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Bei der Behandlung von Parkinson gibt es kein Patentrezept

Große Resonanz beim Patiententag zum Thema Parkinson am 13. Juli im Caritas-Krankenhaus: Mehr als 200 Besucher nutzten die Möglichkeit, sich u.a. über die Themen medikamentöse Therapie, Hilfe bei Blasenstörungen und Fahrtauglichkeit bei Parkinson zu informieren. An den Info-Ständen gaben Therapeuten, Selbsthilfegruppen und Pflegende außerdem viele praktische Tipps, um den Alltag mit Parkinson besser bewältigen zu können.

„Der Informationsbedarf der Betroffenen und Angehörigen bei dieser chronischen Nervenerkrankung ist hoch“, betonte Chefarzt Privatdozent Dr. Mathias Buttmann, der durch den Tag führte, in seiner Begrüßung. Daher habe man beim diesjährigen Parkinson-Tag auch ganz konkret die Fragen der Betroffenen aufgegriffen. So leiden etwa nicht wenige Parkinson-Patienten an Blasenstörungen und Urininkontinenz – sei es zu starker Harndrang oder auch Schwierigkeiten beim Entleeren der Blase.

Lebensqualität trotz Blasenstörungen erhalten
Dafür verantwortlich ist zum einen der Schließmuskel, zum andern die Blase selbst, machte Dr. David Brix,  Facharzt für Urologie in Bad Mergentheim, in seinem Vortrag deutlich. Probleme können an beiden Stellen unabhängig voneinander auftreten. „Das Gehirn steuert normalerweise die Anspannung und Entspannung von Blasenmuskel und Verschlussmuskel; bei Parkinson kann diese Steuerung gestört sein“, erläuterte der Urologe die Ursachen. Er zeigte in seinem Vortrag verschiedene Therapiemöglichkeiten auf: Sehr wichtig sei vor allem das Beckenbodentraining auch unterstützt mit Biofeedback. Daneben gebe es verschiedene Medikamente, um den Harndrang zu mindern. „Wenn diese Medikamente nicht (mehr) wirken, hilft oft die Injektion von Botulinumtoxin direkt in die Blase.“ Um das Entleeren der Blase zu erleichtern, gebe es die Möglichkeit einen Selbstkatheter zu verwenden. Als weitere Therapieoption nannte der Urologe die sog. „Neuromodulation“, eine Art Schrittmacher für die Blasenfunktion. „Ziel jeder Therapie ist es, die Kontinenz zu erhalten und damit die Lebensqualität für die Betroffenen zu erhöhen“, so Dr. Brix. Dafür sei eine enge Abstimmung zwischen dem Neurologen, dem Hausarzt, dem Physiotherapeuten und dem Urologen erforderlich.

Fahrtauglichkeit selbstkritisch einschätzen

Für viele Betroffene ist auch die Möglichkeit selbst Auto zu fahren ein wichtiger Aspekt der Lebensqualität. Dr. Herbert Hock, niedergelassener Facharzt für Neurologie, nannte in seinem Vortrag drei Kriterien, die bei der Frage nach der Fahrtauglichkeit von Parkinson-Patienten ausschlaggebend sind: „An erster Stelle steht die Frage, ob die Motorik, also die Beweglichkeit der Arme und Beine, durch starkes Zittern, Zappeln oder durch eine permanente schwere Starre beeinträchtigt werden“, so der Neurologe. Außerdem sei bei Parkinson-Patienten oft das Sehvermögen, insbesondere das Kontrastsehen in der Dämmerung oder bei Dunkelheit, eingeschränkt. Kognitive Störungen wie eine geminderte Aufmerksamkeit, gestörte Impulskontrolle und plötzliche Einschlafattacken, teils ausgelöst durch die Dopamin-Medikamente, seien weitere Risikofaktoren. „Ich bespreche das in der Praxis offen mit den Patienten. Wenn ein Betroffener dann gegen den ausdrücklichen Rat des Neurologen Auto fährt und es zu einem Unfall kommt, verliert er den Versicherungsschutz“, mahnte Dr. Hock und appellierte zugleich an eine kritische Selbsteinschätzung. „Hören Sie auf ihre Angehörigen oder auf den Fahrlehrer nach einer freiwilligen Fahrprobe und nehmen Sie deren Rat an. Manchmal ist auch eine beschränkte Fahrtauglichkeit für Landstraßen oder bei Tageslicht sinnvoll.“ Hier müsse man im Verlauf der Erkrankung immer wieder individuell entscheiden.

