
"Die Behandlung von Hirntumoren macht deutliche Fortschritte"
In der Behandlung von Hirntumoren verfügt die Abteilung für Neurochirurgie des Brüderkrankenhauses Trier über exzellente Expertise und umfassende Erfahrung. Im Gespräch mit LEBEN! erklärt Chefarzt Professor Dr. med. Alexander Grote, welche Fortschritte es auf dem Gebiet neuroonkologischer Therapien gibt, wovon die Patienten im von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten Hirntumorzentrum Trier profitieren und welche Pläne er für die Weiterentwicklung seiner Abteilung hat. Der Chefarzt kündigt die Etablierung einer „Ambulanten Spezialfachärztlichen Versorgung (ASV)“ für Hirntumorpatienten an und sagt: Gerade Patienten mit Hirntumoren benötigen über modernste Medizin hinaus Vertrauen, Empathie und Verlässlichkeit.
Herr Professor Grote, viele der Symptome, die auf einen
Hirntumor hindeuten können, sind eher diffus und könnten auch einen völlig
anderen Hintergrund haben. Wann sollte man dennoch abklären lassen, ob nicht doch
ein Hirntumor die Ursache sein könnte?
Professor Dr. med. Alexander Grote: Die meisten
Systeme wie Kopfschmerzen, Schwindelbeschwerden oder Übelkeit haben
glücklicherweise andere, meist harmlose Ursachen. Dennoch gibt es bestimmte
Warnsignale, die ärztlich abgeklärt werden sollten. Dazu gehören neu
aufgetretene epileptische Anfälle, anhaltende oder zunehmende Kopfschmerzen,
insbesondere wenn sie ungewohnt stark sind oder nachts auftreten, neurologische
Ausfälle wie Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen sowie Veränderungen von
Persönlichkeit, Konzentration oder Gedächtnis. Ein Hirntumor ist insgesamt eine
seltene Erkrankung. Dennoch: Wenn Beschwerden über Wochen zunehmen oder neue
neurologische Symptome auftreten, sollte zeitnah eine weiterführende Diagnostik
erfolgen, um frühzeitige Klarheit zu schaffen und im Falle einer
Tumorerkrankung einen raschen Therapiebeginn zu ermöglichen.
Die meisten Hirntumoren entstehen ohne erkennbare Ursache
Anders als bei Darm- oder Lungenkrebs lassen sich für einen Hirntumor keine Risikofaktoren ausmachen. Gibt es dennoch Menschen, bei denen man von einem erhöhten Risiko für diese Erkrankung ausgehen muss?
Professor Grote: Die meisten Hirntumoren entstehen
ohne erkennbare Ursache. Es gibt jedoch einige seltene erbliche Erkrankungen,
die mit einem erhöhten Risiko für Hirntumore verbunden sind. Zudem kann eine
frühere Strahlentherapie im Kopfbereich das Risiko geringfügig erhöhen.
Insgesamt bleibt jedoch festzuhalten, dass Hirntumore überwiegend Menschen
treffen, die keinerlei bekannte Risikofaktoren aufweisen. Eine gezielte
Vorsorgeuntersuchung wie bei anderen Krebsarten existiert deshalb nicht.
An wen sollte ich mich wenden, um die für einen Hirntumor typischen Symptome abklären zu lassen?
Professor Grote: Der erste Ansprechpartner ist in der
Regel der Hausarzt oder, bei akuten neurologischen Beschwerden, direkt ein
Neurologe. Oft werden Patienten mit plötzlich aufgetretenen neurologischen
Symptomen über die Notaufnahme vorstellig. Nach einer neurologischen
Untersuchung erfolgt meist eine Bildgebung des Gehirns. Die wichtigste
Untersuchung ist die Magnetresonanztomographie. Das MRT erlaubt eine sehr
genaue Darstellung von Hirntumoren und ihrer Lage. Eine endgültige Diagnose
kann allerdings erst durch die feingewebliche Untersuchung einer Gewebeprobe
gestellt werden. Diese wird im Rahmen einer Operation oder einer gezielten
Biopsie gewonnen und von Neuropathologen untersucht.

Die Diagnose Hirntumor ist für die Betroffenen und deren
Angehörige ein Schock. Was können Sie für die Patientinnen und Patienten tun,
um Ihnen dennoch eine möglichst lange Lebensspanne bei relativ hoher
Lebensqualität zu ermöglichen?
