09.05.2023

Assistierter Suizid und Sterbewünsche

„Wir würden wollen, dass du lebst…“

Am 25. April 2023 hat der trägerübergreifende Ethikrat im Bistum Trier erstmalig eine Tagung für eine größere Öffentlichkeit ausgerichtet. Thema war der Umgang mit Sterbewünschen und Fragen rund um den assistierten Suizid.

Am Lebensende geht es um mehr als den assistierten Suizid. Natürlich steht bei vielen Menschen, bei vielen Ethikern und den Trägern von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen diese schwierige Frage weit oben auf der Agenda, angestoßen durch die Diskussion auf der politischen Ebene. Eine gesetzliche Regelung dazu wird vom Bundestag in dieser Legislaturperiode erwartet. Aber: Es geht um mehr. Wie gehen Einrichtungen in kirchlicher Trägerschaft generell damit um, wenn Menschen am Ende ihres Lebens sagen: Es ist genug?

Der Heilpädagoge Ruben Kreier von den Barmherzigen Brüdern Saffig moderierte bei der Tagung des trägerübergreifender Ethikrats Bistum Trier einen Workshop zur Frage, wie Sterbewünsche bei Menschen mit psychischen Erkrankungen und Störungen einzuordnen sind.
Der Heilpädagoge Ruben Kreier von den Barmherzigen Brüdern Saffig moderierte bei der Tagung des trägerübergreifender Ethikrats Bistum Trier einen Workshop zur Frage, wie Sterbewünsche bei Menschen mit psychischen Erkrankungen und Störungen einzuordnen sind.

Der trägerübergreifende Ethikrat im Bistum Trier hat am 25. April 2023 eine große Tagung zu diesen Fragen ausgerichtet. In zweifacher Hinsicht eine besondere Veranstaltung: Der Ethikrat, so betonte es der Vorsitzende Prof. Dr. Heribert Niederschlag, in seiner Begrüßung, bildet seit 15 Jahren ein in Deutschland einzigartiges Forum für ethische Fragen. Er verbindet die Kompetenzen der Wissenschaft mit den Fragen aus dem Praxisfeld der Träger von Gesundheits- und Sozialeinrichtungen. Auf Initiative der vier großen katholischen Trägerorganisationen hat sich im Bistum Trier im Jahr 2008 dieser Ethikrat konstituiert. Seine Arbeit unterstützen die Barmherzige Brüder Trier gGmbH (BBT), die Caritas Trägergesellschaft Saarbrücken mbH (cts), der Cusanus Trägergesellschaft Trier mbH (ctt) und die Marienhaus GmbH Waldbreitbach zu gleichen Teilen. Die Gruppe der Träger wurde 2013 um die Franziskaner vom Hl. Kreuz (Hausen) und 2016 um die Kongregation der Schwestern vom hl. Karl Borromäus (Trier) erweitert. Besonders: Zum ersten Mal war der Ethikrat Veranstalter einer Tagung für eine größere Öffentlichkeit. Eingeladen waren Mitarbeitende aller Trägerschaften im Ethikrat.

Der Mediziner und Ethiker Prof. Dr. Stephan Sahm eröffnete die Tagung mit einem Impulsvortrag zu Fragen rund um die Dynamik, die eine Regelung zum assistierten Suizid in Deutschland auslösen könnte. Mit Besorgnis wies er darauf hin, dass zum Beispiel in Kanada auch Kostenberechnungen in die Debatte eingeführt wurden: Was bedeutet es für die Würde des Menschen, wenn der Blick auf die finanzielle Entlastung des Gesundheitswesens gerichtet wird, die sich ergibt, wenn Menschen ihr Lebensende vorzeitig selbst in die Hand nehmen? In Deutschland sind solche Überlegungen nicht im Fokus, doch Sahm warnte vor der schiefen Ebene, auf die auch die ethische Diskussion hierzulande führen könnte.

Behutsam abwägend fokussierte die Münchner Ethikerin Prof. Dr. Constanze Giese auf die unterschiedlichen Dimensionen von Sterbewünschen im Umfeld von therapeutischen und Pflegebeziehungen. „Wir würden wollen, dass du lebst – aber wir lassen dich nicht allein…“ – ein Fazit, das deutlich machte: Rund um die Sterbewünsche von Menschen gibt es mehr Fragen und Suchbewegungen als fertige und klare Antworten.

Die Workshops am Nachmittag nahmen Einzelfragen in den Blick. So bot zum Beispiel Prof. Dr. Höfling, Jurist und Mitglied im Deutschen Ethikrat, eine Orientierung zu den rechtlichen Aspekten rund um den assistierten Suizid. In Verantwortung der BBT-Gruppe ging ein Workshop der Frage nach, wie Suizidalität und Sterbewünsche bei Menschen mit psychischen Erkrankungen und Störungen einzuordnen sind. Wie gelingt es, hier von Freiverantwortlichkeit zu sprechen? Welche Chancen hat Suizidprävention? Wie kann vermieden werden, dass das System einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Störungen durch suizidale Ereignisse über die Maßen irritiert wird? Welche Modelle eignen sich für die Begleitung von Menschen in der Eingliederungshilfe? Der Heilpädagoge Ruben Kreier von den Barmherzigen Brüdern Saffig, der über langjährige Erfahrung in der Arbeit mit psychisch kranken Menschen verfügt, moderierte diesen Workshop.

Ein fragendes und aufmerksames Fazit zog Bischof Dr. Stephan Ackermann, der ausdrücklich als Hörender gekommen war: Er bat die Teilnehmenden darum, ihre Fragen und ihre Anregungen zu sammeln und an ihn weiterzugeben, denn auch für die Bischöfe gelte: Sie sind in einer Suchbewegung, stehen selbst in der Diskussion und wollen mit denen im Gespräch bleiben, die in der Vielfalt der Einrichtungen mit den Sterbewünschen von Menschen konfrontiert sind.


(Text: Peter-Felix Ruelius)