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Privatleben und Job vereinbaren
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Es lohnt sich

Was sich Arbeitnehmer heute wünschen und wie Unternehmen reagieren

Familie und Beruf miteinander vereinbaren

Menschen sind heutzutage anspruchsvoll, wenn es um ihren Job geht: Sie suchen Erfüllung und ausreichend Zeit für Familie, Freunde und Hobbys. Sie wünschen sich ein gutes Team und einen verständnisvollen Chef. Und sie möchten gern mitreden können. Für Unternehmen wie für Arbeitnehmer sind das viele Herausforderungen. Kann der Spagat gelingen?

 
 

„Hallo Ma!“ Mit strahlendem Lächeln und fröhlich wippen dem Pferdeschwanz läuft Hanna aus der Schultür. Rasch den Ranzen absetzen, Mama umarmen, ein letztes Mal der besten Freundin winken – dann stapft die Sechsjährige los. „Schnell,Mama, sonst kommen wir zu spät. Finley wartet schon.“ Zum Glück ist es nicht weit zum Kindergarten. Hanna stürmt die Stufen hoch, doch der kleine Bruder hat seine Jacke noch gar nicht angezogen. „Komm“, ermahnt ihn die große Schwester,„wir müssen los. Ich habe Hunger.“

 
 

Es ist Donnerstag. Und donnerstags ist Mamatag bei Familie Mendryscha. Da arbeitet Mutter Kerstin nicht und holt die beiden jüngeren Kinder schon mittags von Schule und Kindergarten ab. Nur der Große, der Zehnjährige, kommt auch an diesem Tag erst um 17 Uhr nach Hause. Kerstin Mendryscha genießt diese Tage. „Meine Familie ist mein sicherer Hafen“, erzählt die junge Frau und lacht. „Sie entschleunigt mich und hilft mir, Abstand zu gewinnen vom Berufsalltag.“

Auf der Zielgeraden

Dieser spielt sich im Brüderkrankenhaus in Trier ab. Die 35-Jährige arbeitet dort als Assistenzärztin in der Chirurgie. Es ist ihre vorletzte Station in der Ausbildung zur Fachärztin für Orthopädie und Unfallchirurgie. Die Weiterbildung hat sich durch Mutterschutz und Elternzeiten immer wieder verlängert.Jetzt aber ist Kerstin Mendryscha auf der Zielgeraden. „Es war ein langer Weg,und ein gutes Stück liegt noch vor mir“,sagt die junge Ärztin. „Aber ich spüre jeden Tag: Es lohnt sich!“

Am Arztberuf fasziniert die junge Frau vor allem der Umgang mit Menschen.„Wir haben ja jeden Tag mit ganz unterschiedlichen Charakteren zu tun“,erzählt sie und strahlt schon wieder. Diesen Menschen zu helfen, motiviert sie, auch wenn die Schichten manchmal lang und stressig und die Nachtdienste unruhig sind. „Natürlich komme ich manchmal an meine Grenzen,vor allem, wenn ich nachts kaum geschlafen habe. Aber wenn ich einen Patienten,dem es vor ein paar Tagen noch richtig schlecht ging, plötzlich über den Flur laufen sehe, dann weiß ich, dass ich an der richtigen Stelle bin“, sagt Kerstin Mendryscha. Und der Satz klingt bei ihr gar nicht pathetisch.

"Ich möchte meinen Beruf ausüben"

Kerstin Mendryscha arbeitet am Brüderkrankenhaus in Trier in der Chirurgie.