Professor Grote: Die Diagnose eines Hirntumors
verändert das Leben von einem Tag auf den anderen. Viele Patienten und
Angehörige berichten, dass zunächst Angst, Unsicherheit und zahlreiche Fragen
im Vordergrund stehen. Deshalb sehen wir unsere Aufgabe nicht allein darin,
einen Tumor zu behandeln. Vielmehr begleiten wir Menschen in einer schwierigen
Lebenssituation und versuchen, ihnen medizinisch und menschlich Sicherheit zu
geben.
Unser Ziel ist es, die bestmögliche Therapie mit einer
möglichst hohen Lebensqualität zu verbinden. Moderne neurochirurgische
Verfahren ermöglichen heute häufig eine sichere und umfassende Tumorentfernung
bei gleichzeitigem Erhalt wichtiger Hirnfunktionen wie zum Beispiel Sprache,
Bewegung oder Gedächtnis. Gerade in der Hirntumorchirurgie geht es um die
Kombination aus größtmöglicher Entfernung des Tumorgewebes und gleichzeitiger
Sicherheit für den Patienten. Anschließend werden die weiteren Behandlungsschritte
gemeinsam mit unseren Partnern geplant. Hierzu gehören individuell abgestimmte
Bestrahlungs- und medikamentöse Therapien sowie unterstützende Maßnahmen durch
Physiotherapeuten, Psychoonkologen, Sozialdienste und weitere Fachgruppen.
Ein besonderer Vorteil unseres zertifizierten Neuroonkologischen-Zentrums besteht darin, dass alle beteiligten Spezialisten
hier am Brüderkrankenhaus eng zusammenarbeiten. Neben der Neurochirurgie sind
dies insbesondere die Neuroradiologie, die Hämatologie und Onkologie, die
Strahlentherapie, die Neurologie und die Neuropathologie. Darüber hinaus
pflegen wir eine enge Zusammenarbeit mit dem Klinikum Mutterhaus der Borromäerinnen
Trier sowie den weiteren Kliniken in der Region. So können etwa notwendige
Bestrahlungen wohnortnah erfolgen, ohne dass die Behandlung darunter leidet.
Erfreuliche Entwicklung hin zu einer stärker personalisierten Medizin
Inwiefern hat sich die Behandlung bösartiger Hirntumoren wie
beispielsweise dem Glioblastom in den vergangenen Jahren verändert und welche
Entwicklungen lassen hoffen, dass sich die Prognose für die Betroffenen insgesamt
verbessert?
Professor Grote: Die Behandlung von Hirntumoren hat
in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Moderne Bildgebung,
präzisere Operationsverfahren, verbesserte Bestrahlungstechniken und
molekularpathologische Untersuchungen ermöglichen heute eine deutlich
individuellere Therapie als noch vor wenigen Jahren. Insbesondere die genetische
und molekulare Charakterisierung von Tumoren hat unser Verständnis dieser
Erkrankungen grundlegend verändert. Dadurch können Patienten zunehmend
zielgerichteter behandelt werden. Auch neue immunologische und molekular
ausgerichtete Therapiekonzepte werden derzeit intensiv erforscht. Beim
Glioblastom bleiben die Herausforderungen zwar weiterhin groß, dennoch sehen
wir in vielen Bereichen eine erfreuliche Entwicklung hin zu einer stärker
personalisierten Medizin.
Sie sagten es: Hirntumore treten insgesamt gesehen
relativ selten auf. Allerdings liegt bei jedem vierten Kind oder Jugendlichen,
das bzw. der an Krebs erkrankt, ein Hirntumor vor. Gibt es hierfür eine
Erklärung?
Professor Grote: Die Ursachen sind bis heute nicht
vollständig geklärt. Grundsätzlich unterscheiden sich Krebserkrankungen im
Kindesalter deutlich von Tumoren im Erwachsenenalter. Viele typische Krebsarten
bei Erwachsenen entstehen durch Umweltfaktoren oder Alterungsprozesse über
Jahrzehnte hinweg. Diese Mechanismen spielen bei Kindern kaum eine Rolle.
Hirntumoren gehören deshalb neben Leukämien zu den häufigsten Krebserkrankungen
im Kindesalter. Gleichzeitig handelt es sich häufig um andere Tumorarten als bei
Erwachsenen. Die Behandlung dieser Erkrankungen erfolgt in hochspezialisierten
kinderonkologischen Zentren.
