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Fastenzeit
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Jahr der Barmherzigkeit 2016

Impulse

Impulse zu unterschiedlichen Zeiten des Jahres – in der Fastenzeit, an Pfingsten – sind gedacht als Alltagsunterbrecher, die unaufdringlich einen Bezug herstellen möchten zu den spirituellen Wurzeln unseres Auftrags: Denn neben Gesundheit und Pflege gehört auch die Nahrung für die Seele dazu, wenn man will, dass es dem Menschen gut geht.

 

Fastenzeit

Während der Fastenzeit wird an dieser Stelle an jedem Mittwoch ein neuer Impuls veröffentlicht. Die Texte sind als Begleitung durch die Zeit von Aschermittwoch bis Ostern gedacht und folgen in jedem Jahr einer Frage oder einem roten Faden.

Impulstexte 2017

Überblick: 7 Impulse für 7 Wochen Fastenzeit

Die Impulse für die Fastenzeit folgten in diesem Jahr, teilweise assoziativ, einer einfachen Frage: Wie soll man in der Welt präsent sein? Wie soll ich mich selbst zeigen und wie sollen andere mich wahrnehmen dürfen? Dazu nehmen die Texte unterschiedliche Spuren auf – am Anfang steht eine, die am Ende des Winters noch besonders gut tut: Eine Spur des Lichts.

Kleine Münze in der großen Weltpolitik? Ja, weil am Anfang ja nicht die Zäune und Mauern und Lager stehen, sondern Empfindungen, Haltungen, Gesten, mit denen Menschen einander begegnen. Bewegt man etwas, wenn man mit dem, was wichtig ist, im kleinsten Umfeld anfängt? Im zweiten Impuls geht es darum, dass es auf den Versuch ankommt. Vielleicht finden sich Mittäter. 

Düfte sind eine wunderbare Art, eine Atmosphäre herzustellen. Und die meisten Menschen reagieren auch ziemlich sensibel auf Düfte oder Gerüche.Kann man diese wunderbare Fähigkeit nutzen, um mitten in der Woche ein wenig Sonntag werden zu lassen? Auch hier kommt es auf den Versuch an, wie der dritte Impuls der Fastenzeitreihe 2017 zeigt. Ganz nebenbei kann man auch etwas darüber lernen, warum der Geruchssinn aus der Sicht des Judentums besonders privilegiert ist.

Ratgeber, kurze und kleine Lebensregeln tauchen immer mal wieder auf und wecken die Hoffnung, dass das Leben ganz einfach sein könnte.Der vierte Impuls enthält eine kleine Anleitung zum Leben. Sie ist sehr unkompliziert. Wird das Leben dadurch einfacher? Wird es besser? Probieren Sie es aus!

Leider, leider ist die Welt wirklich nicht so, wie sie sein sollte. Und leider, leider fällt einem das immer wieder auf. Wie sollte man sich da zurückhalten? Man muss doch…Von einem kleinen inneren Widerstreit mit dem Ergebnis der intensiven Reflexion der eigenen Wahrnehmung aller Fehler dieser Welt berichtet der fünfte Impuls.

Nur ein einziger Buchstabe trennt das Zappen vom Zappeln: Die Kulturtechnik, die möglichst schnell von einer Information zur nächsten springen will, ist manchmal ganz leicht zu verwechseln mit der unkonzentrierten Unruhe, die man bei jedem „Zappelphilipp“ gerne abtrainieren würde. Überall gleichzeitig sein wollen: Wer das will, merkt, dass es nicht funktioniert. Der sechste Impuls bietet als Gegengewicht gewissermaßen die „Langversion“ der Konzentration.

Sehnsuchtsorte: Wir finden sie möglicherweise auf unseren Reisen als Orte, an die wir gerne immer wieder zurückkehren möchten. Sehnsuchtsorte finden wir vielleicht auch in der Geschichte unseres Lebens. Der siebte und letzte Impuls begleitet eine solche Sehnsucht – und sucht danach, was hinter ihr verborgen ist.

1. Licht-Neid

"Ihr seid das Licht der Welt." Jesus redet so seine Jünger an. Euer Licht soll vor der Welt leuchten. Versteckt es nicht.

Am ersten Fastensonntag ist es wieder soweit. Dann brennt das Hutzelfeuer. Auf jedem Hügel, an jedem Dorfrand. In der Rhön ist Hutzelsonntag. Haufenweise alte Weihnachtsbäume werden aufgeschichtet, dazu Reisig und alte Paletten. Der Ehrgeiz jedes Dorfes ist, das größte und schönste und am längsten brennende Hutzelfeuer anzuzünden. Ganz oben: Die Hutzel, die Winterfigur, die verbrannt wird, damit das Frühjahr kommen kann.

Wenn man einen guten Aussichtspunkt hat, dann kann man die Feuer weit sehen, über das ganze Land verteilt. Oder besser: Früher konnte man sie richtig gut sehen. Weil früher eben alles besser war und die Hutzelfeuer heller? Nicht ganz. Aber die „Lichtverschmutzung“ macht den Hutzelfeuern zu schaffen: Straßenbeleuchtungen und überhaupt viel zu viel Licht überall machen den Feuern Konkurrenz. Und seitdem an fast jedem Ortsrand ein Gewerbegebiet steht, das mit Leuchtreklamen das Seine dazu beiträgt, leuchten die Hutzelfeuer eher als bescheidene Dekoration durch die Lande.

„Ihr seid das Licht der Welt“. Jesus redet so seine Jünger an. Euer Licht soll vor der Welt leuchten. Versteckt es nicht. Das heißt: Verhaltet euch so, dass ihr mit eurem Licht für die Welt erkennbar und weit sichtbar seid. Und was ist, wenn es schon überall hell ist? Wenn es überall leuchtet, was mache ich dann? So ungefähr fühlen sich Kirche und Christentum in der Gesellschaft heute: nämlich, dass sie etwas auf verlorenem Posten stehen. Dass sie unerkennbar werden. Dass sie nicht mehr wahrgenommen werden auf dem vielfältigen Markt der Weltanschauungen und Lebensbewältigungsangebote. Es ist so, als ob das Feuer neidisch wäre auf die schicke LED-und Neon-Beleuchtung.

Aber ganz im Ernst: Wird mein eigenes Licht dunkler, wenn mein Nachbar auch eins hat? Wird meine Liebe weniger, wenn ein anderer auch liebt? Wird mein Geschenk weniger wert, wenn ein anderer etwas schenkt? Wird mein Lied leiser, wenn eine andere Stimme es auch singt? Hat mein Champagner weniger Perlen, wenn der Nachbar auch welchen hat? Lass dein Licht leuchten vor der Welt. Und sei nicht neidisch auf anderes Licht. Dein eigenes ist das, was zählt.

Dr. Peter-Felix Ruelius

2. Reisende oder Mitreisende?

Wenn wir anfangen, höflich zu sein, dem anderen seinen Platz zubilligen, daraus könnte doch Liebe entstehen.

Was für eine schöne Zugfahrt. Am Anfang jedenfalls. Ich habe eine längere Fahrt vor mir und finde noch ein freies Abteil. Genial. Die Tasche kommt auf den Sitz neben mir, die Zeitung hat Platz auf dem Sitz gegenüber. Mein kleines Reich. Ich bin für mich.

Ein Bahnhof weiter. Ein zweiter Reisender steigt ein. Für uns beide ist immer noch so viel Platz, dass keiner den anderen stört und jeder bequem seine Beine ausstrecken kann. Nächster Halt. Der Bahnsteig ist voller Leute. Der Zug füllt sich. Ich muss meine Tasche vom Nebensitz nehmen und meine Beine etwas anziehen: Das Zugabteil ist jetzt voll besetzt. Und ich bemerke, dass sich ein leichter Unmut breit bei mir macht. „Mein“ Abteil muss ich jetzt teilen. Die „Neuen“ sind so etwas wie Eindringlinge. Ich heiße sie nicht willkommen. Und das, obwohl mir ja klar ist, dass Sitzplätze im Abteil zum Sitzen da sind.

Ich habe es in der Hand, ob aus dem, der ankommt, ein Mitreisender wird. Durch eine winzige Geste, einen Blick.

Anderer Kontext – gleiches Thema: Vor mehr als vierzig Jahren hatten sich Vertreter verschiedener Religionen in Zürich getroffen. Das war damals noch keine Selbstverständlichkeit. Der jüdische Gelehrte Friedrich Weinreb und der große katholische Theologe Karl Rahner gehörten zu den Teilnehmern. Rahner war skeptisch, ob aus einer rein höflichen Begegnung mehr werden kann. Friedrich Weinreb erwiderte ihm: „Wenn wir anfangen, höflich zu sein, dem anderen seinen Platz zubilligen, daraus könnte doch Liebe entstehen. Nur die Liebe zum unbekannten Gott kann uns alle vereinen. Liebe ist mehr als Philosophie. Mit Rechthaben kommen nur Aggressionen. Der Respekt vor dem Nächsten kann zur Liebe werden.“ Von Karl Rahner kommt dann die schöne Antwort: „Ja, man hat nur Recht im Lieben. Sogar den Fremden. Ich rede noch nicht einmal vom Feind. Im Lieben erkennen wir uns – jeder bleibt, wer er ist. Ihn so lieben zu können ist möglich.“

Mein Zugabteil. Mein Land. Meine Stadt. Meine Straße. Mein Büro. Ich habe es in der Hand, ob aus Menschen, die einen Platz suchen, meine Mitreisenden werden.

Dr. Peter-Felix Ruelius

3. Sonntagsduft

Der Geruchssinn ist der einzige der menschlichen Sinne, der nicht am Sündenfall beteiligt war. Einzig die Nase war unschuldig – und ist daher in der Lage, durch den Duft, den sie wahrnimmt, den Menschen zu trösten.

Hat der Sonntag einen Geruch? Vielleicht nach gutem Essen oder Kuchen oder nach einem Glas Wein am Abend, nach Parfum oder nach der frischen Luft von Feld oder Wald oder Garten? Was für eine Frage am Mittwoch! Vielleicht genau die richtige.

