EX-IN ist eine spezifische Qualifizierung für psychiatrie-erfahrene Menschen, die auf dem Erfahrungswissen der Teilnehmer*innen basiert. EX-IN Kurse sind Ausbildungsprogramme, die Teilnehmer*innen dazu qualifizieren, als Mitarbeiter*innen in psychiatrischen Diensten oder als Dozent*in in der Aus-, Fort- und Weiterbildung tätig zu werden. Die Qualifizierung soll den Einfluss des Wissens von Expert*innen durch Erfahrung auf das psychiatrische Versorgungssystem stärken und zu zufriedenstellenden, weniger diskriminierenden Angeboten beitragen. EX-IN-Trainer Ralf Piesack berichtet im Interview über seinen Weg und den neuen EX-IN Kurs in Koblenz.

Ralf Piesack kennt die Psychiatrie aus zwei Perspektiven: als
langjähriger Mitarbeiter im professionellen Hilfesystem und als Mensch, der
selbst eine schwere psychische Krise durchlebt hat. Seit 1995 ist er bei den
Barmherzigen Brüdern Saffig tätig, heute als Berater für gesundheitliche
Versorgungsplanung. Nach seiner eigenen psychischen Erkrankung entdeckte er das
Programm EX-IN („Experienced Involvement“) für sich: eine Qualifizierung, die
Menschen mit psychiatrischer Erfahrung befähigt, andere Betroffene als
sogenannte Genesungsbegleiter*innen auf ihrem Weg zu unterstützen. Um nun
selbst auch andere Menschen zum/zur Genesungsbegleiter*in ausbilden zu können,
hat er sich selbst zusätzlich als EX-IN-Trainer ausbilden lassen.
Der Verein EX-IN Deutschland verfolgt die Vision, die Erfahrungen von
psychisch erkrankten Menschen als wertvolle Ressource in die Behandlung und
Begleitung von Betroffenen einzubringen, jenseits von Diagnosen und klassischen
Rollenzuweisungen. In Deutschland ist EX-IN inzwischen an über 35 Standorten
vertreten. Im September 2025 startet in Koblenz ein neuer Kurs, den Ralf
Piesack als Trainer begleiten wird. Im Interview spricht er über seinen persönlichen
Weg, die Bedeutung von Erfahrungswissen und darüber, warum EX-IN das
psychiatrische System nachhaltig verändern kann.
Herr
Piesack, worum geht es bei EX-IN im Kern?
EX-IN steht für „Experienced Involvement“ – also die bewusste Einbeziehung von Menschen, die eigene psychische Krisen erlebt haben. Ziel ist es, diese Menschen professionell auszubilden, damit sie als Genesungsbegleiter*innen andere Betroffene im Heilungsprozess unterstützen können. Die Idee dahinter: Wer selbst eine psychische Erkrankung durchlebt hat, bringt eine einzigartige Perspektive und ein tiefes Verständnis mit, das durch reines Theorie-Wissen nicht ersetzt werden kann. EX-IN entstand ursprünglich 2005-2007 als Pilotprojekt in mehreren europäischen Ländern. Heute ist daraus ein wachsendes Netzwerk geworden.
Sie arbeiten seit fast 30 Jahren in der Psychiatrie. Was hat Sie dazu bewogen, zusätzlich EX-IN-Genesungsbegleiter zu werden?
Nachdem ich bereits etliche Jahre in der Psychiatrie gearbeitet habe,
kam ich 2012 selbst in eine schwere persönliche Krise. Ich wurde stationär und
teilstationär behandelt – inklusive medikamentöser Therapie. Erst in dieser
Zeit habe ich wirklich begriffen, was Menschen durchmachen, die psychisch
erkranken und sich in Behandlung begeben müssen. Nach meiner Gesundung
arbeitete ich im ambulanten Krisendienst bei ivita, einer Tochter der
BBT-Gruppe. Dort begegnete ich einer EX-IN-Genesungsbegleiterin, die mich tief
beeindruckte. Ihre authentische und respektvolle Art im Umgang mit Betroffenen
zeigte mir neue Perspektiven. Sie motivierte mich, selbst einen EX-IN-Kurs zu
absolvieren. Während dieser Ausbildung habe ich in einem Jahr mehr über mich
gelernt als in den 50 Jahren davor. Es war ein intensiver Prozess der Selbstreflexion
und Heilung. Heute möchte ich als EX-IN-Trainer andere Menschen auf diesem Weg
begleiten und dazu beitragen, dass ihre Erfahrungen nicht nur als
„Krankheitsgeschichte“, sondern als wertvolle Ressource anerkannt werden.
