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Chronische Schmerzen

Endlich ohne Schmerzen

Chronische Schmerzen können den Alltag zur Qual werden lassen. Eine neue Therapie mit hochfrequenter Rückenmarkstimulation kann helfen. Im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier wird seit rund zwei Jahren ein Schmerzschrittmacher eingesetzt – und das hat schon mehr als 100 Patienten eine erhebliche Linderung gebracht.

 
 

Es gibt Menschen, die haben ab und an mal Schmerzen. Und es gibt andere, die begleitet der Schmerz jeden Tag – 24 Stunden lang, und das nicht selten über Jahre hinweg. Oft sind es Rückenschmerzen, die diese Patienten quälen. Nach einem Bandscheibenvorfall oder einer Operation ist der Schmerz erstmals aufgetreten. Zunächst tat es nur gelegentlich weh. Doch dann wurden die Attacken immer häufiger, bis es schließlich gar keine schmerzfreien Momente mehr gab. Ein normales Leben ist unter diesen Bedingungen kaum noch möglich. Viele Menschen kapseln sich ab, rutschen gar in Depressionen.

Oft hilft nicht einmal Morphium

„Wenn die Patienten zu uns ins Brüderkrankenhaus Trier kommen, haben sie meist schon eine lange Odyssee hinter sich“, sagt Neurochirurg Dr. Gernot Surges. Sie waren beim Orthopäden und bei der Physiotherapie, haben es mit Akupunktur und manchmal auch mit Psychotherapie versucht. Zuletzt kam noch der Schmerztherapeut an die Reihe, doch auch der konnte langfristig nicht für Linderung sorgen. Oberarzt Surges kennt den Grund dafür: „Bei diesen Patienten machen sich die Nerven im Rückenmark quasi selbstständig. Sie sind so gereizt, dass sie beständig Schmerzsignale aussenden. Und dagegen hilft oft nicht einmal Morphium.“

Hochfrequenz am Rückenmark

Mit dem Schmerzschrittmacher können wir nicht allen Betroffenen helfen, aber viel mehr Patienten viel besser.

Doch nun gibt es Hoffnung für diese Patienten. Seit 2011 ist ein Schmerzschrittmacher auf dem Markt, der genau an der Stelle ansetzt, wo die Schmerzen entstehen: im Rückenmark. Zwei in den Wirbelkanal implantierte Elektroden geben dort hochfrequente elektrische Impulse ab. Die krankhaft veränderte Aktivität der Nervenzellen wird dadurch so manipuliert, dass die Schmerzweiterleitung weitgehend normalisiert wird. Die Menschen leben regelrecht auf. „Wir können damit nicht allen Betroffenen helfen“, betont Surges, „aber viel mehr Patienten viel besser.“ Zum Einsatz kommt der Schmerzschrittmacher zum Beispiel bei chronischen Rückenschmerzen, bei irreversiblen Nervenverletzungen im Zuge einer Leistenbruchoperation oder bei Patienten mit starken Durchblutungsstörungen.

Die HF10-Therapie

HF10-Therapie lautet der offizielle Name für die Implantation eines Schmerzschrittmachers. Dieses Kürzel steht bereits für die wichtigsten Informationen: Bei diesem Verfahren werden über zwei in den Wirbelkanal implantierte Elektroden hochfrequente elektrische Impulse von etwa 10.000 Hertz an das Rückenmark abgegeben, um so krankhafte Nervenaktivitäten zu verändern. Die Lebensdauer des Impulsgebers beträgt aktuell rund zehn Jahre. Da der Stromverbrauch sehr hoch ist, müssen die Akkus täglich geladen werden. Dies erfolgt durch ein Ladegerät via Induktion. Ein Ladevorgang dauert normalerweise zwischen 20 und 50 Minuten.