Im Judentum gibt es einen schönen Brauch. Dieser Brauch schließt den Sabbat, den jüdischen Feiertag jeder Woche, ab. Eine Büchse mit duftenden Kräutern wird geöffnet und man riecht daran, atmet den Geruch dieser Kräuter ein, um den Wohlgeruch dieses Tages mitzunehmen in die Woche. Die Erklärungen, die es dazu gibt, sagen: Dieser Brauch dient dazu, die Traurigkeit etwas abzumildern, die mit dem Abschied vom Sabbat verbunden ist. Denn der Sabbat ist das wöchentliche Bild der Vollkommenheit, des guten und erfüllten Lebens. Warum ausgerechnet der flüchtige Duft von Kräutern diese Aufgabe übernehmen soll, ist nicht ganz eindeutig. Eine Erklärung sagt, dass der Geruchssinn der einzige der menschlichen Sinne ist, der nicht am Sündenfall beteiligt war. Denn Hören und Sehen, Greifen und Schmecken: All das spielt in der biblischen Erzählung von der verbotenen Frucht vom Baum der Erkenntnis eine Rolle. Einzig die Nase war unschuldig – und ist daher in der Lage, durch den Duft, den sie wahrnimmt, den Menschen zu trösten.

Was für eine schöne Idee – und wie nachvollziehbar! Schöne Gerüche und Düfte spielen für den Gefühlshaushalt der meisten Menschen eine erhebliche Rolle. Die (Wieder-) Entdeckung in der Aromatherapie kennt diesen Zusammenhang und nutzt ihn.

Man könnte es ja ausprobieren: Wenn der Alltagsgeruch am Montag schon anfängt, alles zu überlagern, das Gemisch aus Abgas, abgestandener Büroluft oder was auch immer – oder wenn es mir aus einem anderen Grund gerade richtig stinkt – dann könnte ich mich ja an den Geruch des Sonntags zu erinnern versuchen. Oder ganz bewusst an jedem Sonntag einen Duft tief einatmen. Und dann, wenn die Woche anstrengend wird, mein Duftgedächtnis aktivieren. Damit die Woche wieder eine Ahnung davon bekommt, wofür sie da ist.

Dr. Peter-Felix Ruelius

4. Weitersagen. Ausprobieren. Leben.

Gerade wenn’s kompliziert wird, kann ich dem Gedanken etwas abgewinnen, dass es ein paar wenige, griffige Formeln gibt, die das Leben gelingen lassen oder wenigstens etwas leichter machen.

Es ist ein paar Wochen her, da landete als Anhang einer Rundmail ein Text bei mir, den ich vor längerer Zeit schon einmal gelesen hatte: „Sieben kleine Anweisungen zum Leben“. Gerade wenn’s kompliziert wird, kann ich dem Gedanken etwas abgewinnen, dass es ein paar wenige, griffige Formeln gibt, die das Leben gelingen lassen oder wenigstens etwas leichter machen. Hier also der Text:

  1. Mach aus der ängstlichen Sorge um morgen die behutsame Fürsorge für heute.
  2. Vergleiche dich nicht mit anderen, es bedeutet sinnloses Leiden. Jeder Mensch ist unvergleichlich. Darum brauchen wir niemanden zu beneiden oder verachten.
  3. Plane deine Zeit, aber lass Freiräume für Überraschungen. Nimm Menschen stets wichtiger als Dinge. Wer liebt, hat Zeit!
  4. Ärgere dich nicht über andere. Wer sich über andere aufregt, büßt ihre Sünden. Nur wer liebt und vergibt, kann Menschen verändern.
  5. Teile gern mit anderen. Teilen vermehrt das Lebenskapital. Und die Vermehrung des Lebens beginnt immer mit dem Opfer.
  6. Vergiss die Freude nicht. Suche bewusst die kleinen und großen Anlässe zur Freude bei dir und anderen.
  7. Beginne den Tag mit einem Gespräch mit Gott. Danke, klage, bitte, singe, aber rede mit ihm. Er wartet schon auf dich.

Natürlich weiß ich, dass das Leben viel komplizierter ist und sich nicht mit ein paar einfachen Regeln bewältigen oder gestalten lässt. Aber ich mache ein Gedankenexperiment: Wenn sich sagen wir mal 80 Prozent der Menschen, die ich kenne und mit denen ich zu tun habe (mich selbst natürlich eingeschlossen), für eine Woche danach richten würden: Ich denke, das würde ich schon merken. Wer es noch einfacher mag, kann sich ja aus den sieben kleinen Anweisungen eine einzige aussuchen und damit probeweise einmal ein paar Tage leben. Meinen persönlichen Favoriten habe ich schon.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Die „sieben kleinen Anweisungen zum Leben“ sind entnommen aus: aus: Axel Kühner: Hoffen wir das Beste,
Aussaat-Verlag, Neukirchen-Vluyn. Viele Texte von Axel Kühner kann man nachlesen auf der Seite: www.miriam-stiftung.de/

5. Hinschauen? Wegschauen?

Es gehört zur Welt, dass manchmal die Dinge nicht so sind, wie ich meine, dass sie sein sollen. Nicht immer kann und muss ich eingreifen.

Eine Tagung. Einer der Teilnehmer steht auf, weil er ein Projekt vorstellen will. Als er aufsteht, stößt er mit dem Fuß die Wasserflasche um, die neben seinem Stuhl auf dem Boden steht. Auf dem Holzboden breitet sich eine große Pfütze aus. Das langsam ins Holz einziehende Mineralwasser nimmt meine Aufmerksamkeit gefangen. Nebenbei gesagt – das war allemal interessanter als der Vortrag. Und noch interessanter war das innere Zwiegespräch in mir.


1. Stimme: Wasser auf dem Holzboden. Ganz blöd. Muss man eigentlich sofort aufwischen.
2. Stimme: Aber nicht schon wieder du.
1. Stimme: Auf dem Flur war doch vorhin der Kaffee aufgebaut. Da gibt’s doch bestimmt Servietten.
2. Stimme: Mag sein. Dann wird ja jemand rausgehen können, der näher an der Tür sitzt.
1. Stimme: Wenn es aber außer mir niemand mitgekriegt hat?
2. Stimme: Hat es aber. Das Klirren der Flasche haben die anderen doch auch gehört. Bleib doch einfach mal sitzen und fühl dich nicht immer für jede Wasserpfütze zuständig.
1. Stimme: Pah. Wenn jeder so denken würde.
2. Stimme: Keine Sorge. Denkt ja nicht jeder so.
1. Stimme: Toll. Und der Boden? Da muss man doch drauf achten.
2. Stimme: Ich denke mal, dieser Saal wird schon so einiges erlebt haben. Der hält das wahrscheinlich aus.
1. Stimme: Hmmm.

Das Ende vom Lied: Ich bleibe sitzen. Die zweite Stimme hat gesiegt. War nicht einfach. Und ich erlebe wieder einmal das spannende Spiel der Balance zwischen Hilfsbereitschaft, Wichtigtuerei, Zurückhaltung und Gelassenheit, das oft so schwer fällt.

Es gehört zur Welt, dass manchmal die Dinge nicht so sind, wie ich meine, dass sie sein sollen. Nicht immer kann und muss ich eingreifen. „Alles sehen, vieles übersehen, wenig korrigieren.“ Johannes XXIII. hat sich diese Maxime zu eigen gemacht. Ziemlich mutig für einen Papst. Und gar nicht so einfach. Aber ganz schön klug.

Dr. Peter-Felix Ruelius

6. Zappen oder bleiben?

Ruhige Aufmerksamkeit: Das ist wahrscheinlich eines der gefährdetsten Güter unserer Zeit.

Zuerst tauchte das Zappen in der Science-Fiction auf: Da war es noch ganz schön grausam. Zappen hieß da: jemanden mit einem futuristischen Strahlengewehr oder einer Laserkanone oder sonst einer Science-Fiction-Waffe einfach ausschalten. Anvisieren. Auslösen. Zap! Der Gegner ist erledigt.

Heute werden keine Feinde mehr weggezappt, sondern höchstens langweilige Nachrichtensprecher, öde Unterhaltung, nervige Werbung. Zap. Weg damit: Und ich bin beim nächsten Programm. Zap. Wieder eins weiter. Damit was passiert. Damit etwas auftaucht, das mir gefällt. Das meine Nerven kitzelt. Und weil Dinge ja meistens auftauchen, wenn sie in ihre Zeit passen, ist das Zappen auch ein ganz guter Indikator für viele Bereiche des Lebens. Ich kenne Gesprächspartner, die machen den Eindruck, als würden sie am liebsten ständig weiterzappen: zum nächsten Thema, zum nächsten Gespräch. Ruhige Aufmerksamkeit: Das ist wahrscheinlich eines der gefährdetsten Güter unserer Zeit.

Die Bibel erzählt von einer der schönsten und langsamsten Begegnungen, die ich kenne. Sie ist mein Bild für das Anti-Zapping schlechthin. Als Hiob, der Mann, der kaum fassbares Leid erfahren hat, ganz am Ende ist, besuchen ihn drei Freunde. Sie sind entsetzt, als sie ihren Freund sehen. So elend sieht er aus. Und dann schreibt die Bibel: Sie saßen bei ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte; keiner sprach ein Wort zu ihm. Denn sie sahen, dass sein Schmerz sehr groß war. Hiobs Freunde bleiben. Sie fliehen nicht in etwas, das sie ablenkt. Sie schweigen. Sammeln sich und sammeln ihre Gedanken. Für eine lange Zeit. Das Bleiben ist ihr wertvollstes Geschenk an ihren Freund. Bleiben und schweigen.

Es wird mir nie gelingen, meine Aufmerksamkeit so lange zu sammeln. Aber für die Dauer eines Gesprächs, für die Zeit einer Begegnung, das kann funktionieren. Damit das Zappen nicht den Rhythmus angibt, der das Leben bestimmt.

