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Dr. Hans Drexl / Manuela Hartl31.03.2021

„Auch Ärzte müssen an ihre Hoffnung glauben“

Alltag auf der Corona-Station: Dr. Hans Drexl, Oberarzt auf der Corona-Intensivstation des Caritas-Krankenhauses Bad Mergentheim, und Manuela Hartl, Stationsleitung der Isolierstation im Caritas-Krankenhaus, berichten hier im Wechsel, wie sie die Pandemie im Krankenhaus erleben - sehr eindrücklich und bewegend.

Foto: Archiv

Dr. Hans Drexl, 08.04.2021

Nach dem langen Osterwochenende machte sich Anfang dieser Woche eine gewisse Erleichterung bei uns auf der Intensivstation im Caritas-Krankenhaus breit. In der Karwoche hatten wir in unserem Team verschiedene Szenarien zum Notfallmanagement durchgespielt, Pläne für den Fall, dass wir rasch viele zusätzliche Intensivpatienten versorgen müssen. Doch der deutliche Anstieg der COVID-19-Patienten aus der Vorwoche hat sich glücklicherweise nicht im selben Tempo fortgesetzt. Die Intensivstation ist zwar wie immer gut ausgelastet, natürlich nicht nur mit COVID-19-Patienten. Die Kapazitäten reichten aber aus und die Notfallpläne konnten in der Schublade bleiben. Durchaus steigende Zahlen melden hingegen meine Kolleginnen und Kollegen von der Isolierstation, wo die Corona-Patienten mit weniger schwerem Verlauf behandelt werden.

Von dort hatten wir vor mehr als drei Wochen einen Patienten auf die Intensivstation übernommen, dessen Zustand sich erheblich verschlechtert hatte. Aufgrund eines schweren Lungenversagens hatten wir ihn intubieren müssen, ihn also in Narkose versetzt und über einen in die Luftröhre eingelegten Kunststoffschlauch (Tubus) beatmet. Seither musste der Patient – Mitte 60, vorerkrankt an Bluthochdruck und Diabetes – auf diese Weise beatmet werden. In diesem Zeitraum schwankte sein Zustand stark und war teilweise lebensbedrohlich, Lunge, Nieren und Kreislauf drohten zu versagen. Durch differenzierte Therapie ist es uns aber letztlich gelungen, seine Organfunktionen zu stabilisieren und schließlich konnten wir ihn Anfang der Woche extubieren, also die invasive Beatmung über den Tubus in der Lunge wieder beenden.

Doch das ist nur der erste Schritt auf einem langen Weg zurück in ein normales Leben. Viele Körperfunktionen brauchen Zeit und Training, um sich wieder zu erholen: essen, ausscheiden, atmen, sprechen, husten, sich bewegen – vieles von dem, was für uns normalerweise selbstverständlich ist, müssen Patienten nach einem so langen Aufenthalt auf der Intensivstation erst wieder neu lernen. Weil das Schlucken noch nicht funktioniert, werden die Patienten zuerst weiter über die Magensonde ernährt. Beim Atmen unterstützen wir durch zusätzlichen Sauerstoff über eine Maske, wir überwachen kontinuierlich den Kreislauf, um auf jede Veränderung sofort reagieren zu können. Schon die Ansammlung von Sekret im Rachen kann zum Problem werden, weil die Patienten oft noch zu schwach sind, um es abhusten zu können. Mit speziellen Stühlen bringen wir die Patienten von der liegenden allmählich wieder in eine sitzende Position. Die Kollegen aus der Physiotherapie kommen täglich, um die Muskulatur der Patienten zu trainieren und die Patienten allmählich wieder zu mobilisieren. Es ist ein Erfolg, wenn so ein Patient mit Hilfe von Physiotherapeut und Pflegekraft das erste Mal wieder auf seinen Beinen steht. Die Logopädie hilft bei Schluck- und Sprechproblemen. Manchmal dauert es Wochen, bis die Patienten so weit sind, dass sie von der Intensivstation auf die Normalstation verlegt werden können. Die Allermeisten brauchen im Anschluss eine Reha in spezialisierten neurologischen Reha-Kliniken, weil die Muskulatur und die Schnittstellen zwischen ihr und den Nerven unter dem körperlichen Abbau während der Zeit auf der Intensivstation besonders leiden.

