Deutliche Fortschritte bei Behandlung von Hirntumoren
03.06.20264

"Die Behandlung von Hirntumoren macht deutliche Fortschritte" 

In der Behandlung von Hirntumoren verfügt die Abteilung für Neurochirurgie des Brüderkrankenhauses Trier über exzellente Expertise und umfassende Erfahrung. Im Gespräch mit LEBEN! erklärt Chefarzt Professor Dr. med. Alexander Grote, welche Fortschritte es auf dem Gebiet neuroonkologischer Therapien gibt, wovon die Patienten im von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Hirntumorzentrum Trier profitieren und welche Pläne er für die Weiterentwicklung seiner Abteilung hat. Der Chefarzt kündigt die Etablierung einer „Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV)“ für Hirntumorpatienten an und sagt: Gerade Patienten mit Hirntumoren benötigen über modernste Medizin hinaus Vertrauen, Empathie und Verlässlichkeit.

Chefarzt Professor Dr. med. Alexander Grote

Herr Professor Grote, viele der Symptome, die auf einen Hirntumor hindeuten können, sind eher diffus und könnten auch einen völlig anderen Hintergrund haben. Wann sollte man dennoch abklären lassen, ob nicht doch ein Hirntumor die Ursache sein könnte?

Professor Dr. med. Alexander Grote: Die meisten Systeme wie Kopfschmerzen, Schwindelbeschwerden oder Übelkeit haben glücklicherweise andere, meist harmlose Ursachen. Dennoch gibt es bestimmte Warnsignale, die ärztlich abgeklärt werden sollten. Dazu gehören neu aufgetretene epileptische Anfälle, anhaltende oder zunehmende Kopfschmerzen, insbesondere wenn sie ungewohnt stark sind oder nachts auftreten, neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen sowie Veränderungen von Persönlichkeit, Konzentration oder Gedächtnis. Ein Hirntumor ist insgesamt eine seltene Erkrankung. Dennoch: Wenn Beschwerden über Wochen zunehmen oder neue neurologische Symptome auftreten, sollte zeitnah eine weiterführende Diagnostik erfolgen, um frühzeitige Klarheit zu schaffen und im Falle einer Tumorerkrankung einen raschen Therapiebeginn zu ermöglichen.

Die meisten Hirntumoren entstehen ohne erkennbare Ursache

Anders als bei Darm- oder Lungenkrebs lassen sich für einen Hirntumor keine Risikofaktoren ausmachen. Gibt es dennoch Menschen, bei denen man von einem erhöhten Risiko für diese Erkrankung ausgehen muss?

Professor Grote: Die meisten Hirntumoren entstehen ohne erkennbare Ursache. Es gibt jedoch einige seltene erbliche Erkrankungen, die mit einem erhöhten Risiko für Hirntumore verbunden sind. Zudem kann eine frühere Strahlentherapie im Kopfbereich das Risiko geringfügig erhöhen. Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten, dass Hirntumore überwiegend Menschen treffen, die keinerlei bekannte Risikofaktoren aufweisen. Eine gezielte Vorsorgeuntersuchung wie bei anderen Krebsarten existiert deshalb nicht.

An wen sollte ich mich wenden, um die für einen Hirntumor typischen Symptome abklären zu lassen?

Professor Grote: Der erste Ansprechpartner ist in der Regel der Hausarzt oder, bei akuten neurologischen Beschwerden, direkt ein Neurologe. Oft werden Patienten mit plötzlich aufgetretenen neurologischen Symptomen über die Notaufnahme vorstellig. Nach einer neurologischen Untersuchung erfolgt meist eine Bildgebung des Gehirns. Die wichtigste Untersuchung ist die Magnetresonanztomographie. Das MRT erlaubt eine sehr genaue Darstellung von Hirntumoren und ihrer Lage. Eine endgültige Diagnose kann allerdings erst durch die feingewebliche Untersuchung einer Gewebeprobe gestellt werden. Diese wird im Rahmen einer Operation oder einer gezielten Biopsie gewonnen und von Neuropathologen untersucht.

Operation eines Hirntumors im Brüderkrankenhaus Trier

Die Diagnose Hirntumor ist für die Betroffenen und deren Angehörige ein Schock. Was können Sie für die Patientinnen und Patienten tun, um Ihnen dennoch eine möglichst lange Lebensspanne bei relativ hoher Lebensqualität zu ermöglichen?