Dr. Peter-Felix Ruelius

7. Sehnsucht nach Leben

Hier werde ich immer wieder so glücklich sein können wie jetzt.

Da war er einmal richtig glücklich, erinnert sich der Philosoph und Schriftsteller Coen Simon, auf einer Lichtung, die er als Kind entdeckt hat. In einem Augenblick bekam er einen unvergesslichen Eindruck einer vollkommenen, fast heiligen Landschaft. Etwas war in seiner Vorstellungswelt auf einmal anders geworden, hatte sich plötzlich konzentriert: Es gab einen unversehrten Ort, an dem er Glück, Zufriedenheit, Einheit erleben konnte.

Die Sehnsucht nach diesem Ort blieb. Viele Jahre später geht Simon diesem Erlebnis auf den Grund. Was er dabei entdeckt, kann man vereinfacht so beschreiben: Die Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft ist, so sagt er, gar nicht die Sehnsucht nach den Bäumen oder dem Gras oder den Blumen oder dem Zusammenspiel von Licht und Schatten, sondern die Sehnsucht nach dem Glück, das wir einst empfunden haben. Entdeckt man voller Glück und Zufriedenheit einen wunderbaren Ort, einen besonderen Platz, dann ist der Satz, der dazugehört: „Hier werde ich immer wieder so glücklich sein können wie jetzt.“

Als erwachsener Mann sucht Coen Simon noch einmal nach der Lichtung aus Kindertagen. Er findet sie nicht. Aber die Sehnsucht nach ihr ist geblieben. Ein geistiges Heimweh.

Mit dem Blick auf Ostern lese ich in einem Gedicht des Dichters Andreas Knapp:

sterben möchte ich

lebenshungrig

krank vor sehnsucht

an lauter heimweh

nach IHM.¹

Irgendwo, irgendwann, ist in unser Herz ein Bild, ein Eindruck, eine Sehnsucht eingepflanzt worden, die wohl über alle Bilder von Landschaften, von Orten und Begegnungen hinausreicht. In diesem Moment sind wir Glückssucher geworden. Lebenssucher. Ostern erinnert uns daran. Es weckt unsere Sehnsucht und will nichts weniger sein als die Garantie: UnsereSehnsucht nach Leben und aller Lebenshunger und alles große Heimweh haben recht.

Dr. Peter-Felix Ruelius

¹ Andreas Knapp, Gedicht: Todesursachen, in: Weiter als der Horizont, Echter Verlag Würzburg, 2002, 8. Aufl. 2015, S.17

Impulstexte 2016

Überblick: 7 Impulse für 7 Wochen Fastenzeit

Im weitesten Sinn ging es bei den Fastenimpulsen im Jahr 2016 um die Suche nach Schätzen oder nach den Reichtümern, von denen unser Leben geprägt und umgeben ist. Den Auftakt macht eine Überlegung, wo eigentlich der richtige Ort ist, um Schätze zu suchen – und wonach es sich zu suchen lohnt.

Der zweite Impuls hat auf den ersten Blick nichts mit Fasten zu tun. Oder doch – wenn mit Fasten auch der Verzicht auf Enge und ihre Überwindung gemeint ist: Dann kann Fasten zum Fest werden.

Wann hat man eigentlich die besten Ideen? Oft zu spät! Der dritte Impuls unterscheidet zwischen Schlagfertigkeit und Geistesgegenwart – und hält ein deutliches Plädoyer für die Geistesgegenwart.

Für den vierten Impuls ist kaltes und nasses Wetter, das einen leider allzu oft durch die Wochen der Fastenzeit begleitet, die richtige Zutat; den Grundgedanken kann man allerdings getrost auch in Tage mit Sonnenschein mitnehmen.

Der vierte Fastensonntag ist der Sonntag „Laetare“, übersetzt: „Freue Dich“. Woran? Das Leben gibt zahlreiche Anlässe. Notwendig dazu: Entdeckerfreude und eine Haltung, die im Kleinen das Wesentliche erkennen will. Dieser Spur folgt der fünfte Impuls.

Der sechste Impuls lenkt den Blick auf eine sehr barmherzige Seite unserer biologischen Ausstattung – wichtig in einer Zeit, die uns mit Informationen, Eindrücken, Anregungen nur so überschüttet. Es ist ein Lob auf das Vergessen.

Der letzte Impuls der Reihe der Fastenimpulse 2016 lädt dazu ein, Menschen ganz einfach Menschen sein zu lassen. Und das ist dort besonders anspruchsvoll, wo wir lieben und anderen Menschen mit hohen, teilweise höchsten Erwartungen konfrontieren.

1. Nie genug: Schätze aus dem Himmel holen

Gott sei Dank bekommen die Menschen nie genug. Sie sind in ihrer Sehnsucht unendlich. Sie sind geschaffen für den Blick in den Himmel.

Viele haben die Meldung gar nicht mitbekommen: Der US-Kongress hat im letzten November ein Gesetz verabschiedet, das regelt, wie man mit wertvollen Bodenschätzen aus dem All umgehen soll. Jeder Amerikaner, der mit einer Lizenz des Verkehrsministeriums und der NASA ins All fliegt, um dort Bergbau zu betreiben und Bodenschätze abzubauen, der darf das tun. Und wer dort etwas Brauchbares findet, darf es behalten, nutzen oder veräußern.

Auf den ersten Blick: Eine komische Idee. Wie kommt eine Nation darauf, Dinge zuzuteilen, die ihr nicht gehören? Wer kann überhaupt Rechte vergeben zur Nutzung von Planeten, die Lichtjahre entfernt sind?

Ein zweiter Blick: Die Schätze aus dem Himmel holen – ja, so sind die Menschen! Sie verwerten alles was brauchbar ist, was man profitabel nutzen und vermarkten kann. Selbst wenn man es aus dem Himmel holen muss. Kriegen sie nie genug?

Nein, Menschen bekommen wirklich nie genug. Gott sei Dank bekommen die Menschen nie genug. Sie sind in ihrer Sehnsucht unendlich. Sie sind geschaffen für den Blick in den Himmel. „Alles beginnt mit der Sehnsucht“ schreibt Nelly Sachs. Alles: auch die Arbeit des Verstandes, der immer weiter will und immer weiter kommt. Eben bis dahin, dass er Schätze aus dem Himmel holen will. Weil der Geist des Menschen ins Grenzenlose geht, kann er gar nicht anders.

Schätze aus dem Himmel holen – das ist schon in Ordnung: Aber doch bitte nicht schon wieder Erdenkrempel, Material, Rohstoffe, Bodenschätze. Menschen-Sehnsucht geht doch weiter als bis zu seltenen Mineralien. Sie sucht Segen und Glück. Und Leben in Fülle. Die Sehnsucht kann nur finden, was ihr entspricht, wenn sie nicht wieder mit Endlichkeit zugeschüttet wird.

Die Fastenzeit, die am Aschermittwoch beginnt, kann in diesem Sinne eine Zeit der Schatzsuche sein, eine Zeit, die so richtig Lust machen soll. Lust auf die großen Schätze, die man aus dem Himmel holen kann und eine Zeit, in der die Sehnsucht groß wird.

Dr. Peter-Felix Ruelius

2. Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge

Das große Herz oder die Großherzigkeit bleibt selten wirkungslos. Ein großes Herz steckt an. Ein großes Herz schafft es, andere aus der Enge des Lebens zu führen.

In einem kleinen dänischen Dorf leben im 19. Jahrhundert zwei Schwestern. Ihr Vater, ein frommer und strenger Pastor, der Gründer der Gemeinde, hatte bereits früh dafür gesorgt, dass die beiden Mädchen vor allem eines werden: fromm, sittenstreng und enthaltsam. So blieben sie allein, bis der Vater starb und sie selbst alt und säuerlich wurden.

Eine junge Köchin, Babette, kommt in die Gemeinde. Sie ist auf der Flucht und will nichts weiter als Sicherheit und ein Dach über dem Kopf. Als Gegenleistung wird sie für die beiden Schwestern kochen. Das Wunder beginnt, als Babette in einer Lotterie die sagenhafte Summe von 10.000 Francs gewinnt. Und was macht sie? Sie will für die Gemeinde ein Festmahl ausrichten. Den beiden Schwestern und den übrigen Bewohnern des Dorfes ist das unheimlich, erst recht als sie sehen, was Babette von überall her anliefern lässt: nur das Beste. Schließlich, so erfährt man nun, war sie in Paris eine der besten Köchinnen überhaupt. Es wird ein Festmahl, wie man es hier noch nie erlebt hat. Die Dorfbewohner allerdings sind nur widerstrebend bereit, sich darauf einzulassen. Sie verabreden, sich keinen Genuss anmerken zu lassen. Ihre strenge Lebensführung geht ihnen über alles.

Doch ganz langsam erwachen sie dann doch aus ihrer Starre, lassen sich anrühren, werden leicht, erinnern sich an ihr Leben und an ihre Wünsche. Sie können genießen. Und ihr Herz wird weit.

Die diesjährige Fastenaktion der evangelischen Kirche heißt: „Großes Herz! Sieben Wochen ohne Enge“. Durch dieses Motto erinnere ich mich an den Film „Babettes Fest“ aus den achtziger Jahren. Eine unerträgliche Enge wird überwunden. Babette schenkt mit ihrem großen Herzen den anderen einfach ein grandioses Fest. Der Clou dieses Fastenmottos ist: Das große Herz oder die Großherzigkeit bleibt selten wirkungslos. Ein großes Herz steckt an. Ein großes Herz schafft es, andere aus der Enge des Lebens zu führen. Ich kann es auf
den Versuch ankommen lassen, meiner eigenen Großherzigkeit ein wenig freien Lauf zu lassen. Und bin neugierig, was dann passiert.

Dr. Peter-Felix Ruelius

3. Der Geist auf der Treppe – oder der Geist im Herzen

Der Geist Gottes bringt mich in Verbindung zu dem, was für mich und für meine Seele wichtig ist.

