In der Spezialambulanz am Brüderklinikum Julia Lanz - Diako, betreut Chefarzt PD Dr. Joachim Wolf mit seinem Team Menschen, die an der unheilbaren Erkrankung Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, leiden. Im Interview schildert Dr. Wolf, warum ihm die Behandlung dieser Patient:innen so am Herzen liegt.

Die Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS, ist eine Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems. Ihre Ursache, mit Ausnahme der erblichen Form, ist immer noch unbekannt.
Pro Jahr erkranken etwa ein bis zwei von 100.000 Personen an ALS. Die Krankheit beginnt meistens zwischen dem 50. und 70. Lebensjahr, seltener sind jüngere Erwachsene betroffen. Männer erkranken etwas öfter als Frauen. Die Häufigkeit der ALS scheint in den letzten Jahren weltweit etwas zuzunehmen.
Das Fortschreiten der Erkrankung ist bei einzelnen Patienten unterschiedlich. Bei allen Betroffenen ist allerdings die Lebenserwartung ist verkürzt.
Wie bei vielen Ärzten und
Wissenschaftlern im Bereich der ALS spielten auch bei mir Erfahrungen mit der
Erkrankung im persönlichen Umfeld eine große Rolle. Außerdem habe ich bereits
als Assistenzarzt und später als Oberarzt im Klinikum Ludwigshafen zahlreiche
Patienten mit einer ALS betreut.
Aufgrund der
überraschend hohen Zahl an ALS-Patienten beschloss ich mit dem damaligen
Chefarzt im Klinikum LU, Herrn Professor Grau, ein Rheinland-Pfalz-weites
Register für neu diagnostizierte ALS-Patienten einzurichten. Dies war 2009
übrigens das erste bevölkerungsbasierte ALS-Register in einem deutschsprachigen
Land.
Hinzu kommt,
dass ALS-Patienten ausnahmslos äußerst nette Menschen sind und mich jede
Krankheitsgeschichte sehr berührt. Es ist beeindruckend zu sehen, wie
ALS-Patienten mit ihrer Diagnose umgehen. Viele von ihnen zeigen eine
bemerkenswerte Stärke trotz der schweren Herausforderungen, die die Krankheit
mit sich bringt.
Häufig werden Patienten mit unklarem
Muskelschwund und Lähmungserscheinungen oder aber zunehmender Sprech- und
Schluckstörung in unsere Klinik eingewiesen. Dann ist eine umfangreiche
ärztliche Abklärung mit Blut- und Nervenwasseruntersuchungen, elektrischen
Nerven- und Muskelmessungen, MRT-Untersuchungen notwendig, um eine ALS
nachzuweisen oder aber günstigstenfalls auszuschließen. Letztlich suchen wir
wie Detektive Puzzleteile, die für oder gegen die Erkrankung sprechen. Eine
einzelne Untersuchung reicht für die Diagnosestellung jedoch nicht aus. Wenn
sich eine ALS herausstellen sollte, ist die behutsame Aufklärung des Patienten
und seiner Angehörigen über die Erkrankung von größter Bedeutung. Eine gute
Aufklärung ist zeitintensiv und für die ärztlichen Mitarbeiter oft psychisch
belastend.
Darüber hinaus
betreue ich eine überregionale ALS-Ambulanz, in die Patienten entweder zur
Einholung einer Zweitmeinung oder aber zur regelmäßigen neurologischen
Mitbetreuung überwiesen werden. In der Regel sehe ich ALS-Patienten in meiner
Ambulanz in 3-5-monatigen Abständen. Medizinische Aspekte, wie z.B. die Empfehlung
spezieller Medikamente gegen störende Symptome, spielen eine Rolle, zunehmend
jedoch auch Fragen nach einer späteren Ernährung über eine Magensonde oder nach
der Nutzung einer nächtlichen Maskenbeatmung. Palliative Maßnahmen nehmen auch
einen immer größeren Raum ein.
Auf Station ist die interdisziplinäre
Versorgung der Patienten entscheidend. Hier arbeiten Pflegekräfte, Mitarbeiter
und Mitarbeiterinnen des Sozialdienstes, der Logopädie, Physiotherapie und
Ergotherapie mit den Ärzten Hand in Hand. Auch der interdisziplinäre ärztliche
Austausch, z.B. mit den Kollegen der Gastroenterologie und dem Ernährungsteam
ist wichtig.
Zunächst sind Patienten und Angehörige geschockt über die schwerwiegende Diagnose. Patienten durchlaufen eine unterschiedlich lange Trauerphase, zum Teil verdrängen sie die neue Diagnose, wollen sie nicht wahrhaben. Es entstehen auch Gefühle wie Wut und Frustration, aber auch Gefühle der Hoffnungslosigkeit. Schließlich erreichen viele Patienten eine Phase der Akzeptanz, in der sie beginnen, die Realität der Krankheit zu akzeptieren und Wege finden, damit umzugehen.
Das Leben wird sich von nun an ändern, die Welt geht für den Betroffenen jedoch nicht unter. Und es gibt Möglichkeiten, Symptome der Erkrankung zu lindern und Lebensqualität zu erhalten so lange es geht.
Die ALS beginnt meist mit geringen motorischen Einschränkungen, die im Verlauf von meist wenigen Monaten fortschreiten.
