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10.11.2020

Orden in der Trägerschaft von Krankenhäusern zwischen Barmherzigkeit, Ökonomie und Verantwortung – Beitrag von Bruder Peter in Ordenskorrespondenz

Für das Richtige sorgen

Orden fehlt heute der Nachwuchs, so haben viele Gemeinschaften ihre caritativen Einrichtungen in neue Trägerschaftsmodelle überführt. Wie kann dennoch die christliche Ausrichtung gewahrt werden? Bruder Peter Berg, stellvertretender Generaloberer der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf und Regionalleiter der BBT-Gruppe, Region Trier, beschreibt in einem Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Ordenskorrespondenz, wie das gelingen kann.

Bruder Peter Berg
Bruder Peter Berg

Was im Feldlazarett das Richtige ist

In Krisensituationen wie der aktuellen Pandemie stehen Ordenschristen an der Seite der Ärmsten an vielen Orten der Welt und sorgen für das Notwendigste. Gemeinsam mit einem agilen Netzwerk aus Mitarbeitenden und Freiwilligen helfen sie denen, deren Existenz ganz unmittelbar gefährdet ist: so beispielsweise den indischen Wanderarbeitern, die von einem Tag auf den anderen ihre Arbeit verloren haben und jetzt an den Grenzen der Bundesstaaten gestrandet sind.

Das Bild, das Papst Franziskus kurz nach seinem Amtsantritt für die Kirche geprägt hat, das Bild von der Kirche als Feldlazarett, wird auf bewundernswerte Weise greifbar. Für das Richtige sorgen – der Auftrag scheint klar: Das Richtige ist da, wo die Not groß ist, hauptsächlich in Schwellenländern oder Entwicklungsländern mit einer mangelhaften Struktur des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialwesens. Hier sprechen Ordensgemeinschaften die universal verstandene Sprache von Solidarität und Nächstenliebe.

Doch nicht alle Ordensgemeinschaften haben die Möglichkeit, als Teil eines weltweiten, agilen Netzwerks caritativen Einsatzes zu wirken. Ordensgemeinschaften, die in Deutschland verwurzelt sind und in den vergangenen rund 150 Jahren das Gesundheitssystem unseres Landes aktiv mitgestaltet haben, sind auch heute noch in diesem Gesundheitssystem präsent. Rund 550 Krankenhäuser und damit rund mehr als jedes vierte Allgemeinkrankenhaus in Deutschland ist derzeit in kirchlicher (evangelischer oder katholischer) Trägerschaft[1]. Für das Richtige sorgen: Das heißt für Ordensgemeinschaften, die auf diesem Feld agieren, sich der Spannungen bewusst zu sein, die entstehen, wenn der christliche Auftrag der Barmherzigkeit sich in einem Rahmen verwirklichen muss, der stark ökonomisch geprägt ist. 

Ein kurzer Rückblick[2]

Im 19. Jahrhundert hat der Gründer der Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf, Peter Friedhofen, wie viele andere Gründergestalten sein Werk begonnen. Die Gründungen dieser Zeit verzeichneten bis weit in das 20. Jahrhundert hinein ein überwältigendes Wachstum. Orden und Caritas waren so eng verbunden, dass bis in die 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein die überwiegende Mehrzahl der in caritativen Einrichtungen Tätigen Ordensleute waren. Die Initiativen der Caritaskreise haben damals vielen ihrer Mitglieder die entscheidenden Anregungen gegeben, selbst Gemeinschaften zu gründen. Die Revitalisierung des kirchlichen Lebens durch Ordensgemeinschaften in der Zeit der Restauration entsprach zudem dem Willen der Bischöfe. Nach dem Kulturkampf setzte sich das Wachstum der caritativen Ordensgemeinschaften beinahe ungehindert fort. Um 1940 verzeichneten die Statistiken rund 100.000 caritativ tätige Ordensfrauen in Deutschland, die in knapp 8.000 Niederlassungen lebten und arbeiteten.

Heute sind in der Vielzahl der kirchlichen Krankenhäuser in Deutschland mit rund 265.000 Beschäftigten Ordenschristen nur noch in sehr geringer Anzahl tätig. Einen wichtigen Teil der heute noch in der Pflege tätigen Mitglieder von Ordensgemeinschaften stellen dabei Schwestern ausländischer, vorwiegend asiatischer Ordensgemeinschaften (rund 1.600 Ordensfrauen, die zu rund 95 Prozent in der Pflege tätig sind).