Es war eine ziemlich gute Präsentation. Und die neue Mitarbeiterin hatte sich wirklich gut geschlagen. Hatte auch auf Nachfragen Richtiges und Gutes sagen können. Die Fakten waren gut recherchiert, ihre Schlussfolgerungen sinnvoll. Also: alles in Ordnung. Wenn nicht – ja wenn ihr nicht drei Minuten nach ihrem Auftritt noch ein ganz hervorragendes Argument in den Sinn gekommen wäre. Sie war verärgert. „Das hätte mir ja wirklich auch vor fünf Minuten schon einfallen können! Zu blöd!“

Franzosen haben für diese Situation ein eigenes Wort: „Esprit d’escalier“, wörtlich: „Treppen-Geist“ – der Geist hier verstanden als Inspiration oder Einfall. Der französische Dichter Diderot hat dieses Wort einmal geprägt. Die Inspiration, so sagt er, hat der Komödiant dann, wenn er die Treppe hinuntergeht, die ihn von der Bühne führt. So richtig ins Deutsche lässt sich das nicht übersetzen. Aber es trifft genau das Gemeinte: Wenn man gerade den Gesprächspartner verlassen hat und genau dann den richtigen Einfall, die zündende Idee hat. Eben: nach einer Diskussion, nach einem Streit, vielleicht auch nach einem Bewerbungsgespräch oder nach schwierigen Verhandlungen.

Ich bin mittlerweile etwas gelassener geworden. Das Richtige zu sagen ist vielleicht weniger eine Frage der Schlagfertigkeit als der Geistesgegenwart. Christlich gesprochen: eine Sache der Gegenwart des Geistes Gottes. Und das erste, was der Geist Gottes macht: Er bringt mich in Verbindung zu dem, was für mich und für meine Seele wichtig ist. Und er macht ruhig. Wenn ich mich dieser Gegenwart öffne, ist die Ruhe des Herzens meistens ein guter Indikator für diese Geistesgegenwart. Das ist kein Augenblickserfolg, sondern eine ruhige Gegenwart bei mir selbst und bei allem, was entscheidend ist. Wenn ich bei mir selbst und meinem Wichtigen zu Hause bin, dann werde ich das Wichtige und Richtige sagen können. Das ist die beste Vorbereitung für jedes Gespräch, für jeden entscheidenden Moment. Der Heilige Geist: Er ist weniger der Geist auf der Treppe als der Geist im Herzen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

4. Hühnersuppentag – oder wie ist Gott?

Ein Hühnersuppentag ist einer, an dem es mir nicht so gut geht. An dem ich einfach kaputt bin. Ein Tag, der ungemütlich ist. Ungemütlich draußen und ungemütlich in mir selbst. An solchen Tagen gibt es Hühnersuppe.

„Was hast du eigentlich für Bilder vor Augen, wenn Du an Gott denkst?“ Die Frage ist einigermaßen überraschend. Oder auch nicht. Warum sollte man jemanden, der Theologie studiert hat und immer mit diesen Themen zu tun hatte, so etwas nicht fragen? Ich selbst habe mich das so deutlich lange nicht gefragt.

„Was hast du eigentlich für Bilder vor Augen, wenn du an Gott denkst?“ Ich kann in dem Moment, in dem ich gefragt werde, keine richtige Antwort geben. Aber dann gehe ich auf die Suche. Und ich finde keine Bilder, sondern etwas, das aus Bildern, Gefühlen und Stimmungen, aus Erlebnissen und Erfahrungen gemischt ist. Aus all dem setzt sich etwas zusammen, was dem Gedanken nahekommt: Ja, so müsste er sein.

Eine meiner Lieblingsmischungen, um etwas davon zu ahnen, wie Gott ist, das ist ein Hühnersuppentag. Ein Hühnersuppentag ist einer, an dem es mir nicht so gut geht. An dem ich einfach kaputt bin. Ein Tag, der ungemütlich ist. Ungemütlich draußen und ungemütlich in mir selbst. An solchen Tagen gibt es Hühnersuppe. So eine richtig gute. Selbstgemacht und richtig heiß. Und dann: eine warme Wolldecke über die Schultern und einfach nur Ruhe haben. Nichts machen, nichts erreichen, nichts vollbringen. Und wissen, dass jetzt Zeit ist,
wieder Kräfte zu sammeln. Es wird wieder gut. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Meine Hühnersuppe ist schließlich nicht der Zaubertrank von Miraculix. Aber so im Großen und Ganzen sind meine Hühnersuppentage Inseln von Geborgenheit und Trost und Stärkung.

Und das hat mit Gott zu tun? Ja, weil das der Ausdruck ist, den mein persönlicher Glaube finden kann, zusammengesetzt aus der Vielfalt meines Lebens. Jeder hat andere Bilder und Eindrücke, die zu tun haben mit Sehnsucht, mit Trost, mit Freude, mit Dank, mit Geborgensein oder mit der Lust auf Leben. Alles kann drin sein. Mit Gott leben heißt: Diesen Reichtum des eigenen Lebens erkennen, auskosten und verstehen, wie vielfältig Gott auch für mich ist. Die Stellen, an denen ich etwas von ihm ahnen kann, sind unvorstellbar viele.

Dr. Peter-Felix Ruelius

5. Alles ist Windhauch – oder doch nicht?

Alles ist wichtig, verdient unsere Aufmerksamkeit und ist ein wunderbarer Teil des Lebens.

Ein Konzert auf der Abschieds-Tournee von Juliette Gréco, die mit fast 89 Jahren noch einmal auf der Bühne steht. Juliette Gréco: Das ist die große alte Dame des französischen Chansons. Sie ist wie eine Botin aus einer anderen Zeit. Als die Filme noch in schwarz-weiß gedreht wurden. Und es eben Chansons gab. Die Älteren erinnern sich.

Eines der Chansons bleibt mir ganz besonders im Gedächtnis. Es ist voller Lebenslust. Da heißt es: „Weder schönes noch schlechtes Wetter, weder der Duft des Ozeans noch der Wind, der über ein Weizenfeld streicht: nichts davon ist Eitelkeit. Nicht die warme Haut des Liebhabers noch der Glanz der untergehenden Sonne, noch die Wohltat eines kühlen Weins: Nichts ist Eitelkeit.“

Bibelfeste haben die ersten Zeilen aus dem Buch Kohelet im Kopf, in den evangelischen Bibelausgaben heißt er der Prediger Salomos: „Alles ist eitel, alles ist Windhauch“. Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Seine pessimistische Sicht umfasst das Tun der Menschen und die Weltgeschichte im Ganzen. Nirgendwo ist wirklich Glück zu finden. Am Ende steht für Kohelet immer das ernüchternde Fazit: Es ist doch alles Windhauch. Alles eitel. Alles unerheblich. Alles belanglos.

Juliette Gréco nennt ihr Lied ausdrücklich: den Gegen-Kohelet, oder, wie das Buch in der französischen Bibel heißt: Contre-Ecclésiaste: „Weder die Ängstlichkeit eines Kindes, noch das Lächeln von einem, der vorübergeht, auch nicht der Duft eines Fremden: Nichts davon ist Eitelkeit.“ Alles, alles, so singt sie, ist wichtig, verdient unsere Aufmerksamkeit und ist ein wunderbarer Teil des Lebens.

Ist hier jemandem vor lauter Optimismus die rosa Brille fest auf die Nase gewachsen? Nein: Auch in dem Chanson gibt es das, was eitel, vergänglich, schädlich ist: Das Wegschauen, die Arroganz, die Grausamkeit, die Verbitterung der Abgestumpften, das Sterben der Schönheit und der Verrat an der Wahrheit. All das ist wirklich eitel, vergänglich und so, dass man es getrost vergessen darf. Doch der große Rest: Lebensreichtum. Keine Eitelkeit, kein Windhauch.

Dr. Peter-Felix Ruelius

6. Barmherziges Vergessen

Dinge vergessen zu können ist eine Gabe, die uns das Leben erst ermöglicht.

Was für eine Ironie: Der Mann, der nichts vergessen konnte, ist heute ziemlich vergessen: Oder können Sie mit dem Namen Schereschewski auf Anhieb etwas anfangen? Solomon Weniaminowitsch Schereschewski starb vor rund sechzig Jahren als ein ziemlich gebrochener Mensch – und dabei hatte er doch eine wunderbare Gabe: Er besaß ein verblüffendes Gedächtnis.

Ein Psychologe wird früh auf ihn aufmerksam und testet ihn mit immer größeren Mengen von Fakten, zusammenhanglosen Zahlenreihen, Formeln und Wörtern. Niemals vergisst Schereschewski etwas. Das macht ihn zum bewunderten Gedächtniskünstler. Aber seine besondere Gabe macht ihn nicht glücklich im Leben. Denn was er nicht kann: Vergessen. Weil alles in gleicher Weise gegenwärtig ist, kann er nicht unterscheiden zwischen dem Wichtigen und dem Unwichtigen. Sein Gehirn gleicht einem Archiv, das er nie schließen kann und das ihm ungefragt alles ohne Unterschied gleichzeitig zur Verfügung stellt. Wissen, Erinnerungen an Gutes ebenso wie an Schmerzvolles und an Verletzungen.

Auch wenn ich manchmal gerne ein besseres Gedächtnis hätte, bin ich froh, dass es das Vergessen gibt. Meiner Ansicht nach ist diese Ausstattung unseres Gehirns im Großen und Ganzen nicht nur eine gute ökonomische Einrichtung, sondern auch so etwas wie eine Form der Barmherzigkeit der Schöpfung gegenüber uns Menschen. Dinge vergessen zu können ist eine Gabe, die uns das Leben erst ermöglicht.