Für unseren 60-jährigen Patienten bin ich guten Mutes: er wird es schaffen und wieder auf die Beine kommen – auch wenn sein Weg bis zur vollständigen Genesung noch lang sein wird. Solche positiven Verläufe motivieren mich und meine Kolleginnen und Kollegen für unsere tägliche Arbeit. Denn sie zeigen, dass unsere Therapien anschlagen und dass unseren Anstrengungen erfolgreich sind. Das gibt ein gutes Gefühl und macht es leichter, sich immer wieder auf neue Notfallszenarien einzustellen – und hilft auch damit zurechtzukommen, wenn bei anderen Patienten all unsere Mühen vergebens sind.

Aufgezeichnet von Ute Emig-Lange.

Manuela Hartl, 31.03.2021

Ostern 2020 – Ostern 2021: fast fühlt es sich für mich so an, als habe sich nichts verändert. Wie vor einem Jahr blicken wir mit einem Gefühl der Ungewissheit auf die anstehenden Feiertage: Wird die angekündigte nächste Corona-Welle an den Osterfeiertagen auf uns zurollen? Wie viele COVID-19-Patienten werden kommen? Wie viele Patienten werden wir auf der Isolierstation aufnehmen müssen, wie viele brauchen eine intensivmedizinische Überwachung und Behandlung?

Wie vor einem Jahr bereiten wir uns im Caritas-Krankenhaus auf alle Unwägbarkeiten vor. Obwohl auf meiner Station, auf der seit Monaten infektiöse und Verdachtspatienten behandelt werden, noch einige Betten frei sind, haben wir angefangen, eine zweite Station für die Aufnahme von Corona-Patienten zu räumen: wenn Patienten dort in dieser Woche entlassen werden, werden die Zimmer nicht mehr belegt. Patienten, die auch über Ostern im Krankenhaus bleiben müssen, werden auf andere Stationen verteilt. Apotheke und Materialwirtschaft haben uns noch einmal mit einer extra Lieferung an Medikamenten und Hygieneartikeln versorgt, Kolleginnen und Kollegen stehen bereit, an den Osterfeiertagen einzuspringen, falls wir zusätzliche Intensivkapazitäten brauchen. So vorbereitet waren wir in der Vergangenheit immer gut gewappnet und konnten alle Patienten gut versorgen. Warten wir also ab, was diesmal kommen wird. Es ist die Ruhe – vielleicht – vor dem Sturm?

Und doch ist einiges anders als vor einem Jahr. Wir wissen heute viel besser, wie wir uns vor Corona schützen können. Masken, Handschuhe, Schutzkittel sind so selbstverständlich, dass ich mir sofort „nackt“ vorkomme im Gesicht, wenn ich mal für ein paar Minuten am Schreibtisch die FFP2-Maske abnehme. Aber auch die Patienten, die auf Station behandelt werden, haben sich verändert: Waren es bis Anfang des Jahres viele ältere und hochbetagte schwerkranke COVID-Patienten, überwiegen jetzt bei uns jüngere Patientinnen und Patienten. Zurzeit sind die meisten etwa zwischen Anfang 30 und Mitte 50 oft mit Symptomen wie hohem Fieber, Schüttelfrost, starkem Schwindel und Abgeschlagenheit. Viele von Ihnen erholen sich nach einigen Tagen wieder, aber wir mussten in dieser Woche auch wieder drei jüngere Patienten mit schweren Verläufen auf die Intensivstation verlegen, wo die Kolleginnen und Kollegen dort nun versuchen, deren Zustand zu stabilisieren.