Studien zeigen eine hohe Wirksamkeit der Therapie. Das bestätigen auch die Erfahrungen aus dem Brüderkrankenhaus Trier. Rund 120 Patienten wurden dort schon mit der HF10-Therapie behandelt. Bei 87 Prozent dieser Patienten konnte eine mindestens 50-prozentige Schmerzreduktion erreicht werden. Die mittlere Schmerzlinderung liegt bei fast 80 Prozent. Bei Patienten, die an sonst nicht therapierbaren chronischen Schmerzen leiden, wird die HF10-Therapie von der Krankenkasse übernommen. Die Therapie verursacht praktisch keine Nebenwirkungen, sodass die behandelten Patienten auch weiterhin Auto fahren oder sonstige Maschinen führen dürfen.

Der Erste, dem in Trier ein Schmerzschrittmacher implantiert wurde, war Harald Schmitt. Mehrere Bandscheibenvorfälle hat der 60-Jährige schon hinter sich und die beschriebene Odyssee von Arzt zu Arzt. Immer schlimmer wurden seine Schmerzen, schränkten ihn immer mehr ein. An arbeiten war schon lange nicht mehr zu denken, zuletzt konnte er kaum noch gehen – und das trotz hoher Dosen Morphium. 2015 kam er ins Brüderkrankenhaus,weil seine Frau einen Zeitschriftenartikel über Schmerzpumpen gelesen hatte. Vom Einsatz einer solchen Schmerzpumpe riet Dr. Surges ab. Aber er erzählte Schmitt vom neuen Schmerzschrittmacher. Der Patient horchte auf. Dass er quasi Versuchskaninchen sein würde, störte ihn nicht.„Schlimmer als es schon war, konnte es nicht mehr werden. Entweder diese Therapie brachte etwas, oder ich würde im Rollstuhl enden. Da wollte ich es doch wenigstens versuchen“, erinnert er sich.

„Ungeheurer Fortschritt“

Heute, sagt Schmitt, ist er ein anderer Mensch. Zum Gehen verwendet er zwar noch einen Stock. „Aber dass ich mich überhaupt wieder frei bewegen kann, ist ein ungeheurer Fortschritt.“ Die Hälfte der Zeit sei er komplett schmerzfrei, und wenn Schmerzen auftreten, seien diese meist erträglich. „Nur ab und an gibt es mal einen Ausreißer.“ In solchen Fällen kann Schmitt seinen Schmerzschrittmacher anders einstellen.

Über eine Fernbedienung kann er die Stärke der Stromimpulse erhöhen oder das Programm wechseln und so den Stimulationszyklus beschleunigen. „Komplett schmerzfrei werde ich nie sein“, weiß der Trierer. „Dafür sind meine Bandscheiben zu kaputt. Aber ich kann wieder am Leben teilnehmen, und das ist das Allerwichtigste.“

Ganz neu ist das Verfahren der Rückenmarkstimulation freilich nicht. Schon seit den 1980er-Jahren werden Patienten mit chronischen Schmerzen auf diese Art behandelt. Damals allerdings handelte es sich um eine Niedrigfrequenzstimulation. Dabei wird der Schmerz nicht unterdrückt, sondern durch ein leichtes Kribbeln überlagert. Auch brachte das Verfahren nur bei Beinschmerzen wirklich gute Ergebnisse. Bei reinen Rückenschmerzen half es nicht.

Elektroden im Wirbelkanal

Und noch ein gewichtiger Nachteil kam hinzu. „Es galt bei der Operation genau die Stelle zu lokalisieren, an der der Patient die Schmerzen empfindet, um sie durch das Kribbeln zu überlagern“, berichtet Professor Dr. Martin Bettag, der die Abteilung für Neurochirurgie am Brüderkrankenhaus leitet. Um das zu gewährleisten, musste der Patient wach sein und durch seine Angaben helfen, den richtigen Punkt zu treffen. „Das hat meist lange gedauert, sodass die Operation für den Patienten und den Arzt – gelinde gesagt – oft ziemlich anstrengend war.“

