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Dr. Markus Mai12.05.2020

Macht euch stark für die Pflege!

Als Heldinnen und Helden wurden die Pflegekräfte in der Corona-Krise gefeiert. Es gab Applaus, manchen winkt ein Bonus. Aber was bleibt unterm Strich? Könnte der Virus dem Pflegeberuf etwa zu deutlichen Verbesserungen verhelfen? Eine Bestandsaufnahme anlässlich des Internationalen Tags der Pflegenden, der jährlich am 12. Mai stattfindet.

Dr. Markus Mai leitet die Stabsstelle Gesundheits- und Sozialpolitik der BBT-Gruppe und ist Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.
Dr. Markus Mai leitet die Stabsstelle Gesundheits- und Sozialpolitik der BBT-Gruppe und ist Präsident der Landespflegekammer Rheinland-Pfalz.

Dass sie in diesem Jahr derart ins Rampenlicht rücken, hätten sich professionell Pflegende wahrscheinlich nicht vorstellen können. Dabei ist 2020 "ihr Jahr": Die Weltgesundheitsorganisation hat es den Pflegenden und Hebammen gewidmet. Kaum hatte das Jahr begonnen, traf das Coronavirus vom chinesischen Wuhan ausgehend das Mark aller nationalen Gesundheitssysteme - und zeigte jedem Land wie unter einem Brennglas die jeweiligen Schwachstellen auf. 

Pflege unter erheblichem Druck

Seit der Zeit als ich mit meiner Ausbildung zum Krankenpfleger in einer psychiatrischen Klinik begann, stand ein Thema immer besonders im Fokus: Aufgrund der personellen Situation war nie genügend Zeit, um sich so um die Patienten zu kümmern, wie wir es gelernt hatten und wie es dem Anspruch der meisten entspricht. Anfang der 1990er-Jahre entlud sich der Frust deutschlandweit in Protestaktionen. Das Ergebnis war die Einführung der Pflegepersonalregelung in Krankenhäusern. Dies hat zu einer nachhaltigen Verbesserung der Situation geführt. Doch nach zwei Jahren wurde sie aus finanziellen Gründen schon wieder ausgesetzt. Seitdem hat sich die Krankenhauslandschaft als auch die stationäre und ambulante Pflege mehr und mehr ökonomisiert. Die zunehmende Leistungsverdichtung hat sich bis heute nicht nachhaltig geändert. Viele Pflegende wollen dem täglichen Druck nicht mehr standhalten, haben auch andere Ansprüche an eine professionelle Pflege. Fachkräftemangel und Arbeitsverdichtung sind die Folgen. 

Reformen für den Pflegeberuf

Die Warnsignale wurden wahrgenommen: Seit etwa zwei Jahren steht der Pflegeberuf auf der Agenda der Gesundheitspolitik. Mit unterschiedlichen mehr oder weniger gut gemachten Gesetzen hat der Gesetzgeber auf den sich stark zuspitzenden Fachkräftemangel und die angespannte Lage im Berufsstand reagiert. Eine wesentliche Maßnahme war die - nicht unumstrittene - Einführung eines Pflegebudgets im Krankenhaus und die vollständige Übernahme von zukünftigen Tariferhöhungen. Auch in der stationären Langzeitpflege wurden Verbesserungen beschlossen, die aber lange nicht an die professionellen Versorgungsbedarfe heranreichen. 

Bis an die körperlichen und psychischen Grenzen

Wenn auch zu Zeiten der Corona-Krise wichtige Grundlagen der gesetzlichen Entwicklungen ausgesetzt wurden - die weitere und alternativlose Aufwertung des Berufsstandes ist nicht mehr aufzuhalten. Eine Gesellschaft kann sich eine schlecht ausgestattete Pflege einfach nicht leisten. Die Bedeutung des Berufstandes für unser Gesundheitssystem, für unser Land, ist in den vergangenen Wochen mehr als deutlich geworden. Mit hohem Engagement und großer Solidarität untereinander und mit anderen Berufsgruppen haben Pflegende die Versorgung der Patienten sichergestellt. Dabei sind sie angesichts der besonderen Schutzmaßnahmen auch an ihre körperlichen Grenzen gekommen und mussten angesichts zum Teil dramatischer Krankheitsverläufe ein hohes Maß an seelischen Belastungen aushalten. Dazu kam die Sorge um den eignen gesundheitlichen Schutz. Da ist es schon verwunderlich, dass die Politik bei der Kostenaufteilung für die vorgesehene Corona-Prämie hadert - obwohl diese ja eher für einen geringeren Anteil der Beschäftigten zum Einsatz kommen soll: Alle Beschäftigten in der Altenpflege erhalten Anspruch auf eine einmalige Prämie von bis zu 1.000 Euro. In Bayern bekommen Pflegerinnen und Pfleger in Krankenhäusern sowie in Alten- und Pflegeheimen separat einen einmaligen Bonus in Höhe von 500 Euro. Viele Pflegefachpersonen bewerten dies eher als zu niedrig und haben sich deutlich nachhaltigere finanzielle Aufwertungen erhofft.