Häufiges erstes Symptom ist eine Feinmotorikstörung der Hand, die sich bei Alltagsbewegungen bemerkbar macht.
Ein weiteres häufiges erstes Symptom ist eine Fußhebeschwäche, bei der der Fuß nicht mehr mühelos abgehoben werden kann.
Auch
eine Sprechstörung (Dysarthrie) kommt bei ca. 30-40% der Betroffenen zuerst
vor.
Die bestmögliche Information über die Erkrankung kann helfen, besser zu verstehen, was der Patient mit der Erkrankung erlebt und erleidet. Regelmäßige Gespräche mit dem Patienten über seine Bedürfnisse und Wünsche sind wichtig. So können Angehörige besser auf Wünsche des Patienten eingehen.
Aber: Es ist
als Angehöriger wichtig, auch auf die eigenen Bedürfnisse zu achten. Fremde
Hilfskräfte für den Patienten zuzulassen, schützt vor psychischer und
körperlicher Überlastung.
Sinnvoll sind
Selbsthilfegruppen für Patienten, aber auch für Angehörige. Im
Rhein-Neckar-Raum (Nordbaden, Pfalz, Südhessen) bietet sich hierfür der
Gesprächskreis der deutschen Gesellschaft für Muskelkranke an, der sich alle 8
Wochen im Diako trifft. Den Austausch mit anderen Angehörigen, aber auch mit
anderen Patienten erlebe ich als sehr gewinnbringend. Hier können Erfahrungen
geteilt und emotionale Unterstützung gefunden werden.
In den letzten Jahren gab es einige hoffnungsvolle Entwicklungen. Wissenschaftler arbeiten intensiv daran, die Ursachen der Krankheit besser zu verstehen und neue Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Vielversprechende Ansätze liegen in der Erforschung von Gentherapien und der Entwicklung von Medikamenten, die auf spezifische molekulare Mechanismen abzielen. Es gibt auch Fortschritte in der Identifizierung von Biomarkern, die helfen können, die Krankheit früher zu diagnostizieren und den Verlauf besser zu überwachen.
Zudem laufen in
Deutschland derzeit Studien über spezielle Ernährungsformen, die Hoffnung
geben, den Erkrankungsverlauf günstig zu beeinflussen.
Trotzdem bestehen
noch viele Herausforderungen. Es ist wichtig, die Fortschritte weiterhin zu
verfolgen und die Unterstützung für die Forschung aufrechtzuerhalten.
Medizinisch gesehen ist eine frühe Diagnosestellung entscheidend. Die Entwicklung von besseren diagnostischen Verfahren, die eine frühzeitige Erkennung von ALS ermöglichen, würde die Behandlungsergebnisse erheblich verbessern. Ebenso bedeutsam ist die Entwicklung neuer, wirksamerer Therapien, die das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen oder sogar stoppen können. Hierzu wären auch größere Forschungsinitiativen und Datenbanken notwendig, die klinische und genetische Informationen über ALS-Patienten erfassen und auswerten.
Die Versorgung
von ALS-Patienten in einer spezialisierten ALS-Ambulanz sollte in Deutschland
flächendeckend umgesetzt werden. Im Moment ist dies zu sehr abhängig vom
Wohnort der Patienten und vom persönlichen Interesse einzelner neurologischer
Ärzte in einer Klinik oder Praxis. Auch die Einbindung von psychologischen
Fachkräften in Spezialambulanzen wäre ein wichtiger Beitrag zur Versorgung der
betroffenen Patienten und deren Angehörigen.
Auf
gesellschaftlicher Ebene würde eine noch stärkere Aufklärung der Öffentlichkeit
über ALS das Bewusstsein für die Erkrankung erhöhen.
Informationsveranstaltungen, wie z.B. unser ALS-Tag, können dazu beitragen, das
Verständnis für die Herausforderungen, mit denen Patienten und ihre Angehörigen
konfrontiert sind, zu fördern.
Natürlich ist
die umfassende Schaffung einer Barrierefreiheit in öffentlichen Räumen
Voraussetzung für ALS-Patienten, aktiv am Leben teilzunehmen.
Eine stärkere
politische Unterstützung und Bereitstellung von Ressourcen für die
ALS-Forschung könnte dazu beitragen, die Entwicklung neuer Therapien zu
fördern.
Gemeinsam geht es leichter, sei es mit der Familie oder mit Freunden.
Herr Dr. Wolf, wir danken
Ihnen für das offene und informative Gespräch!
Das Interview führte Nina Luschnat, Leitung Unternehmenskommunikation am Brüderklinkum Julia Lanz.
Priv.-Doz. Dr. med. Joachim Wolf (56) forschte bereits als Oberarzt am Ludwigshafener Klinikum über die ALS-Erkrankung. Seit 2014 ist er Chefarzt der Klinik für Neurologie am Brüderklinikum Julia Lanz - Diako und betreut dort die Spezialambulanz für ALS-Patienten.
Jährlich ist er Mitorganisator des ALS-Infotages der Metropolregion Rhein-Neckar, der mit den Partnern UMM - Universitätsmedizin Mannheim und der Deutschen Gesellschaft für Muskelkranke e.V. veranstaltet wird.
Diagnose ALS – Wenn Nerven und Muskeln versagen