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"Wie ein zweites Leben"
Einen Schlaganfall erkennen
Wie kann ich einem Schlaganfall vorbeugen?

Mit 21 Jahren traf Britta Lukas der Schlag

„Ich weiß, wie sich Todesangst anfühlt“, sagt Britta Lukas und kämpft mit den Tränen. Sie hat ihre Geschichte so oft erzählt, dass sie manchmal kaum mehr glauben kann, dass es ihre eigene ist. Gut fünf Jahre ist es her, dass die heute 27-Jährige mit dem Gefühl aufwachte, als „sei meine rechte Seite nicht mehr vorhanden“. Die damalige Sportstudentin erlitt einen Schlaganfall – und kämpft sich bis heute erfolgreich wieder zurück in den Alltag. Die Geschichte von einem ungebrochenen Drang nach Leben.

Britta Lukas ist an diesem Tag im Februar 2007 nervös. Am nächsten Morgen muss sie eine Sportprüfung bestehen. Sie beschließt, bei ihrem Bruder zu übernachten – um „noch ein wenig mit ihm zu quatschen“. Am frühen Morgen wacht sie auf, hat im rechten Arm und Bein kein Gefühl mehr. Sie robbt sich aus dem Bett, krabbelt auf dem Boden weiter; ihre Stimme ist wie ausgelöscht, sie kann nicht um Hilfe rufen. Panik steigt in ihr auf, ihre Muskeln fühlen sich „wie losgelöst“ an, sie verliert die Kontrolle über ihren Körper. Die Freundin ihres Bruders wacht zufällig auf, findet die 21-Jährige und ruft sofort den Notarzt. Britta Lukas wird ins Katholische Klinikum in Koblenz in die „Stroke Unit“ eingeliefert, eine Abteilung, die auf die Behandlung von Schlaganfallpatienten spezialisiert ist.

Jede Minute zählt

Britta Lukas sieht die Kanülen, den Infusomat, die Absaugutensilien. Während die Ärzte nach der richtigen Behandlung suchen – es eilt, denn nach ihrem Schlaganfall sind bereits 3,5 Stunden vergangen – erleidet die junge Frau noch einen epileptischen Anfall, der durch das bereits geschädigte Gewebe in ihrem Kopf ausgelöst wird. Sie versteht nicht, was los ist. „Ich kannte keinen Krankenhausaufenthalt“, berichtet sie heute. Sie beruhigt sich, indem sie sich selbst versichert, morgen könne sie bestimmt wieder sprechen. Dass plötzlich ihre Familie, ihr Freund und sogar ihre Oma am Krankenbett auftauchen, kann sie nicht verstehen.

„Da waren wir mit einigen Leuten beschäftigt“, erinnert sich Oberarzt Dr. Ralph Werner, der die junge Frau damals behandelte. Die Ursache eines Schlaganfalls ist meistens ein Gerinnsel, das ein Gefäß verstopft und die Versorgung von Teilen des Gehirns mit Sauerstoff unterbindet – ein sogenannter Gefäßverschluss. Weil nur wenige Minuten ohne Sauerstoff irreparable Schäden im Gehirn auslösen können, zählt für die Ärzte jede Minute. In den meisten Fällen wird ein Medikament zur Wiederöffnung gegeben. In der Koblenzer „Stroke Unit“ sind Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Therapeuten rund um die Uhr zur akuten Versorgung von Patienten im Einsatz.

Die zehn Behandlungsbetten sind monitorüberwacht; 24 Stunden am Tag ist ein Arzt anwesend. Schon bald erscheint eine Logopädin am Bett von Britta Lukas und beginnt mit Sprachübungen. Noch immer ist ihr nicht klar, was ihr eigentlich fehlt. Aber sie stürzt sich auf die Übungen, es ist für sie das Schlimmste, nicht reden zu können. Bereits nach wenigen Tagen beginnt sie, das Alphabet zu singen, ihr fallen Zahlenreihen wieder ein. Das Training bringt sie an ihre Grenzen: Sie kann jetzt „ABC” sagen, aber nur „B“ kommt ihr nicht über die Lippen. Nach anderthalb Wochen kann sie das erste Mal wieder einen Namen aussprechen. Es gelingt ihr nach und nach, „Buchstaben zusammenzufügen“. Sie muss vor allem eines lernen: geduldig sein.

Auch die Reha geht sie mit sportlichem Ehrgeiz an, will „mit aller Gewalt Gefühl in den Arm reinkriegen“. Sie übt und übt – doch der Erfolg stellt sich nur langsam ein. Sie muss lernen, mit der linken Hand zu schreiben. Die Spuren, die der Schlaganfall hinterlassen hat, sind heute dennoch nur auf den zweiten Blick erkennbar. Während die junge Frau mit den langen blonden Haaren spricht, blicken ihre Pupillen manchmal suchend nach links und rechts, um „die Wörter im Kopf zu finden“. Wenn sie dagegen mit ihrem Mops auf der Wiese tobt, ist der sportlichen Frau nicht anzusehen, dass sie einige Tage nach dem Schlaganfall das Bein nachzog.