Und wenn man aktiv vergessen könnte, aktiv Dinge aus dem Speicher der Erinnerung werfen könnte? Der Apostel Paulus sagt es einmal so: „Ich vergesse, was hinter mir liegt und strecke mich nach dem aus, was vor mir liegt.“ Dieses Lebensprogramm kann ich in einen Bereich meines eigenen Lebens übersetzen. Dann wird es zu einer Übung der Barmherzigkeit. Und die könnte so aussehen: In den Beziehungen zu anderen Menschen das vergessen, was nicht so gut war. Es einfach liegen lassen und den Blick darauf richten, was in Zukunft an Gutem möglich sein wird. In neuen Begegnungen kann ich dem Neuen und Guten eine Chance geben.

Dr. Peter-Felix Ruelius

7. Lieben – geerdet.

Beziehungen zerbrechen oft nicht so sehr an dem zu geringen Maß an Liebe, sondern an ihren zu großen Erwartungen, zu großen Hoffnungen.

„Wer liebt, sucht im letzten einen Gott“. Roman Bleistein, der Theologe und Pädagoge, formuliert einen provokanten Satz. „Wer liebt, sucht im letzten einen Gott, das heißt einen, der ihn so erfüllt, dass weder Maß noch Grenze vorhanden sind: also Ewigkeit, Unendlichkeit. Der eine Mensch verheißt dem anderen eine solche Erfüllung. Welcher Mensch kann dafür einstehen?“

Wer liebt, kann den anderen vergöttern, kann im Augenblick des größten Verliebtseins und auch in der Dauer einer Beziehung sein ganzes Leben hineinwerfen in diese Beziehung. Er kann alles erwarten: die Erfüllung des Lebens und den Sinn des ganzen Daseins. Nein, das kann doch nicht sein, dass die Liebe nur so zum Leben dazukommt wie der Beruf oder die Heimat oder Freunde, die eine Zeitlang das Leben begleiten. Die Liebe muss doch das ganze Leben sein. Nie mehr allein sein, nie mehr verlassen werden. Das gilt umso mehr in einer Zeit, die nur mehr Wandel und Flexibilität kennen will.

Doch die Erfahrung ist: Beziehungen zerbrechen oft nicht so sehr an dem zu geringen Maß an Liebe, sondern an ihren zu großen Erwartungen, zu großen Hoffnungen. Die lasten dann auf dem Gegenüber wie ein viel zu voll gepackter Rucksack.

Bleistein rät zu einer Tugend: „Die erste Tugend der Liebe heißt: das Erbarmen. In ihm vergebe ich dem anderen, dass er mein Gott nicht sein kann.“

„Liebt einander, wie ich euch geliebt habe“: Das Wort, das Jesus sagt, schließt sich an eine merkwürdige Szene im Evangelium an. Am Gründonnerstag steht der Text im Mittelpunkt der Gottesdienste. Jesus wäscht seinen Jüngern die Füße. Die wehren sich. So einen niedrigen Dienst wollen sie von ihrem Meister nicht akzeptieren. Aber es steckt Sinn dahinter. Wenn ich jemandem die Füße wasche, also im übertragenen Sinn den ganz alltäglichen, vielleicht auch uninteressanten, mühsamen Teil des Lebens mit ihm teile, seinen Staub und seine Narben, dann lasse ich ihn Mensch sein. Dann liebe ich als Mensch einen Menschen und lerne eine
Nähe, die buchstäblich geerdet ist.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 

Pfingsten

Das Pfingstfest hat es mit dem Geist zu tun – und der ist unsichtbar. So drastisch wie in den Erzählungen der Bibel, mit Wind und Feuer, erlebt man ihn nicht. Aber Spuren des Geistes gibt es. Zu einer solchen Spurensuche laden die Impulse zum Pfingstfest ein.

Impulstexte

Der Geist, die Freiheit und ein Vogel (2017)

Der Geist Gottes sortiert mich manchmal in die Welt ein. Und zwar so, dass ich mit den Grenzen, die mir gesetzt sind, weiterkomme.

Vielleicht aus Neugier, vielleicht aus Versehen: Neulich hat sich ein junger Vogel durch die offene Terrassentür in mein Wohnzimmer verirrt. Nach einer ersten Orientierung steuert er die höchsten Punkte im Raum an: die Vorhangschiene, einen Bilderrahmen, die Deckenleuchte.Sichtlich verwirrt fliegt und flattert er durch den Raum. Jedes Mal, wenn er wieder startet, kennt er nur eine Richtung: nach oben. Dumm nur, dass er hier nicht weiterkommt. Da ist ihm die Zimmerdecke im Weg. Auf die einfachste Lösung kommt er nicht: Den Weg durch die offene Terrassentür oder das offene Fenster findet er nicht. So dreht er Runde um Runde. Es kostet einige Tricks, bis ich ihn erfolgreich auf den Weg ins Freie bringen kann.

Seitdem ist der kleine Kerl für mich ein Experte in Sachen Freiheit. Warum konnte er so lange nicht nach draußen finden? Mir gefällt die philosophische Erklärung: Ihm fehlte das Bewusstseinfür eine Grenze über seinem Kopf. Er kannte das nicht: Einen nach oben abgeschlossenen Raum. Deswegen führte die einzige Bewegung, mit der er Freiheit finden wollte, an eine unüberwindbare Grenze. Seine Welt ist ja immer nach oben offen. Klar, dass er dann auch immer nach oben fliegt.

„Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Über den Satz diskutiere ich mit Freunden, als wir vor einem kirchlichen Gemeindehaus stehen. Der Satz ist dort mit großen Buchstaben aufgemalt. Einer sagt: „Unsinn! Überall, wo man es mit dem Geist Gottes zu tun bekommt, wird man doch eingeschränkt“. Wenn ich den Geist Gottes richtig verstehe – in aller Bescheidenheit – dann denke ich, dass es anders ist. Der Geist Gottes sortiert mich manchmal in die Welt ein. Und zwar so, dass ich mit den Grenzen, die mir gesetzt sind, weiterkomme. Und da gibt es viele. Durch den Geist Gottes lerne ich, dass ich Freiheit im wirklichen Sinn dann finden kann, wenn ich sie dort suche, wo sie ist und nicht immer dort, wo ich sie mir vorstelle. Wenn ich ein Vogel wäre, hieße das: Akzeptieren, dass es Räume und Zimmerdecken gibt. Einmal horizontal fliegen und das eingespeicherte Programm kurz aufgeben. Das offene Fenster finden. Und dann auch die Freiheit.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Ein spiritueller Fußabdruck (2016)

Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind, hinterlassen Spuren.

Zweieinhalb. Das ist ein ziemlich erschreckender Wert. In einem Test habe ich meinen „ökologischen Fußabdruck“ überprüft. Wenn jeder so leben würde wie ich, bräuchte die Menschheit ungefähr zweieinhalb Erden, um nachhaltig überleben zu können. Also: Mein Leben hinterlässt tatsächlich ganz schön deutliche Spuren. Spuren hinterlässt jeder Mensch. Unvermeidlich. Allein dadurch, dass er auf der Welt ist. In der Geschichte der Sprache wird das ganz augenfällig, weil das Wort „Spur“ ursprünglich den Fußabdruck meint. Der ökologische Fußabdruck ist nur eine moderne Ausprägung dieser alten Bedeutung.

Mit den Spuren hängt das Spüren zusammen. Spüren heißt: den Einfluss oder die Wirkung von jemandem oder etwas wahrnehmen. Und jetzt wird es interessant: Meinen ökologischen Fußabdruck zum Beispiel spürt ja niemand. Er ist erst einmal unsichtbar. Spare oder verschwende ich Energie, dann merke ich das zwar in meinem Geldbeutel, aber sonst nimmt diese Spuren erst einmal niemand wahr. Erst auf lange Sicht wird spürbar, wie sich mein Lebensstil auf die Umwelt auswirkt. Positiv oder negativ.

An Pfingsten feiert die Christenheit eine unsichtbare Spuren-Wirklichkeit. Der Geist Gottes hinterlässt keine sichtbaren Spuren. Niemand spürt seine Anwesenheit. Wer vom Geist Gottes geprägt ist, wird deswegen nicht auf einen Schlag besser, wird nicht zum Heiligen. Er wird nicht sichtbar fröhlicher oder enthusiastisch. Er bekommt keine Zauberkraft und kann nicht fliegen. Und die Welt retten kann er auch nicht. Doch Menschen, die vom Geist Gottes erfüllt sind, hinterlassen Spuren. Wenn es einmal gelingt, über den eigenen Schatten zu springen und einem Impuls zur Versöhnung zu folgen. Wenn einmal Großzügigkeit über den Geiz siegt. Wenn einmal, auch nur in einer Kleinigkeit, Wertschätzung anstelle von Geringschätzung gelingt. Auf lange Sicht entsteht dann so etwas wie ein spiritueller Fußabdruck. Vom Geist Gottes geprägt sein, das bedeutet, dieser Wirklichkeit zu trauen. Es bedeutet, um die gute Wirkung des Guten zu wissen. Und es bedeutet die unerschütterliche Hoffnung darauf, dass die Welt lebenswert für alle Menschen sein kann.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Übrigens: Für den spirituellen Fußabdruck habe ich kein Messinstrument gefunden, wer aber seinen ökologischen Fußabdruck ermitteln möchte, kann das hier tun: www.footprint-deutschland.de/

Der Geist der Ausdauer (2015)

Glaube heißt: ausdauernd unterwegs sein in dem, was man erhofft und von dem man überzeugt ist. Nicht nachlassen. Weiterlaufen.

Ausdauerndes Laufen ist die Art der Fortbewegung, die am meisten der menschlichen Natur entspricht. So hat sich der Mensch in den letzten vier Millionen Jahren entwickelt. Die großartige Dokumentation „The perfect runner“ des kanadischen Anthropologen und Filmemachers Niobe Thompson folgt dem Wunder des menschlichen Laufens: In Kanada, in Äthiopien und im Sibirien der Rentierzüchter. Als die Vorläufer der menschlichen Art auf ihre zwei Beine kamen, waren sie ziemlich verletzlich. Das Laufen auf zwei Beinen machte sie tatsächlich nicht schneller. Jeder Vierbeiner konnte sie überholen. Besonders stark waren sie auch nicht. Ihnen fehlte ganz schön viel, was sie zum Überleben gut hätten brauchen können. Aber eines waren sie: sie waren ausdauernd. Das war ihr Überlebensvorteil. Die frühen Menschen konnten lange laufen. So konnten sie auch Tiere jagen, die schneller waren als sie – aber eben nicht ausdauernd. Es ist faszinierend, diesen Spuren im Film zu folgen.

