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19.03.2021

Corona-Langzeitfolgen

Wenn die Symptome nicht mit dem Virus verschwinden

Menschen, die mit Corona infiziert waren, fühlen sich auch noch Monate später erschöpft oder haben Atemprobleme, und fühlen sich nicht so leistungsfähig. Wie sie behandelt werden, berichten Dr. Patricia Sandrieser, Leiterin der Logopädie, und Stefanie Ebner-Etzkorn, Therapeutische Leiterin der drei Standorte des Therapiezentrums am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur.

Dr. Patricia Sandrieser, Leiterin der Logopädie am Marienhof Koblenz
Dr. Patricia Sandrieser, Leiterin der Logopädie am Marienhof Koblenz

„In der Logopädie und Physiotherapie reden wir von Long-Covid oder Post-Covid-Syndrom, wenn es sich um Patienten handelt, die sich bereits in der Genesungsphase befinden müssten, sich jedoch nicht weiter erholen. Statt einer Verbesserung müssen sie sogar immer wieder Rückschläge verkraften“, erklärt Dr. Patricia Sandrieser, Leiterin der Logopädie am Marienhof Koblenz. Ein zweite Gruppe, die dem Syndrom zugeordnet werden könne, seien Patienten bei denen zwar keine Viruslast mehr festgestellt werden kann, die jedoch weiterhin unter den Folgen der Erkrankung leiden.

Kann alle Corona-Patienten treffen

Man dürfe nicht davon ausgehen, dass nur Menschen mit einem schweren Covid-Verlauf, ältere Menschen oder Patienten mit Vorerkrankungen unter Langzeitfolgen leiden. „Patienten, die beatmet wurden, behandeln wir im ambulanten Therapiezentrum eher nicht, weil sie in einer Reha-Klinik behandelt werden. Zu uns kommen vor allem Patienten, die eine leichte oder mittelschwere Corona-Infektion hatten. Darunter sind auch junge, gesunde und berufstätige Menschen“, weiß Stefanie Ebner-Etzkorn, Therapeutische Leiterin der drei Standorte des Therapiezentrums am Katholischen Klinikum Koblenz ∙ Montabaur. Sie hätten mittlerweile mehr junge Patienten als vor der Pandemie.

Stefanie Ebner-Etzkorn, Therapeutische Leiterin des Therapiezentrums am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur
Stefanie Ebner-Etzkorn, Therapeutische Leiterin des Therapiezentrums am Katholischen Klinikum Koblenz · Montabaur

Vor allem Luftnot, Atemprobleme, Stimmstörungen, Erschöpfung und Müdigkeit machen den ehemaligen Corona-Patienten zu schaffen. „Alltägliche Aufgaben wie Treppen steigen oder einkaufen, können zu einer Belastungsprobe werden. Die Lungenfunktion der Betroffenen ist stark eingeschränkt und sie leiden unter Kurzatmigkeit, da können solche Kleinigkeiten zu Erschöpfungszuständen führen“, berichtet Ebner-Etzkorn. Eine weitere Folge kann das Fatigue-Syndrom sein, bei dem die Betroffenen von anhaltender Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit berichten. Die Sportwissenschaftlerin nennt ein Beispiel: „Eine 58-jährige Patientin hatte einen leichten Verlauf der Corona-Infektion. Auch Wochen nach ihrem Negativtest ist sie aufgrund des Fatigue-Syndroms nicht arbeitsfähig.“

Wenn das Sprechen schwer fällt

Gerade auch Stimmstörungen seien für Berufstätige, die viel sprechen oder einen gewissen Lärmpegel übertönen müssen, problematisch. „Die Erkrankung gehe oftmals einher mit einer Veränderung der Atemfrequenz, wodurch es den Betroffenen schwer fällt, Atmung und Sprechstimme zu koordinieren. „Wenn wir sprechen, wissen wir normalerweise intuitiv wie lange unser Atem reicht bis wir Luft holen müssen und passen unsere Sprechpausen daran an. Wenn nun aber weniger Atem zur Verfügung steht oder wir Probleme beim Atmen haben, hat das natürlich Auswirkungen auf die Sprechstimme“, erklärt Dr. Sandrieser. Patienten berichten, dass sie schnell heiser werden, die Stimme nicht mehr belastbar ist und schnell ermüdet. Dr. Sandrieser: „Ein Teufelskreis – die Patienten brauchen mehr Kraft, um ihre Stimme für den Alltag zu nutzen, sind dadurch jedoch sehr schnell erschöpft. Da kommen sie alleine nicht mehr heraus.“

Die Physiotherapie stärkt durch Atemübungen und Muskeltraining die Lunge. (Archivbild)
Die Physiotherapie stärkt durch Atemübungen und Muskeltraining die Lunge. (Archivbild)