Große Narbe im Kopf

Auf dem Bild des Kernspintomographen sind weiße Flecken erkennbar, die die mangelnde Sauerstoffversorgung im Gewebe des Gehirns hinterlassen hat. „Ich habe eine große Narbe im Kopf“, erklärt Britta Lukas und klemmt mit dem rechten Unterarm eine Wasserflasche an den Körper, die sie mit der linken Hand öffnet. Das Gefühl in ihrem rechten Arm beschreibt sie „wie mit einem Handschuh“. Die Ikea-Kiste, in der sie die Utensilien verstaut hat, die ihr wieder zurück in den Alltag geholfen haben, muss sie erst mal schnell suchen. Ein kleiner Turnschuh, mit dem sie ein zweites Mal gelernt hat, die Schuhe zu binden, ein kleiner grüner Igelball, um die Muskeln der Hand zu trainieren. Manchmal berührt ihr Freund Robert einen Finger der rechten Hand, sie muss dann raten, um welchen es sich handelt.

Ab und zu gelingt ihr das – manchmal auch nicht. Die Oberfläche ist wie taub, sie spürt Wärme, Kälte und Schmerzen. „Meine Nerven sind nicht mehr wie früher mit dem Kopf verknüpft“, erklärt sie. „Von der Diagnose Schlaganfall sind in erster Linie ältere Menschen betroffen. Doch es gibt auch immer wieder Patienten unter 30“, sagt Professor Dr. Johannes C. Wöhrle, Chefarzt der Klinik für Neurologie/Stroke Unit. Die Ursachen seien bei jungen Menschen andere, beispielsweise eine Störung am Gerinnungssystem, eine Neigung zu Thrombosen, möglicherweise begünstigt durch die „Pille“, aber auch Herzfehler, der Einfluss von Drogen oder ein spontaner Einriss einer Hirnarterie. In jedem Fall, so Professor Wöhrle, sei es unerlässlich, dass die betroffene Person unmittelbar in ein Krankenhaus mit einer „Stroke Unit“ gebracht werde. 

Gemeinsam mit ihrem Freund Robert wohnt Britta Lukas heute in der Nähe von Koblenz, idyllisch am Rand eines Dorfes. Vom Wohnzimmer der Maisonettewohnung blickt man auf Kirschbäume, Kornfelder und Wälder. Eine Ruhe, die sie in sich noch nicht finden kann. Der Ehrgeiz der Leistungsturnerin, die sie früher war, ist ungebrochen. Selten ist sie mit sich selbst zufrieden. Ihre Therapeuten rieten ihr davon ab, nach kurzer Zeit eine Ausbildung als Bankkauffrau anzufangen. Doch Britta Lukas ließ sich nicht abhalten. „Ich brauche wieder neue Aufgaben.“

mmer wieder stellt sie sich die Frage, wie ihr Leben wohl ohne den Schlaganfall verlaufen wäre. Wie hätte sie sich entwickelt? Würde sie heute in ihrem Traumjob als Lehrerin arbeiten? Doch dann sieht sie auch die positiven Aspekte, merkt, wie sehr sie sich verändert hat. Sie hat gelernt, ihre Probleme anzusprechen, ist „weniger oberflächlich“ als früher, Äußerlichkeiten sind ihr nicht mehr so wichtig. Früher, erzählt sie, haben sie oft eine Rolle gespielt. Deshalb wolle sie ihren Geist eigentlich gar nicht mehr eintauschen – ihren Körper dagegenschon.

Besonders dann, wenn sie sich in großen Menschenmassen bewegen muss oder Blicke beim Italiener auf sich zieht, weil sie die Pizza eben anders schneidet – oder ein Glas nicht richtig halten kann. Sie mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen, und gerät immer wieder an ihre Grenzen: „Die Gesellschaft macht vieles kaputt“, sagt sie – und es schwingt ein wenig Verbitterung mit. Wenn man nicht perfekt sei, werde man nicht anerkannt. Und dennoch kann Britta Lukas der Situation auch sehr viel Positives abgewinnen. „Ich habe ein neues Leben geschenkt bekommen“, sagt sie. „Ich habe mich selbst gefunden.“

Text: Julia Grimminger | Fotos: Harald Oppitz

 

Time is brain

Weltweit erleiden jährlich rund 15 Millionen Menschen einen Schlaganfall, in Deutschland sind es allein 250.000. Nach Angaben der World Stroke Organisation ist der Gehirnschlag für mehr Todesfälle verantwortlich als Aids, Tuberkulose und Malaria zusammen.