L-Dopa kann Symptome lindern
Sehr differenziert zeigte im Anschluss Barbara Schweigert, Oberärztin der Neurologie im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim, die verschiedenen medikamentösen Therapiemöglichkeiten bei Parkinson auf. „Dabei können wir die Erkrankung selbst nicht heilen, wir können durch die Medikamente allerdings die Symptome mindern“, betonte die Fachärztin für Neurologie. Hauptsymptome bei Parkinson seien zum einen die Starre (Akinese) der Mimik, eine geminderte Beweglichkeit und eine verwaschene Sprache mit leiser Stimme. „Zweites Leitsymptom ist der Tremor, also das Zittern, das meist vor allem in Ruhe auftritt und bei Aktivität wieder verschwindet.“ Dazu komme der sog. Rigor, ein erhöhter Muskelwiderstand, oft verbunden mit schmerzender Steifigkeit in Rücken und Schulterbereich. „Ursache für diese Symptome ist ein Untergang von bestimmten Nervenzellen im Gehirn, die den Botenstoff Dopamin herstellen.“ Hier setze die medikamentöse Therapie an. „Zum einen wird der Abbau von Dopamin gehemmt; außerdem führen wir neues Dopamin in Form von L-Dopa zu oder die Medikamente enthalten Stoffe, die Dopamin imitieren.“ Die Gabe von L-Dopa sei zwar nach wie vor der „Goldstandard“ in der Parkinson-Therapie. „Aber nach einigen Jahren können Wirkungsschwankungen auftreten, die eine neue Dosierung oder eine Umstellung der Medikamente erforderlich machen.“ Auch die Nebenwirkungen der Medikamente seien im Einzelfall sehr verschieden. „Bei Parkinson gibt es kein Patentrezept, das für jeden passt. Abhängig vom Alter, der Schwere und dem Verlauf der Erkrankung muss die Therapie immer wieder neu angepasst werden“, so die Neurologin.

Praktische Tipps für den Alltag
Ergänzend seien Physio-, Ergotherapie oder Logopädie wichtig, um die Symptome zu mindern.
Welche Trainingsmöglichkeiten es hierzu gibt, stellten mehrere Therapeutinnen aus dem Caritas-Krankenhaus mit praktischen Übungen vor. In der Pause informierten außerdem der Sozialdienst des Caritas-Krankenhauses sowie der Pflegestützpunkt des Main-Tauber-Kreises über finanzielle und pflegerische Hilfsangebote für Parkinson-Patienten und ihre Angehörigen. Ein Sanitätshaus präsentierte Hilfsmittel, die den Alltag mit Parkinson erleichtern können. Pflegende aus dem Caritas-Krankenhaus demonstrierten außerdem, wie man mit angepassten Bewegungen oder der Aromatherapie die Pflege erleichtern kann. Tamara Roth und Barbara Dezini-Kehl stellten örtliche Selbsthilfegruppen für Betroffene und ihre Angehörigen vor. Zum Abschluss nutzten nochmals viele Besucher die Möglichkeit, individuelle Fragen an die Neurologen zu stellen.

Info Selbsthilfegruppen:
Cafe „Zeit(T)raum“: Angehörige von an Parkinson Erkrankten treffen sich einmal im Monat mittwochs ab 18 Uhr in Tauberbischofsheim. Kontakt: Barbara Dezini-Kehl, Tel.: 01573/ 79 00 338 oder E-Mail: b.kehl@posteo.de

PARKINSON Lebensfreu(n)de, Selbsthilfegruppe für Betroffene und Angehörige; nächster Termin 10. August 2019, 15 Uhr, Lebenshilfe Main-Tauber-Kreis e.V. „Mittendrin“, Hauptstr. 43a; Tauberbischofsheim. Kontakt: Tamara Roth, Tel.: 09341-9478430 oder E-Mail: tamara@abend-roth.de

Weitere Parkinson-Selbsthilfegruppen gibt es in Künzelsau und Öhringen. Informationen über barbara.welle@bw.aok.de; Tel.  071 31 / 639-374, Mo-Fr 9-12 Uhr

 
 
 
 
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