Allerdings sind Ordensgemeinschaften noch in der ihnen zugewachsenen Verantwortung für die Trägerschaft von Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen zu finden. Für die Barmherzigen Brüder von Maria-Hilf, deren Gemeinschaft inzwischen aus weniger als 60 Brüdern besteht, bedeutet das: Aus einer pflegenden Ordensgemeinschaft wurden Gesellschafter eines Unternehmens mit einer großen und vielfältigen Dienstgemeinschaft von rund 14.000 Mitarbeitenden. An die Stelle der unmittelbaren pflegenden Beziehung zwischen Ordensbruder und Patient ist die steuernde Verantwortung von Gesellschaftern getreten.

Ein tiefgreifender Wandel: vereinbar mit dem christlichen Auftrag?

Diese Verantwortung vollzieht sich innerhalb eines umfassenden Veränderungsprozesses: Erste Anzeichen für einen tiefgreifenden Wandel in der Welt der Krankenhäuser gab es seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts[3]. Die Absicht der Kostendämpfung wurde in den 80er-Jahren dann immer stärker in die Gesetzgebung eingebracht. Jede der Reformen seit rund 40 Jahren machte immer deutlicher, dass die Krankenhäuser in der Welt der Ökonomie angekommen sind. Gleichwohl gilt: Außerhalb ökonomischer Logik standen die Krankenhäuser ja nie; allerdings wurden in früheren Jahrzehnten die Leistungen und die Erlöse von Krankenhäusern nicht so deutlich in eine ökonomische Beziehung zueinander gebracht wie heute.

Auf einmal haben es kirchliche Akteure, die sich doch eigentlich dem selbstlosen Dienst am Nächsten verschrieben hatten, mit Themen zu tun, die Wettbewerb und Markt heißen. Sie bewegen sich zwischen Akteuren, die mit der Gesundheit der Menschen Geld verdienen. Sie müssen um Mitarbeitende ebenso werben wie um Patienten, müssen um Ressourcen kämpfen und sich Marktanteile sichern. Sie müssen Privatpatienten behandeln, die höhere Erlöse versprechen, um den Betrieb für alle aufrechtzuerhalten. Sie müssen durch hochwertige Ausstattung und hervorragend ausgebildetes und entsprechend gut bezahltes Personal ihre Versorgungsqualität hochhalten, damit Patienten ihr Krankenhaus aufsuchen und die Auslastung hoch genug ist, um die Kosten zu decken: All das, damit sie am Markt bestehen. Der Druck auf die Krankenhauslandschaft ist enorm. Politisch wird die Forderung nach der Schließung kleinerer Krankenhäuser immer lauter. Das trifft kirchliche und kommunale Einrichtungen wesentlich stärker als große Versorgungs­strukturen[4].

Die Fragen, die für kirchliche Träger von Krankenhäusern auftauchen, sind unbequem: Dient die ökonomische Ausrichtung noch unserem Auftrag? Was unterscheidet uns von privaten, kommerziell ausgerichteten Krankenhausträgern? Wie nah sind wir noch den Anfängen unserer Gründer? Wo bekommt die Sorge für die Armen und Notleidenden unserer Gesellschaft noch ihren Platz? Oder kurz: Müssen wir uns das antun?

Aussteigen?

Viele Ordensgemeinschaften standen und stehen vor der Frage, ob sie in dieser Umgebung noch weitermachen wollen. Die Entscheidung der Malteser, sich von den meisten ihrer Krankenhäuser zu trennen[5], hat viele kirchliche Träger erneut aufgeschreckt. Gerade dort, wo Ordensgemeinschaften oder Kirchengemeinden kleinere Krankenhäuser betreiben oder betrieben haben, kommen sie oft an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit und müssen ihre Einrichtungen in andere Hände abgeben oder gar schließen – schweren Herzens zumeist, da die Verankerung eines Krankenhauses in einer Stadt oder Region für die meisten Menschen als beruhigender Ausdruck einer guten, nahen und umfassenden Versorgung gilt.

Man könnte, so eine Überlegung, hier guten Gewissens aussteigen, könnte den „Markt des Krankenhauses“ anderen überlassen und müsste sich zudem in Deutschland keine Sorgen machen, dass deswegen Patienten unversorgt bleiben. Das Versorgungsnetz ist gut; laut wissenschaftlicher Studien gibt es in unserem Land ohnehin eher zu viele als zu wenige Krankenhäuser[6]. Dann hätte man auch als Ordensgemeinschaft die Hände frei für das Eigentliche. Man könnte die Identität wahren und in kleinen, sozialen Initiativen „Nächstenliebe pur“ praktizieren. Allerdings: Wenn kirchliche Träger, die nun doch immerhin rund ein Viertel der deutschen Allgemeinkrankenhäuser betreiben, sich aus diesem Sektor des öffentlichen Lebens komplett zurückziehen würden, könnten sie ihn auch nicht mehr mitgestalten. Nur wer Teil des Systems ist, kann auch dieses System prägen.

