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Ein Blick in die Zukunft
Interview: So könnte Technik das Leben im Alter erleichtern

Wie wollen wir im Alter einmal leben?

Am liebsten zuhause! Die meisten Menschen stellen sich ein Leben in den eigenen vier Wänden vor, wenn sie an das Alter denken. Dank des technischen Fortschritts scheint das auch immer besser möglich zu sein. Aber was ist mit Fürsorge und menschlicher Zuwendung? Technik kann nicht alles ersetzen. Eine Reise in die gar nicht so ferne Zukunft.

 
 

Quelle Bilder: https://www.asina-tablet.de. 

 
 

„Guten Morgen, Herr Schmidt.“ Eine sanfte Frauenstimme entreißt wie jeden Morgen Martin Schmidt dem Reich der Träume. Sie kommt aus dem Tablet-PC rechts hinten am Nachttisch. Ein wenig verschlafen reibt sich der 86-Jährige die Augen. „Ich hoffe, Sie haben gut geschlafen“, sagt die Stimme jetzt, um sogleich nachzuschieben: „Ihre Herzfrequenz war bisweilen etwas hoch heute Nacht. Wollen Sie einen Termin beim Arzt vereinbaren?“ Vielleicht habe ich ja vergessen, meine Herztabletten einzunehmen, denkt Schmidt einen Moment lang. Doch dann fällt ihm ein, dass er die ja gar nicht mehr vergessen kann, seit sein Sohn ihm den neuen, vollautomatischen Medikamentenschrank geschenkt hat. Mit einem Leuchtsignal weist der darauf hin, wann es Zeit ist die Pillen zu nehmen. Und wenn sich die Schachtel dem Ende zuneigt, dann bestellt er sofort Nachschub in der Online-Apotheke. „Ja, vielleicht ist das besser“, sagt der Rentner, worauf der Computer – der Spracherkennung sei Dank – gleich die Nummer des Arztes wählt. Kurz danach ist der Termin vereinbart.

Automatisiertes Zuhause

Überhaupt – vergessen kann Martin Schmidt nicht mehr viel, seit er sein Haus nach den Gesetzen des Intelligenten Wohnens umgebaut hat. Schaltet er am Abend das Licht ein, schließen sich automatisch die Jalousien. Die Waschmaschine bestimmt selbst, wie viel Waschmittel sie braucht, und der Herd schlägt Alarm, wenn das Mittagessen anzubrennen droht. Geht Schmidt aus dem Haus, überprüft eine Software, ob alle Fenster geschlossen sind. Und auch den Schlüssel kann er nicht mehr verlegen. Die Haustür öffnet sich, weil sie den Fingerabdruck des Rentners erkennt.

Sohn Robert war es, der seinen Vater zu den Umbaumaßnahmen gedrängt hat. Er wohnt zwar nur 30 Kilometer entfernt, doch seine Arbeit in einer Anwaltskanzlei lässt ihm wenig Freizeit. Vor 20 Uhr kommt er selten nach Hause, und manchmal wird es gar Mitternacht. Seinen Vater weiß er dennoch in Sicherheit. Nicht nur, dass die Software den Senior bei der Bewältigung seines Alltags unterstützt. Ein Bewegungsmelder registriert jeden Schritt des alten Mannes und errechnet daraus ein Bewegungsprofil. Weicht der Ist-Zustand einmal von der Norm ab, schlägt das System Alarm. „Geht es Ihnen gut, Herr Schmidt? Sind Sie gestürzt?“ fragt die Computerstimme dann. Und falls Schmidt nicht antwortet, wird sogleich der Notarzt verständigt.

Was wie das Szenario eines Science-Fiction-Films klingt, könnte schon in wenigen Jahren Realität sein. Mit Hochdruck arbeiten Architekten sowie Geräte- und Softwarehersteller an Konzepten für Intelligentes Wohnen, wissenschaftlich begleitet von Forschern verschiedener Universitäten und oftmals unterstützt von öffentlichen Geldern. Etliche Modellprojekte hat es in den vergangenen Jahren in unterschiedlichen Teilen Deutschlands gegeben – einige davon mit dem Fokus auf alte, pflegebedürftige Menschen.