Obwohl wir seit über einem Jahr tagtäglich mit den positiv auf das Corona-Virus getesteten Patientinnen und Patienten zu tun haben, macht mich das Schicksal einzelner Patienten noch immer betroffen: das Ehepaar, das sich ein Zimmer teilt und gemeinsam gegen die Krankheit kämpft, die Schwangere, die sich um ihr ungeborenes Kind sorgt, der junge sportliche Mann, der noch immer nicht fassen kann, dass ihn die Krankheit plötzlich aus der Bahn geworfen hat.

Ostern 2021 steht leider immer noch ganz im Zeichen von Corona. Ganz ehrlich – das habe ich mir vor einem Jahr nicht vorstellen können.

Aufgezeichnet von Ute Emig-Lange.

Dr. Hans Drexl, 25.03.2021

Zugegebenermaßen war auch für mich das Hin und Her der Politik in dieser Woche frustrierend. „Ruhetage“ an Ostern – erst ja, dann nein. Und immer wieder die stückweise Verlängerung des Lockdowns ohne ergänzende Maßnahmen, obwohl die Fallzahlen darunter ja ansteigen. Einerseits kann ich die allgemeine Erschöpfung und den Überdruss darüber verstehen. Auch ich möchte gern wieder mit meiner Frau oder mit Freunden in ein Restaurant oder in ein Konzert gehen. Andererseits verfliegt diese Erschöpfung schnell wieder und wird unwichtig, sobald ich im Caritas-Krankenhaus auf die Intensivstation komme. Hier geht es um das Leben von Menschen, das ist entscheidend.

Gerade behandeln wir auf der Intensivstation einen Mitte fünfzig-jährigen COVID-19-Patienten. Er hat keine besonderen Vorerkrankungen oder Risikofaktoren, ist aber trotzdem schwer erkrankt. Seine Lunge kann momentan nicht genügend Sauerstoff aufnehmen. Wir versuchen, ihn mithilfe einer sog. „nasalen Highflow-Therapie“ zu stabilisieren. Bei diesem nicht-invasiven Verfahren erhält der Patient erwärmte, befeuchtete und sauerstoff-angereicherte Luft über eine Nasenbrille. Damit können wir dem Patienten bis zu 80 Liter Sauerstoff in der Minute zuführen. Die erkrankte Lunge wird so bei der Atmung unterstützt und kann trotz der Virusentzündung genügend Sauerstoff in das Blut transportieren. Wir hoffen, auf diese Weise eine Intubation des Patienten vermeiden zu können. Eine invasive Beatmung, bei der wir den Patienten in Narkose, also ein „künstliches Koma“ versetzen müssen, setzen wir immer nur dann ein, wenn die Sauerstoffsättigung so bedrohlich abfällt, dass uns keine andere Wahl bleibt. Ich bin optimistisch, dass wir es mit unserem Patienten schaffen – „über den Berg“ ist er aber noch nicht.

Drei der fünf Patienten bei uns auf der Intensivstation haben sich übrigens mit der sog. „britischen“ Variante des Virus infiziert. Diese Mutation ist also fraglos bei uns angekommen. Wir wissen, sie ist ansteckender und führt möglicherweise auch zu schwereren Verläufen als die zuvor bekannte Virusvariante. Und der Anteil der jüngeren COVID-19-Patienten mit schweren Verläufen bei uns im Caritas-Krankenhaus nimmt in den letzten Tagen zu.