Hirnmetastasen sind die häufigsten Tumoren des Gehirns
Welchen Stellenwert haben gutartige Tumoren für die Neurochirurgie?
Professor Grote: Gutartige Hirntumoren machen einen
erheblichen Teil unserer täglichen Arbeit aus. Dazu zählen beispielsweise Meningeome,
Tumoren der Hirnnerven oder der Hypophyse. Auch wenn diese Tumoren nicht
metastasieren, können sie durch ihr Wachstum erhebliche Beschwerden
verursachen, da im Schädel nur wenig Platz zur Verfügung steht. Die operative
Entfernung kann häufig eine dauerhafte Heilung ermöglichen. Moderne mikrochirurgische
Techniken ermöglichen dabei meist eine sehr schonende Behandlung mit
ausgezeichneten Langzeitergebnissen.
Eine wachsende Bedeutung haben sogenannte sekundäre
Hirntumoren, sprich Hirnmetastasen. Hierbei kooperiert die Neurochirurgie eng
mit anderen Fachabteilungen zusammen. Weshalb ist dieses interdisziplinäre
Zusammenspiel so wichtig? Welche
spezialisierten Therapieansätze bei Hirnmetastasen bietet das Brüderkrankenhaus
an und was erwarten Sie diesbezüglich für die Zukunft?
Professor Grote: Hirnmetastasen sind inzwischen die
häufigsten Tumoren des Gehirns. Dank verbesserter Krebstherapien leben viele
Patienten mit ihrer Grunderkrankung heute deutlich länger, wodurch
Hirnmetastasen häufiger diagnostiziert werden. Die Behandlung kann aber nur erfolgreich sein,
wenn die Erkrankung als Ganzes betrachtet wird. Deshalb arbeiten wir eng mit
der Hämatologie und Onkologie, der Strahlentherapie, der Neuroradiologie sowie
weiteren Fachdisziplinen zusammen. Gemeinsam entwickeln wir für jeden Patienten
ein abgestimmtes Therapiekonzept.
Im Brüderkrankenhaus bieten wir das gesamte moderne Spektrum
der Behandlung von Hirnmetastasen an: von der operativen Entfernung bis hin zu
modernen Bestrahlungsverfahren, immer in Kombination mit einer systemischen
medikamentösen Therapie. Die gesamte Behandlung erfolgt in enger Abstimmung mit
den anderen Abteilungen. Die Zukunft sehen wir in einer noch stärkeren
Individualisierung der Therapie auf Grundlage molekularer Tumormerkmale und
neuer zielgerichteter Medikamente.
Das Brüderkrankenhaus verfügt als eine von nur zwei
Kliniken in Rheinland-Pfalz über ein von der Deutschen Krebsgesellschaft
zertifiziertes Hirntumorzentrum. Welche Vorteile bietet dieses Zentrum für die
Patientinnen und Patienten?
Noch engere Vernetzung zum Wohle der Patienten
Professor Grote: Die Zertifizierung bestätigt, dass
sämtliche diagnostischen und therapeutischen Abläufe regelmäßig überprüft
werden und höchsten Qualitätsanforderungen entsprechen. Erst im April dieses
Jahres konnten wir die erfolgreiche Rezertifizierung unseres Neuroonkologischen
Zentrums abschließen. Darauf sind wir sehr stolz, denn hinter einer solchen
Zertifizierung steht die Arbeit vieler engagierter Mitarbeiterinnen und
Mitarbeiter unterschiedlichster Berufsgruppen.
Für die Patienten bedeutet dies vor allem: Sie erhalten eine
umfassende und strukturierte Behandlung nach aktuellen wissenschaftlichen
Standards. Jeder einzelne Fall wird in einer interdisziplinären Tumorkonferenz
besprochen. Dort sitzen Neurochirurgen, Neuroradiologen, Hämatologen und
Onkologen, Strahlentherapeuten, Neurologen, Neuropathologen und weitere
Spezialisten gemeinsam an einem Tisch und entwickeln die optimale
Therapieempfehlung. Gerade bei Hirntumoren ist diese enge Abstimmung von großer
Bedeutung. Die Erkrankungen sind häufig komplex und erfordern eine individuell
zugeschnittene Behandlung. Durch die Bündelung aller relevanten Kompetenzen
können wir Diagnostik und Therapie optimal koordinieren und unseren Patienten
unnötige Wege und Zeitverluste ersparen.
