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Komplementärmedizin – ein Schutzmantel durch die Krebstherapie

Viele alltagsnahe Tipps und zugleich aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse vermittelten die Referentinnen und Referenten beim Patiententag „Leben mit Krebs“ den rund 150 Besuchern im Caritas-Krankenhaus. Im Mittelpunkt stand dabei die Wirkung von komplementärmedizinischen Verfahren als Hilfe und Unterstützung von Patienten während der Krebstherapie.

Dr. Edgar Hartung, Leiter des onkologischen Zentrums am Caritas-Krankenhaus (OZT), betonte in seiner Begrüßung die zunehmende Bedeutung des Themas Lebensqualität in der Onkologie. Genau hier setzt die Komplementärmedizin mit ihren vielfältigen Möglichkeiten an. „Auch die Patienten selbst suchen immer stärker nach zusätzlichen Möglichkeiten, was sie selbst tun können, um ihre Therapie zu unterstützen“, berichtete der Internist und Onkologe aus vielen Patientengesprächen.

Ziel: Nebenwirkungen reduzieren
Die Fachärztin für Gynäkologie und Oberärztin im Caritas-Krankenhaus Annette Gudewill warnte in diesem Zusammenhang vor dubiosen Anbietern im Internet und grenzte Alternativmedizin und Komplementärmedizin klar voneinander ab.  „Alternativmedizin wendet sich gegen die wissenschaftlich fundierte Schulmedizin und will diese ersetzen, davor kann ich nur warnen“, so die Gynäkologin. „Komplementärmedizin ergänzt dagegen die Schulmedizin und unterstützt zusätzlich die Symptombehandlung.“  Ziel der komplementärmedizinischen Verfahren sei es, die Nebenwirkungen zu reduzieren und die schulmedizinischen Therapieerfolge langfristig zu sichern. Die Oberärztin im zertifizierten Brustzentrum im Caritas stellte verschiedene Verfahren vor, die dieses Ziel nachweislich  erfüllen. So senke Sport und Bewegung das Rezidiv-Risiko, d.h. dass der Tumor erneut auftritt. „Auch Nebenwirkungen wie die Fatigue, eine lähmende Müdigkeit, werden durch regelmäßiges Bewegungstraining vermindert“, so Gudewill. 

Selen, Misteln und Vitamine können Schulmedizin untersützen
Sie empfehle den Patientinnen außerdem  die Einnahme von Selen in der Form von Natriumselenit. „Selen unterstützt das Immunsystem, es wirkt vorbeugend gegen Lymphödeme, und Studien belegen außerdem eine Reduzierung der gefürchteten Übelkeit bei Chemotherapie“, so Gudewill. „Selen ist wie ein Schutzmantel auf dem Weg durch die Therapie“. Positive Wirkung auf die durch Antihormon-Präparate geschwächte Knochengesundheit habe außerdem die Einnahme von Vitamin D, auch in Kombination mit Vitamin K.  Die Frauenärztin ging außerdem auf die Wirkweise von Misteln und Vitalpilzen ein, die ebenfalls das körpereigene Immunsystem stimulieren. Pflanzliche Mittel können auch bei Scheidentrockenheit oder Libidoverlust helfen. „Diese Mittel können alle die Chemo- oder Hormontherapie nicht ersetzen, aber deren Wirkung unterstützen“, unterstrich die Gynäkologin, die im Caritas-Krankenhaus die Brustkrebspatientinnen bei komplementärmedizinischen Verfahren berät. Wichtig sei es jede Form der Therapie mit den behandelnden Ärzten abzusprechen, da auch bei pflanzlichen Mitteln gefährliche Wechselwirkungen und Überdosierungen auftreten können. 

Gedankenreise und Entspannungsverfahren können Angst nehmen
Ganz ohne  Medikamente nur mit der Kraft der Gedanken arbeitet Dr. Elisabeth Trost, Leiterin der Palliativmedizin im Caritas-Krankenhaus. Eine Diagnose wie Krebs löse einen „Katastrophenalarm“ im Gehirn aus, der von vegetativen Reaktionen wie Anspannung, Herzklopfen, Schweißausbruch etc. begleitet werde. „In diesen Situationen, die uns Angst machen, wie zum Beispiel bei einer bestimmte Untersuchung, hilft es, sich gedanklich herauszunehmen aus Zeit und Ort und sich an einen sicheren Ort zu versetzen, der uns Kraft verleiht.“ Ganz konkret bat sie die Besucher, sich auf dieses Gedankenexperiment einzulassen: „Was hören, riechen, schmecken, fühlen, sehen Sie an diesem Ort?“ Patienten, denen dieser Weg der Inneren Bilder gelinge, können Nebenwirkungen wie Schmerzen, Luftnot oder Übelkeit bei Chemotherapie deutlich reduzieren, berichtete die Neurologin und Palliativmedizinerin. Ähnlich arbeiten auch Entspannungsverfahren wie Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung, die die Physiotherapeutin Ute Michelbach mit einigen praktischen Übungen vorstellte. In Kürze bietet sie dazu im Caritas auch einen Workshop an. 

Die Macht der positiven und negativen Gedanken
Wie sehr die Kraft der persönlichen Einstellung den Erfolg einer Therapie und das Auftreten von Nebenwirkungen beeinflussen kann, machte auch Dr. Elisabeth Jentschke in ihrem Vortrag zu Placebo- und Nocebo-Effekten deutlich. Wissenschaftliche Studien und Befragungen belegen demnach, dass allein das Lesen des Beipackzettels oder die Aufklärung über mögliche Nebenwirkungen eines Medikaments dazu führen, dass die genannten Nebenwirkungen dann bei den Patienten vermehrt auftreten – selbst wenn das Medikament überhaupt keine Wirkstoffe enthält. Diese negative Wirkung eines Scheinmedikaments ist als sog. Nocebo-Effekt bekannt. Umkehrt kann allein die Zusicherung, dass ein Medikament zuverlässig wirkt, die positive Wirkung hervorrufen – auch dann wenn kein Wirkstoff enthalten ist (Placebo-Effekt). Bei Medikamenten gegen Schlafstörungen könne dieser Placebo-Effekt bis zu 65 % Prozent ausmachen. „Unsere Erwartungshaltung, die Macht unserer Gedanken ist von entscheidender Bedeutung“, so die Psychologin. „Wir müssen lernen zu reflektieren, ob ein Gedanke nützlich ist oder nicht, und uns klarmachen, wie ich durch meine Gedanken dazu beitragen kann, etwas positiv wahrzunehmen. Denn wir haben die Wahl, was unsere Gedanken mit uns machen.“ Wirkungsvolle Methoden hierfür seien etwa Entspannungstechniken, Atemtechniken oder auch Yoga. So konnte bei Studien an der Universität Würzburg durch eine achtwöchige Yoga-Therapie bei Krebspatienten die Angst signifikant reduziert werden. Dr. Jentschke appellierte zugleich an die behandelnden Ärzte den Patienten mit Empathie und Achtsamkeit zu begegnen. „Gerade in der Onkologie können Ärzte, die ihren Patienten mit Wärme, freundlich und beruhigend begegnen, das outcome verbessern. Denn Patienten brauchen das Gefühl, dass sie gut aufgehoben sind.“

Info: Für Krebspatienten werden im Caritas-Krankenhaus verschiedene komplementärmedizinische Verfahren angeboten, darunter Sport, Entspannungstechniken sowie die Beratung zu Nahrungsergänzungsmitteln. Einmal monatlich finden Patientenschulungen statt.

 
 
 
 
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