Was unterscheidet EX-IN-Genesungsbegleiter*innen von klassischem Fachpersonal?
Das Entscheidende ist die eigene Betroffenheit. EX-IN-Genesungsbegleiter*innen begegnen Betroffenen auf Augenhöhe. Sie wissen, wie sich eine Krise anfühlt, sprechen dieselbe Sprache und denken nicht in Kategorien oder Diagnosen. Diese gemeinsame Erfahrung schafft eine Vertrauensbasis, die klassische Fachkräfte oft schwer erreichen. Genesungsbegleiter*innen sind Mutmacher*innen, Hoffnungsträger*innen und Vorbilder dafür, dass ein Weg aus der Krise möglich ist. Dabei arbeiten sie ressourcenorientiert: Statt nur zu fragen, was jemand nicht mehr kann, schauen sie darauf, was noch alles möglich ist. Diese Haltung bringt eine ganz neue Sensibilität in die psychiatrische Versorgung.
Der neue EX-IN-Kurs startet im September in Koblenz. Wie ist er aufgebaut?
Interessierte können zunächst eine der drei Infoveranstaltungen besuchen. Danach folgen die Bewerbertage. Diese dienen dazu, die Methoden kennenzulernen und herauszufinden, ob der Kurs für einen selbst der richtige Weg ist. Ab September 2025 beginnt die eigentliche Ausbildung, die sich über zwölf Module erstreckt und bis Oktober 2026 dauert. Jedes Modul behandelt ein Schwerpunktthema und dauert jeweils drei Tage (Freitag-Sonntag). Das Besondere: Der Kurs wird von zwei Fachkräften aus dem psycho-sozialen Bereich und zwei EX-IN-Genesungsbegleiter*innen betreut. Jedes Modul leitet je ein*e Vertreter*in beider Seiten. So vereinen wir theoretisches Wissen und praktisches Erfahrungswissen auf Augenhöhe. Ich selbst bin offiziell als Fachkraft eingebunden, bringe aber natürlich auch meine eigene Erfahrung mit.
Für
wen ist der Kurs geeignet?
Grundvoraussetzung ist eine gewisse psychische Stabilität. Interessierte sollten zudem bereit sein, sich intensiv mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen. Das braucht Mut und Offenheit. Aber es lohnt sich: Viele nutzen den Kurs, um beruflich wieder einzusteigen, andere sehen ihn als Teil ihrer persönlichen Entwicklung. Wichtig ist, dass jede*r für sich selbst herausfindet, was guttut. Diese Haltung, dass jeder Mensch weiß, was ihm hilft, ist ein Herzstück von EX-IN.
Was
nehmen Teilnehmer*innen aus dem Kurs mit?
Sie wachsen – persönlich wie fachlich. Viele erleben während der Ausbildung einen enormen Anstieg an Selbstvertrauen und entwickeln eine neue, positive Sicht auf ihr Leben. Fachlich erwerben sie umfassende Kenntnisse zu Recovery-Theorien, Peer-Unterstützung und ressourcenorientierter Arbeit. Vor allem aber entsteht ein tragfähiges Netzwerk: Teilnehmer*innen lernen Gleichgesinnte kennen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und die sie auf dem weiteren Weg unterstützen. Für manche wird daraus ein neuer Beruf, für andere ein wertvoller Teil ihres Lebens.
Wohin
soll sich EX-IN in Zukunft entwickeln?
Mein großer Wunsch ist, dass Genesungsbegleiter*innen bald
selbstverständlich in psychiatrischen Teams integriert sind – nicht als
„besondere Ergänzung“, sondern als fester Bestandteil der Behandlung. Therapie
sollte sich nicht mehr primär an Diagnosen orientieren, sondern am
individuellen Menschen mit seinen Bedürfnissen und Stärken. EX-IN kann dazu
beitragen, das System menschlicher, sensibler und wirkungsvoller zu gestalten.
Denn wer könnte besser vermitteln, was Hoffnung bedeutet, als jemand, der
selbst durch die Dunkelheit gegangen ist?!