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Judith Hens16.02.2021

Sehnsucht nach Hoffnung

Wie eine Klinikseelsorgerin die Pandemie erlebt

Gaby Kniesburges ist niemand, der die Hände in den Schoß legt, und abwartet. Das merkt man schon in den ersten Minuten, wenn man sich mit ihr unterhält. Wie hat sich die Arbeit der Klinikseelsorgerin im St.-Marien-Hospital Marsberg seit Beginn der Pandemie verändert? Wieviel Abstand lässt Seelsorge zu? Hat sie Neues ausprobiert? Und vor allem: Verändert diese besondere Zeit unseren Glauben?

„Am Anfang der Pandemie war ich viel für die Ärzte und Pflegkräfte im Haus da“, blickt Gaby Kniesburges auf die Zeit vor fast einem Jahr zurück. Für die Kollegen sei die Situation sehr belastend gewesen: Fast täglich änderten sich die Regeln. Dann die Sorge um die eigene Familie – trage ich das Virus womöglich nach Hause? Wer kümmert sich um meine Kinder und die Eltern? Dabei die Versorgung der Kranken, eingehüllt in Schutzkleidung. All das zehrt an den Kräften. „Pflegepersonal und Ärzte sind ja gleich mehrfach belastet und sie müssen bei alldem ‚funktionieren‘. Mit dieser Situation geht jeder anders um“, erzählt sie. Viele waren sehr dankbar, dass Gaby Kniesburges einfach nur zugehört hat, fühlten sich mit ihren Fragen, ihren Ängsten, ihrer Wut ernst genommen. „Das ist so wie bei einem Wasserfall“, erklärt sie. „Wie das Wasser in die Tiefe rauscht, muss man sich manchmal fallen lassen dürfen, um dann wieder Ruhe zu finden und neue Kraft tanken zu können.“

Für alle Mitarbeitenden habe ich einen Adventskalender zusammengestellt mit Fotos und passenden Texten für jeden Tag. Für die Fastenzeit überlege ich etwas Ähnliches mit schönen Gedanken zu den Wochenenden.
Seit fünf Jahren ist Gaby Kniesburges am St.-Marien-Hospital Marsberg mit einer halben Stelle als Klinikseelsorgerin tätig. Außerdem leitet sie das Projekt „Ehrenamtliche in der Klinikseelsorge“ im Erzbistum Paderborn.
Seit fünf Jahren ist Gaby Kniesburges am St.-Marien-Hospital Marsberg mit einer halben Stelle als Klinikseelsorgerin tätig. Außerdem leitet sie das Projekt „Ehrenamtliche in der Klinikseelsorge“ im Erzbistum Paderborn.

Impulse über den Hauskanal

Zu den Patienten auf die Covid-Station darf die Klinikseelsorgerin bis heute nicht. „Das treibt mich sehr um. Ich weiß von meinen Kollegen an anderen Kliniken, dass das auch anders gehandhabt wird – aber es ist ja auch zu meinem Schutz“, schiebt sie nach. Das klingt einsichtig. Aber man spürt doch, dass ihr Herz gerne einen anderen Weg gehen würde. Warum lange hadern? Dafür ist die 54-Jährige viel zu pragmatisch. Mit der Gitarre und einem Sinntext schickte sie im ersten Lockdown aus der Krankenhauskapelle jeden Tag einen kurzen Impuls und ein Abendlob über den Hauskanal in die Patientenzimmer. Auch die Weihnachtsbotschaft sendete sie so auf die Stationen. In der Stille der Kapelle waren nur die Klinikseelsorgerin und der Organist. Sie sang allein und zupfte „Stille Nacht“ auf der Gitarre. „Das war sehr feierlich – auch wenn es ganz anders war als sonst“, erzählt sie von diesem „Corona-Weihnachten“.

Ein Lächeln ist hinter der Maske kaum zu erkennen

Die Pandemie ist heute nicht mehr das bestimmende Thema in den Gesprächen mit den Patienten. Die eigene Erkrankung, die Behandlung stünden nun wieder mehr im Vordergrund. Klar, die Maske ist oft hinderlich – auch für Gaby Kniesburges. Das feine Zusammenspiel aus Mimik und Gestik, den Worten und der Stimmlage funktioniert nicht mehr. Der Mund, der lächelt, ist hinter einem Stückchen Vlies nur schwer auszumachen. Auch eine Hand zu halten oder die Berührung an der Schulter sind unmöglich. „Das erschwert meine Arbeit sehr“, erzählt die Seelsorgerin.