Auch aus einem weiteren Grund wäre ein Aufgeben fatal: Der Dienst an den Kranken gehört so sehr zur Identität der Kirche, dass der Rückzug daraus schwer verständlich oder gar undenkbar wäre. Das wird auch in den aktuellen Prozessen kirchlicher Entwicklung deutlich: So setzt zum Beispiel die Synode im Bistum Trier sehr stark auf den Aspekt der diakonischen Kirche und hat alle caritativen Einrichtungen aktiv aufgefordert, sich in diesen Prozess einzubringen und als „Kirchorte" mit eigenem Profil deutlich in Erscheinung zu treten. Sie sind Orte, an denen christlicher Gaube erfahren und gelebt wird, und sie stehen für ein immer noch positiv besetztes Bild von Kirche als Organisation der Nächstenliebe.

Gute Wirtschaft – schlechte Wirtschaft?

Die Teilnahme am Wirtschaftsleben ist nichts, was aus sich heraus schlecht wäre. Die Idealisierung eines religiösen Lebens, das sich vollkommen aus dem Wirtschaftsleben heraushält oder zurückzieht, vergisst, dass die Wirksamkeit in einer Gesellschaft in der Regel nur unter den Bedingungen der Umgebung möglich ist. Der Betrieb einer Krankenanstalt im 19. Jahrhundert, wie sie der Gründer der Barmherzigen Brüder, der selige Peter Friedhofen unternommen hat, war verflochten mit den gesetzlichen und wirtschaftlichen Bedingungen der Stadt Koblenz, ihrer Bewohner und ihrer Behörden. Peter Friedhofen war angewiesen auf das Wohlwollen und den guten Ruf, den er durch gute Leistung erwerben konnte. Mit dem guten Ruf kamen die Empfehlungen durch Ärzte, so dass schließlich ein damals noch kleines Unternehmen auf halbwegs sicheren Beinen stehen konnte. Ordensgemeinschaften haben zu jeder Zeit am Wirtschaftsleben ihrer Zeit teilgenommen, um ihren Unterhalt zu sichern oder auch, um die Gesellschaft zu entwickeln.

Zwei einfache Fragen

Die Frage muss jedoch immer sein: Zu welchem Zweck, mit welchem Ziel und mit welcher „Gesamtausrichtung“ beteiligt sich eine Ordensgemeinschaft am Wirtschaftsleben der Gesellschaft, in der sie lebt? Mit zwei einfachen Fragen ist eine Prüfung des Richtigen möglich: Mit welchem Bereich der Wirtschaft hat man es zu tun? Und: Wird das Wirtschaften zum Selbstzweck oder dient es dem Auftrag? Zur ersten Frage: Wenn das, worum sich das wirtschaftliche Handeln eines sozial-caritativen, ordenseigenen Unternehmens dreht, das Gesundheitswesen ist, dann entspricht das dem Charisma und dem Auftrag dieses Ordens, den er von seinem Gründer erhalten hat.

Und zur zweiten: Erst wenn das Wirtschaften zum Selbstzweck würde, wenn die Pflege der Erwerbsquelle sich verselbstständigen oder den überwiegenden Teil aller Aktivitäten ausmachen würde, dann wäre tatsächlich der Auftrag einer Ordensgemeinschaft verfehlt. Man muss es klar sagen: Der Auftrag einer Ordensgemeinschaft und ihres Handelns ist es, das Reich Gottes auf Erden zu befördern. Dem muss auch das wirtschaftliche Handeln einer Gemeinschaft immer dienen.

Mitmachen: aus Verantwortung gestalten

Es wurde bereits angedeutet: Eine Ordensgemeinschaft, die verantwortlich das System des Gesundheitswesens mitgestaltet, hat die Möglichkeit, diesem System auch eine eigene Prägung zu geben. Im Wesentlichen lassen sich drei Richtungen einer solchen Gestaltung angeben:

1. Im System gestalten: Als Träger von Krankenhäusern haben wir die Chance, für Richtiges zu sorgen. Wir haben die Chance, Krankenhäuser und Sozialeinrichtungen einer besonderen Art zu sein. Das ist immer wieder herausfordernd, weil wir natürlich im Wettbewerb stehen und gleichzeitig auch immer wieder bei den Mitarbeitenden für diese Perspektive eintreten müssen. Doch es gelingt an vielen Stellen. Zwei Beispiele: Während der Pandemie waren Mitarbeitende aus zwei Krankenhäusern ohne Zögern bereit, einen Personalengpass in einer Senioreneinrichtung aufzufangen und für zwei Wochen dafür zu sorgen, dass Menschen gut versorgt werden konnten. Die Idee der Dienstgemeinschaft ist, wenn so etwas möglich ist, kein Etikett, sondern erlebte Wirklichkeit.

