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Jeder Tag zählt

Leben mit einer unheilbaren Erkrankung

Ein Lächeln huscht über Carla Rinners Gesicht. Wie sie ihre Lebensqualität einschätze, hat ihre Therapeutin sie gerade gefragt. Auf einer Skala von 1 bis 10: 1 ist sehr gut, 10 sehr schlecht. Die Brustkrebspatientin überlegt nicht lange: „Irgendwas zwischen 1 und 2“, sagt sie mit ihrer sanften, etwas brüchigen Stimme. Psychoonkologin Michaela Köll lächelt, streicht kurz über das Knie ihrer Patientin. „Ihren Lebenswillen habe ich von Anfang an gespürt“, sagt sie.

Heilung gibt es trotzdem nicht mehr. Für Carla Rinner nicht – und auch nicht für die anderen Patienten auf Palliativstationen. Auf einer solchen Station haben sich die beiden Frauen kennen gelernt: im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim. „Medizinisch gesehen, hat mir ein Arzt einmal gesagt, gibt es keinen Grund dafür, dass ich noch lebe“, erzählt Carla Rinner.

"Jeder kranke Mensch braucht ein starkes Team"

Ruhig und ohne Verbitterung spricht sie von ihrer Krankheit, als sie mit Michaela Köll durch den Innenhof der Krankenhausanlage spaziert. Als die 49-Jährige hier vor knapp einem Jahr noch stationär behandelt wurde, haben beide täglich miteinander geredet, mittlerweile hören sie alle ein bis zwei Wochen voneinander. „Frau Köll ruft mich immer mal wieder an, um zu fragen, wie es mir geht oder was ich am Wochenende mache“, erzählt Rinner. Natürlich kenne sie den Unterschied zwischen Freundin und Therapeutin. „Aber trotzdem ist sie auf gewisse Art meine Freundin geworden“, fügt sie hinzu.Jeder kranke Mensch brauche „ein starkes Team“, findet Carla Rinner. Damit meint sie ihre Familie und enge Freunde, aber genauso die Mitarbeiter der Palliativstation. 

Was ist Psychoonkologie?

 

„Meine Frauenärztin ist nett, hat aber nicht so viel Zeit für Gespräche wie Frau Köll“, erklärt sie. Auch die Pflegerinnen auf der Station haben sich intensiv um sie gekümmert. Waren jeden Tag für sie da, haben alle Höhen und Tiefen miterlebt. Die Hilfe reicht bis zu ganz Praktischem: So hat die Sozialarbeiterin gemeinsam mit ihr eine Patientenverfügung und die Vorsorgevollmacht erstellt. 

Sozialarbeiter sind Brückenbauer

 

Warum ich auf der Palliativ-Station arbeite

Erstdiagnose Krebs mit 36 Jahren

Die Erstdiagnose hat Carla Rinner wie ein Schlag getroffen. Es war im Herbst 2001, als sie erfuhr, dass sie an Brustkrebs erkrankt ist. Zuvor hatte die Mutter zweier Kinder den ersten Knoten in ihrer Brust selbst ertastet. Seither besteht ihr Alltag aus tiefen schwarzen Löchern und seltenen zarten Silberstreifen am Horizont; das Leben der Familie gleicht seit 13 Jahren einer Achterbahnfahrt.

Jetzt bin ich dran, jetzt geht’s mit mir zu Ende.

Einen „fürchterlichen Tod“ durch Krebs hatte sie erst kurz vor ihrer eigenen Erkrankung bei ihrem Vater miterlebt. Ihre Augen werden trüb, wenn sie daran denkt: „Er ist schlimm gestorben“, sagt sie leise. Bei ihrer eigenen Diagnose war sie 36 Jahre alt – und hatte nur noch einen Gedanken: „Jetzt bin ich dran, jetzt geht’s mit mir zu Ende.“ Eine widersprach: ihre Mutter, selbst Brustkrebspatientin. Sie machte ihrer Tochter Mut: „Schau mich an, ich lebe! Und du wirst auch leben.“

 

Mehrere Jahre nach der Erstdiagnose, nach langer Behandlung mit Hormonen und Medikamenten, schien die Krankheit besiegt. Carla Rinner setzte die Mittel ab: „Ich dachte, endlich bin ich geheilt“, sagt sie und nickt mit dem Kopf, als würde sie daran immer noch gerne glauben. Doch ein Jahr später, in der Weihnachtszeit 2011, merkt sie, dass etwas nicht stimmt. Die linke Seite ihres Halses schwillt „wie ein Kissen“ an. Selbst die Ärztin bekommt einen Schreck, als sie feststellt: „Da sind wieder Knoten.“