Bei der HF-10 Therapie werden die Elektroden immer in der gleichen anatomischen Position platziert, sodass die Operation in Vollnarkose erfolgen kann und eine Mitarbeit des Patienten nicht erforderlich ist. Der Patient liegt auf dem Bauch. In einem ersten Schritt werden die Elektroden eingesetzt – und zwar an einer vorher definierten Stelle. „Eigentlich gibt es nur zwei Punkte, je nachdem, wo der Patient die meisten Schmerzen hat“, erläutert Oberarzt Surges. Sind es reine Rückenschmerzen, gegebenenfalls mit Ausstrahlung in die Beine, werden die Elektroden im Bereich der Brustwirbelsäule angebracht. Hat der Patient Schmerzen im Nacken mit Ausstrahlung in die Arme, wird ein Punkt an der Halswirbelsäule gewählt. Die Elektroden werden dann mittels Verlängerungskabel an ein externes Gerät angeschlossen, das die Impulse steuert. Ein bis zwei Wochen lang kann der Patient nun die Wirkung der Impulse testen. Ist er zufrieden mit der Schmerzreduktion, wird in einer zweiten OP der eigentliche Impulsgeber implantiert. Am Gesäß, knapp unterhalb der Gürtellinie stört das Gerät erfahrungsgemäß am wenigsten.

Optimaler Punkt für die Stimulation

Auch die Feinjustierung des Schmerzschrittmachers erfolgt in der Testphase. Dafür ist bei den Trierer Patienten Tobias Damm zuständig, Mitarbeiter der Firma Nevro, die als einzige weltweit das Patent auf die Hochfrequenzstimulatoren besitzt. Damm ist bei jeder OP dabei, überprüft noch im Operationssaal das korrekte Funktionieren der Technik. Danach sucht er gemeinsam mit dem Patienten den optimalen Punkt für die Stimulation. Das kann bei diesen Schmerzschrittmachern elektronisch erfolgen. Jede Elektrode nämlich verfügt über acht Pole – zwei davon bilden einen Bipol (positiv/negativ geladen) und stimulieren so das Rückenmark.

Miteinander von Arzt, Patient und Techniker bei dieser Therapie sehr wichtig

Auch bei den Nachsorgeterminen ist Tobias Damm dabei. Über Wireless LAN, das drahtlose Netzwerk, wählt er sich in den Schmerzschrittmacher ein. Er überprüft die Technik und kontrolliert auch, wie stark der Patient in die Abläufe eingegriffen hat. In Absprache mit dem Arzt ändert er gegebenenfalls technische Parameter, stellt Stärken ein und dokumentiert den Verlauf. Aber auch zwischen diesen Terminen steht er den Patienten bei technischen Fragen zur Verfügung. „Das Miteinander von Arzt, Patient und Techniker ist bei dieser Therapie sehr wichtig“, betont Dr. Surges. Und es klappt hervorragend: „Da Tobias Damm quasi unser Mann ist, der alle unsere Patienten betreut, sind die Wege erfreulich kurz.“ Zudem erhebt Nevro weltweit anonymisierte Patientendaten, was den Behandlern und Technikern durch verbesserte Algorithmen hilft, die Therapie immer weiter zu verbessern. „Das führt dazu, dass wir alle zusammen sehr schnell lernen“, erklärt der Oberarzt.

Noch kommt der neue Schmerzschrittmacher nicht flächendeckend zum Einsatz. Im Raum Trier etwa bietet nur das Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier dieses Verfahren an. Chefarzt Martin Bettag meint, dass die neue Therapie noch zu wenig bekannt sei. Auch stelle für manche Kollegen Rückenmarkstimulation per se ein rotes Tuch dar, weil sie mit der früheren Methode schlechte Erfahrungen gemacht hatten. Für den Neurochirurgen ist dennoch klar: „Die Hochfrequenzstimulation wird sich durchsetzen und langfristig ältere Verfahren ablösen. Da bin ich mir ganz sicher.“

Text: Andreas Laska | Fotos: Harald Oppitz | Video: Joachim Küffner

 
 
 
 
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