Professor Grote: Die Diagnose eines Hirntumors verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Viele Patienten und Angehörige berichten, dass zunächst Angst, Unsicherheit und zahlreiche Fragen im Vordergrund stehen. Deshalb sehen wir unsere Aufgabe nicht allein darin, einen Tumor zu behandeln. Vielmehr begleiten wir Menschen in einer schwierigen Lebenssituation und versuchen, ihnen medizinisch und menschlich Sicherheit zu geben.

Unser Ziel ist es, die bestmögliche Therapie mit einer möglichst hohen Lebensqualität zu verbinden. Moderne neurochirurgische Verfahren ermöglichen heute häufig eine sichere und umfassende Tumorentfernung bei gleichzeitigem Erhalt wichtiger Hirnfunktionen wie zum Beispiel Sprache, Bewegung oder Gedächtnis. Gerade in der Hirntumorchirurgie geht es um die Kombination aus größtmöglicher Entfernung des Tumorgewebes und gleichzeitiger Sicherheit für den Patienten. Anschließend werden die weiteren Behandlungsschritte gemeinsam mit unseren Partnern geplant. Hierzu gehören individuell abgestimmte Bestrahlungs- und medikamentöse Therapien sowie unterstützende Maßnahmen durch Physiotherapeuten, Psychoonkologen, Sozialdienste und weitere Fachgruppen.

Ein besonderer Vorteil unseres zertifizierten Neuroonkologischen-Zentrums besteht darin, dass alle beteiligten Spezialisten hier am Brüderkrankenhaus eng zusammenarbeiten. Neben der Neurochirurgie sind dies insbesondere die Neuroradiologie, die Hämatologie und Onkologie, die Strahlentherapie, die Neurologie und die Neuropathologie. Darüber hinaus pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit dem Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen Trier sowie den weiteren Kliniken in der Region. So können etwa notwendige Bestrahlungen wohnortnah erfolgen, ohne dass die Behandlung darunter leidet.

Erfreuliche Entwicklung hin zu einer stärker personalisierten Medizin 

Inwiefern hat sich die Behandlung bösartiger Hirntumoren wie beispielsweise dem Glioblastom in den vergangenen Jahren verändert und welche Entwicklungen lassen hoffen, dass sich die Prognose für die Betroffenen insgesamt verbessert?

Professor Grote: Die Behandlung von Hirntumoren hat in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Moderne Bildgebung, präzisere Operationsverfahren, verbesserte Bestrahlungstechniken und molekularpathologische Untersuchungen ermöglichen heute eine deutlich individuellere Therapie als noch vor wenigen Jahren. Insbesondere die genetische und molekulare Charakterisierung von Tumoren hat unser Verständnis dieser Erkrankungen grundlegend verändert. Dadurch können Patienten zunehmend zielgerichteter behandelt werden. Auch neue immunologische und molekular ausgerichtete Therapiekonzepte werden derzeit intensiv erforscht. Beim Glioblastom bleiben die Herausforderungen zwar weiterhin groß, dennoch sehen wir in vielen Bereichen eine erfreuliche Entwicklung hin zu einer stärker personalisierten Medizin.

Sie sagten es: Hirntumore treten insgesamt gesehen relativ selten auf. Allerdings liegt bei jedem vierten Kind oder Jugendlichen, das bzw. der an Krebs erkrankt, ein Hirntumor vor. Gibt es hierfür eine Erklärung?

Professor Grote: Die Ursachen sind bis heute nicht vollständig geklärt. Grundsätzlich unterscheiden sich Krebserkrankungen im Kindesalter deutlich von Tumoren im Erwachsenenalter. Viele typische Krebsarten bei Erwachsenen entstehen durch Umweltfaktoren oder Alterungsprozesse über Jahrzehnte hinweg. Diese Mechanismen spielen bei Kindern kaum eine Rolle. Hirntumoren gehören deshalb neben Leukämien zu den häufigsten Krebserkrankungen im Kindesalter. Gleichzeitig handelt es sich häufig um andere Tumorarten als bei Erwachsenen. Die Behandlung dieser Erkrankungen erfolgt in hochspezialisierten kinderonkologischen Zentren.