Es gibt aber auch positive Entwicklungen. In dieser Woche konnten wir einen hochbetagten Patienten aus dem Pflegeheim mit einer COVID-Lungenentzündung nach fünf Tagen auf der Isolierstation in recht gutem Allgemeinzustand wieder entlassen. Er hatte sich wenige Tage nach seiner zweiten Corona-Impfung mit dem Virus infiziert – doch der Verlauf der Erkrankung blieb ausgesprochen mild, innerhalb von fünf Tagen hatte er die Erkrankung überwunden und konnte wieder ins Pflegeheim zurückkehren. Solche milden Verläufe haben wir bis vor Beginn der Impfungen bei diesen älteren Patienten nicht gesehen. Sie waren in aller Regel schwerer erkrankt, und das Virus war wochenlang bei den Patienten nachweisbar. Ein beträchtlicher Teil dieser Patienten ist leider auch verstorben. Dieser Herr hat seine Erkrankung hingegen in wenigen Tagen überstanden und war frei von Corona-Viren. Das ist neu und das ist ein gutes Zeichen, das Hoffnung macht. Denn es beweist, dass die Impfung ihre erhoffte Wirkung zeigt: sie schützt vor schweren Verläufen und sie schützt vor dem Tod durch COVID-19. Solche Verläufe machen Mut und helfen, den Frust über den Lockdown zu überwinden, denn sie weisen einen Weg aus der Pandemie: Impfen wirkt und Impfen schützt. Lassen Sie sich also impfen, sobald Sie die Möglichkeit haben!

Aufgezeichnet von Ute Emig-Lange. 

Manuela Hartl, 18.03.2021

Die Hoffnung, dass sich die Corona-Situation allmählich entspannen könnte, hielt genau bis vergangenen Freitag. Die Tage davor hatte sich die Zahl der Corona-Patienten bei uns auf der Isolierstation im Caritas-Krankenhaus auf einem einstelligen Niveau eingependelt ­– vorsichtig machte sich Optimismus bei uns im Team breit. Vielleicht doch schon Licht am Ende des Corona-Tunnels? Doch seit Freitag kommen täglich neue Patienten zu uns auf Station, mittlerweile sind es fast 20. Dass Corona mit solcher Wucht zurückkommt, damit haben wir nicht gerechnet.

Unter den Patienten sind durchaus auch schwere Fälle und ja – einige sind leider verstorben. Das waren ältere Patienten, die in ihrer Patientenverfügung eine Therapiebegrenzung festgelegt haben und darin invasive Maßnahmen ablehnen. In diesen schwierigen Situationen versuchen wir gemeinsam mit dem Patienten und den Angehörigen eine Lösung zu finden, die im Sinne des Patienten ist – und das heißt manchmal eben auch: die Therapie nicht unnötig verlängern, den Patienten während des Sterbens begleiten und ihm – falls notwendig – die Schmerzen nehmen. Natürlich dürfen die Angehörigen ihren Patienten besuchen und in diesen Stunden des Abschieds bei ihm sein. Und doch ist es für alle nicht leicht, denn auch dann tragen sie Masken und Schutzkleidung, um sich vor einer möglichen Infektion zu schützen. Worte müssen dann Nähe und Berührung ersetzen.

Auch für das Team auf Station ist das belastend. Doch ich bin unglaublich froh und dankbar, dass ich so tolle Kolleginnen und Kollegen habe, die mit Herz und Seele für die Patientinnen und Patienten im Einsatz sind. Wir motivieren uns untereinander und richten uns immer wieder gegenseitig auf. Das trägt uns. Viele von uns haben seit Beginn der Pandemie ihre sozialen Kontakte auf ein Minimum reduziert, verzichten auf Hobbies und meiden Treffen mit anderen. Sie kommen auf direktem Weg zur Arbeit und fahren danach sofort nachhause, um dem Corona-Virus möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten und sich selbst und andere vor einer Infektion zu schützen. Eine Erleichterung ist da, dass schon die meisten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf meiner Station gegen Corona geimpft sind. Trotzdem müssen wir weiter alle Schutz- und Hygienemaßnahmen einhalten, denn Entwarnung gibt es im Moment jedenfalls nicht – das haben wir in den vergangenen Tagen erlebt. Es bleibt ernst und ich hoffe, dass alle den Ernst der Situation erkennen und sich weiter an die Regeln halten. Bleiben Sie negativ!