Senioren können länger in ihren eigenen vier Wänden leben

Gerade für diese im stetigen Wachsen befindliche Gesellschaftsschicht hätte alles, was mit Intelligentem Wohnen zu tun hat, unschätzbare Vorteile, betont Serge Autexier vom Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz in Bremen. So könnten Senioren länger in ihren eigenen vier Wänden leben, unabhängig von der Pflege durch professionelle Kräfte, die in Zukunft noch mehr Mangelware sein werden als das heute schon der Fall ist. Feldstudien hätten auch das Vorurteil widerlegt, dass alte Menschen für solche Lösungen nicht technikaffin genug seien: „Die Skepsis weicht dem Wunsch nach autonomem Leben“, so Autexier.

Assistenzsysteme erleichtern auch Angehörigen den Alltag.

Auch Angehörigen könnten technische Assistenzsysteme eine große Erleichterung bieten, betont Birgid Eberhardt von der „Tellur Gesellschaft für Telekommunikation“, die unter anderem Konzepte für Intelligentes Wohnen entwickelt. „Viele Menschen wollen ja präsent sein, sie wollen auch helfen, aber jeder muss auch mit seinen eigenen Möglichkeiten haushalten“, erklärt die Bereichsleiterin Smarte Assistenzlösungen. Gerade für berufstätige Angehörige sei es enorm beruhigend zu wissen, dass bei der Mutter oder Großmutter „alles im grünen Bereich“ ist, ohne ständig zum Telefon greifen zu müssen.

Ersetzen Maschinen die menschliche Fürsorge?

Doch manche Wissenschaftler melden auch Bedenken an. Ethische und soziale Fragen würden bei vielen der geförderten Forschungsprojekte zu wenig berücksichtigt, beklagte etwa der Theologe Arne Manzeschke kürzlich bei einem Symposium in Berlin. „Übernehmen in Zukunft Maschinen das, was ursprünglich der Barmherzigkeit, der Fürsorge für den bedürftigen Menschen entsprang?“, fragte der Leiter der Forschungsstelle für Ethik und Anthropologie an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Für Angehörige seien Assistenzlösungen natürlich praktisch – aber auch ein willkommener Anlass, sich selbst aus der Pflege zurückzuziehen. „Wir tun doch technisch alles und mehr ist auch nicht drin“, könnte laut Manzeschke die Antwort lauten, wenn alte Menschen ihre Angehörigen um mehr Fürsorge bitten.

Auf ein besonderes Paradox wies der Kölner Medizinhistoriker Heiner Fangerau bei derselben Tagung hin. Die Technik soll den Senioren – so der Anspruch – ein selbstbestimmtes Leben trotz Pflegebedürftigkeit ermöglichen. Gleichzeitig aber dringt sie so tief ins Privatleben der Personen ein, dass von Selbstbestimmtheit kaum noch die Rede sein kann. „Es tritt eine permanente Kontrolle auf, die vielleicht einem Menschen und seinem Autonomiebedürfnis auch bei einer beginnenden Demenz zuwiderläuft“, so der Mediziner.

Letztlich läuft alles also auf die Frage hinaus, wie wir zukünftig im Alter leben wollen. Vom selbstbestimmten Leben träumen alle. Aber was passiert, wenn ein wirklich selbstbestimmtes Leben nicht mehr möglich ist? Wie weit wollen wir uns dann auf technische Lösungen verlassen? Wie weit wollen wir uns gar von ihnen abhängig machen? Brauchen wir im Alter nicht vielmehr Bezugspersonen, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn Körper oder Geist den Dienst nach und nach versagen? Die Antwort auf diese Fragen muss jeder Einzelne für sich selbst geben. Die Ideallösung gibt es mit Sicherheit nicht. 

Früh genug mit der eigenen Zukunft beschäftigen

Schon heute scheiden sich die Geister, wenn es um Frage „Heim: ja oder nein?“ geht. Während die einen noch in verhältnismäßig jungem Alter in ein betreutes Wohnen wechseln, lassen sich andere in einer geriatrischen Station noch einmal fit machen fürs Leben allein in den eignen vier Wänden. Während manche Angehörige ihren Eltern oder Großeltern dringend das Pflegeheim ans Herz legen, absolvieren andere Kurse in familialer Pflege, um selbst zu Hause Hand anlegen zu können. Je weiter die technische Entwicklung voranschreitet, desto vielfältiger werden die Möglichkeiten werden. Und desto komplexer die ethischen Fragestellungen, die damit verbunden sind. Es hilft nur, sich rechtzeitig damit zu befassen, um im Fall des Falles nicht überrumpelt zu werden.

