viele Betroffene daran gewöhnen und es irgendwann als normalen Zustand hinnehmen, nicht ausgeschlafen zu sein. Das sollte aber niemand, sondern stattdessen abklären lassen, wo die Ursachen für permanente bleierne Müdigkeit liegen und wie diese behandelt werden können.

Die Fragen stellte Marcus Stölb

Foto: Marcus Stölb 

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