Aufgezeichnet von Ute Emig-Lange.

Dr. Hans Drexl, 12.03.2021

In dieser Woche muss ich unsere Kinder aus der Notbetreuung in der Kita abholen und deshalb pünktlich direkt nach Dienstende losfahren, um rechtzeitig an der Kita zu stehen. 10 Minuten habe ich am Dienstag noch – Zeit um rasch die zwei Arztbriefe zu lesen, die auf meinem Schreibtisch liegen. Oben liegt ein Brief aus der Uniklinik in Würzburg. „Sehr geehrte Frau Kollegin, sehr geehrter Herr Kollege, wir berichten über Herrn P., geboren 1975, der sich von … bis … in unserer intensivmedizinischen Behandlung befand….“

An Herrn P erinnere ich mich sofort. Dieser Patient, nicht viel älter als ich selbst, wurde auf unserer Intensivstation wegen COVID19 mit schwerer Lungenentzündung behandelt. Wie häufig bei solchen COVID-Verläufen musste auch Herr P rasch nach der Aufnahme in unserer Klinik in Narkose versetzt und invasiv beatmet werden. Hierdurch ließ sich die Situation zwar einige Tage stabilisieren, danach verschlechterte sich sein Zustand jedoch trotz der Beatmung lebensbedrohlich. Die entzündete Lunge versagte vollständig. Letzte Möglichkeit, den Patienten zu retten: die sog. ECMO, die extrakorporale Membranoxygenierung. Eine Maschine übernimmt dabei die Funktion der Lunge: das Blut wird aus dem Körper herausgeleitet und durch die Maschine mit Sauerstoff angereichert, gleichzeitig wird Kohlendioxid entzogen. Das so behandelte Blut wird dann wieder in den Körper zurückgepumpt. Auf diese Weise gewinnt man Zeit für die Behandlung und Erholung der Lunge, denn der Patient soll ja irgendwann wieder ohne Maschine selbst atmen können. Ein hochkomplexes Verfahren, das nur in wenigen spezialisierten Zentren angeboten wird. Im Caritas-Krankenhaus arbeiten wir in solchen – zum Glück seltenen – Fällen eng mit der Universitätsklinik Würzburg zusammen. Ein Hubschrauber bringt die Kollegen und Geräte zu uns, der Patient wird vor Ort an die Maschine angeschlossen und dann zur Weiterbehandlung nach Würzburg gebracht.

Ich überfliege den Arztbrief der Kollegen aus der Uniklinik. Anamnese, Diagnostik, Befunde, Labor, weiterer Verlauf: nach Anschluss an die ECMO Zustand stabilisiert…, dann Komplikation, Notoperation, totales Kreislaufversagen, Wiederbelebung erfolglos. Herr P ist in Würzburg verstorben, er wurde 45 Jahre alt.

Sicher, die meisten Menschen, die an einer COVID-Erkrankung sterben, sind älter als 80 Jahre und vorerkrankt. Das zeigt die Statistik und auch unsere Erfahrung im Caritas-Krankenhaus. Aber es können eben auch junge Menschen schwer an COVID-19 erkranken und daran versterben. Herr P. hatte keine besonderen Vorerkrankungen, keine besonderen Risiken, die den schweren Verlauf der Erkrankung vorhersehbar gemacht hätte. Eigentlich hätte er es schaffen müssen – hatte ich gedacht und gehofft; zuerst während der Therapie bei uns, dann auch noch nach der Verlegung nach Würzburg, obwohl ich natürlich weiß, wie lebensbedrohlich krank jeder Patient ist, der so eine ECMO-Therapie benötigt. Gleich fallen mir noch andere jüngere Patienten wieder ein, die wir ebenfalls durch COVID-19 verloren haben, obwohl sie nicht zur Risikogruppe gehörten. Wieder vergeblich gehofft. Aber auch als Arzt muss man manchmal an seine Hoffnungen glauben.