„Einen allgemein gültigen Richtwert, wie lange die Symptome andauern können, haben wir leider nicht. Wir behandeln im Therapiezentrum Patienten, die sich bereits im Frühjahr 2020 mit dem Virus infiziert haben, Patienten aus dem November 2020 und auch solche, die erst kürzlich infiziert waren“, ergänzt die Sportwissenschaftlerin Stefanie Ebner-Etzkorn. Die meisten Patienten erhalten eine Kombination aus Ergotherapie, Physiotherapie und Logopädie. Die Physiotherapie stärkt durch Atemübungen und Muskeltraining die Lunge, während die Logopädie mit Stimmtherapie unterstützt.

Individueller Behandlungsplan

„Die Auswirkungen einer Corona-Infektion sind sehr vielfältig, deswegen muss die Therapie auch auf jeden Patienten individuell angepasst werden“, betont die Logopädin. „Gerade hat beispielweise eine Kollegin mit einer Stimmtherapie bei einer jungen Pflegerin angefangen, deren Stimme so angegriffen ist, dass sie keinen normalen Familienalltag bewältigen kann. Eine belastende Situation, wenn man das Kind aus dem Nebenzimmer nicht mehr rufen kann oder wenn die Unterhaltung am Tisch zu viel wird für die Stimme.“ Sie komme regelmäßig zur Stimm- und Atemtherapie. Wenn es ihr besser gehe, würden die Therapeutinnen sie bei der stundenweisen Wiedereingliederung auf der Arbeit begleiten. Dr. Sandrieser bedauert: „Wie lange das dauern wird, können wir aber nicht sagen, wir haben einfach keine Vergleichswerte!“

Patienten, die unter Luftnot leiden, kann auch die Physiotherapie helfen. „Luftnot ist für die Patienten sehr schlimm, sie haben Angst um ihr Leben. Ich glaube, das kann jeder nachvollziehen, der sich schon einmal richtig verschluckt hat. Hier können wir in der Physiotherapie ganz praktisch helfen, indem wir den Menschen Übungen und Körperhaltungen mit an die Hand geben, mit denen sie sich selbst helfen können“, sagt Physiotherapeutin Ebner-Etzkorn. Dabei lernten Betroffene ihre jeweiligen neuen Belastungsgrenzen kennen und sie zu respektieren. Eine Überlastung sei kontraproduktiv und schade dem Genesungsprozess. „Unsere Patienten erzählen uns immer wieder, dass ihr Umfeld ihnen sage, sie sollten sich nicht so anstellen. Wenn sie sich ein wenig zusammenreißen würden, könnten sie ihre alte Joggingstrecke locker wieder schaffen. Hier ist es unsere Aufgabe als Therapeutinnen den Patienten zu vermitteln, dass ihre Erkrankung ernst genommen wird und wir mit ihnen gemeinsam den Weg beschreiten“, betont Ebner-Etzkorn. Dabei denkt sie auch an die 111.000 Mitarbeitenden im Gesundheitswesen, die sich infiziert haben. „Wir müssen ihnen als Dienstgemeinschaft das Signal geben, dass wir nicht nur warten, dass sie endlich wieder arbeiten können, sondern dass wir sie unterstützen bei ihrer Heilung!“

Psychische Belastung

Was die Patienten allerdings neben den körperlichen Auswirkungen auch belaste, seien die Reaktionen ihres Umfeldes. „Eine Kollegin aus der Pflege erzählte mir, dass ihr Vater noch nicht einmal an der Haustür mit ihr sprechen möchte, obwohl sie schon längst nicht mehr infektiös sei. Symptome zu haben, ohne krank zu sein, überfordert viele Angehörige und Freunde. Die Betroffenen fühlen sich durch die Reaktion ausgegrenzt“, berichtet Ebner-Etzkorn aus dem Therapiealltag. Dazu komme die quälende Frage wie es weitergehe und ob sie überhaupt jemals ihre Leistungsfähigkeit zurückerhalten. Prognosen dürften sie nicht erwarten, da es noch zu wenig Auswertungsmöglichkeiten gebe. „Das ist eine unsichere Situation, die stark belastet. Wir versuchen so gut es geht, das aufzufangen, oft wird eine psychologische Therapie hinzugezogen“, erläutert Dr. Sandrieser.

Mittlerweile gebe es auch Kliniken, die sich auf die Behandlung von Long-Covid-Patienten spezialisieren. „Wir stehen alle noch ganz am Anfang bei der Behandlung, aber wir sind uns sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind und die interdisziplinären Behandlungsangebote zum Wohle unserer Patient*innen noch weiter ausbauen können“, versichert Stefanie Ebner-Etzkorn.

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