So senken Sie Ihr Schlaganfallrisiko
Jedes Jahr erleiden hierzulande rund 270.000 Menschen einen Schlaganfall. Die gute Nachricht: Acht von zehn Schlaganfälle ließen sich vermeiden. Professor Dr. med. Matthias Maschke ist Chefarzt der Abteilung für Neurologie, Neurophysiologie und neurologische Frührehabilitation mit Schlaganfall-Einheit im Brüderkrankenhaus Trier. Im Interview mit LEBEN! erklärt er, bei welchen Symptomen man immer an einen Schlaganfall denken sollte, wie sich das individuelle Risiko senken lässt und unter welchen Umständen auch jüngere Menschen betroffen sein können.
Verschiedene Symptome, die auf einen Schlaganfall hindeuten können, können zugleich andere organische oder gar psychische Ursachen haben wie beispielsweise Schwindel oder Kopfschmerzen. Wann und warum sollte ich dennoch immer an die Möglichkeit eines Schlaganfalls denken und entsprechend reagieren?
Professor Dr. med.
Matthias Maschke: Beim Auftreten plötzlicher neurologischer Symptome wie
eine Sprech- oder Sprachstörung, ein hängender Mundwinkel, eine Lähmung eines
Armes und/oder Beines oder einer plötzlichen Blindheit sollte an einen
Schlaganfall gedacht werden. Dies ist im so genannten FAST Test
zusammengefasst.
Ein Schlaganfall ist immer ein Notfall. Warum zählt jede Minute und wie ist gewährleistet, dass auch in unserer vorwiegend ländlichen Region Menschen sofort geholfen werden kann?
Professor Maschke:
Mit jeder Minute Verzögerung bis zur Therapie sterben mehr Nervenzellen ab und
es kommt zu mehr Behinderung. Der Rettungsdienst bringt daher die betroffenen
Menschen unverzüglich in eine Einrichtung mit „Stroke Unit“, um eine rasche
Therapie zu gewährleisten. Das Brüderkrankenhaus Trier
verfügt in einem Einzugsgebiet von rund einer Million Menschen über die einzige
überregionale „Stroke Unit“, doch ist meine Abteilung zugleich Teil des
Telemedizinischen Schlaganfallnetzwerks Rheinland-Pfalz (TemeS-RLP), in dem
sechs Schlaganfalleinheiten zusammengeschlossen sind. Mithilfe sogenannter
Telekonsile unterstützen unsere Experten auch andere Krankenhäuser,
Schlaganfälle noch sicherer zu erkennen und die Behandlung einzuleiten.
In vielen Fällen ist ein Schlaganfall nicht nur Schicksal, sondern das Ergebnis eines Lebensstils. Was sollte ich tun, um mein individuelles Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, maximal zu senken?
Professor Maschke: Gesunde Lebensweise meint mediterrane Kost, Beenden eines Nikotinkonsums, Kontrolle von Gefäßrisikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, erhöhtes Cholesterin und Übergewicht. Die gute Einstellung dieser Faktoren senkt das Schlaganfallrisiko beträchtlich.
"Stroke Unit"
Entscheidend, ob Patientinnen und Patienten einen Schlaganfall überleben und wie das „Outcome“ sein wird, ist die möglichst umgehende Aufnahme in einer spezialisierten Therapie- und Überwachungsstation, „Stroke Unit“ genannt. Seit 1995 verfügt das Brüderkrankenhaus Trier über eine solche Schlaganfall-Einheit. Rund 1.100 Patienten werden jährlich hier aufgenommen und in den ersten 24 bis 48 Stunden nach ihrem Schlaganfall versorgt.
Dass das Brüderkrankenhaus über die einzige überregionale „Stroke Unit“ in einem Einzugsbereich von rund einer halben Million Einwohner verfügt, hängt ganz wesentlich damit zusammen, dass vor Ort eine Abteilung für Neurochirurgie vorhanden ist und das Zentrum für Radiologie, Neuroradiologie, Sonographie und Nuklearmedizin modernste bildgebende Verfahren vorhält, wie sie etwa für die Thrombektomie vonnöten sind. Die Patienten der Schlaganfall-Einheit profitierten zudem von einem multiprofessionellen Team aus Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen. „Bei uns arbeiten Medizin und Pflege, Logopädie sowie Physio- und Ergotherapie Hand in Hand zusammen, um die Patienten optimal zu behandeln und ihnen so zu helfen, auch nach einem Schlaganfall ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit hoher Lebensqualität führen zu können.
Nicht nur ältere Menschen kann ein Schlaganfall treffen, vielmehr behandeln Sie auch jüngere Frauen und Männer; und oft sind auch Menschen betroffen, die keine oder kaum Risikofaktoren wie Bluthochdruck oder Nikotinkonsum haben. Welches sind bei solchen Patienten die häufigsten Auslöser für einen Schlaganfall?
Professor Maschke:
Bei jüngeren Menschen kommen Gerinnungsstörungen, Gefäßentzündungen,
Herzerkrankungen und Gefäßwandeinrisse –so genannte Dissektionen –als Ursache
in Betracht.
Immer wieder hört man, dass Menschen einen Schlaganfall erlitten, diesen aber zunächst nicht bemerkt haben. Gibt es auch die Möglichkeit, einen Schlaganfall unbehandelt folgenlos zu überstehen?
Professor Maschke:
Es hängt davon ab, welcher Teil des Gehirns durch den Schlaganfall betroffen
ist. In manchen Teilen des Gehirns wie beispielsweise dem Kleinhirn können
kleinere Schlaganfälle manchmal unbemerkt bleiben.
Dank diagnostischer und therapeutischer Fortschritte können viele Patienten heute nach einem Schlaganfall wieder ein selbstbestimmtes Leben führen. Wenn Sie auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblicken: Was sind aus Ihrer Sicht die wesentlichen Entwicklungen, die zu einem verbesserten Überleben und einer höheren Lebensqualität für viele Betroffene geführt haben?
Professor Maschke:
Die Einrichtung der spezialisierten Schlaganfallstationen, sprich der
„Stroke Units“, aber auch die Möglichkeit des medikamentösen Auflösens des
Blutgerinnsels - so genannte Lyse – haben die Prognose entscheidend verbessert.
Zudem trägt die Möglichkeit zur mechanischen Bergung des Blutgerinnsels mittels
einer Katheterangiographie, also die so genannte Thrombektomie, maßgeblich dazu
bei, dass auch große Schlaganfälle sehr gut behandelbar sind.
Was erwarten Sie im Hinblick auf die Forschung und Entwicklung für die kommenden Jahre und Jahrzehnte?
Professor Maschke:
Es werden neue Medikamente entwickelt, die zu einem Schutz des Gehirns nach
einem Schlaganfall beitragen; diese Medikamente werden als „Neuroprotektiva“
bezeichnet.
Nach Krebs und Demenz belegt der Schlaganfall Platz 3 der Krankheiten, vor denen sich die Menschen hierzulande am meisten fürchten. Gibt es etwas, womit Sie uns ein wenig die Angst davor nehmen können, einmal zu Ihren Patienten zu zählen?
Professor Maschke: Heutzutage kümmern sich Menschen deutlich besser um ihre Gesundheit als vor 30 Jahren. Auch ältere Menschen treiben regelmäßig Sport, der Nikotinkonsum hat sich deutlich reduziert. Insofern hat das Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden, generell eher abgenommen.
Interview und Foto: Marcus Stölb