 

Wieviel Technik kommt ins Haus?

Wie Senioren-Assistenzsysteme den Alltag unterstütz

2012 haben der Arzt Frank Oehmichen und der Ingenieur Matthias Stege zusammen mit zwei weiteren Ingenieuren die Firma exelonix ins Leben gerufen. Sie entwickelt und vertreibt Assistenzsysteme für allein lebende Senioren. Im Interview berichten die beiden Gründer von ihrer Motivation und nehmen zu ethischen Fragen Stellung.

 
 
Dr. Matthias Stege
Dr. Matthias Stege

Zur Person

Der Ingenieur Dr. Matthias Stege hat in jungen Jahren die Elektronik-Firma „Signalion“ mitbegründet. Bei „exelonix“ ist er als Geschäftsführer für den Vertrieb verantwortlich.

Dr. Frank Oehmichen
Dr. Frank Oehmichen

Zur Person

Prof. Dr. med Frank Oehmichen ist Internist und seit 2004 als Chefarzt an der Klinik Bavaria in Kreischa bei Dresden tätig. Zusätzlich hat er eine Professur für „Ethik & Sozialmedizin“ an der Evangelischen Hochschule in Dresden inne.

 

Herr Stege, Herr Oehmichen, warum haben Sie exelonix gegründet?

 
 

Stege: Ein Großteil der Deutschen – das hat eine Umfrage erst kürzlich bestätigt – erwartet von technischen Assistenzsystemen und Smart-Home-Konzepten vor allem, dass sie Unterstützung für kranke und alte Menschen bieten. Nur sind die meisten Geräte, die schon auf dem Markt sind oder derzeit erprobt werden, für Senioren viel zu kompliziert in der Bedienung und kommen deshalb bei der anvisierten Zielgruppe gar nicht an. Vom Preis ganz zu schweigen. Nicht umsonst ist der einfache Notrufknopf das einzige Gerät in diesem Bereich, das sich bislang flächendeckend durchsetzen konnte.

Oehmichen: Das Problem beginnt sogar schon früher. Viele ältere Menschen – das weiß ich aus dem eigenen privaten Umfeld – sind schon mit einem herkömmlichen PC oder Smartphone und seinen ungezählten Funktionen völlig überfordert. Auch ich, der ich noch nicht zur Generation 60 plus zähle, bekomme Probleme, wenn ich ständig alle Updates selbst auf meinen Computer spielen muss. Deshalb hatten wir die Idee, ein Kommunikationssystem zu entwickeln, das bausteinartig nur die Funktionen enthält, die der Nutzer wirklich benötigt, kombiniert mit Notruf- und Assistenzmöglichkeiten, die dem Sicherheitsbedürfnis älterer Menschen entgegenkommen. Längerfristig soll das System auch die Möglichkeit zur weiteren Reduktion bieten, wenn etwa eine Demenzerkrankung des Nutzers seine Fähigkeit einschränkt, komplexe Handlungsabläufe durchzuführen.

Seit einigen Jahren werden allerorten Studien und Pilotprojekte zum Thema „Intelligentes Wohnen im Alter“ durchgeführt. Wie weit wird der alte Mensch der Zukunft von Technik umgeben sein?

 
 

Oehmichen: Letztlich sind wir schon heute alle von Technik abhängig. Ob sich die Reichweite und die Nutzung bestimmter technischer Geräte verändern werden, liegt letztendlich an der Akzeptanz dieser Geräte und an der Finanzierbarkeit. Ich glaube nicht, dass alle Senioren in zehn Jahren automatisierte Rollläden haben werden oder den Bedarf spüren, schon beim Verlassen der Hausarztpraxis aus der Ferne den Herd einzuschalten, damit das Mittagessen bereits warm ist, wenn sie die Wohnung betreten. Das sind ja die Dinge, über die heute am meisten diskutiert wird. Was sich Senioren hingegen wünschen, ist der direkte, auch visuelle Kontakt zu Angehörigen, selbst wenn diese weit weg wohnen. Anwendungen wie Skype werden also mit Sicherheit auch in dieser Altersgruppe weitere Verbreitung finden.

Bei vielen der erwähnten Modellprojekte scheinen ethische Fragestellungen kaum eine Rolle zu spielen. Oder täuscht der Eindruck?