Ein anderes Beispiel: ln einem vormals kommunalen Krankenhaus haben die Verantwortlichen wahrgenommen, dass der Umgang mit Verstorbenen und die Möglichkeit der Verabschiedung hinter dem zurückbleiben, was eine christliche Sterbe- und Verabschiedungskultur ausmacht: Das wird nun zu einem Arbeitsschwerpunkt werden. Dafür gibt es keine Refinanzierung durch die Kostenträger, macht aber deutlich, wie wir uns als christliches Unternehmen verstehen und wie wir mit Menschen umgehen möchten.

Im System gestalten: Wenn Mitarbeitende erleben, dass kirchliches und religiöses Leben geachtet wird, dass eine Dienstgemeinschaft nicht nur eine Floskel ist, sondern mit Leben erfüllt wird, dann lohnt es sich, in diesem System präsent zu sein.

2. Das System gestalten: Wir können als kirchliche Einrichtungen Schwerpunkte setzen wir können unser Leistungsangebot so gestalten, dass wir erwirtschaftete Erlöse einsetzen, um an anderer Stelle wieder näher an unserem Sendungsauftrag zu sein. Wir haben Privatstationen und erwerbsstarke Sektoren, damit wir uns anderes leisten können. So sind Palliativstationen in der Regel keine erlösträchtigen Bereiche, aber sie sind uns wichtig. Dabei müssen wir klug wirtschaften. Der laufende Betrieb muss auch Bereiche mittragen können, die keinen Gewinn versprechen. Wir haben als ordenseigenes Unternehmen glücklicherweise keine Shareholder zu bedienen, müssen keine Dividenden ausschütten.

Das System gestalten: Auch in unseren Außenbeziehungen zu Lieferanten und Dienstleistern soll an unserem Handeln erkannt werden, dass wir fair und verlässlich sind. Das trägt zu einem Modell der ökonomischen Verantwortung bei, mit dem wir uns wohlfühlen und nicht an jeder Stelle den eigenen Vorteil im Blick haben. All das passiert nicht im Sinne eines verzichtbaren „Add-on“, sondern mit Absicht und planvoll. Das christliche Profil ist ausdrücklicher Teil der Strategie der BBT-Gruppe[7]. Wir wissen nicht, ob das immer so gelingt, dass andere sich an uns ein Beispiel nehmen, aber es ist ein klares Bekenntnis zu unserer Identität: So wollen wir Krankenhäuser gestalten.

3. Aus dem System heraus gestalten: Nur wer in einem System präsent ist, kann Einfluss auf dessen Regeln haben. Die Ordensgemeinschaften, die im Gesundheitssektor tätig sind, können diesen mitgestalten, und sie tun das nach Kräften. Sie engagieren sich beispielsweise derzeit stark im Rahmen der Meinungsbildung bezüglich der anstehenden Gesetzgebung in der Frage des assistierten Suizids. Hier wollen wir deutlich machen, dass die Verantwortung gegenüber dem Leben unvereinbar ist mit einer Haltung, die das Leben ab einem bestimmten Punkt für unwillkommen erklärt. Ordensgemeinschaften als Träger von Unternehmen und Einrichtungen im Gesundheitswesen haben auf unterschiedlichen Ebenen Stimme und Gewicht. Im Rahmen der ethischen Fragestellungen rund um die im März 2020 drohende Situation zu knapper intensivmedizinischer Ressourcen haben wir uns mit anderen kirchlichen Trägem mit einer großen Wachsamkeit und Intensität in den Diskurs eingebracht und immer wieder verdeutlicht, inwiefern das christliche Menschenbild Einfluss hat auf die Entscheidungen bezüglich der Verteilung von Ressourcen. Man kann die Hypothese wagen: Dass in Deutschland die Palliativversorgung, der Umgang mit Demenzkranken, die im europäischen Vergleich starke Verteidigung des Lebensrechts am Ende des Lebens so ist, wie sie ist, hat wahrscheinlich auch mit der Präsenz von Ordensträgern und anderen kirchlichen Trägern im Gesundheitswesen zu tun.