Es gibt Themen, Fragen und Probleme, die sind auf den ersten Blick so groß, dass die Kraft dafür nicht auszureichen scheint. Vielleicht hilft es dann, auf den „Ausdauer-Modus“ umzuschalten. Der Mensch: der Dauerläufer. Der Ausdauernde. Der nicht aufgibt, sondern dranbleibt.

Ein Pfingstimpuls? Ja. Denn an ganz vielen Stellen im Leben geht es nicht um den Hochsprung. Nicht um enorme Kraft. Nicht um Hochgeschwindigkeit. Sondern um Ausdauer. Der Geist Gottes verleiht nicht unbedingt Flügel. Aber er stärkt im ausdauernden Weiterlaufen. Ausdauernd bleibt der Mensch in Glaubensbewegung und in Lebensbewegung.

Der Brief an die Hebräer im Neuen Testament stellt Glaubensdauerläufer vor: Zum Beispiel Abraham, den großen Nomaden des Alten Testaments, der sich aufgemacht hat, aufgebrochen ist, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Und stets weiterlief. Ein Ausdauerläufer. Von einer Verheißung angetrieben und vom Geist gestärkt. „Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft“, überschreibt der Brief an die Hebräer dieses Kapitel. Und ich möchte das weiter deuten: Glaube heißt: ausdauernd unterwegs sein in dem, was man erhofft und von dem man überzeugt ist. Nicht nachlassen. Weiterlaufen. Über Hindernisse und Umwege. Nicht mit unbändiger Kraft, aber mit der Ausdauer von Menschen, die zum Dauerlauf geboren sind.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Wer sich für das Laufen interessiert, kann hier fündig werden: theperfectrunner.com

Anwesend? Abwesend? (2014)

Der Geist Gottes ist einfach so da. Er wirkt im Hintergrund. Er trägt mich, auch wenn ich es nicht mitbekomme. Offline, gewissermaßen.

Ein Dialog unter Freunden: „Wo bist du denn? Ich hab schon drei Mal bei dir auf die Mailbox gesprochen. Warum gehst du nicht ran, wenn ich dich anrufe? Du antwortest seit Tagen auf keine SMS. Bei Dir zuhause geht auch nur der Anrufbeantworter ans Telefon. Meine E-Mail hätte ich mir auch sparen können. Da kam auch keine Reaktion. Wo bist du? Ich bin schon ganz unruhig. Geht’s Dir etwa nicht gut? Oder hab ich irgendwas falsch gemacht? Bist du sauer auf mich? Melde dich doch bitte mal. Melde dich doch!“

Drei lange Tage später kommt die Antwort: „Alles gut. Alles in Ordnung. Ich war ein paar Tage weg und hatte mein Ladekabel nicht dabei. Mein Akku war leer.“

„Gott sei Dank! Ich dachte schon, etwas wäre nicht in Ordnung!“

Viele haben sich schon so daran gewöhnt, immer präsent zu sein, dass sie das auch von allen anderen erwarten. So gibt es eine Verbundenheit in einem ständigen Netz aus kleinen Lebenszeichen und Bestätigungen: Bist du noch da? Du bist da, wenn du reagierst, wenn du meine Mails und SMS beantwortest. Wenn du sie schnell beantwortest. Wenn du ans Telefon gehst. Immer. Ich bin dir ja nur wichtig, wenn du für mich immer erreichbar bist und mich immer wieder mit dem digitalen Signal fütterst: Ich habe dich wahrgenommen.

Das andere ist dann schwer zu verstehen: Dass jemand da ist, wenn er nicht ständig erreichbar ist. Dass jemand auch für mich da ist, dass jemand mit mir verbunden ist, dass ich für jemanden wichtig bin, auch wenn ich das nicht ständig wahrnehmen, empfinden, hören oder lesen kann.

Wenn in der Kirche vom Heiligen Geist die Rede ist, dann ist so etwas damit gemeint: Vertrauen in Abwesenheit. Vertrauen ohne Signale. Getröstet sein ohne Schulterklopfen. Sicher sein ohne Netz und doppelten Boden. Verbundenheit, auch wenn man offline ist. Die Beziehung stimmt, auch dann, wenn ich nichts höre, nichts sehe, nichts lese. Das beruhigt mich. Jesus sagt einmal vom Heiligen Geist, dass er ein „anderer Beistand“ ist. Anders als die „Beistände“, deren ich mich immer vergewissern muss. Der Geist Gottes ist einfach so da. Er ist meine Beziehungsgarantie. Er ist die beruhigende und tröstende Zusage, dass Gott mit mir ist. Er wirkt im Hintergrund. Er trägt mich, auch wenn ich es nicht mitbekomme. Offline, gewissermaßen. Mit dem Heiligen Geist lernen heißt für mich glauben lernen, und das wiederum heißt auch: Gelassenheit lernen, den Menschen vertrauen, dem Leben vertrauen, auch dann, wenn es mir nicht jede Minute bestätigend entgegen kommt.

 

Sommerzeit

Mit den Sommerwochen nähern sich für viele – lange ersehnt – die Urlaubstage. Ob Zuhause oder Fernab verbracht, wir alle wünschen uns gerade dann Momente von Leichtigkeit und Freude. Die Sommerimpulse lenken unseren Blick darauf, was der Seele gut tut.

Impulstexte

Aus Sand gebaut (2017)

Ob etwas gelungen ist oder nicht - wir konnten immer wieder von vorne beginnen.

Ans Meer! Endlich wieder! Immer wieder! Ein winziges Detail hält mir über das Jahr die Erinnerung an die Sommerwochen wach. Denn es wird in meinem Auto noch lange nach dem Urlaub kleine Spuren von Sand geben. Ein bisschen Strand, den ich an meinen Füßen oder meiner Kleidung hatte, hat den Weg in mein Auto gefunden und taucht an mehr oder weniger verborgenen Stellen wieder auf: zwischen den Sitzen, auf der Fußmatte oder in der Ablage an der Tür.

Diese Spuren wecken die Erinnerungen: An den Strand, an das Licht des Sommers, das Geräusch des Meeres und daran, wie es sich anfühlt, barfuß am Meer entlangzugehen. Und dann mischt sich auch die Erinnerung an die Kinder darunter, die mit bunten Schaufeln und Eimern und mit unglaublichem Ernst versuchen, dem Sand eine bauliche Gestalt zu geben. Kanäle und Burgen entstehen – und jedes Bauwerk hat den Reiz, dass es mit der nächsten Flut wieder eingeebnet wird. Der Strand wird zum Spielfeld, das jeden Morgen wieder neu vorbereitet ist, neu geglättet. Die Bauten aus Sand dürfen sein, was sie sind: spielerischer Ausdruck des Bautriebs, Experimente ohne Bestandsgarantie.

Vielleicht sind deswegen Strand und Meer so beliebt und so wichtig – weil sie uns selbst als Kinder einmal die Erfahrung machen ließen, dass es ein Bauen ohne den Anspruch der Dauer geben kann. Ob etwas gelungen ist oder nicht – wir konnten immer wieder von vorne beginnen. Mit jedem Lebensjahr jenseits der Kindheit werden die Spuren deutlicher und die Mauern stabiler. Irgendwann im Leben bewohnt man die eigenen vier Wände: Feste Häuser, vielleicht nicht selbst gebaut, aber doch Ausdruck eigener Vorstellungen und Wünsche.
Stabil und fest – ein Zuhause für das Leben.

Ans Meer reisen, endlich wieder über den Strand laufen: vielleicht auch, um zu erleben, dass es das vorläufige, leichte und spielerische Leben gibt, das im Rhythmus der Gezeiten jeden Tag einen neuen Bauplatz zur Verfügung hat. Wenigstens für einige Sommertage. Mit ein paar Sandkörnern hier und da meldet sich diese Sommer-Einsicht immer wieder – bis zur nächsten Reise ans Meer.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Was die Seele im Sommer macht (2014)

Die Urlaubs- und Reisezeit soll eine sein, die dem Körper genauso gut tut wie der Seele. Nur: was tut der Seele gut?

Was macht die Seele im Urlaub? Was für eine Frage! Sie baumelt. Sie hat ja gar keine andere Wahl. Ob ich in die Türkei reise oder nach Gran Canaria, ans Mittelmeer oder nach Schottland – entscheidend ist: Ich kann die Seele mal so richtig baumeln lassen.

Ganz ehrlich: Mich macht diese Metapher schwermütig. Ich stelle mir so eine arme, müde Seele vor, die sieht ein bisschen aus wie ein leerer Luftballon. Und die hängt nun irgendwo am Mittelmeer oder am Atlantik oder an der Nordsee und baumelt vor sich hin. Kommt ein Windstoß, baumelt sie etwas schneller, bei Windstille baumelt sie langsamer. Und wenn der Urlaub vorbei ist, dann hört sie wieder auf zu baumeln, dann wird sie wieder aufgeblasen und verbringt angespannt und ruhelos ihre Tage bis zum nächsten Urlaub. Da wird ihr die Luft wieder rausgelassen und sie darf endlich wieder baumeln. Woher weiß man eigentlich, ob die Seele Lust darauf hat, einfach nur so abzuhängen?