Den zweiten Brief auf meinem Schreibtisch hebe ich mir für morgen auf. Heute fahre ich lieber etwas langsamer zur Kita.

Aufgezeichnet von Ute Emig-Lange.

Dr. Hans Drexl, 08.03.2021

Mittwochnachmittag. Sprechstunde für Patienten, die zu Kontrolluntersuchungen einbestellt sind. Fast alle von ihnen benötigen eine Echokardiografie, also eine Ultraschalluntersuchung des Herzens. Dafür bin ich heute zuständig. Kardiologische Routinearbeit. Wie immer ist der Zeitplan dicht getaktet. Ich komme ins abgedunkelte Zimmer, der Patient liegt bereits auf der Liege und ist für die Untersuchung vorbereitet. „Guten Tag, Dr. Drexl, ich mache bei Ihnen den Ultraschall", begrüße ich den Patienten. „Ich weiß", antwortet der Mann auf der Liege. "Erkennen Sie mich noch, Doktor?" Ich muss kurz überlegen. Herr M. So heißen viele... Und das Gesicht? Nicht immer erkennt man im Dunkeln seinen Maske-tragenden Gegenüber gleich. Doch wenige Momente später kann ich ihn einordnen. Natürlich! „Herr M, ja prima! Wie geht es Ihnen denn?“

Herr M, ein knapp sechzigjähriger Mann, lag fast zwei Monate wegen einer schweren COVID19-Erkrankung in unserer Klinik. Los ging es bei ihm mit Erkältungssymptomen, der Corona-Test beim Hausarzt war positiv. Nach einer Woche ging es ihm nicht besser, er fühlte sich kaputt und hatte anhaltend Fieber. Deswegen kam er zu uns ins Caritas-Krankenhaus. Auf den Röntgenbildern waren Zeichen einer beginnenden Lungenentzündung zu erkennen, wirklich schlimm sahen sie aber nicht aus. Einige Tage blieb sein Zustand im Wesentlichen unverändert: es ging ihm nicht richtig gut und er hatte immer wieder Fieber, die anderen objektiven Befunde erschienen aber nicht so schlecht. Beinahe dachten wir schon darüber nach, ihn wieder zu entlassen. Dann aber verschlechterte sich der Zustand von Herrn M. rapide. Er entwickelte schwere Atemnot, die Sauerstoffsättigung in seinem Blut fiel bedrohlich ab. Rasch wurde er auf die Intensivstation gebracht, wo wir ihn nur durch eine invasive Beatmung stabilisieren konnten. Nun zeigten auch das Röntgenbild und das CT Zeichen einer schweren Lungenentzündung. Zusätzlich wurde die bereits erkrankte Lunge durch einen bakteriellen Infekt geschwächt. Wir behandelten ihn also mit einem Antibiotikum, zusätzlich unterdrückten wir mit Medikamenten die durch das Virus ausgelöste überschießende Entzündungsreaktion im Körper. Auch sein Kreislauf musste medikamentös stabilisiert werden. Nach anfänglichem Auf und Ab sprach die Therapie an. Nach zwei Wochen Beatmung hatte sich die Lunge soweit erholt, dass Herr M wieder selbstständig atmen konnte. Stark geschwächt, aber stabil konnte er unsere Intensivstation verlassen.

Und nun das unverhoffte Wiedersehen. Ja, wie geht es ihm? Herr M berichtet, noch nicht ganz seine Leistungsfähigkeit von vor der Erkrankung wiedererlangt zu haben, im Großen und Ganzen sei er aber zufrieden. Seine Lunge funktioniert wieder gut, die Folgen von COVID-19 haben sich fast vollständig zurückgebildet. Er blickt optimistisch in die Zukunft und ist froh, diese Infektion überstanden zu haben.