Hirnmetastasen sind die häufigsten Tumoren des Gehirns 

Welchen Stellenwert haben gutartige Tumoren für die Neurochirurgie?

Professor Grote: Gutartige Hirntumoren machen einen erheblichen Teil unserer täglichen Arbeit aus. Dazu zählen beispielsweise Meningeome, Tumoren der Hirnnerven oder der Hypophyse. Auch wenn diese Tumoren nicht metastasieren, können sie durch ihr Wachstum erhebliche Beschwerden verursachen, da im Schädel nur wenig Platz zur Verfügung steht. Die operative Entfernung kann häufig eine dauerhafte Heilung ermöglichen. Moderne mikrochirurgische Techniken ermöglichen dabei meist eine sehr schonende Behandlung mit ausgezeichneten Langzeitergebnissen.

Eine wachsende Bedeutung haben sogenannte sekundäre Hirntumoren, sprich Hirnmetastasen. Hierbei kooperiert die Neurochirurgie eng mit anderen Fachabteilungen zusammen. Weshalb ist dieses interdisziplinäre Zusammenspiel so wichtig? Welche spezialisierten Therapieansätze bei Hirnmetastasen bietet das Brüderkrankenhaus an und was erwarten Sie diesbezüglich für die Zukunft?

Professor Grote: Hirnmetastasen sind inzwischen die häufigsten Tumoren des Gehirns. Dank verbesserter Krebstherapien leben viele Patienten mit ihrer Grunderkrankung heute deutlich länger, wodurch Hirnmetastasen häufiger diagnostiziert werden. Die Behandlung kann aber nur erfolgreich sein, wenn die Erkrankung als Ganzes betrachtet wird. Deshalb arbeiten wir eng mit der Hämatologie und Onkologie, der Strahlentherapie, der Neuroradiologie sowie weiteren Fachdisziplinen zusammen. Gemeinsam entwickeln wir für jeden Patienten ein abgestimmtes Therapiekonzept.

Im Brüderkrankenhaus bieten wir das gesamte moderne Spektrum der Behandlung von Hirnmetastasen an: von der operativen Entfernung bis hin zu modernen Bestrahlungsverfahren, immer in Kombination mit einer systemischen medikamentösen Therapie. Die gesamte Behandlung erfolgt in enger Abstimmung mit den anderen Abteilungen. Die Zukunft sehen wir in einer noch stärkeren Individualisierung der Therapie auf Grundlage molekularer Tumormerkmale und neuer zielgerichteter Medikamente.

Das Brüderkrankenhaus verfügt als eine von nur zwei Kliniken in Rheinland-Pfalz über ein von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziertes Hirntumorzentrum. Welche Vorteile bietet dieses Zentrum für die Patientinnen und Patienten?

Noch engere Vernetzung zum Wohle der Patienten

Professor Grote: Die Zertifizierung bestätigt, dass sämtliche diagnostischen und therapeutischen Abläufe regelmäßig überprüft werden und höchsten Qualitätsanforderungen entsprechen. Erst im April dieses Jahres konnten wir die erfolgreiche Rezertifizierung unseres Neuroonkologischen Zentrums abschließen. Darauf sind wir sehr stolz, denn hinter einer solchen Zertifizierung steht die Arbeit vieler engagierter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unterschiedlichster Berufsgruppen.

Für die Patienten bedeutet dies vor allem: Sie erhalten eine umfassende und strukturierte Behandlung nach aktuellen wissenschaftlichen Standards. Jeder einzelne Fall wird in einer interdisziplinären Tumorkonferenz besprochen. Dort sitzen Neurochirurgen, Neuroradiologen, Hämatologen und Onkologen, Strahlentherapeuten, Neurologen, Neuropathologen und weitere Spezialisten gemeinsam an einem Tisch und entwickeln die optimale Therapieempfehlung. Gerade bei Hirntumoren ist diese enge Abstimmung von großer Bedeutung. Die Erkrankungen sind häufig komplex und erfordern eine individuell zugeschnittene Behandlung. Durch die Bündelung aller relevanten Kompetenzen können wir Diagnostik und Therapie optimal koordinieren und unseren Patienten unnötige Wege und Zeitverluste ersparen.