Für viele beginnen in diesen Tagen der Urlaub und die Reisezeit. Und das stimmt ja: Diese Zeit soll eine sein, die dem Körper genauso gut tut wie der Seele. Nur: was tut der Seele gut? Weil wir gar nicht wissen, wie unsere Seele aussieht oder wo wir sie finden, sind wir auf Bilder, auf Metaphern angewiesen. Ich persönlich habe zwei Metaphern gefunden, die mir besser gefallen als die Seele, die baumelt. Die erste: Ich kann mir vorstellen, dass im Urlaub meine Seele aufblüht, dass sie farbig und kraftvoll wird, weil sie das Licht des Sommers und die neuen Eindrücke einer Reise genau so genießt wie ich. Und das zweite Bild finde ich in einem Lied von Paul Gerhardt aus dem Evangelischen Gesangbuch. Dort heißt es:

„Du meine Seele, singe, / wohlauf und singe schön! /… Ich will den Herren droben /
hier preisen auf der Erd / ich will ihn herzlich loben / solang ich leben werd.“

Wenn es mir richtig gut geht, dann ist das mein Grundgefühl, dann möchte meine Seele singen, weil sie froh ist über die Welt und das Leben. Wer weiß – vielleicht entdecken Sie in diesen Sommerwochen Ihre ganz eigenen Bilder für das, womit es ihrer Seele in dieser schönsten Zeit am besten geht. Ich wünsche es Ihnen von Herzen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 

Heiliges Jahr der Barmherzigkeit

Zwischen dem 8. Dezember 2015 und dem 20. November 2016 fand das Heilige Jahr der Barmherzigkeit statt, das von Papst Franziskus ausgerufen wurde. Barmherzigkeit – was bedeutet das eigentlich? Danach zu fragen ist wichtig, nicht nur, weil die BBT-Gruppe die Barmherzigkeit im Namen trägt. Das Jahr der Barmherzigkeit war für die BBT-Gruppe und ihren Einrichtungen ein wichtiger Anlass, sich mit der zentralen Botschaft der Barmherzigkeit auseinanderzusetzen und uns unseres zentralen Auftrags zu vergewissern.

Das Feiern eines Heiligen Jahres bzw. „Jubeljahres“ geht auf eine hebräische Tradition zurück, die im Jahr 1300 wieder aufgegriffen wurde. Es wird alle 25 Jahre gefeiert, bisher 26 Mal und zuletzt im Jahr 2000. Ein außerordentliches Jubiläum zu besonderen Anlässen findet außerhalb des festen Rhythmus statt. Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit ist ein solches außerordentliches.

Dem Thema "Barmherzigkeit" im Arbeitsalltag nachspüren: Dazu hat die Aktion "Herz.Punkt" mit einer Reihe von Impulstexten eingeladen, die an dieser Stelle veröffentlicht werden. Als zusätzliches Newsletter-Angebot an die Mitarbeitenden der BBT-Gruppe ermutigte Herz.Punkt, nicht aus dem Blick zu verlieren, wofür wir in der BBT-Gruppe unterwegs sind. Sich bewusst zu machen, was der Dreh-und Angelpunkt des eigenen Tuns, der eigenen Arbeit ist. Sich auf das Eigentliche, den Kern zu besinnen und Dinge zu einer Herzensangelegenheit werden zu lassen.

Impulstexte

Durch das Tor der Barmherzigkeit

Türen im Herzen öffnen und aufgeschlossen den Menschen im Leben, in der Welt begegnen.

Das ist ein so einfacher Vorgang, hundertmal jeden Tag: Jemand geht durch eine Tür. Verlässt einen Raum und betritt einen anderen. Und denkt weiter nicht darüber nach. Es sei denn, hinter einer Tür wartet etwas Besonderes. Entscheidende Momente können mit Türen verbunden sein und damit, was mich hinter der Tür erwartet. Vor der Tür kann sich dann Unruhe einstellen oder frohe Erwartung. Spontan fällt mir aus meiner Kindheit das Warten vor der Wohnzimmertür am Heiligen Abend ein. Später im Leben kommen andere wichtige Türen dazu. Die Tür des Prüfungsraums beim Abitur. Oder die Tür zum Arztzimmer, wenn man als Patient nach einer wichtigen Untersuchung auf das Gespräch mit dem Arzt wartet. 
Am 08. Dezember wurde eine besondere Tür aufgestoßen, eher ein großes Tor, die so genannte Heilige Pforte im Petersdom in Rom. Sie wird nur in den großen Jubiläumsjahren der katholischen Kirche geöffnet. Papst Franziskus hat diese Tür geöffnet. Mit diesem Symbol beginnt das Jahr der Barmherzigkeit. Für die Gläubigen soll das ein Anlass sein, sich zu vergewissern, wie sie Gott verstehen können. Gott ist keine anonyme Macht. Gott ist nicht fern vom Menschen. Gott ist kein unbewegter Weltenlenker. Er lässt sich bewegen vom Leid und von der Freude der Menschen, er begegnet ihnen mit offenen Armen und einem weiten Herzen.  Ein Symbol dafür ist die „Heilige Pforte“: Menschen sollen durch diese Tür gehen und bewusst darauf vertrauen, dass Gott den Menschen immer mit seinem weiten Herzen willkommen heißt. 
Und dann sollen sie wieder hinausgehen, mitten hinein in das Leben, in die Welt. Mit der Überzeugung, dass die Barmherzigkeit der Atem ist, von dem die Welt lebt. Es ist wohl die wichtigste Botschaft, auf die die Welt heute angewiesen ist: Barmherzig zueinander sein, weil Gott barmherzig ist. Und diesen Rhythmus: Gott als barmherzig verstehen und dann etwas davon mitnehmen in die Vielfalt des Lebens, den kann ich auch leben, wenn ich nicht in Rom bin. Ich kann ihn immer leben, wenn ich zu Menschen unterwegs bin, an ihn kann ich bewusst denken, wenn ich heute durch eine Tür gehe, zu Hause, am Arbeitsplatz, wo immer ich gerade bin. Die Heilige Pforte kann an jedem Ort sein.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Da kommt noch was

...da wusste ich – es kommt noch was. Was Richtiges. Nicht so ein winziges Dessert. Sondern Apfelstrudel mit Vanillesauce oder gefüllte Pfannkuchen. Etwas, wofür man die Gabel braucht

„Wenn ich mal tot bin, dann will ich mit einer Gabel in der Hand begraben werden!“ Ein sehr seltsamer Wunsch einer alten Dame. Sie äußert ihn, als sie – bei bester Gesundheit - mit dem Pfarrer über ihre Beerdigung spricht. Und die Gabel will sie in ihre rechte Hand gelegt bekommen. Die Angehörigen und alle, die zur Beerdigung kommen, sollen sie in ihrem Sarg liegen sehen mit der Gabel in der Hand. „Eine Gabel?“: Der Pfarrer staunt nicht schlecht. „Was wollen Sie nach Ihrem Tod noch mit einer Gabel?“ 

 
 

Die alte Dame lächelt. Mit der Gabel verhalte es sich so: Sie sei in ihrem Leben ganz oft zum Essen eingeladen gewesen. Und manchmal, wenn der Hauptgang abgetragen wurde, da hieß es dann: Die Gabel können Sie behalten. „Und da wusste ich“, so die alte Dame, „da wusste ich – es kommt noch was. Was Richtiges. Nicht so ein winziges Dessert. Sondern Apfelstrudel mit Vanillesauce oder gefüllte Pfannkuchen. Etwas, wofür man die Gabel braucht.“ Und mit dieser Überzeugung wolle sie auch ihr Leben beschließen. Deswegen die Gabel. Sie hat die feste Überzeugung, dass das Leben so wie ein Festessen sei, bei dem ihr jemand sagt: Am Ende kommt noch was Richtiges, so ein richtig großer Nachtisch.[1]

Wir sind mitten im Advent: Gestern war der Nikolaustag und damit ist schon ein Höhepunkt vorbei. Mitten im Advent – und fast hat man den Eindruck: Mehr geht nicht. Die Weihnachtsmärkte sind ein wunderbarer Ort der Geselligkeit. Weihnachtsfeiern bis zum Abwinken. Und wenn dann tatsächlich Weihnachten ist, dann haben viele schon genug. Genug von Glühwein, Süßigkeiten, Musik und Stimmung. Kommt da noch was? 

Die Geschichte von der alten Dame, die mit der Gabel in der Hand beerdigt werden möchte, beruhigt mich. Sie beruhigt mich, wenn ich im Advent nicht auf jeder Feier sein kann, nicht jeden Weihnachtsmarkt in der Umgebung besuche. Ja: Da kommt noch was. Das Beste, das, was alles abrundet, das muss ich nicht schon am Anfang haben. Das hat noch Zeit. Und wenn es hektisch wird vor lauter Adventsgenuss, dann versuche ich so ganz leise die Aufforderung in mir zu hören: Behalte die Gabel noch. Warte ruhig etwas. Spare dir noch etwas Appetit auf. Advent ist Vorbereitung.

Dr. Peter-Felix Ruelius


[1] Mehrfach in unterschiedlicher Form erzählte Geschichte; Quelle nicht feststellbar.

Barmherzigkeit fängt bei mir an

Anfangen kann ich damit, dass ich mir keine Vorwürfe mache, sondern mit mir gütig bin und meine Schwächen liebevoll ansehe.