Selbstbewusst und emanzipierter

Es ist gut, dass der Berufsstand der Pflegenden zunehmend selbstbewusst und emanzipiert auftritt, er ist gewissermaßen "erwachsen" geworden. Wie andere Heilberufserbringer hat er sich in den letzten Jahren auf den Weg zur beruflichen Selbstverwaltung und zur umfassenden Vertretung gemacht. Ein Recht, was nur wenigen Berufsgruppen vorbehalten ist. In Rheinland-Pfalz gibt es seit 2016 eine Pflegekammer. In Baden-Württemberg und in Nordrhein-Westfalen gibt es vielversprechende Initiativen der jeweiligen Regierungen mit dem Ziel, dort Pflegekammern zu etablieren. Im Jahr 2019 wurde die Bundespflegekammer als Vertretung der Landeskammern und des Deutschen Pflegerates auf der Bundesebene gegründet. Damit bewegt sich die Pflege auch institutionell auf Augenhöhe mit den ansonsten voll akademisierten Heilberufen. Die zunehmende gemeinsame Organisation der Berufsangehörigen wird auch von den politisch Verantwortlichen ernstgenommen. Das zeigt sich bereits in Initiativen zur Stärkung des Pflegeberufes. Pflegefachpersonen bringen seitdem verstärkt ihre Kenntnisse und Einschätzungen in den unterschiedlichsten politischen und verbandlichen Gremien ein und tragen so zu einer zunehmenden Schärfung und Transparenz der wichtigen Rolle des Berufsstandes im Gesundheits- und Sozialwesen bei. 

Vor 200 Jahren wurde die Pionierin der Krankenpflege geboren

Wenn wir heute den Tag der Pflegenden feiern, dann tun wir dies im Andenken an Florence Nightingale, der Pionierin der Krankenpflege, die vor 200 Jahren, am 12. Mai 1820, in Florenz geboren wurde. Im Laufe ihres Lebens wurde sie zu einer der großen Vorbildpersonen der internationalen Krankenpflege; ihre Schriften gelten als die Gründungsschriften vieler Pflegetheorien. Neben dem ärztlichen Wissen, so ihre Überzeugung, sollte es auch ein eigenständiges pflegerisches Wissen geben. Angesichts dieser Pionierleistung im 19. Jahrhundert stellt sich doch die Frage, warum es unser Berufsstand in Deutschland in den letzten 160 Jahren - im Gegensatz zu der Entwicklung in vielen anderen Ländern - immer noch nicht geschafft hat, sich den Platz zu erkämpfen, der ihm aufgrund seiner Bedeutung für die Gesellschaft zusteht. Dabei können wir doch stolz sein, auf unseren sehr breit aufgestellten Beruf und unsere Leistung: Gerade in der Corona-Krise hat sich einmal mehr gezeigt, wie wichtig er ist. 

Applaus und Bonuszahlungen sind wertschätzende Gesten. Aber dabei allein darf es nicht bleiben. Sparen wir nicht am falschen Ende. Die Corona-Krise hat wahrlich offengelegt, dass dem Berufsstand auch an (finanzieller) Anerkennung und Ausstattung das zukommen muss, was ihm zusteht. Das sind wir den 1,5 Millionen Pflegekräften, der Zukunft unseres Berufsstandes und letztlich der Gesellschaft schuldig. 

Treten wir selbstbewusst für unseren Beruf ein

Für die professionell Pflegenden ist ein solcher Tag aber auch ein wichtiges Signal, sich für den Berufsstand stark zu machen und auch selbst Mitverantwortung für das Image des Pflegeberufes zu übernehmen. Das zeigt zum Beispiel der "Walk of Care", der seit vier Jahren am 12. Mai in Berlin stattfindet. " Der Walk of Care ist eine Demonstration für menschenwürdige Pflege. Von Anfang an war uns wichtig, einen Demonstrationscharakter zu etablieren, der entscheidende pflegepolitische Themen angeht, zugleich aber auch den Spaß am Engagement vermittelt und die Pflegekultur stärkt", erklärten letztes Jahr Käte Kalhorn und Valentin Herfuhrt vom Berliner Organisatorenteam. Den "Walk of Care" gibt es auch 2020 - als Livestream im Netz. "Macht mit! Bringt euch ein! Macht euch stark für die Pflege" appellieren die Initiatoren. Übernehmen wir auch selbst Verantwortung für unseren schönen und vielseitigen Beruf und setzen uns weiterhin für eine menschenwürdige Versorgung der uns anvertrauten Menschen auch gegen Hürden ein. Mein aufrichtiger Dank gilt allen Kolleginnen und Kollegen!

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