Gleichzeitig verstehen wir die erfolgreiche Zertifizierung nicht als Endpunkt, sondern als Auftrag zur Weiterentwicklung. Aktuell arbeiten wir intensiv daran, in Trier eine Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung (ASV) für Hirntumorpatienten zu etablieren. Ziel ist es, die sektorenübergreifende Versorgung zwischen ambulanten und stationären Strukturen weiter zu verbessern und unseren Patienten trotz der zunehmend herausfordernden Rahmenbedingungen zuverlässig spezialisierte Leistungen aus einer Hand anzubieten.

Wir investieren diese Arbeit ganz bewusst, weil wir überzeugt sind, dass unsere Hirntumorpatienten von einer noch engeren Vernetzung und einer noch stärker spezialisierten Versorgung profitieren werden.

Unser langfristiges Ziel ist es, Trier als überregionales Zentrum für die Diagnostik und Behandlung von Hirntumoren weiter zu stärken und den Menschen in der Region eine Versorgung auf universitärem Niveau wohnortnah anzubieten.

Im Zentral-OP des Brüderkrankenhauses Trier

Gerade bei einer komplexen Erkrankung wie einem bösartigen Hirntumor ist vielen Betroffenen daran gelegen, sich eine qualifizierte Zweitmeinung einzuholen. Besteht diese Möglichkeit in unserem Hirntumorzentrum?

Professor Grote: Selbstverständlich! Die Einholung einer Zweitmeinung ist bei einer so weitreichenden Diagnose absolut verständlich und oft sinnvoll. Patienten können sich jederzeit mit ihren vorhandenen Befunden und Bilddaten in unserem Neuroonkologischen Zentrum vorstellen. Wir prüfen die Unterlagen sorgfältig und besprechen die Situation gemeinsam mit den beteiligten Fachdisziplinen. Häufig können wir die vorgeschlagene Therapie bestätigen, manchmal ergeben sich aber auch zusätzliche Behandlungsoptionen oder alternative Strategien. Unser Ziel ist es, den Betroffenen eine fundierte Grundlage für ihre Entscheidung zu geben. Im Gegenzug unterstützen wir übrigens auch unkompliziert Zweitmeinungen unserer Patienten.

Vertrauen, Empathie und Verlässlichkeit

Sie sind seit Januar 2026 Chefarzt der Neurochirurgie des Brüderkrankenhauses Trier. Was zeichnen diese Abteilung und ihr Team aus?

Professor Grote: Ich habe eine außergewöhnlich gut aufgestellte Abteilung übernommen, die sich über viele Jahre einen hervorragenden Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus erarbeitet hat. Besonders beeindruckt haben mich die hohe fachliche Kompetenz, die große Motivation und die bemerkenswerte Identifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrer Abteilung. Wir decken das gesamte Spektrum moderner Neurochirurgie ab. Neben der Tumorchirurgie gehören hierzu die vaskuläre Neurochirurgie, die Wirbelsäulenchirurgie, die funktionelle Neurochirurgie sowie die neurochirurgische Intensivmedizin. Besonders hervorheben möchte ich die hervorragende Zusammenarbeit mit unseren Partnern im Haus. Die enge Kooperation mit der Neuroradiologie, der Hämatologie und Onkologie, der Neurologie, der Strahlentherapie und vielen weiteren Fachbereichen ermöglicht eine Versorgung, die den Vergleich mit universitären Zentren nicht scheuen muss.

Welche Ziele haben Sie für die Weiterentwicklung Ihrer Abteilung?

Professor Grote: Als Tumorchirurg liegt mir die Weiterentwicklung der Neuroonkologie besonders am Herzen. Gemeinsam mit dem gesamten Team möchten wir die bestehenden Stärken der Abteilung bewahren und gleichzeitig neue Impulse setzen. Dazu gehören der weitere Ausbau unseres Neuroonkologischen Zentrums, die Etablierung neuer Versorgungsstrukturen wie der ASV sowie die Förderung von Lehre, Weiterbildung und klinischer Forschung im Rahmen des Medizincampus Trier.

Was unser Team vielleicht am meisten auszeichnet, ist die Verbindung von medizinischer Exzellenz und Menschlichkeit. Gerade Patienten mit Hirntumoren stehen oft vor einer der größten Herausforderungen ihres Lebens. Sie benötigen nicht nur modernste Medizin, sondern auch Vertrauen, Empathie und Verlässlichkeit.

Fragen und Fotos: Marcus Stölb

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