Zu große Schuhe?

Viele Orden haben im 19. Jahrhundert mit den Werken begonnen, die heute in Unternehmen oder Stiftungen als Träger von Krankenhäusern agieren. Viele erleben diese Verantwortung als Last, einige Orden trennen sich von ihren großen Einrichtungen. Ja, es sind teilweise sehr „große Schuhe“, mit denen die kleiner werdenden Orden unterwegs sind. Die „großen Schuhe“ erleichtern die Beweglichkeit nicht. Die Frage ist: Passen die Schuhe heute noch?

Es ist spürbar, dass die große Agilität im Gesundheits- und Sozialwesen heute viele kleine und bewegliche Initiativen verlangt. Hier sind wir mit den großen Konstruktionen unserer Unternehmen eher im Nachteil. Das eingangs zitierte Feldlazarett ist agil: Es agiert provisorisch, individuell, situationsangepasst und kann verlegt, umgebaut und abgebaut werden, wenn es nicht mehr nötig ist. Das alles können wir nicht. Wir haben als eine Säule im Gesundheitssektor nicht die Beweglichkeit eines Startup. Wir schauen manchmal vielleicht neidisch auf neue, bewegliche und lebendige Initiativen. Gleichzeitig wissen wir: Wenn das Gesundheitssystem einer Gesellschaft stabil bleiben soll, braucht es auch die „großen Tanker“, die nur teilweise agil sind, bei denen Sicherheit, wirtschaftliche und gesellschaftliche Verantwortung mehr wiegen als Spontaneität, Initiative und Erfindergeist. Das Wort Jesu „die Armen habt ihr immer bei euch“ ist nicht erledigt oder abgearbeitet – es gibt weiterhin viele Formen (auch seelischer) Armut, die uns auch als Ordensträger Auftrag sein müssen. Die Agilität vielfältiger Initiativen und die unternehmerische Aktivität größerer Träger sind dabei keine Gegensätze, sondern gehen Hand in Hand.

Einzelnachweise:

1. https://christliche-krankenhaeuser.de/ #/wer-wir-sind (zuletzt abgerufen am 02.06.2020). 

2. Eine gute Zusammenfassung bietet Ingo Proft, Epikie. Ein integratives Handlungsprinzip zur Verlebendigung von Leitbildprozessen in konfessionellen Krankenhäusern, Ostfildern 2017, S. 40-63.

3. Vgl. zum Ganzen: Zwischen Wirtschaftlichkeit und Ökonomisierung, Heft 2 (2020) der Zeitschrift für medizinische Ethik. Darin besonders: J. Wasem, Zur Entwicklung der Kostendämpfungspolitik und Strukturreform in deutschen Gesundheitswesen (141-152), sowie K.-H. Wehkamp, Die Arbeitswelt von Ärzten - früher und heute (223-228).

4. Im Jahr 2018 wurden im Gesundheitswesen rund 391 Milliarden Euro ausgegeben. Rund ein Viertel davon (rund 97 Milliarden Euro) entfielen dabei auf die Krankenhäuser. Quelle: Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Gesundheit/Gesundheitsausgaben/Tabellen/einrichtungen.html (zuletzt abgerufen am 02.06.2020).

5. https://www.malteser.de/newsdetails/news/malteser-in-deutschland-richten-ihr-engagement-in-der-stationaeren-gesundheits-versorgung-neu-aus.html (zuletzt abgerufen am 17.06.2020).

6. Die strukturellen Fragen und Probleme werden intensiv diskutiert, zum Beispiel 2016 durch die „Leopoldina“: Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina e.V., Nationale Akademie der Wissenschaften, Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem. 8 Thesen zur Weiterentwicklung zum Wohle der Patienten und der Gesellschaft, Halle (Saale) 2016.

7. Die BBT-Gruppe gehört mit mehr als 100 Einrichtungen zu den großen christlichen Trägern von Krankenhäusern und Sozialeinrichtungen in Deutschland. Sie führt fort, was 1850 der Ordensgründer Peter Friedhofen als persönliches Glaubenszeugnis ins Werk gesetzt hat und uns als Unternehmensgruppe bis heute verbindet. Unser christlicher Auftrag: Praktizierte Nächstenliebe. www.bbtgruppe.de

Der Text ist zuerst erschienen in: Ordenskorrespondenz, Ausgabe 3/2020, Themenschwerpunkt: Ordensgemeinschaften und die Trägerschaft caritativer Werke.

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