 
 

Stege: Bei manchen solcher Forschungsprojekte kann man tatsächlich diesen Eindruck bekommen. Wenn etwa eine Wohnung komplett mit Kameras überwacht wird, um einen etwaigen Sturz des Bewohners sofort an eine Notrufstelle melden zu können, sollte man sich schon einmal die Frage nach dem Schutz der Privatsphäre stellen. 

Oehmichen: Ich kenne aber auch viele Initiativen, die sich ausführlich mit den ethischen Rahmenbedingungen für den Einsatz solcher Technik befasst haben. Es gibt sogar Tools, die die Auswirkungen der Geräte auf die verschiedenen Akteure untersuchen, etwa das Pflegeteam oder die Angehörigen. Dennoch gibt es eine gesellschaftliche Debatte, inwiefern Assistenzsysteme auch ungewollte Überwachungsmöglichkeiten bieten, die den Nutzern bislang gar nicht bewusst sind. Meiner Meinung nach sollten Hersteller, aber auch Organisationen, die die Technik zur Anwendung bringen, nicht zuletzt auch daran gemessen werden, ob und in welchem Maße sie solche ethischen Fragen diskutieren und berücksichtigen. 

Eine der zentralen ethischen Fragen betrifft den Bereich der Fürsorge. Wenn technische Geräte die Aufgabe von Pflegekräften oder Angehörigen übernehmen – wie menschlich ist dann das Leben im Alter noch?

 
 

Oehmichen: Wenn Assistenzsysteme menschliche Fürsorge ersetzen, dann läuft etwas falsch. Denn Technik ohne Sozialkontakt ist kalte Technik. Nur Technik mit Sozialkontakt ist menschliche Technik.
Stege: In unseren Augen sollten Assistenzlösungen gerade nicht durch möglichst automatische Notfallerkennung menschliche Kontakte minimieren. Sie sollten vielmehr eine Einladung an Angehörige darstellen, den Kontakt verstärkt zu suchen und, dank der technischen Möglichkeiten, auch aus der Ferne zu sehen, wenn es der Mutter oder dem Großvater nicht gutgeht. Dann können sie die nötige Hilfe koordinieren oder gegebenenfalls selbst nach dem Rechten sehen. 

Das ist Ihr Anspruch als Hersteller. Aber verleiten Assistenzsysteme nicht letztlich doch die Angehörigen, sich aus der Verantwortung zu stehlen nach dem Motto „Ach Mama, ich hab dir doch schon die beste Technik eingebaut“?

 
 

Oehmichen: Es ist die Aufgabe von Herstellern, sich ethischen Fragen zu stellen. Aber es ist nicht ihre Aufgabe, jeden denkbaren sozialen Missbrauch zu verhindern. Dieser Anspruch würde jedes System überfordern. Damit Assistenzsysteme sinnvoll eingesetzt werden können, braucht es Menschen, die diese Technik mit Verantwortung nutzen. Und dazu gehören eben auch Angehörige oder Nachbarn, die den pflegebedürftigen alten Menschen nicht alleinlassen.

Stege: In Deutschland ist es sehr populär, technische Lösungen zuerst einmal zu kritisieren. Um sich als Angehörige aus der Pflege zurückzuziehen, braucht es aber keine Smart-Home-Technik. Auch heute schon geben Angehörige pflegebedürftige Senioren in Heime, um sich nicht mehr selbst um sie kümmern zu müssen. Letztlich kann jedes noch so gute System missbraucht werden. Das liegt in der Natur der Sache.

Technische Assistenzsysteme sollen den alten Menschen möglichst lange ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen – das ist der Anspruch der Hersteller und auch der Nutzer. Aber ist dieses Leben dann überhaupt noch selbstbestimmt? Hat nicht die Technik die Fäden in der Hand?

 
 

Oehmichen: Das Leben ist technik-assistiert, aber nicht technikbestimmt. Auch wenn ich einen Herzschrittmacher habe, ist mein Leben von der Technik abhängig, aber durchaus selbstbestimmt. Ansonsten gilt, was ich vorhin gesagt habe: Wie die Menschen die Technik nutzen, inwieweit sie sich darauf verlassen, liegt letztlich in ihrer Hand.

 
 
 

Das Gespräch führte Andreas Laska.

 
 
 
 
 
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