Mögliche Spätfolgen können Gleichgewichtsstörungen, Lähmungen oder Sprachstörungen sein, die bis zur Berufsunfähigkeit führen können, sagt Professor Matthias Maschke, Chefarzt der Abteilung für Neurologie und Neurophysiologie am Krankenhaus der Barmherzigen Brüder Trier. Der Arzt ist zugleich Sprecher des Schlaganfallverbundes Trier-Saarburg, der sich seit 2007 für eine schnelle optimale medizinische Versorgung nach dem Schlaganfall einsetzt, denn: „time is brain“ – „Zeit ist Gehirn“.

Um die besten Therapieerfolge zu erzielen, müsse der Patient möglichst innerhalb von drei Stunden in eine auf Schlaganfallbehandlung spezialisierte Abteilung (Stroke Unit) gebracht werden, erklärt Maschke. Deshalb sei auch die richtige Deutung der Anzeichen (s. rechts) so wichtig, damit nicht wertvolle Zeit verloren gehe. „Die meisten Menschen wissen zwar, worum es bei der Krankheit geht. Bei der Deutung der Symptome besteht aber immer noch Unsicherheit“, sagt der Mediziner. Daher setzt sich der Schlaganfallverbund mit regelmäßigen Aktionen, Kampagnen und Vorträgen für eine Aufklärung rund um das Thema ein.

Woran erkennt man einen Schlaganfall?

Der Schaganfall hat oft einen Vorboten, die sogenannte transitorische ischämische Attacke (TIA). Woran Sie TIA und Schlaganfall erkennen:

Lähmung und Taubheitsgefühl können ein Hinweis für einen Schlaganfall sein

Lähmung, Taubheitsgefühl

  • gestörtes Berührungs-empfinden
  • Lähmungserscheinung auf einer Körperseite
 
Sprachstörungen können ein Hinweis für Schlaganfall sein

Sprachstörungen

  • stockende Sprache
  • Verdrehen von Silben oder Buchstaben
  • Sprechunfähigkeit
 
Sehstörungen können ein Hinweis für Schlaganfall sein

Sehstörungen

  • Einschränkung des Gesichtsfeldes
  • Störungen des räumlichen Sehens
  • plötzliche Doppelbilder
  • plötzliche einseitige Blindheit
 
Starker Kopfschmerz ohne Ursache ist ein Hinweis für einen Schlaganfall

Starker Kopfschmerz

  • ohne erkennbare Ursache
  • kann mit Übelkeit und Erbrechen verbunden sein
 
Schwindel ist ein Hinweis für einen Schlaganfall

Schwindel


    • Gangunsicherheit
    • fehlender Gleichgewichtssinn
    • Koordinationsschwierigkeiten
 
 

Aktiv gegen den Schlaganfall

Fisch auf den Tisch

Fisch auf den Tisch

Weniger ist mehr, das gilt besonders für Kochsalz und tierische Fette. Mit einer Ausnahme: Fisch. Er enthält sogenannte Omega-3-Fettsäuren. Diese sind gesünder als die gesättigten Fettsäuren, wie sie in Fleisch- oder Milchprodukten enthalten sind. Wer ein- bis zweimal pro Woche Fisch isst, versorgt seinen Organismus optimal mit wertvollen Fettsäuren, Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen

 
Blutdruck im Blick behalten

Blutdruck im Blick

Bluthochdruck ist eine Volkskrankheit. Im Alter zwischen 18 und 79 Jahren haben 44 Prozent der Frauen und 51 Prozent der Männer zu hohe Blutdruckwerte – ein Risikofaktor für Augen und Gefäßerkrankungen, Nieren- und Herzschwäche. Wer seinen Blutdruck regelmäßig kontrolliert und darauf achtet, dass er im normalen Bereich liegt, kann das Schlaganfallrisikoum 40 Prozent verringern.

 
Von Apfel bis Zucchini

Von Apfel bis Zucchini

Regelmäßiger Konsum von Obst und Gemüse vermindert das Schlaganfallrisko bei Männern um 35 Prozent, bei Frauen um 25 Prozent. Fünf Portionen am Tag – am besten jeweils eine Handvoll – sind ein einfacher Richtwert.

 
Ran an den Speck

Ran an den Speck

Übergewicht ist ein Risikofaktor für viele Erkrankungen. Besonders, wenn etwa noch Bluthochdruck, Diabetes oder das Rauchen hinzukommen, kann es zu schwerwiegenden Folgen kommen. Mit moderatem Ausdauersport, fettarmer Ernährung und maßvollen Portionen sind die Aussichten auf ein „leichteres Leben“ am größten.

 
 
 
 
 
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