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"Das sind alles normale Menschen, die auch Träume haben"
28.10.2025125

"Das sind Menschen, die Träume haben"

Leben retten zählt zu Dr. med. univ. Simon Beckers beruflichem Alltag. Schließlich arbeitet der gebürtige Wiltinger als Facharzt auf der kardiologischen und herzchirurgischen Intensivstation im Herzzentrum des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Trier. Doch der Einsatz, der nun hinter ihm liegt, hatte noch einmal eine ganz andere Dimension: Mehrere Wochen war Dr. Becker an Bord des Seenotrettungsschiffs „SEA PUNK I“ unterwegs und half mit, mehr als 300 meist junge Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Der 37-Jährige behandelte Frauen und Kinder auf offener See und begegnete Jugendlichen, die in der Hoffnung auf ein besseres Dasein ihr Leben riskierten.

Dr. Simon Becker im Einsatz. Foto: @MadisonTuff

Es ist früh am Morgen, als die „SEAPUNK I“ vom sizilianischen Augusta in See sticht. Simon Becker verspürt eine Mischung aus Anspannung und Tatendrang nach Tagen intensiver Vorbereitung: „Wir wollten nicht mehr nur im Hafen liegen, aber wir wussten auch nicht, was uns erwarten würde“, beschreibt er die vorherrschende Gefühlslage. Vor ihm und den 13 weiteren Mitgliedern der Crew liegt eine in jeder Hinsicht herausfordernde Mission: Seenotrettung auf dem Mittelmeer. Alle an Bord eint das Ziel, Menschenleben zu retten. Doch wann und wo sie gefordert sein werden, weiß die Besatzung in diesem Moment noch nicht.

Mit zehn Knoten, etwa 20 Stundenkilometer, fährt das Schiff aufs offene Meer und nimmt Kurs auf internationales Gewässer, genauer die SAR-Zonen. Das Kürzel steht für „Search and Rescue“, nur in diesen Meeresgebieten dürfen Organisationen wie SEA PUNKS e.V. überhaupt aktiv werden. In nationalen Gewässern sind die Küstenwachen der jeweiligen Länder zuständig, ein Rettungseinsatz von Organisationen wie dem aus Bad Kreuznach stammenden Verein würde zu politischen Verwicklungen führen und das Ziel der Mission verfehlen. Denn die freiwilligen Seenotretter wollen dort im MittelmeerNothilfe leisten, wo die Anrainerstaaten und die EU ihre Rettungsorganisationen nicht hin entsenden, Verantwortlichkeiten von sich gewiesen werden und wöchentlich Menschen ertrinken.

Die völlig überfüllte "SEA PUNK I" auf dem Mittelmeer. Foto: @MadisonTuff

Nach mehr als 24 Stunden erreicht Beckers Schiff ein Hinweis von „Alarmphone“, einer Hilfsorganisation, die Alarmierungen über Seenotfälle entgegennimmt und an Hilfsorganisationen weiterleitet. Etwa zwei bis drei Stunden entfernt treibe ein Boot orientierungslos auf dem Meer. Die Besatzung eines Flugzeugs des Vereins Seawatch e.V. habe von rund 20 Menschen berichtet, die sich in dem kleinen, zickzack fahrenden Kahn befänden, heißt es weiter. Die „SEA PUNK I“ nimmt Fahrt auf und steuert das Gebiet an, in dem das Boot gesichtet wurde.

Rettungseinsatz in dunkler Nacht 

„Es dämmerte schon und das Wetter verschlechterte sich deutlich. Die See wurde merklich rauer“, erinnert sich Becker an die Fahrt zu seinem ersten Einsatz als Seenotretter. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen kann: Im Boot befinden sich nicht 20, sondern 84 Menschen. Es sind fast ausnahmslos junge Männer aus Nordafrika, wird die Crew wenig später wissen. „Da waren auch 13- und 14-Jährige darunter, völlig unbedarft und ohne Plan“, berichtet Becker. In einem sicheren Abstand von rund 200 Meter lässt die „SEA PUNK I“ ihr Schnellboot ab, gemeinsam mit zwei weiteren Crewmitgliedern fährt der Arzt direkt zum Boot, das nun in dunkler Nacht auf den Wellen schaukelt. Becker verschafft sich einen ersten Eindruck von der physischen und psychischen Verfassung der Menschen an Bord. Unterstützt wird er hierbei von einer arabisch sprechenden Kulturmediatorin aus Frankreich. In verschiedenen Sprachen sorgt sie dafür, dass unter den Schutzsuchenden jetzt keine Panik ausbricht.

"Ein Einsatz, den wir gerne auch als Haus unterstützen"

Und wie sieht das Brüderkrankenhaus das außergewöhnliche Engagement seines Mitarbeiters? „Wenn Dr. Simon Becker von seinen Erfahrungen berichtet, lässt einen das nicht kalt. Das Fluchtgeschehen ist sehr komplex und nachhaltige globale Lösungen zu finden ist genauso notwendig wie schwierig. Umso mehr braucht es Menschen wie Herrn Dr. Becker, die sich für die Rettung von Menschen auf der Flucht einsetzen“, betont Markus Leineweber, Direktor Unternehmenskultur des Brüderkrankenhauses, und ergänzt: „Wir dürfen nicht den Tod von Menschen in Kauf nehmen, weil grundsätzliche politische Lösungen nicht gefunden oder gesucht werden und auf sich warten lassen. Daher mein großer Respekt gegenüber dem Engagement von Herrn Dr. Becker und auch angesichts des Mutes, dessen ein solcher Einsatz bedarf – ein Einsatz, den wir gerne auch als Haus unterstützen.“