Gleichzeitig verstehen wir die erfolgreiche Zertifizierung
nicht als Endpunkt, sondern als Auftrag zur Weiterentwicklung. Aktuell arbeiten
wir intensiv daran, in Trier eine Ambulante Spezialfachärztliche Versorgung
(ASV) für Hirntumorpatienten zu etablieren. Ziel ist es, die
sektorenübergreifende Versorgung zwischen ambulanten und stationären Strukturen
weiter zu verbessern und unseren Patienten trotz der zunehmend herausfordernden
Rahmenbedingungen zuverlässig spezialisierte Leistungen aus einer Hand
anzubieten.
Wir investieren diese Arbeit ganz bewusst, weil wir überzeugt
sind, dass unsere Hirntumorpatienten von einer noch engeren Vernetzung und
einer noch stärker spezialisierten Versorgung profitieren werden.
Unser langfristiges Ziel ist es, Trier als überregionales
Zentrum für die Diagnostik und Behandlung von Hirntumoren weiter zu stärken und
den Menschen in der Region eine Versorgung auf universitärem Niveau wohnortnah
anzubieten.

Gerade bei einer komplexen Erkrankung wie einem
bösartigen Hirntumor ist vielen Betroffenen daran gelegen, sich eine
qualifizierte Zweitmeinung einzuholen. Besteht diese Möglichkeit in unserem
Hirntumorzentrum?
Professor Grote: Selbstverständlich! Die Einholung
einer Zweitmeinung ist bei einer so weitreichenden Diagnose absolut
verständlich und oft sinnvoll. Patienten können sich jederzeit mit ihren
vorhandenen Befunden und Bilddaten in unserem Neuroonkologischen Zentrum
vorstellen. Wir prüfen die Unterlagen sorgfältig und besprechen die Situation
gemeinsam mit den beteiligten Fachdisziplinen. Häufig können wir die
vorgeschlagene Therapie bestätigen, manchmal ergeben sich aber auch zusätzliche
Behandlungsoptionen oder alternative Strategien. Unser Ziel ist es, den
Betroffenen eine fundierte Grundlage für ihre Entscheidung zu geben. Im
Gegenzug unterstützen wir übrigens auch unkompliziert Zweitmeinungen unserer
Patienten.
Vertrauen, Empathie und Verlässlichkeit
Sie sind seit Januar 2026 Chefarzt der Neurochirurgie des
Brüderkrankenhauses Trier. Was zeichnen diese Abteilung und ihr Team aus?
Professor Grote: Ich habe eine außergewöhnlich gut aufgestellte Abteilung übernommen, die sich über viele Jahre einen hervorragenden Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus erarbeitet hat. Besonders beeindruckt haben mich die hohe fachliche Kompetenz, die große Motivation und die bemerkenswerte Identifikation der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ihrer Abteilung. Wir decken das gesamte Spektrum moderner Neurochirurgie ab. Neben der Tumorchirurgie gehören hierzu die vaskuläre Neurochirurgie, die Wirbelsäulenchirurgie, die funktionelle Neurochirurgie sowie die neurochirurgische Intensivmedizin. Besonders hervorheben möchte ich die hervorragende Zusammenarbeit mit unseren Partnern im Haus. Die enge Kooperation mit der Neuroradiologie, der Hämatologie und Onkologie, der Neurologie, der Strahlentherapie und vielen weiteren Fachbereichen ermöglicht eine Versorgung, die den Vergleich mit universitären Zentren nicht scheuen muss.
Welche Ziele haben Sie für die Weiterentwicklung Ihrer Abteilung?
Professor Grote: Als Tumorchirurg liegt mir die
Weiterentwicklung der Neuroonkologie besonders am Herzen. Gemeinsam mit dem
gesamten Team möchten wir die bestehenden Stärken der Abteilung bewahren und
gleichzeitig neue Impulse setzen. Dazu gehören der weitere Ausbau unseres
Neuroonkologischen Zentrums, die Etablierung neuer Versorgungsstrukturen wie
der ASV sowie die Förderung von Lehre, Weiterbildung und klinischer Forschung
im Rahmen des Medizincampus Trier.
Was unser Team vielleicht am meisten auszeichnet, ist die
Verbindung von medizinischer Exzellenz und Menschlichkeit. Gerade Patienten mit
Hirntumoren stehen oft vor einer der größten Herausforderungen ihres Lebens.
Sie benötigen nicht nur modernste Medizin, sondern auch Vertrauen, Empathie und
Verlässlichkeit.
Fragen und Fotos: Marcus Stölb