Wie schön ist es, wenn man To-Do-Listen hat, ob an der Arbeit oder zu Hause. Gut geplant ist halb erledigt. Im Internet gibt es jede Menge Ratgeber dazu: Wie man To-Do-Listen anlegt, sortiert und sich vergewissert, dass man nichts vergessen hat. Meine eigenen To-Do-Listen sehen auch meistens ziemlich gut aus.
Aber dann: Dann kommt der Freitag und ich schaue meine To-Do-Liste an. Sie ist immer noch ganz schön voll. Da kam dann doch noch eine größere unerwartete Aufgabe dazu und der ganze schöne Plan war futsch. Neue Termine - und aus war’s mit der schönen geplanten Arbeit. Und so etwas ist dann regelmäßig wenigstens ein kleiner Frust-Anlass: Schön gedacht und schön geplant und wieder mal längst nicht alles geschafft: Der schönste Nährboden für ein schlechtes Gewissen. Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht: To-Do-Listen sind unbarmherzig.
Was fange ich also damit an? Bei Facebook lese ich den Ratschlag: Öfter mal was von der To-Do-Liste auf die Was-soll’s-Liste verschieben. Auf den ersten Blick ein ganz sympathischer Ratschlag. „Was soll’s“ klingt aber nicht richtig gut. Es hört sich nach Niederlage an. Immerhin nach Niederlage mit Augenzwinkern. Aber trotzdem das Eingeständnis: Ich resigniere. Und das hilft mir nicht wirklich.
In diesem Jahr taucht auf der Themenliste der katholischen Kirche immer mal wieder das Schlagwort „Barmherzigkeit“ auf. Der erste Blick geht dann dahin, wo Menschen in Not sind und mich ihr Leid berührt. Und wenn ich die Blickrichtung einmal umdrehe? Wenn ich einmal mit mir selbst barmherzig bin? Anfangen kann ich auch mit meinen To-Do-Listen. Anfangen kann ich damit, dass ich mir keine Vorwürfe mache, sondern mit mir gütig bin und meine Schwächen liebevoll ansehe. Auch die, kein perfekter Planer der eigenen Aufgaben zu sein. Ich glaube sogar, dass das eine wichtige Voraussetzung dafür ist, anderen gegenüber barmherzig zu sein. Wenn ich mit mir selbst gut bin, kann ich auch Verständnis und Barmherzigkeit anderen gegenüber aufbringen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Das Herz des christlichen Glaubens

Die mitfühlende Stärkung des Gegenübers ist es, was Menschen ausmacht, die täglich für andere arbeiten.

Was ist daran barmherzig, wenn wir als Mitarbeitende in der BBT-Gruppe unsere Arbeit machen? Auf den ersten Blick nichts, denn jede Krankenpflegerin und jeder Physiotherapeut, jeder Arzt und jeder Altenpfleger übt einen Beruf aus, zu dem eine Menge Fachwissen und Können gehören und mit dem man erst einmal auch seinen Lebensunterhalt verdient.

Doch es steht mehr dahinter: Letztlich arbeiten alle 11.000 Mitarbeitenden der BBT-Gruppe dafür, dass Menschen gestärkt werden, gut leben können und gesund werden. Dass sie in ihrem Leben zurechtkommen und ihre Fähigkeiten aktivieren können oder, bildlich gesprochen, dass sie irgendwann die Treppenstufen selbstständig nach oben kommen. Dahinter steckt eine Haltung, die man deswegen Barmherzigkeit nennen kann, weil sie etwas verwirklicht, was auch im religiösen Sinn so gemeint ist. Der Grundgedanke: Wenn der Mensch es mit Gott zu tun hat, dann hat er es mit dem barmherzigen Gott zu tun. Mit dem, der ihn nicht klein machen will, sondern ihn stärkt. Die mitfühlende Stärkung des Gegenübers ist es, was Menschen ausmacht, die täglich für andere arbeiten. Das klassische Bild der Barmherzigkeit ist der barmherzige Samariter, der den Verwundeten auf das Pferd setzt und ihn im wörtlichen Sinn emporhebt. Das ist das Herz des christlichen Glaubens.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Wozu um Himmels willen?

Wer barmherzig ist, lässt sich anstecken, lässt sich berühren, bewegen vom Schicksal des Menschen, der ihm begegnet.

Eben. Um Himmels willen. Wir Menschen leben in einer Welt, die extrem unbarmherzig ist. Sie ist weder friedvoll noch rücksichtsvoll. Sie lässt viele unter die Räder kommen. Sie wäre nicht lebenswert, wenn es nicht die andere Seite gäbe: Wenn keine Barmherzigkeit zu finden wäre. Auch so ist das Leben auf der Erde noch nicht der Himmel. Aber es kommt ihm etwas näher.

Barmherzigkeit: Sie geht über das Einzelschicksal nicht hinweg. Wer barmherzig ist, lässt sich anstecken, lässt sich berühren, bewegen vom Schicksal des Menschen, der ihm begegnet. Von seinem Schicksal oder seiner Notlage. Weil Menschen berührt sind, kommt ihre Fantasie in Gang: Was kann ich für den Menschen tun, der gerade meine Hilfe braucht?

Die Barmherzigkeit krempelt die Ärmel hoch und packt an. So hat es beispielsweise Peter Friedhofen getan. Und so tun es auch Tausende von Menschen, die heute für die Einrichtungen der BBT-Gruppe arbeiten. Barmherzigkeit: Das ist engagierte Empathie oder liebevolles Zupacken. Weil beides dazugehört. Berührt werden und etwas tun.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Barmherzigkeit: Die Reha-Maßnahme Gottes

Barmherzigkeit macht Menschen stark. Sie hat kein Interesse daran, dass Schwache schwach bleiben.

Rehabilitation heißt übersetzt: Wieder-Befähigung. Und darum geht es. Daran arbeiten Tag für Tag hunderttausende Menschen in unserem Land. Ob sie es so nennen oder nicht. Aus der Empathie für Menschen kommt die Freude darüber, dass Menschen erstmals oder wieder etwas gelingt. Oder dass sie in ihr Recht kommen, eigenständig und aus eigener Kraft zu leben. Dass sie wieder auf eigenen Beinen stehen können. Oder wieder am Leben teilnehmen können.

Barmherzigkeit macht Menschen stark. Sie hat kein Interesse daran, dass Schwache schwach bleiben. Ob in der Schule oder im Krankenhaus, ob im Seniorenheim oder der Behinderteneinrichtung, ob in der Flüchtlingsunterkunft oder im Gefängnis.Barmherzigkeit will Menschen fähig machen, gut als Menschen zu leben.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Gott sei Dank: Empowerment

Gott ist unverbesserlich. Unverbesserlich auf der Seite der Menschen.

Im Jahr der Barmherzigkeit, das Papst Franziskus ausgerufen hat, wird der Horizont ganz weit gespannt. Für die Bibel steht die Geschichte, die Gott mit den Menschen erlebt, unter ziemlich üblen Vorzeichen. Von Anfang an wiederholt sich das Muster: Ein Angebot Gottes zu einem guten und friedvollen Leben scheitert an der Langeweile, dem Desinteresse, der Gier, der Überheblichkeit oder der Aggression der Menschen. Die Bibel nennt das Sünde.
Allerdings: Gott ist unverbesserlich. Unverbesserlich auf der Seite der Menschen. Denn er hat überhaupt kein Interesse daran, dass Menschen scheitern, dass sie sich verrennen, dass sie Schiffbruch erleiden. Er hat sie ja anders gedacht. Gut, liebevoll, friedvoll und gerecht. Seine Barmherzigkeit ist der Grund, auf dem wir leben. Weil er offensichtlich immer noch damit rechnet, dass die Menschheit es schaffen kann, aus diesem Planeten den lebenswertesten Ort des Universums zu machen.
Seine Barmherzigkeit will den Menschen nicht klein halten. Sie macht ihn groß und selbstbewusst. Damit er in Gottes Würde leben kann. Als sein Ebenbild. Empowerment: das ist Gottes barmherziges Programm für Menschen.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Woran wir arbeiten. Selbstverständlich.

In jedem Leben gibt es eigene Begegnungen, die verlangen, dass man barmherzig ist.

Was vielleicht selbstverständlich ist, war das nicht immer. Oder vielleicht wollte man es auch nur besser kapieren. Also hat man beschrieben, worin die Barmherzigkeit bestehen kann. Zwei Kataloge sind entstanden. Der erste ist direkt aus der Bibel genommen. Die Älteren haben ihn noch im Katechismus gelernt. Und weil aller guten Dinge im Christentum sieben sein müssen, gibt es sieben leibliche Werke der Barmherzigkeit und sieben geistige. Also: Hungernden zu essen geben und Durstigen zu trinken geben. Den Nackten Kleidung geben und Obdachlose aufnehmen. Kranke pflegen und Gefangene besuchen. Und schließlich die Toten begraben. Und daneben gibt es noch eine Liste mit den geistigen Werken der Barmherzigkeit: die Unwissenden lehren, die Zweifelnden beraten, die Trauernden trösten, diejenigen korrigieren, die Fehler gemacht haben, denen verzeihen, die mich verletzt haben und die Lästigen geduldig ertragen, für andere beten.

Zwei Listen zum Abarbeiten? Überhaupt nicht. Höchstens zwei Listen, die zeigen, wohin die Richtung geht. Und die man ergänzen könnte, weil es in jedem Leben eigene Begegnungen gibt, die verlangen, dass man barmherzig ist. Und was könnte heute dazu gehören? Kinder gut erziehen, Ältere begleiten, Kollegen aushelfen, dem Ehepartner zuhören, Gestresste beruhigen: Noch mehr Ideen? Oder ganz andere? Darum geht es: Dass ich genau da, wo ich gerade bin, das tue, was dem anderen zum Leben hilft. Papst Franziskus findet dafür ein schönes Bild. „Überall wo Christen sind, muss ein jeder eine Oase der Barmherzigkeit vorfinden.“ Das klingt entspannt und froh.

Dr. Peter-Felix Ruelius

Sei gut zu dir.

Barmherzigkeit will gutes Leben möglich machen.

Wenn Barmherzigkeit mich an den Rand der Verzweiflung bringt, weil ich nicht mehr ein noch aus weiß vor lauter Ansprüchen, die ich selbst oder andere an mich stellen, dann stimmt was nicht. Denn dann habe ich die wichtigste Grundregel noch nicht umgesetzt: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.

Sei anderen gegenüber barmherzig, wie du es dir selbst gegenüber bist. Weil du nicht perfekt sein musst und dich nicht antreiben musst zum Barmherzigkeitsmarathon, der die letzten Kräfte kostet.

Barmherzigkeit will gutes Leben möglich machen. Auch mein eigenes.

Dr. Peter-Felix Ruelius

 
 
 
 
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