Familie und Beruf miteinander zu vereinbaren,das war Kerstin Mendryscha von Anfang an ein hohes Ziel. Aufgewachsen im Ostteil von Berlin, hat sie dieses Familienmodell schon bei den eigenen Eltern erlebt – und als positiv erfahren. Erst Karriere, dann vielleicht noch Kinder, das war für sie nie eine Option. Doch auch ein Leben als Vollzeithausfrauund -mutter kam für diedynamische Ärztin nie infrage. „Ich habe viel Schweiß und Blut in mein Studium investiert, dann möchte ich meinen Beruf auch ausüben.“

Mit ihrer Haltung liegt Kerstin Mendryscha voll im Trend. Junge Arbeitnehmer– das bestätigen zahlreiche Umfragen– suchen im Job vor allem Erfüllung.„Arbeiten, nur um Geld zu verdienen, das haben die Eltern und Großeltern gemacht“,erklärt Susanne Böhlich, Professorin für Internationales Management an der Internationalen Hochschule Bad Honnef-Bonn. „Junge Leute wollen ihr Leben genießen, und zwar jetzt“, betont die Volkswirtschaftlerin, zu deren beruflichen Stationen unter anderem McKinsey und die Deutsche Post DHL zählen. Deshalb erwarten sie von ihrem Arbeitgeber auch Freiräume und Flexibilität, um sich neben der Arbeit ausreichend der Familie widmen zu können. „Familie und Freunde sind für die junge Generation ein zentraler Bestandteil des Lebens“, erklärt Sabine Bleumortier, Beraterin und langjährige Ausbildungsleiterin bei der Infineon Technologies AG.

Überstunden zu machen sei für junge Arbeitnehmer kein Problem, solange sie möglichst rasch durch Freizeit ausgeglichen werden. Nach Büroschluss noch eine E-Mail beantworten? Auch das stellt kein Problem dar. „Ebenso selbstverständlich ist es aber für einen jungen Angestellten, nachmittags beider Schultheateraufführung des Sohnes dabei zu sein“, betont Bleumortier.

Mitbestimmen und fordern

Und noch etwas beobachtet die Beraterin:„Für die junge Generation ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie mitbestimmen und Forderungen stellen können.“ Das bestätigt auch Professor Böhlich. „Die Devise, nur wer 80 Stunden pro Woche arbeitet, ist cool, funktioniert heute nicht mehr. Wenn der Chef so etwas sagt, dann springen junge Arbeitnehmer schnell ab.“

Donnerstag ist Mamatag. Kerstin Mendryscha nimmt sich dann besonders Zeit für ihre drei Kinder.

Auch Kerstin Mendryscha hat lange Gespräche mit ihrem Chef geführt,um ihre Vorstellung von der Vereinbarkeit von Beruf und Familie realisieren zu können – in einem Arbeitsfeld, das gemeinhin nicht als familienfreundlich gilt. „Ich musste schon hinterher sein“,nennt sie es in der Rückschau. Letztlich hätten aber alle Beteiligten großes Entgegenkommen gezeigt. So hatte Kerstin Mendryscha über einen längeren Zeitraum recht unkonventionelle Schichten, hat in einer Woche an drei, in der nächsten nur an zwei Tagen gearbeitet. Das war auch eine Umstellung für die Kollegen.„Den einen oder anderen musste ich ein paar Mal daran erinnern, dass ich an manchen Tagen schon um 16 Uhr gehe“,erinnert sie sich. Dennoch: Vom Team fühlt sich Kerstin Mendryscha jederzeit getragen. „Einige Kollegen sind mit den Jahren zu Freunden geworden.“

Ob sie glücklich ist? Diese Frage beantwortet Kerstin Mendryscha mit einem klaren Ja – auch wenn die Tage oft turbulent sind. Sie übe ihren Traumberuf aus, habe drei wundervolle Kinder, einen Ehemann, „der glücklicherweise nicht im Schichtdienst arbeitet“, und ein Haus im Grünen. Sie nimmt sich Zeit für Hobbys – Schlagzeug und Pilates– und engagiert sich noch im Förderverein der Grundschule. „Manchmal frage ich mich selbst, wie ich das alles schaffe“, sagt sie. Aber der Gedanke ist schnell verflogen und dann lacht sie wieder ihr herzliches, ansteckendes Lachen, schnappt sich ein Brötchen als schnelles Mittagessen und fährt Tochter Hanna zum Ballettunterricht.

TEXT: ANDREAS LASKA | FOTOS: RUDOLF WICHERT

 
 
 
 
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