Abstandhalten gilt auch beim Abschiednehmen. Liegt ein Patient im Sterben, durften von Anfang an die Angehörigen kommen – aber natürlich immer mit Maske. „Man konnte nie über die Wange streichen, die Hand drücken, das ganze Gesicht zeigen. All das beeinträchtigt sehr wie man trauert“, ist die 54-Jährige überzeugt.

„Wir gedenken des Lebens und auch des Sterbens im Krankenhaus“, sagt Gaby Kniesburges. An jeden verstorbenen Patienten erinnert ein schwarzer Kieselstein.
„Wir gedenken des Lebens und auch des Sterbens im Krankenhaus“, sagt Gaby Kniesburges. An jeden verstorbenen Patienten erinnert ein schwarzer Kieselstein.

Die ausgebildete Trauerbegleiterin fand einen neuen Weg wie der Verstorbenen im St.-Marien-Hospital gedacht werden konnte. Die ökumenischen Gedenkgottesdienste, die zweimal im Jahr gefeiert werden, mussten 2020 ausfallen. „Den Angehörigen und auch uns ist das sehr wichtig, um zu zeigen, dass wir an die Verstorbenen denken, sie nicht vergessen. Ebenfalls möchte diese Gedenkzeit ein Stück auf dem Trauerweg begleiten. Bis zum Gottesdienst liegt für jeden Verstorbenen ein kleiner schwarzer Stein mit seinen Initialen und dem Sterbedatum in der Kapelle“, berichtet Kniesburges von dem Ritus. Nachdem im April die gewohnte Andacht ausgefallen war, wurden im Oktober die Familien eingeladen. An einem Freitagnachmittag und dem darauffolgenden Samstagvormittag lud die Kapelle zum Gedenken ein. Gaby Kniesburges hatte alles vorbereitet: Leise Musik lief, Zettel mit Gebeten, Gedanken und kurzen Texte lagen bereit, für jeden Verstorbenen konnte eine Schwimmkerze am Osterlicht entzündet werden. Und sie stand zum Gespräch bereit. Alles entsprach einem durchdachten Hygienekonzept, Ein- und Ausgang waren getrennt voneinander.

Das war genau das Richtige. Von mehr als 60 Verstorbenen seien an diesen beiden Tagen die Angehörigen da gewesen, erzählt sie und erinnert sich: „Eine Tochter reiste sogar 30 Kilometer mit dem Taxi an, weil es ihr so wichtig war, zu kommen. Ich habe intensive Gespräche geführt, es sind viele Tränen geflossen.“ Dieser ganze organisatorische Aufwand habe sich gelohnt, ist sich Gaby Kniesburges sicher. „Ich denke, wir werden das künftig immer so umsetzen“, sagt sie – und dabei ist die Energie deutlich zu spüren, die sie in ihre Arbeit legt.

Wenn der Glaube wieder zum Licht wird

Energie, die ihre Aufgaben ihr auch schenken – selbst in diesem außergewöhnlichen und oft sehr belastenden Jahr. „Ich bin dankbar, dass ich all das für andere tun kann. Jeden Tag angefragt zu sein, tut gut. Die Sorgen, die mich selbst umtreiben, finde ich ja auch in den Gesprächen wieder“ sagt sie. Ob die Menschen nun neue Erfahrungen in ihrem Glauben machen? Gaby Kniesburges holt ein wenig aus, um diese Frage zu beantworten: „Wissen Sie, hier im Sauerland sind viele noch sehr katholisch. Niemand, mit dem ich gesprochen habe, empfand die Pandemie als ‚Strafe Gottes‘, sondern es ist vielmehr die Hoffnung da, dass Gott in dieser Zeit hilft.“ Dabei helfe, durch die persönliche Erkrankung, aber auch durch diese Pandemie zu kommen. Die Sehnsucht nach Hoffnung und Gott als den Hoffnungsgeber spürt die Seelsorgerin bei den Menschen. „Wem Glaube und Gott im Leben bislang wichtig waren, den trägt das auch jetzt. Wer damit aufgewachsen ist, es im Alltag aber etwas verloren hat, für den ist der Glaube wieder ein Licht geworden – auch das habe ich beobachtet.“

Ein Licht wird Gaby Kniesburges bald auch entzünden, wenn sie abermals allein in der Krankenhauskapelle den Ostergottesdienst feiern wird: „Dieses Licht, das uns durch die Auferstehung geschenkt wird, macht uns Mut.“ Mut für so vieles und auch dafür, dass wir durch diese Pandemie hindurch kommen werden.

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