 
 

Der Tumor breitet sich aus

Es folgt eine Zeit des Leids. Die Medikamente schlagen kaum noch an, eine Chemotherapie in Tablettenform verträgt die Patientin nicht, der Tumor breitet sich aus. „Ich hatte das Gefühl, selbst meine damaligen Ärzte wussten nicht mehr, was sie tun sollen.“ Carla Rinner bekommt schlecht Luft, leidet unter einem grauenhaften Husten und einer Art rotem Ausschlag am Hals – sie denkt zunächst an eine Allergie. „Doch am Ende war die Stelle ganz schwarz.“ Hautmetastasen haben sich gebildet. Die Frau lässt sich davon nicht unterkriegen: „Ich habe immer gesagt, ich werde ein Baum – die Baumrinde habe ich schon.“

Doch ein Besuch beim Onkologen verläuft niederschmetternd: Die Metastasen schnüren ihre Lunge ein, daher der Husten, die ständige Atemnot. Bei dem Gedanken daran verzieht Carla Rinner noch immer das Gesicht: „Wenn man sieht, was man hat und wie das wächst, und man weiß, dass man das auch auf der Lunge hat – das ist Horror pur.“

Eines Morgens schafft die Kranke es kaum mehr die schmale Holztreppe von ihrem Schlafzimmer herunter. Im Lauf der Jahre hat sie einiges über ihre Krankheit gelernt, doch nun helfen ihr ihre Kenntnisse nicht mehr weiter. Die Familie bringt sie ins Caritas-Krankenhaus in Bad Mergentheim. Lange Untersuchungen, Wasser, das aus dem Herzen punktiert werden muss, Chemo, Morphium. „Das war die schlimmste Nacht meines Lebens“, erinnert sich Carla Rinner. 

Auch Ehemann Markus verlassen jetzt die Kräfte. Der Haupternährer der Familie hat immer weitergemacht während der Krankheit seiner Frau. „Doch in dieser Nacht haben wir beide geheult“, erinnert er sich. Kollegen raten ihm, sich in die Arbeit zu stürzen. Er schüttelt den Kopf: „Die Angst ist immer da. Immer, immer.“ Er drückt die Hand seiner Carla. Nach 28 Jahren Ehe gehen die beiden vertraut und liebevoll miteinander um, Verwandte nennen sie ein eingespieltes Team. Sie glaubt, dass es gut für ihren Mann ist, dass sie zwei Kinder haben: „Für die muss er weiterhin da sein“, sagt sie. Ihre Stimme bricht, aber sie lächelt weiter.

Sorgen verstärken Schmerzen

 

Anderen Hoffnung machen

Wenn sie lächelt, und das tut sie oft, liegt etwas Gütiges, Helles in ihrem Gesicht. Dabei ist sie ein bisschen schüchtern, kein Mensch, der anderen sein Leid aufdrängen möchte. Im Gegenteil. Sie erzählt ihre Krankengeschichte nicht jedem; manche Bekannten erfahren nie davon. Wenn sie sie dennoch erzählt, dann möchte sie anderen Hoffnung machen, sagt sie, Hoffnung darauf, dass jeder Tag zählt.

Manche Ärzte können sich nicht erklären, warum ich noch hier bin. Der Herr will offenbar, dass ich lebe.

Von dieser Hoffnung spricht sie oft, und vom Glück. Mit Glück meint sie viele kleine Dinge und Begegnungen: zum Beispiel die Taxifahrerin, die auf einer Fahrt ins Krankenhaus extra für sie ein Stück durch den Wald gefahren ist. „Ich liebe den Wald“, schwärmt Rinner. Neben solchen Erlebnissen gibt ihr der Glaube viel Kraft. „Manche Ärzte können sich nicht erklären, warum ich noch hier bin“, sagt sie und zieht die Schultern hoch. Leise, mit einem vorsichtigen Lächeln, ergänzt sie: „Der Herr will offenbar, dass ich lebe.“

 
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    Im September 2013 jedoch denkt Carla Rinner ans Sterben. Von den Onkologen am Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim auf die Palliativ-Station der Klinik überwiesen, trifft sie Dr. Elisabeth Trost. Die Ärztliche Leiterin der Palliativeinheit nimmt sich Zeit, merkt, wie deprimiert die Patientin ist.   

 
 
 
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