Solche Begegnungen und Gespräche sind wohltuend. Auf der Intensivstation begleiten wir unsere Patienten durch eine sehr kritische Phase ihres Lebens. Wenn sie das Schlimmste überstanden haben, werden sie zur Weiterbehandlung auf die Normal-Station oder auch in Reha-Kliniken verlegt. Häufig sehen wir dann nicht mehr, wie die Patienten sich erholen und wieder zu Kräften kommen. Nun genau dies zu erleben und zu hören, dass es Herrn M wieder gut geht, gibt mir Kraft und Mut, auch die nächsten Patienten wieder mit vollem Einsatz zu behandeln.

Aufgezeichnet von Ute Emig-Lange.

Manuela Hartl, 04.03.2021

„Angst vor Corona-Mutationen“ – alle Zeitung und Nachrichtensendung sind zurzeit voll mit diesem Thema. Auch uns im Caritas-Krankenhaus bewegt das Thema, vor allem die Kolleginnen und Kollegen auf meiner Station, denn wir sind ganz nah dran: Auf unserer Station werden die Patientinnen und Patienten mit COVID-19 behandelt und diejenigen mit Verdacht auf eine Corona-Infektion, wenn das Testergebnis noch nicht vorliegt. Gerade jetzt, wo die Infektionszahlen etwas sinken und durch die Corona-Impfungen erste Erfolge im Kampf gegen das Virus zu verzeichnen sind, da hoffen wir hier natürlich alle, dass keine dritte Welle mit neuen Virusvarianten über uns hereinschwappt. Dies würde für unser Beruf- und Privatleben bedeuten, dass die Hoffnung schwindet, bald wieder ein halbwegs normales Leben zu führen.

Momentan stehen die Chancen gut, und ich erlaube mir deshalb heute, etwas optimistischer in die Zukunft zu blicken. Aktuell behandeln wir sechs COVID-Patienten und sechs Patienten mit Verdacht auf eine Infektion – ­ Tendenz hoffentlich weiter fallend. Für bis zu 25 infektiöse Patientinnen und Patienten hätten wir auf der Station Platz. Das heißt: für uns Pflegekräfte entspannt sich momentan die Lage ein wenig nach vielen sehr anstrengenden Wochen und Monaten mit einer teilweise vollen Isolierstation. Doch ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schnell sich das ändern kann. Die Zahlen schwanken täglich und wir wollen weiterhin vorsichtig bleiben.

Ich selbst habe keine Angst vor einem mutationsbedingten Patientenansturm. Wir auf der Isolier-Station haben in den vergangenen Monaten schon so viel Erfahrung gesammelt, wir wissen, wie wir mit den Patienten umgehen und uns selbst schützen können. Schwieriger für mich und mein Team ist die Tatsache, dass wir manchmal schief angeschaut und teilweise sogar gemieden werden, wenn andere hören, wo wir arbeiten. Das ist für uns emotional belastend. Denn wir achten penibel darauf, dass alle Schutzvorkehrungen und Hygienevorschriften eingehalten werden, damit keine Infektionen weitergetragen werden. Ich bin stolz auf meine Kolleginnen und Kollegen, die täglich hochmotiviert ihre ganze Energie in die Betreuung der Corona-Infizierten stecken. Denn durch das bestehende Besuchsverbot und die lange Zeit die unsere COVID-19 Patienten und Patientinnen auf Station bleiben müssen, werden diese ein Teil unserer Stationsfamilie. Man kennt sich, man schätzt sich und erzählt sich im täglichen Miteinander die persönlichen Ängste, Nöte und auch die Wünsche für die Zukunft nach Corona. Ich hoffe inständig, dass dieses positive Gefühl, dieser Glaube an wieder einkehrende Normalität nun nicht durch die viel gefürchteten Corona-Mutanten enttäuscht wird.

Aufgezeichnet von Jasmin Paul.

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