Zum Glück befinden sich auf den beiden Decks des absolut nicht hochseetauglichen Boots offenkundig keine Menschen, die in einem medizinisch kritischen Zustand sind oder sich sogar in Lebensgefahr befinden. Zunächst werden deshalb alle mit Rettungswesten versorgt. „Vorher startet keine Evakuierung an Bord unseres Schiffs“, betont Becker. Zu groß sei die Gefahr, dass das Boot kentern und Menschen ertrinken könnten. Während der Mediziner sich an Bord bereit macht für die ärztliche Erstversorgung der Geflüchteten, pendelt das Schnellboot zwischen der „SEA PUNK I“ und dem Flüchtlingsboot hin und her. Es wird bis in die frühen Morgenstunden dauern, bis alle Menschen auf dem Seenotrettungsschiff und in Sicherheit sind.

Einsatz auf hoher See. Foto: @MadisonTuff

Doch die „SEA Punk I“ ist für eine derart große Zahl an Menschen prinzipiell nicht ausgelegt, kann sich nun nur noch sehr langsam bewegen und könnte selbst in eine schwierige Situation geraten, wenn der Wind noch mehr zunehmen würde. Hinzu kommt, dass Vorräte und Infrastruktur des Schiffes eine solche Menge an Menschen nur für einen gewissen Zeitraum sicher versorgen können. Also nimmt die Crew umgehend Kontakt zur italienischen Küstenwache auf. Man habe schon ziemlich deutlich die Dramatik der Situation schildern müssen, bis die Italiener Hilfe zugesagt hätten, erinnert Becker. Dennoch wird es weitere 16 Stunden dauern, bis ein Schiff der Küstenwache der „SEA PUNK I“ auf ihrer langsameren Fahrt Richtung Lampedusa entgegenkommt und die Geflüchteten noch auf dem Wasser übernimmt.

"Kein Kind sollte so etwas erleben müssen!"

„In diesem Moment war ich einfach nur erleichtert, da bleibt kein Auge trocken und fällt eine Riesenlast von allen ab“, beschreibt der Mediziner die Situation unmittelbar danach. In den Tagen davor haben er und seine Mitstreiter praktisch keinen Schlaf gefunden und mussten vor allem eines – funktionieren. Fragt man Becker, wie sehr ihn die Rettung emotional berührte und ob die Konfrontation mit so vielen verzweifelten Menschen in einem auf den Wellen schaukelnden Boot ihn nicht an Grenzen gebracht habe, winkt er ab: „Als Intensivmediziner gehört es zu meinem Job, mit unvorhergesehenen und nicht planbaren Ereignissen umzugehen und in Akutsituationen zu helfen. Ich war in meiner professionellen Rolle und habe einfach meine Aufgaben erledigt.“ Es klingt nüchtern, fast ein wenig abgeklärt. Bis er von seinem dritten Rettungseinsatz berichtet. Der Arzt erzählt von einem kleinen Jungen und dessen Mutter – und davon, dass das Kind nicht geschrien, sondern vielmehr gelächelt habe, als es an Bord kam. Simon Becker erinnert sich an den Jungen. Ihm stockt die Stimme, er ringt um Worte, kämpft mit den Tränen. Bis es schließlich aus ihm herausbricht: „Kein Kind sollte so etwas erleben müssen!“

Vor dem Einsatz gab es für Dr. Simon Becker und das Team ein intensives Training. Foto: @MadisonTuff

Insgesamt dreimal kommt die „SEA PUNK I“ während Beckers Aufenthalt an Bord zum Einsatz. Mehr als 300 Menschen wird die Crew in dieser Zeit retten. Der Arzt aus dem Trierer Brüderkrankenhaus behandelt Seekranke und versorgt Schnittwunden, und er kümmert sich um Menschen mit „Fuel Burns“ – Verbrennungen der Haut, die durch ein toxisches Gemisch aus Treibstoff, Salzwasser und Urin hervorgerufen werden, wie es sich oft in den völlig überfüllten Booten findet. Die Besatzung der „SEA PUNK I“ rettet hochschwangere Frauen und Babys. Einmal waren rund 160 Menschen an Bord des Rettungsschiffs – eine dramatische Situation. „Die ‚SEA PUNK‘ hat 15 Betten, allein daran sieht man, wie überfüllt unser Schiff war“, so Becker. Es sollte dennoch 15 Stunden dauern, bis die Küstenwache vor Ort war und die Geflüchteten übernahm. Unvergessen ist Becker auch die Rettung einer Gruppe von Christen aus Eritrea, Äthiopien und dem Sudan. Viele hätten Heiligenbilder mit sich getragen, laminiert, wohl um bei der Überfahrt vor Wasser geschützt zu sein.

Prägende Eindrücke fürs Leben 

Was all die Eindrücke mit ihm gemacht haben? „Man ist noch einmal demütiger und weiß zu schätzen, wie gut es einem geht“, sagt Becker und ergänzt: „Das sind alles ganz normale Menschen, die auch alle Hoffnungen und Träume haben und nicht nur vor Krieg, sondern auch vor ihren miesen Lebensumständen fliehen; und diese Menschen sind nicht zum Sterben verdammt, sondern wollen ein anderes, besseres Leben führen.“ Der Arzt hält kurz inne und fragt: „Warum haben diese Personen, anders als die meisten hierzulande, kein Recht darauf, zu entscheiden, wie und wo sie leben möchten?“

Text: Marcus Stölb

Fotos: @MadisonTuff

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